Anna V. Wendland: UKRAINISCHES TAGEBUCH 13. -16. Mai 2015

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22. Mai 2015 • Analytik und Meinungen, Meinung & Analyse

Quelle: AnnaVero Wendland Facebook

“Das haben wir am 9. Mai so hergerichtet”, sagt meine Schwiegermama Alla und zeigt mir ein Foto aus dem Familienheimatdorf bei Odessa. Dort sind, angeordnet auf einem ukrainischen bestickten Handtuch, die Soldaten – genauer Matrosen-Fotos – von Großvater Ivan Chomyč, zusammen mit seinen Kriegsauszeichnungen zu sehen. Darunter auch seine Siegesmedaille mit dem schwarzorangenen Band, das nun als Symbol der “Separatisten” im Donbass und der exklusivistischen russischen Kriegserinnerung zu zweifelhaften Ruhm gekommen ist.

Aber an so etwas hätte man seinerzeit nicht im Traum gedacht. Heute ist die Verwandtschaft auf dem Dorf gespalten. Tante Olga und ihre Töchter gegen Onkel Ženja und seine Enakievo-Cousinen, die regelmäßig DNR-Agitprop-Anrufe Richtung Odessa absetzen. Der Onkel schaut Moskauer Fernsehen und hält die Juden für schuld an allem. Aber nur die “židy” in Kiew. Es gebe natürlich auch gute Juden, “Evrei”. “Tja”, seufzt seine Schwägerin Alla, “das kommt davon, wenn der Mensch nichts in der Schule gelernt hat.” Was im Falle des Onkels zwar auch stimmt – aber leider die Misere nicht erklärt. Leider sind ja genug intelligente Leute auf dem Moskauer ukrainophoben Trip, um ihn nicht als Problem der Ungebildeten darstellen zu können.

Die Tante hält sich während der politischen Tiraden des Onkels die Ohren zu. Aber in Wirklichkeit war es das dann auch mit der Politik. Als Onkel Ženja vor geraumer Zeit anfing herumzutönen, er werde nun auch seinen Donbass gegen die Junta verteidigen fahren, hat Tante Olga ihm kurzerhand ein Köfferchen gepackt. Auf seine Frage, wessen Koffer das sei auf dem Bett, erinnerte sie ihn: “Na, deiner! Ich dachte, du willst kämpfen fahren? Da hab ich dir schon mal bisschen was eingepackt.” Damit war das Thema erledigt. In Haus und Hof gibt es momentan ohnehin viel wichtigere Dinge: zwei Kälbchen unterwegs, Reparaturarbeiten, Heu machen. Über diese Dinge sind sich alle einig.

“Dein Mann und seine Cousins haben mit diesen Medaillen Schatzsuche gespielt und sie im Gemüsegarten vergraben. Das haben sie so gut gemacht, dass eine davon nicht mehr aufgetaucht ist”, erzählt Alla von den Kriegsauszeichnungen; so wichtig scheinen sie also Opa Ivan nicht gewesen zu sein, dass er sie den Kindern verboten hätte. Ich erfahre einiges davon, wie der Siegestag früher, in den 1950er Jahren begangen wurde – in Machačkala, in Daghestan, wo die Familie damals wohnte. Wie sie dahin verschlagen wurden? Auf verschlungenen Wegen. Allas Familie mütterlicherseits, Kuban-Kosaken aus der Gegend von Krasnodar, waren in den frühen 1930ern “entkulakisiert” und in den Norden verbannt worden, zum Holzfällen. Vom Holzeinschlag entkamen aber die kräftigeren und unternehmungslustigeren Söhne und Töchter auf Güterzügen, die in den Süden fuhren: nach Hause. In die Stanitsa konnte man nicht zurück – da, wo man “po-stanyčnyj” sprach, einen ukrainisch-russischen Grenzdialekt. Die Urgroßmutter Xenia, die mit ihrem Mann Mykola die Familie in die Verbannung führte und vor dem Verhungern rettete, weil sie an jeder Bahnstation Schmuck und Hausrat gegen Brot eintauschte, sprach reines Ukrainisch. Denn sie war noch vor der Revolution auf der Suche nach Arbeit aus der Gegend von Charkiv in die Stanitsa gekommen und hatte dort Mykola geheiratet.

Ihre Kinder, die aus der Waldverbannung in der Archangelsker Oblast abgängig waren, landeten irgendwie auf den kaukasischen Ölfeldern von Machačkala, wo nicht lange nach Papieren gefragt wurde. Arbeitskräfte waren knapp damals, nach all den Säuberungen und Hungerkatastrophen, und jede Hand war willkommen. Schwiegermama Alla erinnert sich schon an die etabliertere Zeit, an die 1950er in Machačkala, die beständig nickenden Ölpumpen nahe des Hauses, und an die Berge direkt dahinter, in die zu gehen den Kindern verboten war: dort seien Tschetschenen, nach den Deportationen Versprengte, die sich an den Russen rächen wollten und deren Kinder raubten.

“Wir sind aber trotzdem in die Berge gegangen, weil dort so schöne Blumen wuchsen. Am 9. Mai war Arbeitstag, aber ich erinnere mich, dass wir nach der Schule in den Bergen roten Mohn pflückten, um ihn zum Soldatenfriedhof zu bringen.” So war der 9. Mai der Frühzeit. Der rote Mohn ist heute in der Ukraine Symbol des Erinnerungstages – statt des diskreditierten und zweckentfremdeten, in Russland dieses Jahr auch zu Kommerzkitsch verkommenen Georgsbands.

Vieles von den Verwerfungen und dem Entsetzen der stalinistischen 1930er und der Kriegsjahre kommt in den Familienerinnerungen immer nur andeutungsweise oder als Nebengeschichte zum Vorschein, beiläufig und ohne Pathos erzählt. Erst jetzt erfahre ich, dass zwei der fünf Onkel von Alla im Krieg gefallen sind, zwei weitere schwerverwundet heimkamen. Saša und seine Frau Mila hatten beide gekämpft: er bei der Truppe und sie als Funkerin. Der beinamputierte Stjopa fand nach dem Krieg eine Stelle als Pförtner in der Waagenfabrik, was wiederum den Kindern den Weg in den Fabrikklub ebnete, wo sie die ersten sowjetischen Unterhaltungsfilme schauten, die “nichts mit dem Krieg zu tun” hatten, mit herrlichen Schauspielerinnen, die exotische Namen wie “Klara” trugen, und deren Sammelfotos Alla für einen Vor-Reform-Rubel am Kiosk kaufte.

Stjopas Frau Halja war Schneiderin und brachte die beiden mit privaten Näharbeiten durch; später konnten sie sogar ganz gut davon leben und ein Haus kaufen. Nicht so unter Stalin: für die private Näherei kam Halja zwei Mal wegen “Spekulantentums” ins Gefängnis. Uroma Xenia, die Matriarchin aus der Stanitsa, inzwischen aus der Verbannung nach Krasnodar zurückgekehrt, nannte die Schwiegertochter deshalb immer die “tjuremščica”, die Knast-Insassin. Das tat weh, und Halja wehrte sich: “Das hab ich getan, weil dein Sohn als Invalide keine anständige Arbeit hatte!” – Damals gab es wenig Mitleid mit den Verfolgten des Stalinismus. Es gab so viel Leid und so viele Opfer, dass den Leuten wahrscheinlich die Empathie einfach abhanden gekommen war; zudem herrschte über das Stalinregime lange bleiernes Schweigen.

Das erste Mal war Halja zum Belomorkanal verbannt worden, wo sie den Lageraufseher-Frauen Kleider nähte: “im Grunde hat sie im Lager dasselbe gemacht, wofür sie zu Hause verhaftet wurde.” Kinder haben die beiden, Stjopa und Halja, deswegen nie haben können.

Ich hatte vorher gerade etwas über den Belomorkanal gelesen – Halja muss Glück gehabt haben und in die zweite Bauphase geraten sein, jene nach dem Krieg, als das total verfallene und verschlammte Projekt der 1930er saniert wurde. Anfangs der 1930er, beim ersten Kanalbau, hatte es dort keine Schneiderei gegeben, nur Erdlöcher, Frost und elendes Krepieren; alle, vom Chefingenieur bis zum Schubkarrenmalocher, waren damals Häftlinge. Mit nichts als Handarbeit wurde dort unter unvorstellbar harten klimatischen Bedingungen geschuftet. Es war Vernichtung durch Arbeit, anders kann man die Berichte der wenigen Überlebenden nicht interpretieren; vermutlich zweihunderttausend Menschen sind am Weißmeerkanal, Stalins Lieblingsprojekt, gestorben. Halja hatte Glück: sie geriet in die Phase, als beim Kanal bereits Kräne und Bagger eingesetzt wurden, die Sterberate gering war und es Aufseher mit Frauen gab, die hübsche Kleider tragen wollten.

Die Geschichte verfolgt einen hier überall, sie ist wichtig, viel wichtiger noch als im geschichtsversessenen Deutschland. Aber hier brennt sie anders auf den Nägeln als bei uns, und wird ernster genommen. Mein Buch über die galizischen Russophilen sei schon ausverkauft, sagen mir die Historikerkollegen im Dekanat meiner Kiewer Alma Mater, die ich nach der Arbeit im Staatsarchiv kurz besuche: “Geschichte hat hier momentan Hochkonjunktur, schon gar bei einem solchen Thema”. In der Fakultät hat, im Zuge der Majdan-Revolte, die auch eine Studentenrevolte war, nun eine jüngere Historikergeneration das Ruder übernommen. Hoch schlugen auch die Wogen bei der Diskussion über die Geschichtsgesetze vom 9. April, die Porošenko gestern unterschrieben hat, trotz offener Proteste von Historikern, darunter auch meiner.
Die einen halten das antikommunistische Paket und die Rehabilitierung von UPA-Kämpfern als “Kämpfer für die Unabhängigkeit der Ukraine” – neben den weiterhin zu ehrenden Sowjetveteranen – für den richtigen Weg zum endgültigen Bruch mit der Sowjetukraine, die der neuen Ukraine wie ein Klotz am Bein hänge. Eine kleinere Gruppe stramm nationalistischer Historiker, aus deren Kreis der Gesetzentwurf stammte, sieht es als Revanche am System Janukovyč, dem man jetzt mit ebendessen Methoden beizukommen gedenkt.

Die anderen, zu denen ich gehöre, halten die Gesetze für schlampig gemacht, für Missbräuche offen und vor allem für unvereinbar mit ukrainischer und europäischer Gesetzgebung in Sachen Meinungs- und Wissenschaftsfreiheit, lokaler Selbstverwaltung, Erinnerungspolitik und Archivwesen. Leider ging das Gesetz zur Öffnung der KGB-Archive in dem Krawall ganz unter; aber auch dieser einzige Positivaspekt an den Geschichtsgesetzen ist überschattet von der Aussicht auf Strafbarkeit für jede wissenschaftliche oder journalistische Arbeit, welche die Sowjetzeit “in positivem Licht darstellt”, offensichtlich also nicht explizit verurteilt, egal ob 1930er-Terror oder 1980er-Perestrojka. Rechtlich-theoretisch gesehen fällt auch meine Arbeit über die Atomstädte nun unter die Strafandrohung: denn ich habe nicht vor, eine Verwerflichkeitspräambel über diese Forschungsthematik aus der spätsowjetischen Ukraine zu setzen.

Die russische Seite wiederum macht diese Gesetze zum Anlass, schlechterdings gleich die Vorbereitung zum Genozid in der Ukraine am Werke zu sehen – was ich in diesen Tagen an Gewaltphantasien und Spinnereien von dieser Seite in den Netzwerken lesen konnte, lässt mich an der Zurechnungsfähigkeit dieser Leute zweifeln. Auch als seriös geltende Kollegen scheinen auf dem russischen Auge mit Blindheit geschlagen zu sein, wie Aleksej Miller, der allen Ernstes meint, die russische Staatsduma habe immerhin “nur eines und nicht vier” solcher Gesetze verabschiedet, als ob das Problem in der Zahl liege und nicht im Geist dieser Vorhaben; ganz abgesehen von der Duma als Schmiede Dutzender grenzdebil-nationalistischer Verlautbarungen und Gesetzesprojekte in den letzten Monaten.

An diesem Wochenende ist Europatag. Auf dem Sängerfeld eröffnet eine Blumenausstellung, die in mehreren Arrangements den Gründungsmitgliedern der EU gewidmet sind. Ich habe keine Lust, hinzugehen; erstens beschämt mich der rührende Versuch der demonstrativen Europa-Affinität, der von oben inszeniert wird, während die einfachen Ukrainer von Europa nichts, aber auch gar nichts sehen außer warmen Worten, Austeritätspolitik und Massenentlassungen. Momentan können ja russische Biker-Faschos leichter in die EU einreisen als ukrainische Wissenschaftler.

Zweitens habe ich keine Lust auf die Menschenmassen, die im blumenverrückten Kiew unweigerlich mobilisiert werden, wenn es auf eine Gartenschau geht. Daher gehe ich in den Botanischen Garten, wo hoch über dem Dnjepr der Flieder blüht, und man von den Beeten verschiedene Sorten Melisse klauen kann. Einige Taubenzüchter stellen ihre handzahmen Tiere zum Fotografieren aus. Friedenstauben, denke ich sofort beim Anblick der weißen Vögel. Auch hier viele Leute, Brautpaare, die sich vor den Fliederbüschen und den herrlichen Pfingstrosen fotografieren lassen. Dahinter, darunter das phantastische Flusspanorama mit dem Vydubyči-Kloster im Vordergrund. Die “Mutter-Heimat”-Monumentalstatue aus Sowjetzeiten trägt jetzt einen ukrainischen Blumenkopfschmuck. Sie erhebt Schwert und Schild in abwehrender Geste zum Ostufer. In den Medien läuft derzeit eine Umfrage, was mit dieser Statue aus den 1980ern geschehen soll, die damals in die falsche und jetzt in die richtige Richtung guckt. Ob auf den Schild das ukrainische Wappen soll? Oder nicht? Alla hat einen Alternativvorschlag: “Verschrotten, das hässliche Ding.” Das ist irgendwie typisch Ukraine, denke ich: dass in diesem Minenfeld zerklüfteter Familiengeschichten und aktueller Gefährdungen der gesunde Menschenverstand und der Humor nicht totzukriegen sind.

Quelle: AnnaVero Wendland Facebook

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