So wirkt die prorussische Internet-Propaganda – Finnen wurde eingeredet, den Lügen zu glauben

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27. Juni 2015 • Analytik und Meinungen, Empfehlung, Meinung & Analyse, Russland, Soziales

Artikel von: Jessikka Aro, YLE
Quelle: Yle Kioski, 24.6.2015

Die Heckenschützen des Informationskrieges, die pro-russischen Internet-Trolle, haben ihr Ziel erreicht: sie dominieren die Online-Diskussionen der Finnen. Als Ergebnis der Propaganda haben einige Finnen ihre Meinung über das Verhalten Russlands verändert.

Bitte beachten Sie! Die Zitate in Boxen in diesem Artikel sind typische Troll-Nachrichten. Sie veranschaulichen, wie Russland und die damit verbundenen Online-Diskussionen gestört werden.

Die Trolle, die pro-russische Propaganda online verbreiten, haben die Finnen zum Schweigen gebracht und ihnen Angst und Misstrauen eingeflößt.

Darüber hinaus haben die pro-russischen Internet-Lobbyisten die Vorstellungen der Finnen über die Ereignisse in der Ukraine und das Verhalten Russlands manipuliert sowie die Grenze zwischen Wahrheit und Lüge verwischt. Die Informationen in diesem Artikel basieren auf Beiträgen von Finnen an Yle [größter finnischer Fernsehsender, Anm. d. Übers.], der Beobachtung von Diskussionsforen und Interviews von mehreren Experten.

Viele Finnen beschreiben, dass sie vor Trollen Angst haben und deswegen den Themen rund um Russland nicht mehr folgen und Diskussionen über Russland insgesamt vermeiden. In einem vorhergehenden Artikel haben wir Ihnen die beliebtesten Internetseiten aufgelistet und die Wirkungsweisen von anonymen Propagandaschreibern dargestellt.

Ein Finne nannte die massive Flut von Troll-Beiträgen als “überwältigend” und sagte, er/sie sei deswegen gezwungen gewesen, jegliche Online-Debatte dazu aufzugeben.

Ein anderer sagt, dass er/sie sich in der Regel aus den Diskussionen zurückzieht, weil er/sie “eine friedliebende Person ist”. Einer, der über die Ukraine und die Krim online diskutierte, berichtet über Angstzustände, nachdem anonyme pro-russische User ihn/sie beschimpft und damit gedroht hatten, ihn/sie “zum Schweigen zu bringen”.

“Du bist ein Nazi.”

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Eine Entscheidung kann scheinbar unabhängig sein

Die Reaktionen der Finnen sind einerseits erschreckend aber auch nachvollziehbar. Das Ziel der Propaganda, Beschimpfungen und Lügen liegt insbesondere darin, einen psychologischen Effekt zu erzeugen, sagt ein finnischer Experte, der die Informationskriegsführung im Internet studiert hat und anonym zu bleiben wünscht.

Die Wirksamkeit der Propaganda gründet sich auf die Art der von Russland geführten psychologischen Informationskriegsführung. Die führende taktische Doktrin ist die Idee der “reflexiven Kontrolle”: Das Ziel der Informationen, mit denen die Menschen gefüttert werden, ist, sie dazu zu zwingen, – scheinbar unabhängig – bestimmte Entscheidungen zu treffen.

Und zu den scheinbar unabhängigen Entscheidungen kann beispielsweise gehören, nicht mehr an Web-Diskussionen teilzunehmen oder seine Meinung über das Verhalten Russlands in eine günstigere zu ändern.

Neben dem Zum-Schweigen-Bringen kann das Ziel zum Beispiel auch sein, die Zielperson zu provozieren, sich selbst zu verteidigen, sagt Torsti Sirén, außerordentlicher Professor an der Maanpuolustuskorkeakoulu (Nationale Verteidigungshochschule Finnlands).

  • “Wenn die Zielperson von Anschuldigungen sich selbst in der Öffentlichkeit verteidigt, bekommt der Gegner öffentliche Aufmerksamkeit. Und wenn die Zielperson die Debatte weiterführt oder den Gegner beleidigt, nachdem sie provoziert wurde, dann gibt es möglicherweise Beschwerden und Gerichtsverfahren gegen sie,” sagt Sirén.

Während des Ukraine-Kriegs wurde Sirén nach seinen Aussagen über Russland in sozialen Medien und Blogs verleumdet und als “faschistisches Schwein” bezeichnet.

  • “Offensichtlich gehen Beschimpfungen und Verleumdungen in der Regel nach hinten los und richten sich gegen den Urheber selbst. Finnen sind bewusste und gebildete Menschen und verstehen, was Propaganda ist und was nicht. Lassen wir sie doch einfach weitermachen und andere Menschen beleidigen,” sagt Sirén.

Ein dritter finnischer Experte bestätigt Siréns Ansichten, was das Ziel der Trolle angeht. Sie beabsichtigen, diejenigen Diskussionsteilnehmer unmöglich zu machen, die Russlands Vorgehen offenlegen oder anderweitig kompetent sind, indem sie ihren Ruf ruinieren.

Es ist eine bekannte psychologische Tatsache, dass es viel einfacher ist, ein negatives Image zu verbessern als es zu widerlegen – auch wenn man versucht, neue Informationen zu verteilen.

  • “Wenn es gelungen ist, eine sehr negative Reaktion bei jemandem hervorzurufen, wird diese Person auch in der Zukunft eine negative Haltung gegenüber der gleichen Sache einnehmen,” sagt ein Experte, der wegen seiner Arbeit anonym bleiben will und ebenfalls Opfer von pro-russischen Trollen in sozialen Medien war.

Das Ergebnis ist das gleiche, egal ob derjenige, der Personen online belästigt oder Desinformation verteilt, ein bezahlter Berufs-Troll ist oder jemand, der aus anderen Gründen Propaganda verbreitet – und davon gibt es eine Menge in den von Finnen frequentierten Foren.

“Du bist ein Faschist.”

Unverständliche Threads, Wahrheit ist nirgendwo zu finden

Der finnische Blogger Janne Riiheläinen beschreibt seine Erfahrungen als Opfer von pro-Russland-Trollen (auf Finnisch).

Viele Finnen, die von die Meinungen manipulierenden Trollen ins Visier genommen wurden, haben jedoch auch gesagt, dass die Trolle keinerlei Einfluss auf sie oder ihre Aktionen hatten.

Gleichzeitig sagten uns einige von ihnen, dass durch den konstanten Fluss falscher Online-Informationen es schwerer zu verstehen sei, was in der Ukraine geschieht.

Die Pro-Russland-Trolle haben in der Tat den Bürgern eine Welt der Lüge, Vertuschung und Verwirrung präsentiert, sagt Janne Riiheläinen, der auch zum Opfer der Aktivitäten von Trollen geworden ist. Riiheläinen schreibt einen Blog über Sicherheitspolitik und beteiligt sich aktiv an Diskussionen über Twitter.

Aufgrund der vorsätzlichen verwirrenden Informationen ist es seiner Meinung nach kein Wunder, dass die Leute die Wahrheit nicht mehr von der Lüge unterscheiden können und nicht das Gefühl haben, sicher zu sein.

  • “In einem Krieg werden Gebäude und die Infrastruktur der Gesellschaft zerstört. In der Informationskriegsführung wird das Vertrauen zerstört,” sagt Riiheläinen.

Wegen der Propaganda und Manipulationen, um einen Streit zu verursachen, sind viele Diskussionsthreads über die Ukraine oder Russland fast unverständlich, da die Gesprächspartner ständig auf anonyme Angriffe reagieren und Desinformation berichtigen müssen.

Der größte von Trollen auf dem größten russischsprachigen Diskussionsforum in Finnland, Russian.fi, verursachte Schaden ist die Tatsache, dass sie andere Gesprächspartner provozieren und in Streit verwickeln, sagt Veronika Solovian, Administratorin des Forums.

Allerdings kann man Trolle nicht einfach so aus dem Forum entfernen, weil sie in der Regel nicht gegen die Regeln der Seite verstoßen. Administratoren können auch fast nie ganz sicher sein, ob ein Benutzer ein Troll ist oder nicht, und wo die Grenze des Trolling ist.

Solovian glaubt, dass man das Forum für den Fall, dass aktiv gegen die Trolle vorgehen würde, sofort als russlandfeindlich bezeichnen würde.

  • “Wir wollen eine solche Einstufung nicht. Wir wollen uns besonders als kostenloses Forum positionieren, in dem alle Meinungen zulässig sind, solange die Menschen, die ihre Meinungen äußern, nicht gegen die Regeln für Diskussionen verstoßen.”

Auf Russian.fi gibt es als eine der möglichen Lösungen ein eigener “geschlossener Bereich”, in dem die fanatischsten Benutzer und Trolle allein streiten können. “Der geschlossene Bereich” ist für nicht registrierte Benutzer nicht einmal sichtbar.

  • “Darüber hinaus werden die ganz fanatischen Regelbrecher oder Benutzer, die auf dem Forum eindeutig eine schlechte Atmosphäre schaffen, aus dem Forum ausgeschlossen, egal ob sie Trolle sind oder nicht,” sagt Solovian.

“Du bist russlandfeindlich.”

Viele Finnen verbreiten selbst Propaganda

Propaganda im Internet auf Russisch, Englisch und Finnisch und durch Fotos und Videos hat aber auch andere Effekte.

Viele Menschen haben damit begonnen, in ihren eigenen Netzwerken manipulierte Fotos und Desinformation als echt zu verbreiten.

  • “Wie aus seinem Status-Update hervorgeht, hat einer meiner Facebook-Freunde damit begonnen, Venäjän Ääni (Die Stimme Russlands) zu hören und die Webseite Verkkomedia.org  zu lesen. Jetzt sind die eigenen Kommentare meines Freundes auf Facebook sehr pro-Putin und pro-Russland geworden, das scheint ein wenig überraschend und seltsam für mich,” sagt ein Finne.

Darüber hinaus haben viele Finnen während des Ukrainekriegs begonnen, in einer aggressiven Art und Weise pro-russische Propaganda zu verbreiten: durch Beleidigungen von Menschen, die an Diskussionen über Russland teilnehmen, und indem sie über sie in abwertender Weise sprechen.

Auf Facebook gibt es mittlerweile unzählige Gruppen, in denen die Mitglieder mit gegen den Westen gerichteten Beiträgen aufgepeitscht werden. Finnische Politiker, Forscher und andere Experten, die über Russland diskutieren, werden verleumdet. Die finnischen Medien werden als unzuverlässig eingestuft, während die russischen Medien als vertrauenswürdig gekennzeichnet werden.

In diesen Gruppen erheben aktive Mitglieder am Fließband offizielle Beschwerden bei den Behörden und zetteln den Versand von E-Mails mit Verleumdungen an Hunderte von Journalistenkollegen an, die über Russland berichten. Die öffentliche Diskussion über das Thema wird in jeder auch nur annähernd möglichen Weise gestört.

Was auch immer die Motive der finnischen Autoren von Desinformation sind, ihre Tätigkeit unterstützt die Ziele der russischen Führung. Die Facebook-Gruppen sind bei den verschiedensten pro-russischen gefälschten Profilen sehr beliebt, und sie tragen in der Regel einen irreführenden Namen. Immer mehr Finnen kommen in diese Gruppen und werden mit der darin gelieferten Desinformation überschüttet.

“Du bist vom CIA.”

Ehemaliger Mitarbeiter in Putins unmittelbarer Umgebung: Die Menschen sind psychologisch nicht vorbereitet

Der Informationskrieg wird in Russland schon seit Jahren geführt, und die Manipulation hat Millionen von Russen betroffen, sagt Andrey Illarionov, ein ehemaliger Berater von Präsident Wladimir Putin. Derzeit arbeitet Illarionov als Wissenschaftler beim Cato Institute. Er trat im Jahr 2005 zurück und stellte fest, dass Russland ein autoritäres und undemokratisches Land ist.

Illarionov hatte Russlands Vorgehen in der Ukraine vorhergesagt und erinnert uns daran, dass Information in der modernen Informationsgesellschaft eine sehr kostengünstige Waffe ist. Sie ist billig, effektiv und in der Lage, sich über die Grenzen von Ländern zu bewegen.

  • “Es gibt nur eine Grenze: die Sprache. Aber jeder versteht Bilder, unabhängig von der Muttersprache,” sagt Illarionov. Er hielt im vergangenen Herbst einen Vortrag in Tallinn und beschrieb, wie ein kleines Land sich für den Informationskrieg vorbereiten kann.

Die russischen Staatsmedien wie RT und Sputnik, die jetzt auch Online-Nachrichten in Finnisch liefern, veröffentlichen ständig desinformative Fotos und Videos. Im März wurde eine riesige Bilddatenbank einer Trollfabrik offenbart. Es ist voller Foto-Manipulationen, die für die Veröffentlichung und Verleumdung westlicher Politiker oder anderweitige Verbreitung von Propaganda gedacht sind.

Nach Illarionov sind die Angriffs Russlands im Informationskrieg aggressiv und zynisch, und die Menschen sind psychologisch nicht darauf vorbereitet. Man benutzt extrem ausdrucksstarke Worte wie “Nazi” und “faschistisch”, deren Verwendung im Westen eher vermieden wird.

Aber warum wird der Informationskrieg geführt? Warum möchte jemand wissentlich nicht nur das eigene Volk sondern auch das Ausland manipulieren und belügen?

  • “Das Ziel ist es, eine Hysterie zu erschaffen, um unter anderem die Loyalität zur Führung zu erhöhen und den Feind zum Rückzug zu überreden,” sagt Illarionov.

Andere Länder wie die Vereinigten Staaten und die Ukraine führen einen eigenen Informationskrieg, aber nach Meinung von Experten ist Russland am aggressivsten und rücksichtslosesten. Israel, Großbritannien, und die Vereinigten Staaten haben in der Öffentlichkeit offen über ihre eigenen Social-Media-Inforkrieger gesprochen.

“Du bist ein Opfer der US-Propaganda.”

Die gefährlichste Folge des Informationskrieges gegen Finnland: Die Erhöhung der Unsicherheit

Laut Aussage eines finnischen Militärexperten, der anonym bleiben will, sollten die von Trollen aufs Korn genommenen Finnen einen wichtigen Punkt verstehen: wenn sie mit Lügen und Verleumdungen konfrontiert werden, hält das Motiv oder die Absicht der Angreifer keiner Prüfung stand.

  • “Wenn das so wäre, würde der Anstifter nicht lügen. In Informationskriegsführung ist immer ein Ergebnis beabsichtigt, das der Zielperson schadet.”

Die auf Finnland und die Finnen ausgerichtete Desinformation und die pro-russischen Trolle zielen auf die Änderung der nationalen öffentlichen Meinung und schaffen ein Gefühl von Unsicherheit in der Gesellschaft, sagt Jarno Limnéll, ein Cyber-Experte.

Ihm zufolge ist eine langfristige angelegte Zunahme der Unsicherheit die gefährlichste Folge davon: Die Menschen beginnen, die Desinformation, mit der sie gefüttert werden, zu glauben und ihr Vertrauen in die finnischen Akteure zu verlieren.

  • “Die Menschen müssen verstehen, dass Trolling kein Trend dieses oder letztes Jahres ist sondern langfristig wirkt. Das Phänomen wird auch nicht verschwinden, sondern in der Zukunft eher noch stärker werden,” sagt Limnéll.

“Du bist ein Opfer der westlichen Medienlügen.”

Ein in Finnland wohnender Ukrainer: “Ich kann kein russisches Fernsehen mehr sehen”

Es gibt etwa 70.000 Menschen, die in Finnland, deren Muttersprache Russisch ist. Lassen Sie uns fragen, welche Auswirkungen die russische Propaganda auf einen von ihnen hatte:

Ein 28-jähriger Mann, hochgebildet, in in der Ukraine geboren, wohnt und arbeitet in Helsinki, sagt aus, er habe die Nachrichten und Web-Diskussionen über die Ukraine während des Ukraine-Kriegs auf Russisch, Englisch und Finnisch intensiv verfolgt.

Er möchte wegen seiner Arbeit anonym bleiben und sagt, dass die Propaganda in den russischen Staatsmedien immer weniger verborgen wird. Die russischsprachigen sozialen Medien und das Internet ist voll von Kommentaren wie “Ukraine ist Scheiße”, das gilt auch für Musik-Foren und andere nicht-politische Web-Seiten.

  • “Ich kann mir vorstellen, dass einige der Kommentare bezahlt sind. Aber ich bin sicher, dass ein Teil von ihnen die Meinungen der einfachen Leute wiedergibt, die russisches Fernsehen schauen.”

Er selbst kann keine russischen Fernsehprogramme mehr sehen, weil der Stil der Nachrichtensender während des Ukraine-Kriegs richtig aggressiv geworden ist. Das TV-Programm Tschelowek i Sakon (Человек и закон – Mensch und Gesetz), das in der Zeit der Sowjetunion entstand, diskutiert die Ukraine nur in sehr negativer Weise.

  • “In jeder Sendung gibt es zum Beispiel Berichte über Eltern aus Kyiw, die ihre Kinder schlagen.”

Die Propaganda in den russischen Medien hat darüber hinaus seine familiären Beziehungen beeinflusst. Er vermeidet Telefonate mit seiner Großmutter, die in Russland lebt, weil sie aufgrund der Fernsehprogramme fest davon überzeugt ist, dass die Ukraine schlecht sei und Russland die Ukraine retten werde.

Weil er auch Nachrichten über andere Medien als russische verfolgt, teilt er die Ansichten seiner Großmutter nicht. Allerdings will er nicht mit ihr diskutieren, und so ist es am einfachsten, die Oma gar nicht anzurufen.

Er und seine ukrainischen Familienangehörigen sind erstaunt, wie leicht die Menschen in Russland die Propaganda schlucken. Früher habe man nicht versucht, so eine tiefe Kluft zwischen Ukrainern und Russen zu schaffen.

Seiner Meinung nach ist die aktuelle Situation verwirrend, und er weiß selbst nicht mehr, was er glauben soll. Sein Herzenswunsch ist, dass der Krieg in Ukraine enden möge.

  • “Mich persönlich kotzt es an, dass die Krim an Russland verloren ist, denn ich verbrachte einige der besten Sommer meines Lebens dort. Die Krim hatte der Welt eine Menge zu geben – aber das ist vorbei.”

“Du bist ein Lügner.”

Finnen beschreiben die Auswirkungen der aggressiven pro-russischen Internet-Propaganda

  • “Es ist beunruhigend, es bringt mein Herz wirklich zum Rasen. Es fühlt sich an, als ob Russland einen Krieg mit Finnland führe.”
  • “Ich kommentiere kaum noch etwas – wegen der Trolle.”
  • “Als eine friedliebende Person nehme ich mich in der Regel zurück [in Diskussionen], leider.”
  • “Ich kann mich nicht mehr dazu durchringen, Themen über Russland zu folgen oder Tweets darüber zu lesen.”
  • “Ich habe mich nach vernünftigeren Diskussionsgruppen umgesehen. Ich habe gehört, dass einige Leute in bestimmten Foren direkte und sogar heftige Drohungen bekamen.”
  • “Ein Bekannter von mir ist wirklich abgedreht oder wurde dazu gebracht abzudrehen. Velleicht gibt es eine bestimmte Persönlichkeitsstruktur, die dazu neigt, alternativen Quellen ohne jegliche Kritikfähigkeit zu glauben.”
  • “Am Anfang der Krise in der Ukraine war es sehr schwer, in finnischen Nachrichtenquellen ein klares Bild von der Situation zu erhalten, weil sie bestrebt waren, unparteiisch zu sein. Die finnischen Medien boten keine klaren Ansichten und wollte sich nicht auf eine bestimmte Meinung festlegen. Da ich anfangs selber keine festgelegte Meinung dazu hatte, war es leicht für die Trolle, mein Denken durch Kommentare auf Nachrichten zu beeinflussen. Aufgrund der Trolle habe ich sehr lange gebraucht, um meine eigene Vorstellung davon zu bilden.”
  • “Es ist extrem schwer zu versuchen, die Wahrheit herauszufinden. Man braucht Zeit und die Fähigkeit zur kritischen Lektüre. Deswegen vermute ich, dass viele Menschen in der ganzen Ukraine-Frage ganz und gar verloren sind. Die eigene fehlerhafte Ansicht zu korrigieren wird auch schwieriger, wenn man sich schon daran gewöhnt hat, die Fakten zu ignorieren. Die pro-russischen Trolle sind eine echte Bedrohung.”

“Sie sind für das Blutvergießen in der Ukraine verantwortlich.”

Wie beeinflussen die Trolle Webdiskussionen?

  • “Die ganzen Kommentarbereiche sind voll von unwahren Nachrichten von Trollen und persönlichen Angriffen auf diejenigen, die sie berichtigen.”
  • “Diskussionsthreads [über die Ukraine] sind manchmal geradezu unverständlich, wenn die Vertreter der offiziellen Nachrichtenagentur Russlands eine volle Ladung Propaganda ausstoßen und die anderen Gesprächspartner dann den Köder aufnehmen.”
  • “Die Trolle lenken die Diskussion auf die falsche Spur und verursachen Chaos. Sie erzwingen Diskussionen zu Themen über die Vereinigten Staaten, wenn es um Putins Wahlmanipulation geht. Anscheinens werden bestimmte Pseudonyme für die Texte bezahlt, weil sie täglich eine Vielzahl von Beiträgen absetzen. Nicht alle Teilnehmer an der Diskussion bemerken, dass es Trolle in der Gruppe gibt, die nur Zitate von Putin und über Russland posten, sie denken, das seien ganz normale Menschen mit einer bestimmten Überzeugung.”
  • “Es ist praktisch völlig unmöglich geworden, sich zu einem Thema mit sogenannten normalen Menschen auf Diskussionsspalten der Nachrichtenmedien zu konzentrieren, denn die Trolle dominieren die Diskussionen auf hs.fi [Helsingin Sanomat, die größte finnische Tageszeitung] seit fast zehn Jahren.”
  • “Ich habe unheimliche und beklemmende Sachen in den sozialen Medien erlebt. Die Trolle wollten ein Forum besetzen, und je lauter sie wurden, desto bedrückender wurde die Atmosphäre, die sie auf dem Forum erzeugt haben.”
  • “Ich habe das immer stärker auftretende Phänomen von pro-russischen Trollen von Anfang an ziemlich genau verfolgt. Meine Einschätzung ist, dass das Ziel nicht der Versuch ist, die Finnen pro-russisch und anti-NATO zu machen sondern anders herum. Russland will, dass die Aktivität der Troll-Armee für normale Menschen sichtbar wird, damit sie merken, dass jemand versucht, sie zu beeinflussen. Dies führt zu einer Gegenreaktion, die das eigentliche Ziel Russlands ist: die Polarisierung innerhalb der Nation, die ständig wachsende anti-Russland-Stimmung und pro-Nato-Haltung dienen den Zielen der russischen Kriegsführung. Das war in der Ukraine genauso.”
  • “Man könnte glauben, dass es eine große Gruppe von Trollen gibt. In Wirklichkeit ist es eine sehr kleine aber laute Menge. Die Flut der Beiträge soll die Illusion erzeugen, dass die meisten Menschen dem zustimmen.”
  • “Die Kommentare von Trollen haben mich in meiner Ansicht bestärkt, dass Russland nach einem Krieg an allen Fronten strebt, auch durch die Weitergabe geschriebener Texte. In Wirklichkeit sind das glatte Lügen, aber jemand sollte den Mut haben, sie damit zu konfrontieren. – Niemand verhält sich freiwillig wie ein Troll, wenn er nicht genau dafür bezahlt wird, das zu tun.”
  • “[Trolle] haben das Bild in meinem Kopf über die zynische und systematische Informationskriegsführung seitens Russlands gefestigt.”
  • “[Die Aktivitäten von Trollen] lassen nur einen Schluss zu:.. Da passiert gerade etwas Wichtiges. Man führt sich nicht auf diese Art auf ohne kontrollierte und systematische Führung. Wir – die wir in der Sicherheit von Finnland leben – tun uns schwer, das mit unserem Verstand zu akzeptieren.”
  • “Die sozialen Medien sind voller pro-Russland Trolle. Ich bin auch erstaunt über die Fülle von pro-russischen Troll-Beiträgen in den Kommentaren auf Finnisch. Es fängt jetzt an Routine zu werden, auf Trolle zu antworten. Eigentlich stören sie mich nicht mehr wirklich, weil meine eigene Sicht auf die Situation sich zu stabilisieren beginnt, und ich weiß, welchen Nachrichtenquellen vertraut werden kann.”
  • “Neben den Trollen werden Probleme durch so genannte ‘nützliche Idioten’ verursacht”, die naiv genug sind, die Nachrichten von Trollen zu verteilen. Sie verweigern sich Gegenargumenten oder Beweisen für das Gegenteil.”
  • “Trolle sind ein Zweig des Informationskriegsführung. Sie wirken wie Antipersonenminen; wenn man sich mit Texten oder Meinungsäußerungen auf verbotenes Terrain begibt, wird der Troll einem sofort  ins Gesicht springen. Trolle und Mobbing haben viel gemeinsam: Sie beide sind darauf gerichtet, die Macht zu vergrößern sowie die Position der Gegner zu schwächen und sie auf die Knie zu zwingen. Außenstehende bleiben weg und mischen sich nicht ein.”
  • “Generell kann man feststellen werden, dass die Trolle von Gazprom-Medien auch dann, wenn in der Wirklichkeit die Wahrheit über die Ereignisse weiß ist, absurde schwarze Optionen aufbringen, die als Wahrheit präsentiert werden, und viele Menschen wollen das einfach glauben oder glauben es, weil sie das so wünschen. Weil doch die USA und der Westen immer noch gegen sie sind wie während des sogenannten Großen Vaterländischen Krieges. Das hat dann zur Folge, dass Finnen behaupten, die Wahrheit sei überhaupt nicht weiß sondern enthalte einige Grautöne. Mit anderen Worten, es ist also ganz anders als das, was tatsächlich passiert ist. Auf diese Weise schaffen sie Verwirrung in den Köpfen der Menschen, wie in den Köpfen der Geschworenen vor Gericht, und sie glauben  etwas anderes als das, was die Beweise und die Ereignisse anzeigen. Konfusion und weiche Faktoren wirken dann zum Vorteil der Verbrecher.”

“Sie werden ein Opfer von Gewalt werden.”

Kioski besuchte im vergangenen Februar eine russische Troll-Fabrik in St. Petersburg und versuchte, Mitarbeiter zu interviewen. Ein Mitarbeiter erzählte, es sei nicht erlaubt, Interviews zu geben.

 

Artikel von: Jessikka Aro, YLE
Quelle: Yle Kioski, 24.6.2015

Bild: YLE
Übersetzt von: Übersetzerteam Euromaidan Press auf Deutsch

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