Zwischen den verfeindeten Fronten gefangen – LGBT in der Ukraine

Die Lesbierin Aleksandra Nemtschinowa zeigt ihr Tattoo eines ‘Tryzub’ (Dreizack), das Wappen der Ukraine (Foto:  Ian Bateson, Al Jazeera)

Die Lesbierin Aleksandra Nemtschinowa zeigt ihr Tattoo eines ‘Tryzub’ (Dreizack), das Wappen der Ukraine (Foto: Ian Bateson, Al Jazeera)
 

3. Juni 2015 • Empfehlung, Krieg im Donbas, Kultur, Menschenrechte, Soziales

Artikel von: Ian Bateson, Al Jazeera
Quelle: Al Jazeera, 12. März 2015

Binnenvertriebenene LGBT-Menschen werden diskriminiert und abgeleht, egal wo sie hingehen.

Kyiw, Ukraine – In einer kühlen Kyiwer Nacht wartete Maksym, ein 37-jähriger Homosexueller aus der ostukrainischen Stadt Donezk, auf ein Taxi, um damit zu der einzigen Zufluchtstätte im Land zu fahren, das LGBT-Menschen, die Binnenflüchtlinge sind, aufnimmt.

Nachdem die von Russland unterstützten Separatisten seine Heimatstadt im vergangenen Sommer erobert hatten, ist nach seinen Worten das Leben für Lesben, Homosexuelle, Bisexuelle und Transgender sehr viel schwieriger geworden. Er hielt noch sechs Monate aus, bevor er sich entschied zu fliehen – erst nachdem sein Appartementhaus beschossen wurde.

Maksym ist einer der fast eine Million Menschen, die nach UN-Schätzungen durch den Konflikt im Osten der Ukraine vertrieben wurden.

Ostukrainer, die in den Westen fliehen, werden häufig bei der Suche nach Wohnraum und Beschäftigung diskriminiert und für den Konflikt verantwortlich gemacht.

LGBT-Angehörige werden doppelt diskriminiert dafür, dass sie aus den östlichen Regionen stammen und darüber als LGBT.

Insight, eine ukrainische LGBT-Organisation, hat im Laufe des [vergangenen] Sommers eine Flüchtlingsunterkunft  eingerichtet, nachdem sie viele Hilfegesuche von Personen erhalten hatten, die aus der östlichen Ukraine und der Krim fliehen wollten, aber nicht die Mittel hatten, dies zu tun und auf Schwierigkeiten in herkömmlichen Unterkünften stießen.

Maksym (Foto: Ian Bateson, Al Jazeera)

Maksym (Foto: Ian Bateson, Al Jazeera)

“Zuerst hatten wir nur vier Personen, aber als es bekannt wurde, bekamen wir Anträge bis über beide Ohren,” sagte die Vorsitzende von Insight, Olena Schewtschenko.

Derzeit sind in der Flüchtlingsunterkunft 18 Inlandsflüchtlinge untergebracht, ihnen wird für jeweils bis zu drei Monaten Unterkunft, Nahrung, Medizin und Rechtsberatung angeboten.

Das Flüchtlingsheim sah sich mit erheblichen Herausforderungen konfrontiert, denn Inlandsvertriebene, insbesondere LGBT, sind unerwünscht Mieter.

Die Insight-Unterkunftskoordinatorin Olga Olschanskaja erklärte, dass sie nach langer Suche schließlich eine Wohnung fanden, dafür aber eine Miete weit über dem Standard in US-Dollar zahlen mussten, zu einem Zeitpunkt, als die ukrainische Währung rasch an Wert verlor.

Es war auch eine Herausforderung, die westlichen Geberorganisationen zu überzeugen, die in der Regel LGBT-Projekte der Zivilgesellschaft unterstützen, auch die Finanzierung einer Unterkunft für Kriegsflüchtlinge zu übernehmen.

“Ironie des Schicksals”

Das Flüchtlingsheim befindet sich in einem grauen Appartementhaus am Stadtrand der Hauptstadt Kyiw.

Als Maksyms Taxi bei einem Mehrfamilienhaus anhielt, das so sehr seinem eigenen glich, war dies nach seinen Worten ähnlich wie in dem Film “Ironie des Schicksals” aus der Sowjet-Zeit, in dem ein Mann die Wohnung eines Fremden in einer anderen Stadt betritt, ohne es zu merken, weil beide Wohnungen identisch geschnitten und ausgestattet sind.

Als Maksym seine Sachen in das nicht renovierte Gebäude brachte, das für acht Personen vorgesehen ist, erwartete er ängstlich seine neuen Mitbewohner und erklärte, warum er Donezk verlassen hat.

“Ich sehe keine Zukunft in den Volksrepubliken [Donezk und Luhansk]. Ich kann deren Ansichten nicht unterstützen, ich glaube nicht, dass Russland uns retten wird oder dass Putin uns retten wird, die ganze Sache war völlig fremd mich von Anfang an,” sagte er Al Jazeera.

Nachdem er beschlossen hatte, den Osten der Ukraine zu verlassen, brachte Maksym zuerst seine Mutter und Großmutter in einem Bus aus der Stadt nach Slowjansk, etwa 100 km nördlich von Donezk.

Er selber nahm nur ein paar Dinge mit und befürchtete, dass es ihm wegen eines neu angekündigten Genehmigungssystems der ukrainischen Behörden möglicherweise nicht mehr möglich sei, dort herauszukommen.

Laut Maksym, der wie anderen für diesen Artikel interviewte Personen darum gebeten hat, seinen richtigen Namen nicht zu veröffentlichen, kam das gesellschaftliche Leben von Homosexuellen in der zuvor kosmopolitischen Stadt Donezk abrupt zum Erliegen, als die Separatisten im Laufe des Sommers versuchten, eine neue “moralische” Ordnung zu etablieren.

Maksym beschrieb, wie der Schwulen-Club Babylon, den er öfter besuchte, von Separatisten überfallen wurde, die die dort befindlichen Menschen verprügelten und Geld von ihnen erpressten. Nach dem Angriff schloss der Besitzer den Club. Maksym sagte, seine homosexuellen Freunde seien ebenfalls im Begriff zu fliehen.

Dennoch sind die Dinge komplizierter.

“Ich habe einen Freund in einem der Bataillone, die die jungen Republiken verteidigen,” sagte er. “Er ist homosexuell und gleichzeitig bei den Separatisten. Die können sich nicht vorstellen, wie er oft er in den Clubs war.”

Der Eisenbahningenieur Maksym versucht, einen Job bei der ukrainischen Eisenbahn in Kyiw zu finden.

Selbst wenn er einen Job bekommt, sind die Gehälter trotz massiver Inflation niedrig, und die Diskriminierung gegen ostukrainische Wohnsitzbescheinigungen führt dazu, dass Beschäftigungs- und Wohnungsangebote sich in Luft auflösen.

Eine neue Identität

Eine anderer LGBT-Angehöriger auf Jobsuche während des Aufenthalts im Flüchtlingsheim ist Max, 36, ein gutaussender und muskulöser Mann mit Tattoos mit chinesischen Schriftzeichen auf dem Unterarm, die Liebe, Glück und Glück bedeuten sollen. Er floh kurz vor Weihnachten aus einer kleinen Stadt außerhalb von Donezk nach Kyiw.

Max ist Transgender. Er wurde als Frau geboren, aber nach einer Hormonbehandlung ist sein Aussehen auffallend männlich.

Max begann den komplizierten Prozess der gesetzlichen Änderung seines Geschlechts im Jahr 2006, aber seine Bemühungen wurden von der Bürokratie verhindert, die eine vollständige operative Geschlechtsumwandlung erforderlich macht, bevor der Antrag genehmigt werden kann.

Max, ein junger Transgender

Max hat nach wie vor einen Pass, der ihn als Frau identifiziert. Niemand glaubte, dass es sein Pass war – in einer Zeit, in der auf den Straßen die Dokumente von Passanten regelmäßig überprüft wurden.

Monatelang konnte Max nur in der Nacht aus dem Haus, um schnell Nahrung zu kaufen und wieder nach Hause zu eilen.

Ein Verlassen der Donbas-Region war auch keine Option, weil an den Kontrollpunkten die Pässe von Separatisten und den ukrainischen Streitkräften gründlich überprüft wurden.

In seiner Verzweiflung wandte sich Max an den Insight-Transgender-Koordinator Juryj Frank, der sich an seine Kontakte bei der UN wandte.

“Die Situation hatte meine Nerven kaputt gemacht. Es gab keine Arbeit, ich hatte kein Geld, die Geschäfte waren geschlossen, und es gab kein Essen.”

Vier Monate später gelang es Max, in einem von ihm gemieteten Taxi, das hinter einem UN-Fahrzeug herfuhr, durch einen Kontrollpunkt zu kommen – unter Artilleriebeschuss in der Nähe.

Die UNO koordinierte seine “Ausreise” mit den separatistischen und ukrainischen Kontrolleuren.

Jetzt Max ist dabei, sich in Kyiw an das Leben in der Stadt anzupassen, was eine Herausforderung für ihn ist, das er immer noch nur einen Pass hat, der ihn als Frau identifiziert. Das macht es schwer, Arbeit zu finden, um das Geld für die Operation zu verdienen, damit er rein rechtlich sein Geschlecht umwandeln kann.

“Ich bin gern in Kyiw, aber meine Schwierigkeiten sind noch dieselben: keine Arbeit, kein Geld,” sagte er.

Was jetzt?

Aleksandra Nemtschinowa, 33, ist nur allzu vertraut mit dem, wie die Situation nach der Flucht nach Kyiw aussieht. Sie war Teil der ersten Welle von Vertriebenen im Flüchtlingsheim, und jetzt hat sie mit einer Freundin ein Zimmer für $ 110 pro Monat gemietet.

“Wir versuchen, Geld zu verdienen, aber offensichtlich ist das Geld immer zu wenig, und wir haben nicht mal die grundlegenden Dinge. Es gibt nichts zu essen, nichts anzuziehen,” sagte sie.

Die Kleidung, die Aleksandra trägt, ist gespendet. Sie trägt einen roten Kapuzenpulli mit ägyptischen Motiven, ein paar Nummern zu groß.

Bevor sie flohen, war Aleksandra Aktivistin und bekennende Lesbe.

In Donezk war sie eine Zeitlang für Julia Tymoschenkos Partei Batkiwschtschyna aktiv, hatte aber auch an von der feministischen Gruppe Femen organisierten Protesten teilgenommen, und war zu einem Zeitpunkt mit ihnen in Belarus festgenommen worden.

Im Mai und Juni war sie aktiv in der pro-ukrainische Bewegung in Donezk.

Aleksandra Nemtschinowa (Foto: Ian Bateson, Al Jazeera)

Aleksandra Nemtschinowa (Foto: Ian Bateson, Al Jazeera)

Obwohl sie russisch spricht, identifiziert sie sich eng mit der Ukraine und der ukrainischen Sprache, inspiriert von einem ihrer Lehrer.

Im Laufe des Sommers, als es in Donezk schnell zu einem Tabu wurde, sich zur ukrainischen Identität zu bekennen, verspürte sie den Wunsch, sich ein Tattoo mit dem ukrainischen Nationalsymbol, einen Dreizack in Form eines Falken stechen zu lassen. Sie musste zu drei Tattoo-Studios zu gehen, bevor sich jemand bereit erklärte, dies zu tun.

Im Juni wurde es für sie gefährlich, und sie begann Drohanrufe zu bekommen.

Später berichtete ein Freund, er habe ein Bild von ihr an einem separatistischen Kontrollpunkt mit der Beschriftung “lesbische Bandera-Anhängerin” gesehen, was sich auf den rechtsgerichteten ukrainischen Nationalistenführer Stepan Bandera bezog.

Schließlich kamen bewaffnete Separatisten zusammen mit der Donezker Polizei in ihre Wohnung, um ihre Dokumente zu beschlagnahmen und sie zu verhaften. Sie berichtete, ein Nachbar, der zufällig frühzeitig mit einem kleinen Kind zurückkam, als sie mit ihnen noch stritt, habe sie gerettet.

Die bewaffneten Männer sagten, sie würden ihre Dokumente später zurückgeben. Da beschloss sie, es sei Zeit zu gehen.

Jetzt ist Aleksandra in Kyiw dankbar für die Unterstützung im Flüchtlingsheim, aber trotz ihres Stolzes auf die Ukraine zögert sie zu sagen, dass das Leben für die LGBT-Gemeinschaft seit den Maidan-Protesten besser geworden sei.

Für LGBT-Menschen ist es nach ihren Worten ein Balanceakt  – angesichts der rechten homophoben Gruppen wie dem “Rechten Sektor” auf der einen Seite und auf der anderen die Separatisten.

“Beide schlagen Homosexuelle auf der Straße zusammen. Wir stehen zwischen den beiden und bemühen uns, weder von einer Seite noch der anderen Aggressionen zu provozieren,” sagte Aleksandra.

Artikel von: Ian Bateson, Al Jazeera
Quelle: Al Jazeera, 12. März 2015

Bild: Ian Bateson, Al Jazeera
Übersetzt von: Übersetzerteam Euromaidan Press auf Deutsch

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