Die Bedeutung der Anti-Kriegs-Protestdemos in Donezk

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Analytik und Meinungen, Empfehlung, Krieg im Donbas, Meinung & Analyse

Artikel von: TSN
Quelle: TSN.ua 15.6.2015
Quelle: Euromaidan Press (engl.) 16. Juni 2015

Am Montag, den 15. Juni protestierten Bewohner aus dem Dorf Schowtnewe (Жовтневий), die über den konstanten Artilleriebeschuss empört waren, mit einer Demonstration in Donezk. Die Menschen versammelten sich vor dem Gebäude der sogenannten “Regierung der Donezker Volksrepublik” (DVR) im früheren Verwaltungsgebäude der Oblast Donezk und blockierten die Artjom-Straße.

Sachartschenko diskutiert mit der Menschenmenge (Foto Reuters)

Sachartschenko diskutiert mit der Menschenmenge (Foto Reuters)

Die empörten Dorfbewohner forderten den “DVR”-Anführer Alexander Sachartschenko auf, die militärischen Operationen in ihrem Dorf sofort einzustellen. Sachartschenko erschien in Begleitung von Leibwächtern mit automatischen Waffen, um mit den Demonstranten zu sprechen, war aber nicht in der Lage, die Menschenmenge zu beruhigen.

TSN.ua befragte Journalisten und Donezker Einheimische nach ihren Ansichten über die Bedeutung und die Folgen der Proteste im Zusammenhang mit dem Konflikt im Donbas:

ichelsonJewhen Ichelson, Journalist, inpress.ua:

“Vielleicht haben einige der Leute einfach ihren Mut zusammengenommen. Ich bin in ständigem Kontakt mit vielen Menschen aus dem Gebiet Donezk, und soweit ich weiß, will niemand wirklich den Krieg. Niemand will kämpfen. Ohne die Freiwilligen aus dem Nachbarland, die in der Ukraine kämpfen wollen, wäre der Kampf längst zu Ende.

Versuchen Sie es doch einfach, in Donezk Bewohner zu mobilisieren, um in den Kampf mit der Ukraine zu gehen. Es gibt nur sehr wenige Freiwillige unter den Menschen, die noch da sind sein. Geld? Was ist Geld? Das Leben ist mehr wert. Fragen Sie die Bewohner von Donezk jetzt, ob sie gegen Kyiw kämpfen oder Mariupol erobern möchten. Wollen sie das? Ich bin überzeugt, das das nicht der Fall ist. Sie wollen Frieden, Ruhe, die Rückkehr zum normalen Leben in der Ukraine – vielleicht unter einigen neuen Bedingungen. Aber das ist nicht wichtig, da dies von der Politik entschieden wird. Zunächst einmal muss das Töten gestoppt werden.

Ich hoffe, dass meine Worte werden von Menschen, die dort geblieben sind, gehört werden. Wirklich, eine Demonstration ist der am besten geeignete Ansatz. Man muss den Frieden fordern, nicht nur von der Ukraine, sondern auch von der “DVR”. Dies sind die Leute, die in Richtung der Ukraine schießen, und deshalb wird ihr Feuer erwidert. Wenn die Menschen Frieden wollen, müssen sie Lösungen von denen verlangen, die da sind. Das ist sehr wichtig. Ich schrieb darüber schon vor längerer Zeit: Die erste echte Chance für wirklichen Frieden wird mit der ersten Demonstration in Donezk kommen. Es gibt viele anständige Menschen in Donezk, die ihren Mund öffnen sollten. Sie müssen nicht auf die Straße gehen. Es ist reicht, über das Internet zu sagen, was sie zu denken, heute Kyiw die Hand zu reichen, ebenso Saporuschschja, Dnipropetrowsk, Charkiw. Und es gibt hier Leute, die das verstehen.

Ich weiß nicht, ob sich diese Demonstrationen fortsetzen werden. Vielleicht werden morgen all diese Menschen aufgegriffen und inhaftiert werden. Niemand weiß es. Aber ich würde gerne glauben, dass der Mut dieser Menschen von heute eine Rolle spielen wird.

Zunächst einmal ist es sehr wichtig für die Menschen in Donezk, eine Stimme haben. Denn wenn wir normalen Bürger heute an sie appellieren, um jemanden zu finden, mit dem man über die Zukunft nur von Bürger zu Bürger verhandeln kann, dann müssten sich einige Vereinigungen oder zivilgesellschaftliche Gruppen in Donezk zu erkennen geben, mit denen man heute über den Frieden und nicht über den Krieg sprechen kann. Diese Demonstration ist ein Prototyp eines solchen Dialogs.”

schuklinowPetro Schuklinow, Blogger, Journalist, Liga.net

“Die Ereignisse in Donezk sind kein Grund zur Freude oder Trauer. Gemessen an der Rhetorik der Demonstration haben die Menschen es noch nicht verstanden, was passiert ist und wer ist schuld. Und dies hängt immer noch direkt mit der Tatsache zusammen, dass sie die Folgen des Krieges immer noch nicht ausreichend erlebt haben.

Tatsache ist, dass sie für ihre Wahl – “Putin, schick Truppen” – bezahlen müssen. Und nicht nur mit ihrem eigenen Leben, sondern mit dem Leben ihrer Kinder und Enkelkinder. Und wenn die Bewohner von Donezk und Luhansk ihre Kinder begraben, dann sollten sie bedenken, dass sie diejenigen waren, die zu den Volksabstimmungen gingen und ihr eigenes Land in den Krieg gezerrt haben. Sie haben erreicht, was sie wollten.

Um die Wahrheit zu sagen, auf Grund meiner Gespräche mit Ukrainern aus allen Regionen des Landes kann ich sagen, dass es den meisten Ukrainern gleichgültig ist, was mit Donezk und Luhansk passiert. Das ist ihnen völlig egal. Wir haben unser Leben, unsere Probleme. Zum Beispiel, wie man den wirklichen Patrioten helfen kann, die besetzten Gebiete zu verlassen. Und die Verräter in Donezk und Luhansk sind nicht für jeden von Interesse. Lassen Sie sie küssen, die Terroristen, lassen Sie sie mit dem Gabelstapler hochheben. Die Ukraine hat zu diesen Menschen, die zu den Volksabstimmungen gingen, Lebewohl gesagt.”

harmaschSerhij Harmasch, Journalist, Radio RFE/RL

“Über die heutige Demo in Donezk berichteten wir in unserem Beitrag, dass um die 500 Leute kamen, vor allem Frauen – die Bewohner des Dorfes Schowtnewe, neben dem Flughafen. Ihre Forderungen klangen zweideutig. Die Leute haben nicht gefordert, die militärischen Einsätze zu stoppen, wie es von vielen in unseren Medien berichtet wurde, sondern die Front weg von ihrem Dorf zu verschieben oder es zu entmilitarisieren.

Weil ein Abzug der Waffen in Donezk jetzt praktisch gleichbedeutend mit dem Aufgeben gegenüber der ukrainischen Armee ist, scheint das nicht das dort vorhandene Denken zu sein. In der Tat könnte die Demonstration von heute von den Militanten als Rechtfertigung für einen weiteren Angriff verwendet werden – mit anderen Worten, um die ukrainischen Truppen “auf Verlangen der Arbeiter” aus den Wohngebieten der Stadt zu vertreiben. Das ist ein gefährliches Syndrom. Besonders, wenn es sich herausstellt, dass die Demonstration organisiert war.

Aber bisher haben wir keine Informationen über so etwas. Nach unseren Korrespondenten waren die Leute sehr angespannt, und die Angriffe der letzten Tage liefern einen logischen Grund für eine solche Maßnahme. Wenn die Demonstration nicht von politischen Technologen angezettelt wurde, dann wäre das aus mehreren Gründen positiv. Einer von ihnen ist, dass es sich um einen Präzedenzfall handelt, dass es möglich ist, in der “DVR” zu protestieren und nicht unterdrückt oder getötet zu werden. Unter Bedingungen, wenn eine effektive Informationsarbeit mit der Bevölkerung in den besetzten Gebieten durchgeführt werden kann, könnte daraus eines der Instrumente des politischen Drucks auf die Separatisten und Moskau werden.”

sasonowKyrylo Sasonow, Politikwissenschaftler, Blogger, Journalist

“Die Leute sind sehr müde. Sie sind des Krieges, der Angriffe, der Unsicherheit müde. Die Verzweiflung hat viele von ihnen zum öffentlichen Protest bewegt. Die Demonstration wurde nicht von der Führung der Militanten organisiert, wie aus den sich widersprechenden Slogans und Forderungen hervorgeht. Einige Leute forderten ein Ende der Offensive, den Rückzug statt eine Vorwärtsbewegung der Frontlinie. Andere forderten die Militanten auf, den Beschuss auf ukrainisch Positionen aus den Wohngebieten zu beenden, mit der sie nur Vergeltungsschläge provozieren . Eine Reihe von Menschen wollen in andere Gebiete umziehen, andere beschimpften die DVR ganz offen.

Das war eigentlich nicht die erste Demonstration und nicht der erste Protest. So etwas geschieht in regelmäßigen Abständen in in den besetzten Gebieten von Donezk und Luhansk. Bergleute und Angestellte des Staates fordern Lohnzahlungen, und die Menschen am Rande des Verhungerns fordern, dass Lebensmittel verteilt werden. Es ist einfach so, dass die Aktionen in der Stadtmitte von Donezk am Ende im Fernsehen übertragen werden, aber in den Vororten und in den kleinen Städten bleiben ähnliche Aktionen unbemerkt.

Da sich die wirtschaftliche Lage in den selbsternannten Republiken verschlechtert, wird die Anzahl dieser Proteste wachsen. Aber es ist wichtig zu beachten, dass jeder Protest nur zulässig ist, solange die Militanten es irgendwie zu ihrem Vorteil wenden können. Zum Beispiel, um freien Verkehr zu und vom Territorium unter ukrainischer Kontrolle zu verlangen. Um den Frieden zu den von ihren Strippenziehern in Moskau vorgeschlagenen Bedingungen zu verlangen. Aber jede pro-ukrainische oder Anti-DVR-Demo wird sofort mit allen Mitteln unterdrückt werden, selbst wenn dabei auf Demonstranten geschossen werden muss.”

Anmerkung der Redaktion: In späteren Interviews mit russischen Medien behauptete Sachartschenko, dass die Demonstration eine Provokation durch eine “fünfte Kolonne” war, die nach einem in Kyiw entwickelten “Szenario” organisiert worden sei.

Artikel von: TSN
Quelle: TSN.ua 15.6.2015
Quelle: Euromaidan Press (engl.) 16. Juni 2015

Übersetzt von: Übersetzerteam Euromaidan Press auf Deutsch

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