Kaum Unterstützung für die abtrünnigen ‚Republiken‘ in den Städten des Donbas

Nachdem Sjewjerodonezk im Juli 2014 von Soldaten angegriffen worden war, zirkulierten Flugblätter mit der Aufforderung, die Stadt in Frieden zu lassen: „Sjewjerodonezk  ist und bleibt ukrainisch“

Nachdem Sjewjerodonezk im Juli 2014 von Soldaten angegriffen worden war, zirkulierten Flugblätter mit der Aufforderung, die Stadt in Frieden zu lassen: „Sjewjerodonezk ist und bleibt ukrainisch“ 

24. Mai 2015 • Empfehlung, Krieg im Donbas

Artikel von: Halya Coynash, Charkiwer Menschenrechtsgruppe
Quelle: Charkiwer Menschenrechtsgruppe 24.5. 2015

Eine aktuelle Umfrage in zwei Städten der Oblast Luhansk hat ergeben, dass es praktisch keine Unterstützung für die Unabhängigkeit der selbst ernannten Volksrepubliken Luhansk und Donezk [LNR beziehungsweise DNR] oder für einen Anschluss an Russland gibt. Eine Mehrheit sieht Russland als Partei in dem militärischen Konflikt und will, dass die ukrainische Armee in der Stadt bleibt.

Die jüngste Umfrage wurde zwischen März und April in Sjewjerodonezk und Starobilsk sowohl von der amtlichen Democratic Initiatives Foundation [DIF] und dem Ukrainian Sociological Service durchgeführt, als auch von Freiwilligen und Bürgerrechtlern.  Sie folgte auf eine ähnliche Umfrage in den beiden Städten Slowjansk und Kramatorsk des Oblast Donezk, über die hier berichtet wird.

Beide Studien heben wichtige Unterschiede zwischen den Städten hervor, die geographisch nahe beisammen liegen, und zeigen, wie die DIF-Direktorin Irina Bekeschkina hervorhebt, dass die Vorstellung von einer einheitlichen Identität des Donbas grundlegend falsch sei.

Es gab wichtige Unterschiede, wobei Sjewjerodonezk sowohl unter ‚LNR‘-Besatzung war und unter den Kriegshandlungen gelitten hatte, während Starobilsk nicht direkt betroffen war.

Die größte Angst hatten beide Städte vor neuerlichen Kämpfen (79% in Sjwerjodonezk; 77% in Starobilsk). In Sjewjerodonezk, das von Kämpfern besetzt war, sagten 36%, dass sie die Rückkehr der selbst ernannten ‘LNR’ und 22%, dass sie eine russische Invasion fürchteten. Nur 34% erwähnten die Nicht-Bezahlung der Pensionen und Gehälter gegenüber 58% in Starobilsk.

Am interessantesten war, dass vor dem Standard-Feindbild der russischen Propaganda – dem ‚Rechten Sektor‘ und den ukrainischen Nationalisten nur 1.6% in Sjewjerodonezk und von 0.7% in Starobilsk Angst haben. Lediglich 1% der Menschen in Sjewjerodonezk und 0.5% in Starobilsk waren besorgt, dass die Ukraine der NATO betreten könnte.

Moskau behauptet ständig, dass die Ukraine Russischsprachige diskriminiere. Angst davor wurde nur von 1% der Bewohner von Sjewjerodonezk geäußert, und von den Bewohnern in Starobilsk wurde es überhaupt nicht erwähnt.

Wer trägt die Schuld?

Es gab interessante Unterschiede bei den Meinungen zwischen Starobilsk, das nicht unter der Kontrolle der bewaffneten Gruppierungen gewesen war, und Sjewjerodonezk.  In der letzteren Stadt geben 39%  Russland die Schuld an den tragischen Ereignissen im Donbas; dem früheren Regime von Wiktor Janukowytsch (38%), während nur ­­­­16% die aktuelle ukrainische Führung dafür verantwortlich machen.

In Starobilsk geben 58% der derzeitigen Regierung die Schuld; 48% Janukowytsch und seinen Leuten; und 41% Russland (Mehrfachnennung möglich).

In beiden Städten sieht die Mehrheit ihre Stadt als Teil der Ukraine (Sjewjerodonezk – 64%; Starobilsk – 67%). In Sjewjerodonezk glaubt die Mehrheit jedoch, dass die Region größere Unabhängigkeit von Kyiw und mehr Befugnisse haben solle, während man in Starobilsk den Status quo beibehalten wolle.

Weniger als 1% beider Städte unterstützen die Unabhängigkeit der selbst ernannten ‚Republiken‘. Nur 2% der Menschen in Starobilsk und 5% in Sjewjerodonezk wollen Russland beitreten.

62% der Menschen in Sjewjerodonezk sehen Russland als Konfliktpartei im Osten des Landes, gegenüber 53% in Starobilsk. Die Mehrheit derer, die Russland als Partei nennen, glauben, dass das Engagement hauptsächlich die Versorgung mit Waffen umfasst, jedoch auch die Teilnahme russischer Streitkräfte.

61% in beiden Städten wollen, dass ukrainische Soldaten bleiben, wobei die Bewohner von Sjewjedonezk eine bleibende Präsenz wollen, in Starobilsk nur, bis sich die Situation stabilisiert habe. Die Bewohner von Starobilsk neigten eher dazu, Faktoren zu nennen, die sie bei der Präsenz von Soldaten als unangenehm sahen, während in Sjewjerodonezk, das unter militärischer Besatzung gelebt hatte, satte 72% keine Probleme sahen.

Diese Ergebnisse ähneln weitgehend denen der oben erwähnten DIF Umfrage in Slowjansk und Kramatorsk, zeigen aber interessante Unterschiede, besonders bezüglich des Ausmaßes, wie sehr die russische Propaganda über ‚ukrainischen Nationalisten‘ und die Diskriminierung russischer Sprecher anscheinend nicht ernst genommen wird. Im November 2014 berichtete DIF, dass ein Drittel der Bewohner des Donbas den ‚ukrainischen Nationalismus‘ als etwas sahen, was die Ukrainer trennt. Ein geeigneter Vergleich müsste durchgeführt werden, um zu erforschen, ob der Unterschied mit der Zeit zu tun hat, die vergangen ist, oder vielleicht mit dem Ausmaß, in dem russische Propagandasender alle anderen Medien der Städte zurückgedrängt haben. Es steht fest, dass die Soldaten ab April 2014 als erstes alle ukrainischen Sender und andere Medien einstellten und durch russische ersetzten, wenn sie die Kontrolle über eine Stadt übernahmen.

Die Ergebnisse sind besonders hinsichtlich der Gründe interessant, die die vom Kreml unterstützten Kämpfer dafür anführten, dass sie ihre ‚Neurussland‘-Pläne aufgaben. Die verkündete Einstellung wurde nahezu sicher von Moskau diktiert, und es gibt unterschiedliche Interpretationen der Motive. Das Eingeständnis, dass diese Pläne in den Oblasten Charkiw und Odessa keinen ausreichenden Rückhalt hätten, ist jedoch offenbar zu kurz gegriffen. Es sieht danach aus, dass die Unterstützung auch in den Städten der Oblaste Donezk und Luhansk äußerst begrenzt ist.

Artikel von: Halya Coynash, Charkiwer Menschenrechtsgruppe
Quelle: Charkiwer Menschenrechtsgruppe 24.5. 2015

Übersetzt von: Übersetzerteam Euromaidan Press auf Deutsch

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