Professor Subow: Die Generalität des KGB ist mit Putin unzufrieden

Professor Andrej Subow

Der Preis, der für die Krim gezahlt wurde, damit sich Wladimir Putin das Vergnügen gönnen konnte, auf einem Schiff nach Sewastopol einzulaufen, erwies sich als unverhältnismäßig hoch, und führte zu einem Kampf innerhalb der Kremlmauern. Darüber sprach der russische Politologe und Historiker Andrej Subow in einem Interview mit „Nowoje Wremja“. Ihm wurde nach der Okkupation der Krim durch Russland seine Professur an der MGIMO entzogen, weil er im Kontext der Annexion Wladimir Putin mit Adolf Hitler verglichen hatte. 

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Quelle: Nowyj Region/Konstantin Selfanow

Hat die russische Staatsführung letztlich erreicht, was sie sich durch die Annexion der Krim vorgestellt hatte?

Selbstverständlich nicht. Und wie Ihr Präsident heute völlig korrekt sagte, brauchte Russland die Krim absolut nicht. Russland hat ein Siebtel oder ein Achtel Festland und auch ohne die Krim genug Probleme.

Russland brauchte etwas völlig anderes. Putin wollte eine neue Ordnung in der Ukraine schaffen – seine, aber nicht die, die das ukrainische Volk wollte. Das Ziel von Putin war, die Ukraine in Ergebenheit zu Russland zu halten – schwach, abhängig und im Abstand zu Europa, wie es unter Janukowitsch war. Und die Krim war nur Mittel zum Zweck.

Erst holten wir die Krim, dann wollten wir Neurussland, und dann sollte geklärt werden, ob wir uns die Ukraine zwischen Europa und Russland aufteilen, wie es Schirinowski vorschlug, oder ob wir uns die ganze Ukraine nehmen. Natürlich gab es keinen genauen Plan, aber man wollte sich natürlich auch nicht auf die Krim beschränken. Die Krim bringt Russland allein gar nichts.

Aber es hat nicht funktioniert. Die Krim wurde geholt, aber weiter kam man nicht. Und heute ist diese Krim eine enorme Last für Russland.

Wie macht sich das bemerkbar?

Zum einen ist es wirtschaftlich sehr kostspielig. Zum anderen führte die Annexion der Krim zu einer internationalen Isolierung Russlands. Russland verlor sein Gesicht als zivilisierter Partner und im Kreis der größten Staaten auf der Welt. Russland wurde wieder aus den G8-Staaten geworfen, die jetzt wieder G7 sind. Die Annexion der Krim wurde vor der UNO bekanntlich nur von 10 Staaten unterstützt. Das heißt, es ist ein schwarzes Loch. Danach kamen die Sanktionen.

Die Sanktionen führten zu einem Rückgang der russischen Wirtschaft. Es sind nicht nur Investitionen verschwunden, sondern es begann auch ein enormer Kapitalabfluss aus Russland. Und vor allem die gebildete Jugend merkte, dass es für sie in dieser Situation keine Zukunft gibt. Das heißt, der Preis für Putins Krim-Vergnügen erwies sich als völlig unverhältnismäßig – was Putin selbst zugelassen hat.

Kann man das gleiche über den Donbass sagen?

Im Südosten der Ukraine wurden auch keine großen Erfolge erzielt. Und was Sachartschenko, und vor ihm Strelkow, meinten, dass sie bis Kiew, Odessa, Cherson und Charkow marschieren, so sind sie nirgendwohin gegangen. Der Krieg ist festgefahren. Es gibt hohe Verluste. Es kommen Särge nach Russland zurück und es gibt keine Perspektive. Zudem ist täglich viel Geld für diesen Krieg notwendig.

Nicht nur die Ukraine gibt viel Geld aus, sondern auch Russland, und ich denke, sogar einiges mehr als die Ukraine, aufgrund einer Reihe von Gründen. Zusätzlich wird viel Geld zur Verteidigung der Reputation ausgegeben, um unter den Bedingungen der Isolation der ganzen Welt zu trotzen.

Entsprechend ist es ein voller Misserfolg. Vor einem Jahr, im Februar 2014, sagte Putin in einer Sitzung im Kreml: die Verantwortung für die Entscheidung in Bezug auf die Krim und die Ukraine liegt bei mir, aber die Aufgabe der Mitglieder des Präsidialrats ist, die Kosten zu minimieren. Also liegt somit die Verantwortung bei ihm, und man muss sagen, dass sein Abenteuer gescheitert ist.

Ist die politische und wirtschaftliche Elite und die Bevölkerung im Zusammenhang mit den Folgen dieses Abenteuers bereits müde?

Sie sind extrem müde. Der Bevölkerung ist all das überdrüssig. Als Putin im April seine Pressekonferenz abhielt, gab es praktisch keine Fragen zur Ukraine oder zur Krim. Alle Fragen waren über die sich verschlechternde Wirtschaftslage von den Leuten und Regionen, über Subventionen für die Regionen oder die Lohnkürzungen. In ganz Russland gibt es Gehaltskürzungen – real, in absoluten Zahlen. Und dazu kommt die Preissteigerung. Das heißt, die Inflation ist hoch, aber die Einkommen verringern sich unabhängig von der Inflation. Den Leuten geht es daher natürlich schlecht.

Äußert sich diese Unzufriedenheit in irgendeiner Form?

Bisher hat es die Mehrheit der Bevölkerung noch nicht vollkommen begriffen. Bisher weisen Umfragen in keiner Weise darauf hin, dass diese traurige Situation durch dieses Abenteuer und die Aggression hervorgerufen wurde. Aber, ich denke, das wird sehr schnell kommen. Und dann wird auch sehr schnell folgendes passieren, dass solche Abenteuer und Aggressionen nur in einem autoritären Land möglich sind.

Die autoritären Tendenzen begannen in Russland nach 2007/2008 stark anzusteigen. Wenn es keine Wahlfälschungen gegeben hätte, wären heute in Russland ganz andere Leute an der Macht und die Duma wäre eine völlig andere. Und es ist klar, dass es keine Aggression gäbe. Nur die Wahlfälschungen, nur die Abkehr von einer demokratischen Regierung und der Verstoß gegen Normen konnte in Russland so eine Staatsführung hervorbringen, die sich zu solchen Abenteuern entschied. Aber meiner Meinung nach wird immer mehr Leuten das Ende bewusst.

Wie kann man die Erklärung des russischen Premierministers Medwedew interpretieren, der die Krim besuchte, was sich faktisch als Antiwerbung herausstellte, indem er meinte, dass es jetzt nicht ok sei, sich auf der Krim zu erholen, weil sie dazu nicht bereit wäre?

Ich denke, gerade gibt es eine ganze Reihe solcher Erklärungen und Aktionen, sowohl international als auch intern, um die russische Bevölkerung darauf vorzubereiten, dass man mit diesem Fall abschließen muss.

Was bedeutet „abschließen“? Putin und seine Umgebung entschieden sich, die Situation zurückzudrehen?

Ich weiß nicht, was Putin entschieden hat. Aber mir scheint, dass man klar verstehen muss (und in der Ukraine wird es meiner Meinung nach klar verstanden), dass Putin heute bereits bei weitem nicht mehr die Politik des Landes bestimmt. Er war auf dem Gipfel des Ruhmes und Einflusses, als er den Krieg in der Ukraine begann. Aber dieser verkorkste Krieg brachte ihn in die Situation eines abhängigen Partners. Seine Freunde, um es sanft auszudrücken, bis zu der Generalität des KGB sind damit unzufrieden. Er führte das Land in eine schwere Wirtschaftslage, isolierte seine Kumpane von ihren Immobilien, ihrem Geld, ihren Freunden und Familien, die oft im Westen sind. Aber das Wesentliche ist, dass er nichts erreicht hat. Wenn er denn noch etwas erreichen könnte, würde man vielleicht über die Preisfrage nachdenken.

Deshalb scheint es mir, dass sich gerade, insbesondere nach der kürzlich geheimnisvollen Abwesenheit von Putin, nach dem Mord von Nemzow, seine Macht stark verringert hat. Heute tritt das in Erscheinung, was wir in Kremlkreisen Palastkämpfe nennen – jeder gegen jeden. Der Kreml ist sich nicht mehr einig. Wir wissen nicht genau, wer gegen wen kämpft. Man kann darüber nur spekulieren. Aber dieser Palastkampf wird ausgetragen. Es findet ein massiver Kampf um die Macht statt. Eigentlich ist es ein Kampf darum, wer der nächste Premierminister von Russland wird. Denn derjenige, den Putin zum Ministerpräsidenten ernennt, wird natürlich nach einem Abgang Putins zum Präsidenten oder erfüllt laut Verfassung die Pflichten des Präsidenten. Nun, aber das wird sich zeigen.

Natürlich gibt es Kandidaten innerhalb des Blocks von KGB-Generälen. Am häufigsten wird der Name Naryschkin oder Iwanow genannt, aber es gibt außer diesem Block auch andere Namen – in erster Linie, Kudrin, der einen Dialog mit dem Westen ermöglichen würde.

Gibt es insgesamt irgendeine Chance, die Situation mit der Krim zu lösen?

Natürlich, die gibt es.

Quelle: Nowyj Region/Konstantin Selfanow

Übersetzt von: Übersetzerteam Euromaidan Press auf Deutsch

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