Ukraine und Polen wollen den Wolhynien-Konflikt gemeinsam untersuchen

Der IPN-Präsident Łukasz Kamiński und der UINP-Direktor Wolodymyr Wjatrowytsch in Kyiw

Der IPN-Präsident Łukasz Kamiński und der UINP-Direktor Wolodymyr Wjatrowytsch in Kyiw 

4. Juni 2015 • Empfehlung, Nachrichten

Artikel von: Alya Shandra, Euromaidan Press (engl.)
Quelle: Euromaidan Press (engl.) 24. Mai 2015

Das ukrainische und das polnische Institut für Nationales Gedenken (poln. Instytut Pamięci NarodowejIPN; ukrain. Український інститут національної пам’яті UINP) haben sich entschlossen, eine gemeinsame Historikerkommission mit der Bezeichnung “Polnisch-ukrainisches Historisches Dialogforum” zu schaffen, um den Dialog über die dramatischste Periode in der gemeinsamen polnisch-ukrainischen Geschichte zwischen 1939 und 1947 zu fördern, wie auf der IPN-Webseite berichtet wird. Insbesondere wird diese Kommission den polnisch-ukrainischen Konflikt in Wolhynien in den Jahren 1943 und 1944 untersuchen [Anm. d. Übers.: siehe dazu auch den Wikipedia-Artikel über den Konflikt – der Konflikt wird auf polnisch als Rzeź wołyńska (wolhynisches Massaker) und auf ukrainisch Волинська трагедія (wolhynische Tragödie) bezeichnet].

Die wolhynische Tragödie ist einer der spannungsgeladenen Themenbereiche in den polnisch-ukrainischen Beziehungen, und renommierte Wissenschaftler aus akademischen und wissenschaftlichen Kreisen werden der Kommission angehören. Dieser gemeinsame Plan nahm bei einem Besuch von Mitgliedern des polnischen IPN bei seinen ukrainischen Kollegen vom 18.-20. Mai 2015 Form an, der gleichzeitig die Wiederaufnahme des Kontakts zwischen den beiden Institutionen markierte, welcher nach der Euromaidan-Revolution abgebrochen worden war.

Dr. Łukasz Kamiński, Direktor des Instituts für Nationales Gedenken in Polen, sagte in einem Interview mit Polskie Radio, dass die neu gebildete Gruppe im Gegensatz zu früheren ähnlichen Initiativen nur aus Historikern bestehen werde, die Archivdokumente analysieren, darunter auch Dokumente, die erst vor kurzem von der ukrainischen Seite als Folge der von der Ukraine jüngst verabschiedeten vier Gesetze zur Entkommunisierung der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurden. Der UINP-Direktor Wolodymyr Wjatrowytsch wies darauf hin, dass eine solche Zusammensetzung der Gruppe notwendig ist, um eine besonnene Diskussion zu ermöglichen:

“Unsere wichtigste und erste Aufgabe ist die Wiederherstellung oder vielmehr Fortführung dieses Dialogs, der zu meinem Bedauern in den letzten Jahren abgebrochen ist: Ein Dialog von Historikern, die versuchen, den Sachverhalt zu entpolitisieren, denn leider sind die wichtigsten Wortführer derzeit Politiker, die weder ein Interesse an einem Verständnis der Tragödie des polnisch-ukrainischen Konflikts noch an einer irgendwie gearteten Versöhnung zwischen Ukrainern und Polen haben.”

Bisher schon hatte die IPN schon Zugang zu den historischen Dokumenten in den Archiven des Sicherheitsdiensts der Ukraine. Im Rahmen des kürzlich verabschiedeten Gesetzes über die Öffnung der kommunistischen Archive werden die Akten der sowjetischen Geheimpolizei freigegeben und dem ukrainischen Institut für Nationales Gedenkens übergeben, das auch  weiterhin mit dem IPN zusammenarbeiten wird. Wenn diese Zusammenarbeit zwischen den beiden Institutionen erfolgreich umgesetzt wird, wird dies die bisher größte Aufklärung über den sowjetischen Repressionsapparat darstellen, sagt Dr. Kamiński in einem Bericht von Polskie Radio:

 “Die spärlichen, von Russland zur Verfügung gestellten Akten und das, was in den Archiven der baltischen Länder erhalten geblieben ist, gab uns nur eine allgemeine Vorstellung davon, wie der sowjetische Repressionsapparat funktionierte. Wir haben jetzt die Gelegenheit, mehr über die Mechanismen im Inneren zu erfahren. Die Auswirkungen dieser Zusammenarbeit könnten von entscheidender Bedeutung sein – nicht nur für die Entkommunisierung der Ukraine sondern für den gesamten postsowjetischen Raum und möglicherweise sogar für Russland.”

Die von der Ukraine vor kurzem verabschiedeten Entkommunisierungsgesetze, von denen eines die Soldaten der Ukrainischen Aufständischen Armee (UPA) als Kämpfer für die Unabhängigkeit der Ukraine anerkennt, ist in Polen säuerlich aufgenommen worden, denn dort erinnert man sich an diese Guerillakämpfer, die nach einer kurzen Zeit der Zusammenarbeit mit Nazi-Deutschland sowohl gegen Deutschland, die Rote Armee und Polen kämpften, vor allem durch eine Reihe von Massakern und ethnischen Säuberungen von 1943 und 1944 im Nordwesten der Ukraine, die in Polen als Wolhynien-Massaker und in der Ukraine Wolhynien-Tragödie bezeichnet werden.

Während ihres Besuchs in Kyiw äußerte sich die polnische Seite besorgt darüber, dass die Gesetze dazu verwendet werden könnten, um die Rolle der UPA bei der Tragödie zu verschleiern. Kyiw indessen behauptet, dass die Gesetze die akademischen Diskussionen nicht einschränken werden und dass damit beabsichtigt sei, die nationalsozialistischen und kommunistischen Regime zu verurteilen und die Untersuchungen ihrer Verbrechen zu stärken. Beide Seiten betonten während der Pressekonferenz, es sei “besonders wichtig, die Suche nach unbekannten Quellen zu beginnen und die Akten über den polnisch-ukrainischen Konflikt zwischen 1939 und 1947 kritisch zu studieren.” Die Polen sind noch nicht überzeugt, schauen aber hoffnungsvoll in die Zukunft. Dr. Kamiński kommentierte, dass die Zeit und die Zusammenarbeit zeigen wird, ob die polnischen Ängste begründet sind, mit den Worten:

 “Zunächst einmal wollen wir, dass die schwierige Diskussion über die polnisch-ukrainische Vergangenheit auf so vielen neuen Quellen wie möglich basieren kann. Wir erwarten, dass das Gesetz über die Übertragung der Archive des NKWD und des KGB an das Ukrainische Institut für Nationales Gedenken, über das in Polen viel weniger berichtet wurde [als über das Gesetz über den Status der UPA], viele neue Dokumente mit Bezug auf die Wolhynien-Tragödie sowie die polnische Reaktion darauf zu Tage bringen wird, und deshalb werden wir dann in der Lage sein, zu einer faktenbasierten Diskussion zu kommen.”

Die Wolhynien-Tragödie war nur eine Episode in der Reihe von brutal geführten ethnischen Konflikten zwischen Polen und der Ukraine während der Jahre 1939 bis 1947, die zum Tod von Zehntausenden von Polen und Ukrainern geführt haben. Das neu gegründete Forum schafft Hoffnung auf eine Versöhnung der beiden Nationen, und die Entscheidung, gemeinsam nicht nur eine Episode zu untersuchen, sondern den gesamten Zeitraum, lässt hoffen, dass sich die Debatte professionalisiert und über Politik und Medien hinausreichen wird.

Artikel von: Alya Shandra, Euromaidan Press (engl.)
Quelle: Euromaidan Press (engl.) 24. Mai 2015

Bild: IPN
Übersetzt von: Übersetzerteam Euromaidan Press auf Deutsch

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