“Im Rekrutierungsbüro habe ich die Hymne der Ukraine abgespielt”

wlad

 

Empfehlung, Russland, Soziales

Artikel von: Dmitrij Woltschek
Quelle: RFE/RL, 12. Juni 2015

Der 17-jährige Wlad Kolesnikow erzählt, wie er beschlossen hat, gegen Putins Propaganda zu kämpfen

Wlad Kolesnikow, einem 17-jährigen Studenten aus Podolsk – einer russischen Großstadt bei Moskau – schreiben Hunderte von Menschen. Sie bieten ihm Hilfe und Obdach an, sagen Danke oder raten ihm, vorsichtig zu sein. “Ich kann die Gefühle, die ich beim Facebook-Checken habe, nicht in Worte fassen,”  sagt Wlad, und seine Stimme zittert vor Erregung, “Es gibt so viel Unterstützung von mir unbekannten Menschen, es ist einfach unglaublich.”

Wlad gewann viele Freunde im Internet, aber sein eigener Großvater, ein ehemaliger KGB-Offizier, verfluchte ihn; in der Berufsschule, in welcher er studierte, wurde er mit Fäusten angegriffen (Wlad hat darum gebeten, nicht zu schreiben, dass er zusammengeschlagen wurde: “Es war nur eine aufgeplatzte Lippe, ein paar blaue Flecken, ein paar Schläge auf den Kopf und drei Tropfen Blut”), und jetzt interessiert sich die Polizei für ihn.

Und das alles deshalb, weil Wlad Kolesnikow seine politischen Ansichten nicht verbirgt sondern beschlossen hat, sie öffentlich zu bekennen.

“Putin sitzt zusammen mit seiner Herde von Kriminellen und heizt das Land auf, mit Hilfe einer mächtigen Propaganda. Das ist meine subjektive Meinung. Vielleicht irre ich mich, aber ich glaube, dass das wahr ist,” sagt Wlad. “Wissen Sie, die russischen Medien kreieren willentlich ein Feindbild der Ukrainer als “Сhochly” [abwertendes russisches Wort für Ukrainer, Anm. d. Übers.], als “Pindosy” [abwertendes russisches Wort für Amerikaner, Anm. d. Übers.]. Ich habe das unterstützt, bis zu dem Moment, als ich ein Video auf YouTube sah. Es war 2014, und ich werde es wahrscheinlich nie vergessen, denn man könnte sagen, dass das Video mein Leben vollständig verändert hat. Ein Video mit einem banalen Inhalt: Eine amerikanische Familie, Sie – Russin, Er – Amerikaner, er gibt ihr ein Geschenk, sie gehen zu einer Schießbude. Und anstelle dessen, was man uns erzählt – ein faschistisches Regime, alle besessen von Sex und Geld , alle sind bereit, einander zu verraten, sah ich die gleichen Leute wie ich. Der einzige Unterschied war, dass sie mehr gelächelt haben. Und seitdem habe ich angefangen tiefer zu graben, eine Vielzahl an Information zu sichten, die westliche Presse zu lesen. Seitdem habe ich erkannt, dass unsere Medien viele Fehler machen, übertreiben und in den meisten Fällen einfach frech lügen.”

“Und mit ihren Verwandten haben Sie eine komplizierte Beziehung aufgrund der Tatsache, dass sie Ihre Ansichten nicht teilen?”

“Ja. Nicht nur mit meinen Angehörigen, sondern eigentlich mit allen Mitmenschen. Ich kenne nur zwei Personen, die mehr oder weniger meiner Meinung sind – mein Freund Nikolaj Podgorny und ein anderer Mann, dessen Name ich nicht nennen möchte. Aber alle Leute, die ich kenne, meine ganze Schule, alle meine Verwandten, sind alle dagegen. Nur ich und Nikolaj.”

“Und Sie beschlossen, mit Nikolaj in Podolsk ein Transparent aufzuhängen mit der Aufschrift “X ** War” … [“F*** War”, Anm. d. Übers.]”

Wlad Kolesnikow mit der ukrainischen Flagge auf der Brust

Wlad Kolesnikow mit der ukrainischen Flagge auf der Brust

“Ja, es begann damit, dass ich beim Militärbüro erklärte, dass ich nicht dienen wolle und auch keinen Krieg gegen meine Brüder führen will. Vielleicht klingt das pathetisch, aber so ist es. Wir haben entschieden, dass wir das nicht länger dulden werden, und alles offen zum Ausdruck bringen werden. Zuerst wollten wir ein Plakat in Moskau aufhängen, aber dann dachten wir, dass es schnell abgerissen wird, und so begannen wir die Suche nach einem geeigneten Platz in Podolsk. Wir liefen lange umher. In der Innenstadt haben wir ein Haus mit einem offenen Dach gefunden und beschlossen, es dort aufzuhängen. Wir gingen in einen Stoffladen, kauften ein Fünf-Meter-Stück gelbes Tuch, wir haben lange ausgewählt welches, wir kauften Farbe. All dies ist teuer für einen Studenten, aber es hat sich gelohnt. Wir brauchten die ganze Nacht, um das Plakat vorbereiten und dabei die Nacht auf dem Dach verbringen.Damit es ein wenig länger hängt, haben wir es mit Eisenseilen befestigt, und die Tür mit einem Schloss versperrt, damit die Polizei nicht durchkommt, sie mussten die Feuerwehr rufen. Ich denke, dadurch haben wir zwei oder drei Stunden gewonnen.”

“Und beim Militär haben Sie einfach erklärt, sie wollen nicht kämpfen?”

“Ich habe keine guten Augen, schon dadurch bin ich nicht für den Militärdienst tauglich. Ich bestand die ärztliche Untersuchung, aber dann bei der Einzugsbehörde: Da stehen Tische in Form eines P, und hinter diesen sitzen Menschen, die einen beurteilen. Ich habe auf meinem Handy die Hymne der Ukraine aufgezeichnet. Die russische Hymne mag ich nicht, weil ich sie verlogen finde. Alles was sie über die Freiheit sagt, und so weiter – reiner Unsinn. Und vor dem Eintritt ins Zimmer beschloss ich, die Hymne der Ukraine abzuspielen, weil ich die russische Armee überhaupt nicht unterstütze und ihr zu dienen als Schande empfinde. So habe ich die Hymne der Ukraine eingeschaltet und sagte: ‘Leute, ich werde nicht in der russischen Armee kämpfen.’ ”

“Wlad, Sie sehen ein, dass Sie ein ziemlich ungewöhnlicher junger Mann sind. Sie haben eine gewisse Immunität gegen die Propaganda, und sogar Furchtlosigkeit …”

Auf der Fahne steht “Gebt die Krim zurück!”

Auf der Fahne steht “Gebt die Krim zurück!”

“In der Tat, ich hatte Glück – ich hatte einfach eine gewisse Zeit keinen Fernseher, ich habe diese ganzen Nachrichten nicht gesehen. Und als ich dann einen Fernsehen hatte, machte ich ihn an und sah diesen ganzen Mist, der dort gezeigt wird. Ich bin zufällig gerade bei der Talkshow gelandet, in welcher Kisseljow heftig argumentiert, dass man die Herzen von Homosexuellen verbrennen muss. Ich sitze da und denke, ist das eine Comedy-Show? Dann begann ich erst zu begreifen, dass das die neuen Nachrichten in Russland sind. Das ist richtig krass, einfach nach allen Grundsätzen der Propaganda Goebbels: von Feinden umgeben, das eigene Land besetzt. So ein Irrsinn.”

“Also, Sie haben die ukrainische Nationalhymne im Militärbüro abgespielt. Die Mitglieder der Personalkommission waren wahrscheinlich fassungslos, als sie das gehört haben?”

“Es war etwas Unglaubliches. Manche Menschen sind vor Schreck erstarrt, einige sprangen auf, fingen an zu schreien: ‘Was machst du? Weißt du, wo du bist?’ Nach einer Weile kam jemand angerannt, ich wurde in einem separaten Raum gebracht, er legte vor mir zwei Akten hin. In der einen stand, dass ich eine Sehschwäche habe, was auch stimmt, und in der zweiten stand Persönlichkeitsstörung und noch etwas anderes. Kurz gesagt, ich bin beim Militär als Verrückter eingestuft, weil ich mit der Hymne der Ukraine eintrat und meine Meinung sagte. Und das war der Wendepunkt. Als sie mir diese Akte vorlegten, erkannte ich, dass ich es nicht mehr ertragen kann. Ich bin nur hinein gegangen, und sie behandeln mich automatisch als Irren.”

“Und Ihre neuestes Kunststück: Sie sind in die Schule gegangen in einem T-Shirt mit der ukrainischen Flagge…”

“Ja. Ich habe schon früher in der Schule meine politischen Ansichten zum Ausdruck gebracht und oft mit den Lehrern darüber disktutiert. Es war klar, dass dabei nichts Gutes rauskommt, aber es ist auch nichts wirklich Schlimmes passiert, außer eine Verschlechterung der Noten und andere Kleinigkeiten. Aber damit (mit dem T-Shirt) wurde es erst lustig. In der Nähe der Schule habe ich einen tollen Klassenlehrer getroffen. Wissen Sie, ich werde diesen Blick nie vergessen: Er guckt mich an, wohl ein adäquater Mensch, und dann sieht er, was auf meinem T-Shirt ist, hebt seinen Blick und ich sehe einen solchen Hass! Danach steige ich die Treppen hoch, gehe in die Klasse, innerhalb von fünf Minuten drehen sich die Mitschüler um, die vor mir sitzen, ich saß in der letzten Reihe, und sagen: ‘Kolesnikow, sollen wir dir jetzt die Fresse einschlagen oder später?’ Nun, versucht es. Ihre Versprechen haben sie, wie Sie sehen können, eingehalten, aber nicht an diesem Tag, sondern einige Tage später, nachdem ich meine Beiträge ins Internet gestellt habe, und sie über sich selbst einiges Interessantes mitgekriegt haben. Ich kann meine politische Position durch Argumente erklären, warum ich glaube, dass die Krim annektiert wurde und warum der Donbas besetzt ist. Ich habe Beweise, ich kenne Leute, die dort gedient haben. Im Fernseher sagen sie, dass unsere Truppen dort nicht sind. In Wirklichkeit ist es natürlich anders. Sie haben keine überzeugenden Argumente gefunden, es lief alles darauf hinaus, dass ich eine Schande für das Land bin,und dass ich die Flagge abreißen muss. Das ist natürlich eine interessante Art, Politik zu betreiben. Es stellt sich heraus, dass freie Meinungsäußerung eine Schande für das Land ist.”

Wlad Kolesnikow war gezwungen, die Schule zu verlassen (er wurde augenblicklich der Schule verwiesen) und auch Podolsk. Der Großvater, mit dem er lebte, teilt seine politischen Ansichten auch nicht, und schickte seinen Enkel zu seinem Vater nach Schiguljowsk. Und gerade rechtzeitig: Wlad rief seinen Großvater an um zu sagen, dass er gut angekommen ist, und erfuhr beunruhigende Nachrichten: Es kamen zwei Männer von der Polizei vorbei und fragten, woher er die ukrainische Flagge habe und wo sein T-Shirt jetzt sei.

Dmitrij Woltschek

Dmitrij Woltschek

“Alle Demokraten Russlands wurden verbannt, und so fühle ich mich auch, wie in der Verbannung. Viele raten mir mittlerweile, nach Kyiw auszureisen. Aber das ist die extremste Option. Wenn jemand denkt, dass ich jetzt hier sitze, einen Antrag auf einen Reisepass stelle, in die Ukraine auswandere und das war’s dann, der liegt falsch. Ich plane von Schiguljowsk nach Moskau zurückzukehren und ein paar Pickets [Einzelprosteste, Anm. d. Übers.] durchzuführen,” verspricht der furchtlose Wlad Kolesnikow.

Artikel von: Dmitrij Woltschek
Quelle: RFE/RL, 12. Juni 2015

Bild: Facebook, RFE/RL
Übersetzt von: Übersetzerteam Euromaidan Press auf Deutsch

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