Anna V. Wendland: Unfähig zu trauern – die Ukraine, Russland und der reduzierte 9. Mai

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Quelle: AnnaVero Wendland Facebook

>Meine drei deutsch-ukrainischen Söhne haben vier Urgroßväter: die beiden deutschen, Hermann und Heinz-Dietrich, waren Theologen, Mitglieder der Bekennenden Kirche und dienten als Marinepfarrer; Hermann im besetzten Frankreich, am Flottenstützpunkt Boulogne, Heinz-Dietrich im baltischen Libau. Sie hatten das Glück, trotz ihrer Teilnahme am deutschen Vernichtungskrieg niemanden totschießen zu müssen; aber sie standen kraft ihres Amtes jenen bei, die es taten. In ihren Erinnerungen spielte vor allem die Zeit “danach” eine Rolle, ihre Arbeit als Seelsorger in britischen und russischen Gefangenenlagern. Beide kamen heil aus dem Krieg zurück.

Dann gibt es die beiden ukrainischen Urgroßväter, den “galizischen” und den “sowjetischen”: Illja und Ivan. Zwei unserer Söhne tragen ihre Vornamen. Die ukrainischen Urgroßväter standen auf der anderen Seite der Front im Zweiten Weltkrieg, auf der Seite der Angegriffenen. Aber ihre Schicksale sind, entsprechend dem Schicksal ihres Heimatlandes, grundverschieden. Illja, galizischer Kleinbauer, war zur polnischen Armee eingezogen worden. Denn dieser Teil der Ukraine gehörte zu Polen – zu jenem Teil, der erst überfallen und dann per geheimem Zusatzprotokoll zum deutsch-sowjetischen Pakt der Sowjetunion zugeschlagen wurde. Bevor es soweit war, geriet Illja als polnischer Soldat in deutsche Kriegsgefangenschaft und später zur Zwangsarbeit bei einem deutschen Bauern.

Für den Eisenbahnersohn Ivan begann der Krieg erst gut anderthalb Jahre später, mit Deutschlands Überfall auf die Sowjetunion. Er diente in der Kaspischen Flotte.Illja erlebte, wie er und seine Kameraden als Gefangene in irgendeinem ostpolnischen Gefängnishof zum Appell antreten mussten. Es wurde durchgezählt und jeder zehnte oder fünfte oder achte – welche Zahl, das wussten sie vorher nie – wurde von den Deutschen zur Hinrichtung geführt: Geiselerschießungen als “Vergeltung” für was auch immer, Freischärler-Attacken auf Wehrmachtssoldaten oder reguläre Kampfhandlungen, das ist in der Familie nicht überliefert. Illja hatte Glück: mal war er die Nummer neun, mal die Nummer vier, aber er überlebte das Gefängnis. Ivan hatte auch Glück. Heil aus dem Krieg nach Hause zu kommen, das war für einen Soldaten der Roten Armee ein Glückslos.

>Doch Illja, dem Galizier, erging es nach der Heimkehr nicht so gut: als die Front heranrückte, zu dem schlesischen Bauernhof, auf dem er arbeitete – wir haben nie erfahren, ob er dort eigentlich als “Pole” oder “Ukrainer” schuftete – setzte er sich ab und schlug sich durch die Linien nach Hause durch, in die Gegend von Kolomyja. Dort warteten bereits die Sowjets auf ihn, und da er unter dem deutschen Faschismus malocht hatte, galt er als unzuverlässiges Element. Wie Zehntausende seiner Leidensgenossinnen und -genossen, die als gutgläubige Displaced Persons in ihre ukrainische Heimat zurückkamen, wurde er in einen Eisenbahnzug verfrachtet und im Ural wieder ausgeladen. Dort verrichtete er wiederum Zwangsarbeit – diesmal in einem Bergwerk. 1947 wurde er krankheitshalber entlassen und starb kurz nach seiner Rückkehr in seinem Heimatdorf Ostrivec.Sein jüngerer Bruder Mychajlo hingegen war 1939 noch zu jung für die polnische Armee gewesen; ihn zog die Rote Armee 1944 ein und er marschierte als Sprengstoffspezialist mit den sowjetischen Pionieren bis nach Deutschland, wurde auch für seine Tapferkeit ausgezeichnet. Den Beleg dafür hat mein Schwager in einer russischen Kriegsteilnehmer-Datenbank recherchiert. Mychajlos Haus in Ostrivec zierte seit den 1960ern ein Ehrenzeichen: “Hier lebt ein Veteran des Großen Vaterländischen Krieges”.

Ivan, der Ingenieur wurde, war bis zur Perestrojka, die in der Ukraine Perebudova hieß, ein Patriot und Verehrer Stalins, der sich gern mit seinem westukrainischen Schwiegersohn anlegte – Petro, Illjas Sohn, der seinen Vater kaum kennengelernt hatte und sich als junger Mann schwarzfahrend auf dem Dach eines Zuges aus Galizien davonmachte, um in Odessa sein Glück zu suchen und auch zu finden. Ivan nannte seinen Schwiegersohn manchmal halb im Scherz, halb im Ernst “Banderivec'”, obwohl Petro weder etwas von Stepan Bandera hielt noch jemand aus seiner Familie Mitglied des nationalukrainischen, antisowjetischen und antipolnischen Untergrundes gewesen war – jener Partisanenarmee, die in der westlichen Ukraine vor allem polnische Zivilisten und Juden, häufig aber auch deutsche Militärs umgebracht hatte, und später selbst zum Gejagten der russisch-sowjetischen NKWD-Strafexpeditionen wurde; diese wiederum hinterließen in der Westukraine ihre eigene Spur der Verwüstung, nach dem Motto, dass wo gehobelt werde, auch Späne fielen, und weil sie prinzipiell jeden Westukrainer als potenziellen Gegner betrachteten.

Ich finde diese Familiengeschichten berührend und aufschlussreich, weil sie gerade in ihrer Unspektakularität viel aussagen über die Nuancen und die Bedeutung des Einzelschicksals und auch des Zufalls in der Knochenmühle des Zweiten Weltkrieges und seiner Nachkriegsjahre, die in der Westukraine immer noch Kriegsjahre waren. Jenes 8./9. Mai, an dem es – für die meisten – 70 Jahre her sein wird, seit die Mühle endgültig anhielt, gedenken wir in einigen Tagen. In der Ukraine, in Deutschland und in Russland; im Baltikum und in Polen, jenen Territorien, die zuerst zerrissen und besetzt wurden; in Frankreich und in Großbritannien und den USA; bei den Angehörigen, die Tote betrauern mussten oder mit den damals Davongekommenen feiern konnten – oder die mit Schicksalen klarzukommen hatten, die irgendwie in kein Schema passten, und die daher lange Zeit nur flüsternd und ohne stolzes Herzeigen von Orden und Ehrenzeichen erwähnt wurden.

Zu den Davongekommenen zählen auf der deutschen Seite meine Großväter, die keine Täter, aber auch keine Widerständler waren, auch wenn sie ihren je eigenen Ärger mit den Nazis gehabt hatten. Auf der Seite der Verteidiger war Ivan davongekommen. Er hatte seine Fähigkeiten in den Dienst des sowjetischen Sieges gestellt. Dieser Sieg war auch sein Sieg und er war ein stolzer ukrainischer Veteran in der Sowjetunion. Illja nicht: sein ukrainischer Tod war kein Heldentod, es starben so viele in den Hungerjahren kurz nach dem Krieg. Sein Schicksal war kein Veteranenschicksal. Veteranen, das waren in den 1970ern alte, häufig versehrte Männer und Frauen, die überlebt hatten und die im sowjetukrainischen Schulunterricht vom Heldentum erzählten. Zu Hause wurde wenig über die echten Kriegsgeschichten gesprochen – bis Gorbačev kam.

Dann wurde auch über Illja gesprochen, der zwischen zwei Systemen zermahlen worden war. Und in der Perestrojkazeit schwor Ivan, inzwischen Kolchosingenieur im Gebiet Odessa, seinem Stalin ab. Er tat es, nachdem er sowohl die Briefe über die Verbannung der 1930er Jahre aus der Familie seiner Frau kennengelernt hatte – Briefe, die erst in den späten 1980ern entstanden, weil man vorher davon nur flüsternd gesprochen hatte, wenn überhaupt. Ivan, der zeit seines Lebens ein bildungshungriger Abonnent vieler Zeitschrifen war, schwor ab: nach sorgfältiger Lektüre von Presseartikeln und Fachbüchern über die Monstrositäten des sowjetischen Krieges, die Stalin verschuldet hatte, die Säuberungen der Armee, die Massenmorde von Katyń, die Erschießungskommandos hinter der Front, die aus Prestigesucht des Feldherrn herrührenden militärischen Fehler, die Zigtausende Rotarmisten das Leben kosteten. Und trotzdem feierte Ivan weiter mit Stolz bis zu seinem Tod den 9. Mai als Siegestag.

Es ist wichtig, diese Nuancen zu betonen, denn heute werden sie zunehmend einem 9.-Mai-Reduktionismus geopfert. Als Reduktionisten erweisen sich in diesen Tagen viele, von denen wir nichts Besseres erwarten konnten; etliche, von denen wir etwas Besseres erhofften; und einige, von denen wir den Reduktionismus gar nicht erwartet hätten.

Am augenfälligsten ist natürlich der offiziöse nationalpatriotische Taumel in Russland. Während die Durchschnittsrussen im privaten Raum wahrscheinlich diesen Tag gar nicht anders begehen werden als die Ukrainer, nämlich mit Trauer und Stolz im Herzen und einem Gedenkgläschen Wodka, fließen im politisch-medialen russischen Nationalzirkus in diesen Tagen ältere und jüngere Strömungen zu einem übelriechenden Strom zusammen – da helfen auch die Sankt-Georgs-Band-dekorierten Auto-Deodorants nicht, die unter dem Namen “Der Duft des Sieges” verkauft werden. Die ältere Strömung ist die mit einiger krimineller Energie und überaus systematisch ins Werk gesetzte Geschichtsklitterung. Sie rechtfertigt umd relativiert die Zerstückelung und Besatzung Osteuropas im Verein mit NS-Deutschland und verschließt die individuellen Leidens- und auch Heldengeschichten unter einer derart luftdichten Schicht aus Heldenkitsch und russischem Nationalismus, dass jede evidenzbasierte Differenzierungsleistung der 1980er und 1990er zuverlässig erstickt wird.

Der zweite Flussarm im schwülstig-miefigen russischen Vaterlandskriegs-Mesopotamien des Mai 2015 ist das blutige Reenactment des siebzig Jahre zurückliegenden Kampfes auf ukrainischem Boden. Dieser Krieg des Jahres 2014/15 wird gleichzeitig geleugnet und als Feldzug gegen den “Faschismus” ausgegeben. Darüber hinaus ist er auch eine unintendierte Kopie des September 1939 und seiner Okkupationspropaganda: auch damals machte man ja dem Volk und dem geduldigen Zeitungspapier weis, es handle sich bei Besatzung, Säuberung und Sowjetisierung der vorher zu Polen gehörigen westukrainischen Territorien um “Befreiung” und “Wiedervereinigung”.

Figuren wie Igor Girkin, der selbsternannte Imperialhistoriker und Reenactment-Fan, und der schmierige Biker-Putinist Zaldostanov, der mit Stalinflagge auf Siegesfahrt ging, sind folgerichtig die adäquaten Repräsentanten dieser Art reduzierten und kontaminierten Kriegserinnerung. Die Untoten Stalin, Molotov und Berija, die in Russland nun wieder in Wort und Bild zu Ehren kommen, verbreiten denselben Aasgeruch wie die zerfetzten und notdürftig oder gar nicht begrabenen Toten von Doneck. Nur die Hunde werden fett in diesem russischen Krieg.

Unter dem Druck des Krieges kennen auch die ukrainischen Geschichtspolitiker und einige ihrer Büchsenspanner aus der Historikerzunft keinen Pardon. Und bescherten uns eine der großen und sicherlich nicht letzten Enttäuschungen der post-Majdan-Ukraine. Rechtzeitig zum Jahrestag wurde in großer Eile ein handwerklich schlecht gemachtes und rechtlich fragwürdiges Geschichtsgesetzpaket durchs Parlament gejagt, das den russischen Reduktionismus und seinen Aasgeruch mit einem großen ostmitteleuropäischen Säuberungsbad wegzuwaschen versucht, dabei aber die ukrainischen Kriegskinder mit aus dem Bottich kippt. In der Erinnerungspolitik aus dem “Institut des nationalen Gedenkens”, dem wir die Rezeptur dieser Badezutat verdanken, ist genausowenig wie in der Putinschen Waschküche Platz für stille Helden, davongekommene Arbeiter an der Verteidigungsleistung der Sowjetunion, oder schlicht zur falschen Zeit am falschen Ort Erwischte und zwischen die Mühlsteine Geratene.

Im “nationalen Gedenken” der Kiewer Geschichtsgesetze gibt es, trotz halbherziger antifaschistischer Rhetorik, nur sowjetische Okkupanten und allenfalls deren nützliche Idioten – und zwar notabene für die gesamte Zeit zwischen 1917 und 1991. Zwar wird den Sowjetveteranen ihr Status nicht genommen, aber die Gesetzesmacher ließen keinen Zweifel daran, wen sie auf der richtigen Seite sehen und als Helden eines wirklichen Befreiungskampfes. Damit meinen die nationalukrainischen Geschichts-Spindoctors um Volodymyr Vjatrovyč diejenigen, für die eine Union mit Russland und der Sozialismus als Wirtschaftsordnung inakzeptabel waren – weil ihnen eine korporatistisch organisierte ukrainische Ethnokratie vorschwebte. Juden, Russen und Polen durften gerne am Katzentisch mittun, wenn sie ihre Loyalität beweisen konnten – aber mit einem demokratisch verfassten Staat, gar Minderheitenrechten hatte das beim besten Willen nichts zu tun.

Was den OUN-Helden in der Tradition Banderas vorschwebte, war auch kein Alternativmodell für die Mehrheit der überlebenden ukrainischen Bürger, die vor allem ein Wunsch einte: ihre Sehnsucht nach Frieden und Stabilität. Die Knochenmühle sollte endlich stillstehen. Auf den westukrainischen Dörfern hatte man den Partisanenkampf ohnehin nicht als Systemkampf wahrgenommen. Wenn die Jungs aus der Gegend auf der Flucht waren oder Essen forderten, dann half man ihnen lieber als denn russischen Vernichtungsbataillonen. Denn es waren die eigenen Leute, und vielleicht waren irgendwo eigene Söhne, Brüder und Neffen auch auf solche Hilfe angewiesen.

Das ist sicherlich auch der naheliegendste Grund, warum man, als das Reich der Freiheit die Sowjetunion ablöste, in diesen Dörfern der OUN-UPA, der “Aufstandsarmee”, Kreuze und Gedenkhügel errichtete: es war ein Zeichen der Ehrerbietung für jene, so verstanden und verstehen das die galizischen Landbewohner, die jedwede Fremdherrschaft loswerden und das Elend der Dörfer abschaffen wollten. In den seltensten Fällen wird eine geschlossene Geschichtssicht hinter diesen Symbolen stecken.

Aber die Verfechter einer geschlossenen Geschichtssicht fern der Dörfer in der Provinz möchten die Geschichte heroisieren und reduzieren – auch weil sie ihre Mission als Revanche für die Geschichtspolitik Janukovycs verstehen, der seinen Landsleuten seinerzeit eine mit Sankt-Georgs-Bändern verbrämte russozentrisch-sowjetische Sicht der ukrainischen Geschichte einbleuen wollte. Aber keine der antagonistischen Sichten wird den historischen Realitäten wirklich gerecht; nicht in der Westukraine, wo die Wahrheit irgendwo zwischen Hunger und Erschöpfung und NKWD-Terror, zwischen Resignation und Akzeptanz des damals unvermeidlich Scheinenden liegt, und auch nicht im Rest des Landes. Diejenigen Ukrainer, die vor 1939 in der Sowjetukraine gelebt und den Stalinterror und Stalin-Holodomor überlebt hatten – die fanden im Wiederaufbauwillen und im Stolz, die deutsche Besatzung abgeschüttelt zu haben, ihren Frieden mit der Sowjetmacht. Diese Befindlichkeiten lassen sich nicht durch Reeducation zerstören und zerstreuen; die Kiewer Geschichtspolitiker täten gut daran, die unterschiedlichen Erinnerungen und damit zusammenhängenden individuellen und sozialen Narrative der Ukrainer sammeln, edieren und wissenschaftlich untersuchen zu lassen, und zwar zensurfrei umd ohne Einmischung staatlich bestallter Gesinnungspolizisten. Das wäre der Stabilisierung der Ukraine zuträglicher als der Versuch, historisch gebrochene und polyphone Erzählungen auf Linie zu trimmen.

Wundern muss man sich jedoch nicht nur über russischen und ukrainischen Reduktionismus. In der FAZ vom 4. Mai erschien unter dem Titel “Das zerklüftete Gedenken” ein sonderbarer Artikel des US-Historikers Jochen Hellbeck, der mit Kollegen seit langem die Verwerfungen des Kriegsgedenkens im östlichen Europa vergleichend untersucht. Und was bekommen wir da zu lesen?

Nach einer warmen und von Empathie gezeichneten Einführung in das sowjetisch geprägte Kriegsgedenken nimmt der Autor sich die Ukraine vor. Statt einer sauberen Analyse der ukrainischen Geschichtspolitik und ihrer Entstehungsbedingungen lesen wir Sätze wie jenen von der “galizischen Sicht”, die nun zum Nationalnarrativ der Ukrainer vom 2. Weltkrieg werden solle. Dass aber die Sicht der Vjatrovyč-Schule mit der Sicht und dem Erfahrungshorizont der Galizier so viel zu tun hat wie jene des Motorradgangsters Zaldostanov mit dem des russischen Unbekannten Soldaten, das sollte einem Historiker mit Forschungserfahrung im Feld eigentlich klar sein. Die galizische Sicht? Der kommt die Perspektive des polnischen Soldaten Illja und seines kleinen Bruders, des Sowjetsoldaten Mychajlo, womöglich viel näher als die des OUN-Heldenhistorikers Vjatrovyč. Soviel Differenzierung sollte Hellbeck den Galiziern doch angedeihen lassen, bei denen wohl die stalinistische Verfolgung ein Massenphänomen war, nicht aber das Engagement für den antisowjetischen Untergrund, genauso wenig wie die Kollaboration mit den Deutschen auschließlich eine Sache der Westukrainer oder überhaupt der Ukrainer war.

Hellbeck schreibt sodann den Reduktionismus in die Gegenwart fort: die unterschiedlichen Geschichtssichten hätten im Frühjahr 2014 in der Ukraine Ost und West gespalten, ohne sie sei der “Krieg in der Ostukraine nicht zu verstehen.” Hier werden in unzulässiger Weise Ursache und Folge, Handlung und ideologische Verbrämung vertauscht. Nicht das gespaltene historische Gedächtnis der Ukrainer “erklärt” diesen Krieg und schon gar nicht dessen Ausbruch 2014, sondern allein die gewalttätige Intervention Russlands; ohne sie würden die Ukrainer wahrscheinlich das Gedenken ans Kriegsende nicht anders begehen als vor Jahren auch, unterschiedlich zwar, aber friedlich und pluralistisch. Vollends falsch wiederum liegt Hellbeck mit seiner Behauptung, “beide Seiten” gössen in dem Konflikt mit Geschichtspolitik Öl ins Feuer. Die Wahrheit ist vielmehr, dass Kiew zwar zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt und ohne gesellschaftliche Diskussion, die unter Kriegsbedingungen nicht geführt werden kann, mit einer erinnerungspolitischen Initiative auftritt, die nur scheitern und das Land entzweien kann – und wichtige Freunde der Ukraine entfremden wird.

Öl ins Feuer jedoch gießt einzig die russische Administration, die den Krieg in der Ukraine am Laufen hält und die Betriebstemperatur des Konflikts je nach innenpolitischem Mobilisierungsbedarf hinauftreibt oder herunterregelt. Geschichtsanalogien sind da nur ein legitimierendes Brimborium für den Hausgebrauch.

Und so beschließt ein westlicher Historiker mit Oberflächlichkeit und auch einiger gegen die Ukraine spielender Voreingenommenheit die wenig beruhigende Bilanz des Kriegsgedenkens. Im russischen und ukrainischen Falle scheint der Reduktionismus des Kriegsgedenkens aus einer Unfähigkeit zu trauern zu resultieren, die in Russland große Teile der Gesellschaft und die gesamte politische Klasse ergriffen hat; in der Ukraine ist der Ausgang noch offen, es hagelt Kritik im Land und bei seinen Freunden, es wird diskutiert, aber häufig ohne großen Effekt bei den Entscheidern.

Während bei uns Deutschen die Unfähigkeit zu trauern eine der Voraussetzungen für die kollektive Selbstexkulpierung wider besseres und vor allem: vorhandenes und verfügbares besseres Wissen war, hat man im Falle Russlands und der Ukraine den Eindruck, dass eine reduzierte Kriegserinerung die Sammlung besseren Wissens nachhaltig hemmt und vor allem: intentionell hemmen soll. Die Zeitzeugen sind fast alle schon nicht mehr da – was sie hinterließen oder ihren Nachkommen mündlich überlieferten, müsste also vor allem zugänglich gemacht oder sogar erst noch aufgezeichnet werden. Und in genau diesem Prozess setzen die osteuropäischen Geschichtspolitiker momentan die Zensurschere an.

Hinzu treten die Sprechverbote, die keinen Raum für echte Trauer lassen – für die Veteranen, die in der sozialen Kälte der postsozialistischen Ära vergessen wurden, und die bis heute nur als Fassade für staatliche Selbstinszenierungen herhalten; für die schlimmen Schicksale im Dazwischen, wie jenes unseres Illja aus Ostrivec; und für jene, deren Tod wir im generellen Irrsinn des Krieges, des Nazismus und Stalinismus überhaupt keinen Sinn, keine Botschaft und keine historische Lehre beilegen können. Früher war es schnell dahingesagt, “sie sind nicht umsonst gestorben”, man habe “aus der Geschichte gelernt”, nichts sei vergessen und niemand. Aber was sagt man, wenn die Enkel oder Söhne der Veteranen von damals alles und jeden vergessen zu haben scheinen, und ihre Landeskinder unter falscher Flagge zum Krieg gegen den Nachbarn und ehemaligen Waffenbruder hetzen? Offenbar wenig, wie der Historiker Hellbeck, der nicht in der Lage zu sein scheint, die wirklichen Beziehungen zwischen dem einen und dem anderen Krieg ohne Verzerrung wahrzunehmen.

Solchermaßen alleingelassen zwischen intentionell böswilliger Geschichtspropaganda in Moskau, fehlgeleitet-reaktiver Geschichtspolitik in Kiew und dem großen Nichtverstehen des FAZ-Geschichtsfeuilletons können die Ukrainer nur eins tun: in familiärer Stille und individueller Trauer ihrer Kriegstoten zu gedenken, jener des entsetzlichen Krieges 1939/41-1945, den Hitler und Stalin auf und um ukrainisches Territorium führten, und jener des neuen Krieges, der aus dem Aas des Kriegsherren und Massenmörders Stalin ein ums andere Mal erneuert und befeuert wird. Russischen Patrioten wird das Epitheton des Siegers und Hitler-Bezwingers fehlen. Aber man sollte sich abgewöhnen, diese auch bei uns immer wieder so leicht dahingesagte Bezeichnung im Zusammenhang mit dieser Person zu gebrauchen. Der Ehrentitel des Bezwingers des Faschismus gehört einzig und allein Leuten wie Ivan, Illja, Mychajlo und Millionen ihrer osteuropäischen Mit-Helden und Mit-Opfer.

Quelle: AnnaVero Wendland Facebook

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