Moskau lässt die eigenen Männer fallen

Hauptmann Jewgenij Jerofejew und Feldwebel Alexander Alexandrow

Hauptmann Jewgenij Jerofejew und Feldwebel Alexander Alexandrow 

Empfehlung, Krieg im Donbas

Artikel von: Halya Coynash, Charkiwer Menschenrechtsgruppe
Quelle: Charkiwer Menschenrechtsgruppe 8.6.2015

Moskau verhindert, daß die in der Ukraine gefangenen Spetsnaz-Männer Kontakt zu ihren Familien aufnehmen.

[Vorabbemerkung d. Übers.: Im englischen Original steht der Begriff „Kriegsgefangene“. Das ist etwas irreführend und bedarf der Erklärung: „Kriegsgefangene“ sind nach der international anerkannten Definition des humanitären Völkerrechts, Personen die – unabhängig ob der Konflikt, in dem sie kämpfen, als rechtmäßig erachtet wird, oder nicht – „zu Kriegshandlungen berechtigt“ sind. Dafür müssen sie bestimmte Bedingungen erfüllen:

  • Sie tragen die Uniform ihrer Konfliktpartei und sind somit äusserlich von der Zivilbevölkerung zu unterscheiden.
  • Sie tragen ihre Waffen offen.
  • Sie unterstehen einem einheitlichen Kommando.

Irreguläre und paramilitärische Verbände haben keinen Kombattantenstatus, können aber in die Streitkräfte eingegliedert werden, was dem Gegner mitzuteilen ist. Diese Bedingungen erfüllt kein einziger Russe auf ukrainischem Boden.

Das unanständige Verhalten gegenüber den eigenen gefangenen Kämpfern steht übrigens in der Stalinschen Tradition: mit dem berüchtigten Befehl Nr. 270 wurde den Soldaten der Roten Armee verboten, sich gefangennehmen zu lassen. Für den Fall der Zuwiderhandlung wurde nicht nur dem Soldaten, sondern auch ihren Familien harte Konsequenzen angedroht. Diese Drohungen wurden auch wahrgemacht: Selbst Soldaten, die es schafften, aus deutscher Gefangenschaft zu flüchten und sich wieder zu eigenen Einheiten durchzuschlagen, wanderten sofort in den GULAG.

Der Druck auf die Familien, ihre Angehörigen im Stich zu lassen, hat ein historisches, in der gesamten Sowjetunion propagiertes Ideal, das ganz offenbar – trotz allem konservativen Hochhalten der „Familienwerte“ – noch lebendig ist: dass man, im Konflikt zwischen Familienangehörigen und Staat, sich selbstverständlich für die Interessen des Staates zu entscheiden hat. Dies transportierte in der Sowjetunion die Heldengeschichte von Pawlik Morosow, der sich angeblich dem KGB-Vorläufer OGPU schon als 12-Jähriger als Informant angedient hatte, zuletzt den eigenen Vater als „Volksfeind“ angezeigt habe, weil der Vater „Getreide versteckt“ und „Kulaken unterstützt“ habe. Daraufhin sei Morosow von den eigenen Verwandten umgebracht worden. Mittlerweile wird angezweifelt, dass Morosow überhaupt gelebt hat, aber „Informant 001“ wurde Generationen von sowjetischen Kindern als handlungsleitendes Vorbild präsentiert.]

Sergej Kriwenko vom russischen Menschenrechtsrat hat unlängst einen Bericht über seinen Besuch bei den beiden russischen Spetsnaz-Soldaten veröffentlicht, die am 16. Mai in der Ukraine gefangengenommen wurden. Die beiden Männer, Feldwebel Alexander Alexandrow und Hauptmann Jewgenij Jerofejew, bestreiten Russlands Behauptung, sei seien längst keine Militärangehörigen mehr und baten um Hilfe bei der Kontaktaufnahme mit ihren Angehörigen. Alle Telefonnummern, die sie hätten, seinen entweder blockiert oder würden nicht antworten.

Kriwenko erklärt, er habe die Gelegenheit gehabt, die Männer am 1. Juni zu besuchen, als er sich wegen einer Konfenz in Kyiw aufgehalten habe. Die Verwundungen der beiden Soldaten werden im Zentralkrankenhaus des Verteidigungsministeriums in Kyiw behandelt, und Alexandrow musste sich einer Operation unterziehen. Die Ärzte sagen, ihnen sei es gelungen, eine Amputation seines Beines abzuwenden.

Kriwenko stellt weiter fest, dass die Umstände für die Männer gut seien; jeder habe ein sauberes und helles Einzelzimmer. Keiner der beiden hatte irgendeine Klage, und sie bestritten beide kategorisch, dass sie gefoltert oder sonst irgendeine Form von psychischem Druck ausgeübt worden sei, wie das russische Fernsehen behauptet hatte. Keiner der beiden erschien deprimiert und beide „halten sich mit Würde“.

Ihre wichtigste Sorge ist, wie bereits erwähnt, dass sie daran gehindert seien, Verbindung mit ihren Familien aufzunehmen. Deswegen baten sie Kriwenko und den Menschenrechtsrat um Hilfe.

Nach früheren Medienberichten gibt es Grund zur Besorgnis. Moskau hat die Männer definitiv fallen gelassen und behauptet, zur Zeit ihrer Gefangennahme seien sie keine aktiven Spetsnaz-Soldaten gewesen. Das steht vollkommen in Widerspruch zu der Aussage, die die Männer frei und unbeeinflusst gegenüber verschiedenen Medien und jetzt gegenüber einem Mitglied von Putins eigenem Menschenrechtsrat gemacht haben.

Es sind auch Videos abrufbar (Video-1 und Video-2), die von den Mobiltelefonen der beiden gefangenen Männer stammen sollen und die zeigen, wie die Geheimdienst-Sabotage-Einheit des russischen Militär-Nachrichtendiensts (GRU) aufgebaut ist, von dem nicht nur die Ukraine, sondern auch die Männer sagen, dass sie in dieser Einheit gewesen seien.

Selbst, wenn die beiden Männer tatsächlich Söldner wären, wie Russland behauptet, würde es nicht nötig sein, sie daran zu hindern, mit ihren Familien zu sprechen.

Ende Mai besuchte Pawel Kanygin von der russischen Nowaja Gaseta die beiden Männer zum zweiten Mal. Er hatte schon einmal mit den beiden Männern gesprochen, die ihm im Detail von der Erkundungsarbeit berichtet hatten, mit der sie als russische Militärangehörige befasst waren. Kanygin schreibt weiter, daß er nicht geplant hatte, Photos zu machen, doch die Männer baten ihn darum und erklärten ihm, daß dies der einzige Weg sei, wie sie mit ihren Familien in Kontakt treten könnten. Sie versuchten in seiner Gegenwart wieder, sie anzurufen und fanden erneut heraus, daß niemand antwortete, oder dass ihnen gesagt wurde, die Nummer sei „nicht erreichbar“.

Dies bestimmte den ergreifenden Titel von Kanygins Bericht: „Es ist mir noch nie passiert, daß ich meine Mutter anrief und sie antwortete nicht.“ Das waren Alexandrows Worte, der hinzufügte, dass er seine Frau sogar vor der Hochzeit auch um zwei Uhr nachts habe anrufen können und sie habe die Anrufe immer entgegengenommen.

Nun ist Schweigen

Nun ist Schweigen. Oder schlimmer noch: Es gab ein Interview auf Rossija-24, in dem seine Frau dem Interviewer erzählte, dass Alexandrow die Streitkräfte im Dezember 2014 verlassen habe. Er gibt zu, dass ihn das schwer getroffen habe, doch er verteidigt seine Frau: sie sei nicht verantwortlich.

Nicht zum ersten Mal wurden Ehefrauen unter Druck gesetzt, Aussagen zu machen, die den Tatsachen widersprachen. Wie hier berichtet wurde, behauptete die Ehefrau – oder jemand, der vorgab, die Ehefrau zu sein – am Telefon, dass ihr Mann nicht nur am Leben sei, sondern neben ihr stehe, und übergab das Telefon. Das fand statt, nachdem Lew Schlosberg im August 2014 zum ersten Mal Informationen über den Tod der Pskower Fallschirmjäger veröffentlicht hatte. Es ist nicht klar, mit wem die Journalisten gesprochen haben, doch das Grab von Kichatkin kann man im Oblast Pskow finden.

Kanygin erteilt Feldwebel Alexandrow das Schlusswort:

„Ich glaube, es liegt in unserer gemeinsamen Macht, all dem ein Ende zu machen, damit weder unsere noch die ukrainischen Jungs weiter in den Krieg ziehen müssen. Denn jeder von uns und ihnen ist jemandes Bruder, Freund, Vater oder Sohn.“

Krivenkos Einschätzung

Hier wenden wir uns wieder der Bewertung von Kriwenko zu. Er sagt, er wolle als Mitglied des russischen Menschenrechtsrats die Verteidigung der beiden Männer beobachten. Er erklärt, die beiden Männer seien wegen Terrorismus angeklagt und man habe ihnen Rechtsvertretung durch Russisch sprechende Anwälte gestellt. Sie sagen, sie seien mit ihren Anwälten zufrieden. Die Anwälte sagen, die Terrorismusanklage kann zu einer lebenslänglichen Freiheitsstrafe führen, doch sie wollten versuchen, die Anklage auf „Spionage“ umzuändern, denn Spionage sei (nur) mit 10 bis 15 Jahren strafbewehrt. Doch das sei nur möglich, wenn sie beweisen könnten, dass Alexandrow und Jerofejew gegenwärtig Angehörige der russischen Streitkräfte seien.

„Während unserer Gespräche bestätigten die gefangenen Männer selber, dass sie bis zu ihrer Gefangennahme russische Soldaten gewesen seien. Niemand habe ihnen eine Entlassungsanordung gezeigt und ihre Verpflichtungszeit sein auch noch nicht zu Ende.“

Die russischen Behörden müssen noch offiziell auf das Ersuchen der Rechtsanwälte antworten, Identität und Status der beiden Männer zu bestätigen. Kriwenko weist darauf hin, dass man bei den Beiden, als sie gefangengenommen wurden, keinerlei Dokumente gefunden habe. Er bestätigt, dass man ihre Namen und ihren Status nur aus ihren eigenen Erzählungen kenne.

Das mag formell der Fall sein, doch Russland hat jetzt bestätigt, dass die beiden Spetsnaz-Soldaten sind. Russland leugnet nur, was es seit dem August letzten Jahres leugnet – mit abnehmender Glaubwürdigkeit. Damals erschienen die ersten Berichte über russische Soldaten, die als Kämpfer in Russlands unerklärtem Krieg in der Ukraine getötet worden waren.

Das Leugnen in diesem Fall hat den zwei russischen Soldaten demonstriert, was es auch anderen zeigen sollte: Nicht nur dass der Kreml nicht nur bereit ist, Männer für seine zweifelhaften Ziele zum Kämpfen, Töten und oft auch zum Sterben zu schicken, sondern auch, dass er die Männer jetzt ihrem Schicksal überlässt und sogar ihre Familien unter Druck setzt, sie im Stich zu lassen.

Artikel von: Halya Coynash, Charkiwer Menschenrechtsgruppe
Quelle: Charkiwer Menschenrechtsgruppe 8.6.2015

Übersetzt von: Übersetzerteam Euromaidan Press auf Deutsch

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