Appell an den Rechten Sektor: “Mehr geistige Fesseln bitte!”

Menschenrechte à la Russe ... ist es das, was der Rechte Sektor will?

Menschenrechte à la Russe ... ist es das, was der Rechte Sektor will?  

Aktionen, Analytik und Meinungen, Empfehlung, Menschenrechte, Soziales

Artikel von: Alja Schandra
Quelle: KyivPride, 04.05.2015

1614_33Alja Schandra, Redakteurin und Mitbegründerin von Euromaidan Press in Kyiw, appelliert in einem Blogpost auf der Webseite der LGBT-Konferenz KyivPride an den „Rechten Sektor“:
Mehr geistige Fesseln bitte, die haben sich ja bei unseren Nachbarn so gut bewährt!

Genauer gesagt geht es mir um die Erklärung auf der Website des „Rechten Sektors“ „In Kyiw sind sodomitische Umtriebe nicht erlaubt!“ [Übersetzung hier] und den Aufruf, in dem der „Rechte Sektor“ die Kyiwer Behörden darum bittet, den „Marsch der Gleichheit“ zu unterbinden.

Schon seit eineinhalb Jahren versuche ich auf der Website Euromaidan Press das englischsprachige Publikum davon zu überzeugen, dass der „Rechte Sektor“ nicht aus Faschisten und Dämonen besteht, wie es russischsprachige Quellen behaupten. Ich mache das auch deshalb, weil ich Euch auf dem Maidan beobachtet habe und weil ich bei euch in Peski [an der Front] war und weiß, dass es beim „Rechten Sektor“ viele engagierte und hilfsbereite Leute gibt, die sogar bereit sind, für die Unabhängigkeit der Ukraine zu sterben. Aber nach diesen Erklärungen habe ich so meine Zweifel, ob ich richtig gehandelt habe, denn gerade Faschisten teilen Menschen gerne in „Menschen“ und „Untermenschen“ ein. Sie verwenden dabei das Attribut „Schwule“ und rufen dazu auf, die Rechte bestimmter gesellschaftlicher Gruppen einzuschränken, weil sie “anders” sind.

Für mich macht es keinen großen Unterschied, ob ich in einer totalitären russischen Gesellschaft lebe, in der ein „Oberzar“ entscheidet, wie ich zu denken, mich zu kleiden oder in sozialen Netzen zu schreiben habe, oder ob ich in einer totalitären Gesellschaft lebe, die auf einer nationalistischen Ideologie basiert, wie Ihr sie Euch offensichtlich für die Ukraine wünscht. Egal ob Fall Eins oder Zwei: ich werde mein Leben jenen widmen, die von einem ignoranten und zynischen Regime aus Hass gedemütigt, unterdrückt oder gar getötet werden.

In meinen Augen ist der „Rechte Sektor“ mit dieser Gewaltandrohung gegenüber Leuten, die nicht so denken und handeln wie Ihr, nicht besser als Putin. Eine Diktatur, egal in welcher Erscheinungsform, verkörpert das Böse. Aber für Euch ist Relativierung offenbar kein moralisches Problem, genaus wie es für [die Parlamentsabgeordnete] Tanja Tschernowol kein Problem war, im Parlament mehrere Abstimmungsknöpfe gleichzeitig zu drücken: die Diktatur Putins, die mit aller Kraft in die Ukraine eindringt, um hier mit Gewalt die „Russische Welt“ zu errichten, ist genauso schlecht wie eine Diktatur des „Rechten Sektors“, der allen übrigen seine Vorstellungen der Welt gewaltsam aufzwängt. Seid Ihr sicher, dass Ihr Euch nicht in das Untier verwandelt habt, das Ihr bekämpft?

Eine weitere Ähnlichkeit zwischen Euch und Putin ist, wie Ihr Eure Einstellung zur Religion für Gewaltaufrufe nutzt. Bereits seit längerem wird ein Vergleich zwischen dem russischen „orthodoxen Dschihad“ und ISIS gezogen. Diese Ähnlichkeit basiert auf dem Missbrauch der Heiligen Schrift und der christlichen Glaubenslehre zum Erreichen politischer Ziele. Ihr behauptet, dass die Gay-Pride (im Unterschied zu Spaßparaden werden Gay-Paraden als Zeichen der Solidarität mit der LGBT-Gemeinschaft durchgeführt) eine „öffentliche Verunglimpfung der christlichen Werte“ sei. Aber in der Bibel ist bei weitem nicht alles so eindeutig, wie es die russischen Medien behaupten.

Beim „Rechten Sektor“ ist dafür alles ganz einfach: „In Kiew halten sich viele Soldaten zur Rotation auf, die gegen solche antichristlichen Erscheinungen sind. Die Soldaten können keine LGBT-Paraden akzeptieren.“ Der Aufruf, Gewalt im Namen Christi anzuwenden, der für seine Peiniger betete, als er gekreuzigt wurde, ist kein christlicher Wert, genauso wie die Werte der „Russisch-Orthodoxen Armee“ [paramilitärische Einheit in der Ostukraine; Red.], die im Donbass mit Maschinengewehren kämpft, nicht christlich sind.

Wollt Ihr das Christentum Christis in die „geistigen Fesseln“ der Russisch-Orthodoxen Kirche verwandeln? [Der Ausdruck “geistigen Fesseln” ist eine ironische Anspielung an einem  Ausspruch des russischen Patriarchen Kyrill, der die Russisch-Orthodoxe Kirche als “geistiges Band” der russischen Gesellschaft bezeichnete; Red.] So ist doch gerade die Russische Föderation auf der ganzen Welt für ihren Hass auf die LGBT-Gemeinschaft bekannt. Es war die Russische Föderation, die mit gesetzlichen Repressionen begann, Verbrechen auf Basis von Hass zu legitimieren. Und kommt mir bitte nicht mit Eurer Sorge um die “Gläubigen in Kyiw”: ich bin auch eine Gläubige und mich stört der „Marsch der Gleichheit“ nicht.

Übrigens sprach Swjatoslaw Schewtschuk [Oberhaupt der Griechisch-Katholischen Kirche der Ukraine; Red.], der in Eurem Aufruf aus irgendeinem Grund im Namen der gesamten Ukraine „die falsche Werte der Gender-Ideologie“ ablehnt, bei anderer Gelegenheit auch einen gegenteiligen Gedanken aus, nämlich als er das Programm der “Frauen- und Genderstudien” an der Ukrainisch-Katholischen Universität als „schön“ und „innovativ“ bezeichnete. Wenn sich Christentum, Gender-Thematik und die Probleme der LGBT-Gesellschaft überkreuzen – dann entstehen natürlich Diskussionen. Aber wenn ihr die Worte eines christlichen Oberhaupts zur Rechtfertigung von Gewaltaufrufen gegen Menschen verwendet, die für ihre Rechte einstehen wollen, weil Ihr mit diesen Ansichten nicht einverstanden seit – dann ist das unmoralisch.

Indem Ihr ukrainische LGBT-Aktivisten als „Schwule“, „Abartige“ und „Degenerierte“ bezeichnet, verletzt Ihr nicht nur ihre Menschenwürde, sondern propagiert auch Ignoranz in unserer Gesellschaft. Es ist doch bekannt, dass die fast einhundert Jahre währenden Versuche, Homosexualität „zu behandeln“, kläglich scheiterten und die Menschheit immer mehr zu dem Gedanken neigt, dass Homosexualität angeboren ist. Wie viel „leichter“ es diesen Menschen fallen würde, in einer Gesellschaft zu leben, in der sie als „Perverse, die behandelt gehören“ angesehen werden, könnt Ihr bewerten, wenn ihr den Filmtrailer “Kinder-404”  anschaut – ein russisches Hilfsprojekt für LGBT-Kinder, denen die Gesellschaft erklärt, dass sie nicht existieren, und jene offen verhöhnt, die sich doch erdreisten, zu ihrer Besonderheit zu stehen. Ich rate sehr dazu, diesen Film ganz anzuschauen!

Die Gay-Pride in Kiew erlaubt es LGBT-Menschen ganz einfach, sich nicht verstecken zu müssen und sich als vollwertige Bürger fühlen zu können – als Bürger, die übrigens mit uns zusammen auf dem Maidan standen, und auch heute mit uns gemeinsam die Unabhängigkeit der Ukraine mit der Waffe verteidigen.

In Eurem Appell an den Kiewer Bürgermeister ruft Ihr dazu auf, „Provokationen, Konfliktsituationen und Ärger jeder Art“ in dieser für die Ukraine schweren Zeit zu verhindern. Aber gerade in dieser schwierigen Periode unserer Geschichte müssen wir uns doch gegenüber unseren Mitbürgern mit äußerstem Respekt und Verständnis verhalten, unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung, ihrer religiösen Überzeugung usw. Gerade deshalb hat der „Rechte Sektor“ weder jetzt, noch irgendwann in der Zukunft das Recht, Ukrainer in „richtige“ und „falsche“ Bürger einzuteilen, oder die Sprache des Hasses zu nutzen, um zu Unterdrückung und Gewalt aufzurufen, und sich dabei hinter religiösen oder patriotischen Losungen zu verstecken. So ein Verhalten wird nicht nur zu „Provokationen, Konfliktsituationen und Ärger“ führen, sondern kann auch langfristig echte „geistigen Fesseln“ schaffen und eine neue totalitäre Maschine erzeugen, in der diese allen Andersdenkenden aufgezwungen werden.

 

Artikel von: Alja Schandra
Quelle: KyivPride, 04.05.2015

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