Das russische Staatsfernsehen verteidigt die Invasion der Tschechoslowakei

Augustereignisse 1968 – Wenzelsplatz, Prag - Foto: ČTK, Hajský Libor

Augustereignisse 1968 – Wenzelsplatz, Prag - Foto: ČTK, Hajský Libor 

2. Juni 2015 • Analytik und Meinungen, Empfehlung, Meinung & Analyse, Russland

Artikel von: CTK
Quelle: ceskenoviny.cz

CTK, Moskau – Der staatliche russische Fernsehsender Rossija-1 strahlte in diesem Monat einen Dokumentarfilm über veröffentlichte „Geheimdokumente“ zur Geschichte des Militärpakts der Sowjetunion und ihrer Satellitenstaaten, des Warschauer Pakts, aus. Dem Dokumentarfilm zufolge handelte es sich bei dem Pakt um eine Schutzallianz, welche die Verbündeten der Sowjetunion vor einer „aggressiven“ NATO verteidigen sollte. In diesem Geiste verteidigte das Fernsehen auch die sowjetische Invasion in die Tschechoslowakei im August 1968, die gemäß der Fernsehstation eine „wirklich ernste Prüfung der vereinten Waffenkräfte des Warschauer Pakts“ darstellte.

Dem Direktor des Instituts für die Zeitgeschichte der Akademie der Wissenschaften Oldřich Tůma zufolge ist der Film „eine bemerkenswerte Rückkehr zu den nicht mehr ernst zu nehmenden Methoden der Sowjetpropaganda, mit denen Moskau im Jahr 1968 die Intervention zu rechtfertigen versuchte“.  Der Historiker betonte, dass es sich bei der Invasion nach internationalem Recht um nichts anderes als eine durch nichts provozierte Aggression gegen einen souveränen Staat handelte.

„Man muss die Frage stellen, was diese Wendung und die Rückkehr zu den alten Methoden der falschen Geschichtsinterpretationen bedeuten. Von der Intervention haben sich Michail Gorbatschow, Boris Jelzin und Wladimir Putin seinerzeit klar distanziert. Ebenso eine ganze Reihe von russischen Historikern…“, sagte Tůma in einer Reaktion für CTK. “Eine solche unannehmbare Interpretation des russischen Fernsehens muss man an den Pranger stellen.”

„Sie schossen auf  uns“

„Sie schossen auf  uns  mit  Maschinengewehren,“ behauptet in dem Streifen der ehemalige kommunistische Abgeordnete der russischen Staatsduma Jurij Sinjelschtschikow vor dem Gebäude des Nationalmuseums in Prag. Er nahm an der Invasion als Brigadier einer Verbindungsabteilung teil. Seine Erinnerungen an das „Feuer aus Maschinengewehren und automatischen Waffen auf Sowjetsoldaten in oben offenen Transportfahrzeugen“ und an „brennende Panzer“ sind zwischengeschnitten mit Aufnahmen aus dem sowjetischen Propagandafilm aus dem Jahr 1969 „Tschechoslowakei, das Jahr  der Prüfung“. In diesem Film sterben in den Prager Straßen  die Nachkommen von Befreiern vom Mai 1945.

Die Verantwortung für die „Geschehnisse des Jahres 1968“ sieht der Film bei der Prager Opposition und ihrer „schlagenden Kraft“, dem Klub 231 [Verein der politischen Gefangenen der Jahre 1948 – 1968, Anm. d. Übers.], der laut Sinjelschtschikow verurteilte SS-Mitglieder, Faschisten und Kollaborateure vereinte. Dem Film nach ging es um nicht um Oppositionelle, sondern um „Söldner“. „Die NATO bereitete sich vor, in die Tschechoslowakei, nach Prag  einzudringen. Hier gab es  bereits vorbereitete Einheiten,“ behauptet in dem Streifen der letzte Kommandant des Stabs der Streitkräfte des Warschauer Pakts aus den Jahren 1989-90, Wladimir Lobow, der an der Invasion 1968 als Hauptmann teilnahm. Seine Panzerfahrer besetzten angeblich die Prager Brücken, das Innenministerium, den Generalstab und weitere Schlüsselpositionen. Diese Aktionen erklärt im Film der russische „Forscher der Geschichte des Warschauer Pakts“, Wladimir Brus, als eine Konsequenz des „sozialistischen Internationalismus“, der die „Pflicht festlegte, im Falle einer Gefährdung der sozialistischen Errungenschaften befreundeten Staaten Hilfe und Unterstützung zu gewähren“. Dem russischen Fernsehen zufolgen „ist es eine unwiderlegbare Tatsache, dass in Prag ein bewaffneter Umsturz vorbereitet wurde“.

Ähnlich gestalten sich auch Behauptungen, die aus den sowjetischen Filmen „Tschechoslowakei, das Jahr der Prüfung“ und „Widerstand  gegen die Feinde des Sozialismus“ stammen: Die Grenzen zu Westdeutschland seien weit offen, in der Tschechoslowakei gebe es 368.000 Westdeutsche, in Prag und kleineren Städten seien geheime Waffenlager gefunden worden, „mit deren Hilfe die Feinde des tschechoslowakischen Volkes die Situation eines ungestraften Terrors erzeugen wollten und die Situation bis zu bewaffneten Zusammenstößen und Blutvergießen zuspitzen wollten“.

Nach Angaben des Historikers Tůma wiederholt der Film die oft widerlegten Behauptungen über die Vorbereitung eines bewaffneten Putsches und über Waffenlager, die die Sowjetarmee entdeckt habe (in Wirklichkeit ging es um Waffenlager der Volksmilizen), oder über Vorbereitungen der NATO zu einem aktiven Eingreifen in der Tschechoslowakei. Tůma erinnerte daran, dass sich der Westen die  ganze Zeit der „tschechoslowakischen Krise“ vollkommen passiv verhielt.

„An diesem russischen Blickwinkel sieht man sehr gut, wie effektiv Propaganda sein kann, die  mehr als vierzig  Jahre andauert. Und für uns ist das vor allem ein Beispiel dessen, wie wichtig es ist, eine demokratische Gesellschaft mit einer unabhängige Historiker-Reflexion zu haben“, kommentierte die französische Historikerin Muriel Blaive vom Institut für  das Studium der totalitären Regime in Prag. Russland  verwahrt sich regelmäßig  gegen eine „Umdeutung der Geschichte“, damit meint es aber vor allem, wenn die eigene Interpretation der Geschichte und besonders die sowjetischen Verdienste im Sieg gegen Nazideutschland in Zweifel gezogen werden.

Der ehemalige russische Präsident Boris Jelzin verurteilte beim Besuch in Prag im Jahr 1993 die Augustinvasion in die Tschechoslowakei als unzulässig. Er fügte aber hinzu, dass das demokratische Russland keinerlei Verantwortung in dieser Sache  tragen würde, da die Schuld der ehemaligen Führung der Sowjetunion zufällt. Jelzins Nachfolger Vladimir Putin erkannte in Prag 2006 die  moralische Verantwortung Russlands für den Einfall der Armeen an. Der ehemalige höchste Repräsentant der UdSSR, Michail Gorbatschow, erwähnte hingegen den August 1968 bei seinem Besuch in Prag 1987 gar nicht, obwohl das viele erwartet hatten. Später sagte er, dass es ihm leid tat, aber dass das politische Umstände nicht erlaubten.

Artikel von: CTK
Quelle: ceskenoviny.cz

Bild: CTK, Hajský Libor
Übersetzt von: Übersetzerteam Euromaidan Press auf Deutsch

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