Soldatenmutter fordert von Russland: Lasst meinen Sohn nicht hängen

File photo of Alexandrov speaking during an interview at a hospital in Kiev

 

26. Juni 2015 • Krieg im Donbas, Nachrichten, Russland

Artikel von: Marina Tsvetkova
Quelle: Reuters, 25.6.2015

Feldwebel Alexandrow, der mit seinem vorgesetzten Offizier von den Ukrainern gefangengenommen wurde. Da die beiden auch von ihrem Heimatland nicht als von den Genfer Konventionen geschützte, aktive Soldaten anerkannt werden, sehen sie sich jetzt in der Ukraine einer Anklage wegen Terrorismus gegenüber, die ihnen beiden eine lebenslange Gefängnisstrafe einbringen kann. Die Bilder wurden während des Interviews mit Reuters aufgenommen.

A man, who according to Ukraine's state security service (SBU) is named Alexander Alexandrov and is one of two Russian servicemen detained by Ukrainian forces, speaks during an interview with Reuters at a hospital in Kiev, Ukraine, in this May 28, 2015 file photo. REUTERS/Valentyn Ogirenko/Files

Roschki, Russland (Reuters) – Die Mutter eines russischen Soldaten, der in der Ukraine gefangengenommen worden war, sagte, ihr Sohn habe ihr niemals erzählt, er habe die Armee verlassen, und weckte Zweifel an den Behauptungen des Kreml, Alexandrow sei schon längst kein aktiver Soldat mehr gewesen, als er die Grenze überquert habe.

Sinaida Alexandrowa, 58, sagt, sie würde vermeiden, russisches Fernsehen zu schauen, seit sie aus einer Nachrichtensendung erfahren habe, dass ihr Sohn in der Ukraine im Gefecht verwundet und dann gefangengenommen worden sei.

Russland leugnet, Truppen zur Unterstützung der Separatisten in die Ostukraine geschickt zu haben, und sagt, Alexander Alexandrow, und sein Vorgesetzter, Hauptmann Jewgenij Jerofejew, hätten ihre Spezialkräfte-Einheit verlassen, um auf eigene Faust zum Kämpfen in die Ostukraine zu gehen. [Anm. d. Übers.: Womit auch gesagt wird, dass sie keinerlei Ansprüche – mehr – gegen ihren Dienstherrn haben]

Der Kremlsprecher Dmitri Peskow sagte, die beiden seien gewöhnliche russische Zivilisten, die jetzt gefangengehalten würden. Außenminister Sergej Lawrow sagt, die Regierung lasse die Beiden nicht im Stich.

Vergangenen Monat berichtete Alexandrow Reuters in einem Interview aus seinem Kiewer Krankenhausbett, er sei aktiver Soldat in den russischen Spezialkräften gewesen, als er in die Ukraine geschickt wurde.

„Ich habe niemals einen Entlassungsantrag geschrieben“, sagte er. „Ich habe meine Befehle ausgeführt“.

Der Fall – und andere ähnliche – haben zu Zweifeln geführt an Präsident Putins Aussage, er habe weder russische Soldaten noch Ausrüstung in die Ostukraine entsandt. Russland meint, die Männer, die jetzt schwer bewacht in einem Krankenhaus liegen, hätten ihre Aussagen möglicherweise unter dem Druck von Kyiw gemacht.

Alexandrows Mutter spricht zum ersten Mal öffentlich über den Fall ihres Sohnes und sagt, er habe ihr nie von Plänen erzählt, die Streitkräfte zu verlassen. „Nein, davon hat er nie etwas gesagt, sagt sie während eines Interviews in ihrem Haus im Dorf Roschki, 350 km nördlich von Togliatti, der Stadt an der Wolga, wo ihr Sohn gedient hatte, bevor er in die Ukraine ging.

„Ob er ging, ohne uns zu informieren oder nicht, die Regierung darf es nicht ihm überlassen, für sich selber zu sorgen. Ich weiß nicht, was die Behörden tun. Mir sagen sie nichts. Wem soll man denn glauben?“ Sie fügt hinzu: „Nach alledem schaue ich kein Fernsehen mehr. Ich kann es einfach nicht. Man sagt mir ja nichts.“

Alexandrow wurde am 16. Mai gefangengenommen und wurde von den ukrainischen Behörden wegen Terrorismus angeklagt. Die Soldaten bestreiten das und sagen, sie hätten niemanden getötet.

Alexandrow, 28, sagt, er glaube, die russischen Behörden hätten seine Frau Jekaterina, die in der Personalabteilung seiner Einheit dient, unter Druck gesetzt, dem russischen Staatsfernsehen zu sagen, er habe, bevor er in die Ostukraine gegangen sei, die Streitkräfte verlassen.

Seine Mutter, eine schlanke Frau, die jünger aussieht, als sie ist, sagte, ihre Schwiegertochter habe ihr auch  nichts über Alexandrows Verschwinden gesagt. „Ein solches Gespräch hat nicht stattgefunden.“

Mit Alexandrows Ehefrau hat Reuters nicht sprechen können, auf Anrufe reagierte sie nicht.

DAS GEFÜHL, ABGELEHNT ZU WERDEN

Ukraine und die NATO-Länder sagen, dass Hunderte von russischen Soldaten in der Ukraine für die pro-Moskau-Separatisten in der Ukraine in einem Krieg kämpfen, in dem schon 6.400 Menschen getötet worden sind. Moskau sagt, wenn irgendwelche russischen Soldaten auf ukrainischem Territorium seien oder von Kräften Kiyws gefangengenommen worden seien, so seien das entweder Freiwillige oder sie hätten die Grenze versehentlich überquert.

Sinaida seufzte, als sie die Aufnahme mit dem Interview hörte, das ihr Sohn Reuters gab und in dem er sagte, es sei für ihn schmerzhaft, aus Moskau zu hören, dass er nicht länger Soldat sei.

Alexandrows Vater, ein pensionierter Major der sowjetischen Grenzschutzflieger hat auch kurze Zeit im sowjetisch-afghanischen Krieg 1979-1989 gekämpft. Er wollte sich nicht interviewen lassen.

Alexandrowa hat seit seiner Gefangennahme nicht mehr mit ihrem Sohn, dessen Bein bei einem Schusswechsel zertrümmert wurde, gesprochen. Er sagte, er habe von verschiedenen Nummern versucht, sie anzurufen.

„Ich habe immer eingehängt, weil ich die Nummern nicht kannte. Was, wenn der SBU (ukrainischer Geheimdienst) mich bedroht hätte? Ich habe mit niemandem Kontakt. Wie hätte ich wissen können, dass das Sascha war?“, sagte sie und gebrauchte den Kosenamen für den Vornamen ihres Sohnes – Alexander.

Alexandrowa sagte, sie wünsche sich, dass Moskau ihrem Sohn und seinen Kampfgenossen helfen möge „um sie von dort rauszubringen“.

Sie sagt: „Ich will nur meinen Sohn zurück.“

 

Vergleiche dazu: Bericht im Spiegel über die Behandlung eines ukrainischen Soldaten, der in die Gefangenschaft der sogenannten “Separatisten” geriet, und die beiden russischen Gefangenen, um die es im obigen Reuters-Artikel geht:
Gefangen im Krieg: Zwei russische Armee-Angehörige und ein Oberst aus der Ukraine berichten

Artikel von: Marina Tsvetkova
Quelle: Reuters, 25.6.2015

Bild: Reuters
Übersetzt von: Übersetzerteam Euromaidan Press auf Deutsch

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