Für Puschkins Russland, nicht Dugins

Zar Wladimir Putin

Zar Wladimir Putin 

4. Juli 2015 • Kultur, Menschenrechte, Russland

Artikel von: Dmitrij Woltschek
Quelle: RFE/RL, 4. Januar 2015

In Paris haben Einwanderer einen offenen Brief verfasst: “Solidarität mit dem wahren Russland”

Veröffentlicht am 04.01.2015

Die Erklärung “Solidarität mit Russland” von Nachfahren des russischen Adels die heute im Ausland leben, verfasst in Paris von Fürst Dmitry Shakhovskoi und seinen Mitarbeitern, hat bei vielen russischen Einwanderern für Empörung gesorgt. Er scheint unvorstellbar, dass Menschen, deren Vorfahren aus dem bolschewistischen Russland vertrieben wurden, sich mit dem Regime solidarisieren, das von Menschen des ehemaligen sowjetischen Geheimdiensts geleitet wird, ein Regime, dass einen Krieg mit einem Nachbarland begann. Auf der Website von Radio Swoboda antworten der Kunsthistoriker Alexander von Hahn (Deutschland) und der Mathematiker Alexander Muravitsky (USA) dem Fürsten Schachovskoj.

Am 2. Januar erschien eine neue Erklärung “Solidarität mit dem wahren Russland”.

Die Vereinigungen der Emigranten, die Medien und Jugendorganisationen in Paris, London oder New York treten ein für Sacharows und Puschkins Russland, nicht für ein Russland nach Dugin und Sjuganow. (…) Diejenigen, die sich in einem Brief die Erben der russischen Emigration nennen und heute die Politik von Wladimir Putin unterstützt, bringen als Hauptargument vor, dass die ukrainischen Behörden militärische Operationen im Donbass durchführen. Aber sie sollten wissen, dass Russland der Agressor ist: Diese bewaffneten Männer, die die Krim erobert haben und heute die Destabilisierung der Situation im Donezbecken vorantreiben – das sind Russen. Sie müssen wissen, dass die gegenwärtige ukrainische Führung defensiv ist und einen Anti-Terror-Kampf führt dazu tritt sie – im Gegensatz zu der vorherigen Regierung – für politische Dezentralisierung ein. Sie müssen wissen, dass die Bewohner der Krim keine Russen sind, sondern russischsprachig und dass sie jetzt schon den Beitritt zu Russland bereuen, dass zeigt ihre mangelnde Bereitschaft den ukrainischen Reisepass zurückzugeben. Sie müssen auch wissen, dass einer Umfrage nach drei Viertel der Bewohner des Donbass wünschen, ein Teil der Ukraine zu bleiben. Aus der Presse und dem Internet wissen sie, dass die Politik Russlands gegenüber der Ukraine von den meisten Ländern verurteilt worden ist – von UN-Mitgliedstaaten – und dass Russland das Stimmrecht im Europarat verwirkt hat. Sie wissen, dass Präsident Poroschenko wiederholt für zu einer Waffenruhe und einer friedlichen Lösung aufgerufen hat und dass diese Aufrufe von den ukrainischen Separatisten, zusammen mit russischen Söldnern, nicht gehört wurden.

Der in Paris lebende Theologe und Historiker Antoine Arjakovsky, der den offenen Brief verfasst hat, ist ein Nachkomme der russischen Emigranten der ersten Welle. Er beantwortete die Fragen von Radio Swoboda.

Warum haben Sie sich dazu entschlossen, Fürst Schachovskoj und seinen Gleichgesinnten zu antworten?

Weil das eigene Gewissen einfach reagieren wollte. Wir haben Freunde, die Putins Politik unterstützen, und für uns ist das eine schmerzhafte Frage. Aber wir wollen nicht, dass die Emigranten in Russland als Ganzes so vorgestellt werden. Ich würde vielmehr sagen, dass die meisten Menschen in der russischen Emigration, jeder Generation, von den Nachkommen der ersten Auswanderung bis zu den heutigen Immigranten, in der Mehrheit nicht nur den Krieg nicht unterstützen, sondern auch mit Kreml-Politik gegenüber der Ukraine nicht einverstanden sind. Daher war es wichtig, das zu sagen und schnell zu reagieren.

Trotzdem haben eine Menge Nachkommen der Auswanderer der ersten Welle, der Opfer des sowjetischen Regimes, plötzlich damit begonnen, sich mit dem gegenwärtigen Regime in Russland zu identifizieren, mit dem Staat, der von einem KGB-Offizier geleitet wird. Den Brief des Fürsten Shakhovskoy haben viele große Namen unterschrieben. Wie erklären Sie sich dieses Phänomen, warum haben sie diesen Brief unterschrieben?

Erstens würde Ich gerne sagen, dass die meisten Gemeinden der russisch-orthodoxen Kirche in Frankreich nicht Teil des Moskauer Patriarchats sind. Das gleiche gilt für England und Amerika. Diese Frage ist vor 15 Jahren gestellt worden, als Patriarch Alexi II. die Schaffung einer einzigen orthodoxen Kirche im Westen vorgeschlagen hat und das hat im Grunde nicht funktioniert. Denn wir wollten kein Teil einer Kirche sein, deren Mitglieder nur durch Blut oder Sprache festgelegt wurden, das ist Phyletismus. Wir glauben, dass die Taufe in der lokalen orthodoxen Kirche gilt, sei es eine russiche, ukrainische, rumänische oder bulgarische oder antioche Kirche, nicht nur in der russische Kirche. Diese Frage ist seit langem entschieden: in der Mehrheit wurde das nicht angenommen. Jetzt wollen Personen wie Dmitri Schachovskoj, die in den frühen 2000er Jahren auf den Vorschlag des Patriarch Alexi eingegangen sind, noch weiter gehen, sie wollen nicht nur durch das Moskauer Patriarchat kompromittieren sondern auch durch Putin.

Und das trotz dessen, dass die Situation dramatisch ist, es starben mehr als 5000 Menschen in der Ukraine, viele russische Soldaten starben, sie können nicht gleichgültig sein, sie müssen sich entscheiden. Sie verachten die westliche Zivilisation, sie glauben, dass die Demokratie versagt, viele von ihnen unterstützt Marine Le Pen oder extremistische Parteien, sie glauben, dass es eine Alternative zu der europäischen Zivilisation muss, die sie als dekadent bezeichnen, und sie halten Putin für diese Alternative. Ich sage noch einmal, dass ist eine Minderheit. In der Regel sind Europäer, und die russischen Einwanderer unter ihnen, Unterstützer der Demokratie, der Europäischen Gemeinschaft. Denn trotz aller Schwierigkeiten, haben wir Rechtsstaatlichkeit, wir haben Frieden, keinen Krieg.

Die russisch-ukrainischen Beziehungen sind eines der Hauptthemen Ihrer Recherche. Können Sie uns etwas über das Buch sagen, das Sie gerade geschrieben haben?

Ich habe das Buch geschrieben, weil ich 20 Jahre in Moskau gelebt habe, obwohl ich Teil der dritten Generation der russischen Emigration bin. Ich habe bei dem französischen Außenministerium in Moskau und dann in Kiew gearbeitet. Ich habe viele Freunde in Russland und in der Ukraine. Selbstverständlich leiden wir unter dem Krieg. Ich möchte wahrheitsgemäße und objektive Informationen liefern. Als Historiker möchte ich zudem erklären, warum Historiker aus Russland und der Ukraine nicht in der Lage sind, eine gemeinsame Basis zu finden. Dies liegt meiner Meinung nach an der Missverständlichkeit der Mythologie. Mythologie ist auf der einen Seite wichtig um Geschichte zu schreiben, aber sie kann auch gefährlich sein, wenn man den Mythos von der Rationalität, vom Logos nicht klar trennt. Und weil für mich die Versöhnung zwischen Russland und der Ukraine die oberste Priorität darstellt, habe ich als Historiker beschlossen, ein Buch zu schreiben über die Aktualität dessen, was passiert in der Ukraine, über die “Revolution der Würde”, über den Krieg, ich will zeigen, dass Frieden möglich ist. Dieses Buch wurde erstmals im Juni auf französisch veröffentlicht, es ist nun auch auf russisch und kostenfrei im Internet erhältlich. Ich wünsche mir einen Dialog zwischen Historikern und Politikern aus Russland und der Ukraine. Das wichtige ist, dass es einen Dialog gibt. Wenn es keinen Dialog mehr gibt, wird es schrecklich, nicht nur für die Ukraine, für die es jetzt schon schrecklich ist, sondern auch für Russland. Wir sehen, dass 2015 ein tragisches Jahr für Russland sein könnte.

Viele glauben, dass die nachbarschaftlichen Beziehungen zwischen Russland und der Ukraine sich nie erholen werden. Sie sind nicht so pessimistisch?

Ich bin nicht so pessimistisch, denn ich habe Freunde in der Ukraine. Denen in diesem Jahr eine sehr wichtige Sache klargeworden ist: Dass sich die Ukraine als ein Nationalstaat formiert hat, der bikulturell, zweisprachig, ökumenisch ist, in welchem die Differenz zwischen den Orthodoxen, Katholiken und Protestanten nicht so groß ist, wie es ist in der Regel von Russland oder sogar Frankreich aus scheint. Bis zum 17. Jahrhundert gab es in der Ukraine eine echte Ökumene zwischen Ost und West, weil die Ukraine den Rat von Florenz des 15. Jahrhunderts angenommen hat, während dieser in Russland nicht akzeptiert wurde, und das dauerte an bis zum 17. Jahrhundert. Daher scheint es mir, dass die Ukraine sich als besondere Nation definiert hat seit diesem Jahr, dank der “Revolution der Würde” , als Nationalstaat, der bikulturell, zweisprachig und ökumenisch ist. Das ermöglicht den Russen neue Perspektiven, sie sehen, dass es möglich ist, einen Rechtsstaat zu haben, Teil der Europäischen Gemeinschaft zu sein, offen zu sein, auch als Russe. Es werden schwierige Jahre auf uns zukommen, da ich sehe, dass die Mehrheit der russischen Bevölkerung den Kreml unterstützt, das Moskauer Patriarchat unterstützt, und so weiter. Aber wir, in der russischen Emigration, wissen, dass in den Jahren 1920-1930, vor Solschenizyn, eine echte Wiederbelebung des russischen Denkens stattfand, das was sich die Pariser theologische Schule genannt hat- Bulgakow, Berdjajew. De facto sind sie in Russland unbekannt, dort kennt man Ivan Ilyin, aber Berdyaev wurde nach 1920 nicht mehr gelesen, sie kennen Berdjajew bis zum Jahr 1922, als er ausgewiesen wurde. Sie kennen weder die Antwort Berdjajews auf die Eurasier, noch die Sophiologie Bulgakovs als Grundlage der ökumenischen Bewegung. Die Orthodoxen waren immer sehr aktiv in der ökumenischen Bewegung, und jetzt ist das Moskauer Patriarchats gegen die Ökumene. Die Alternativen sind natürlich zerbrechlich, aber von hoher Qualität, und ich bin überzeugt, dass das die Zukunft der Wiederbelebung Russlands ist.

Sie glauben also, dass Russland das gleiche Szenario wie in der Ukraine möglich ist, die gleiche “Revolution der Würde” ? Sind Sie als Berufsdiplomat der Ansicht, dass ein solches Szenario möglich ist?

Es wird anders sein, weil die Geschichten unterschiedlich sind. Aber ich bin daovüberzeugt, dass es unmöglich ist, weiter so zu leben, wie es momentan ist in Russland. Die Regierung in Russland ist keine Demokratie – es ist pure Kleptokratie, es ist organisierter Diebstahl. Und es ist der Geist der 1990er Jahre – die Verurteilung des Kommunismus geschah in Polen, fand in den baltischen Ländern statt, sie passiert jetzt in der Ukraine. Es muss eine Verurteilung des Kommunismus geben, damit wird sich eine neue Perspektive für die Entwicklung der russischen Idee, der russische Kultur ergeben, aber auf eine gute Art und Weise, nicht nach dem Konzept von Putin und Patriarch Kirill.

Es gibt auch noch die Frage nach der Krim. Viele Menschen in der Ukraine glauben, dass die Krim früher oder später wieder Teil der Ukraine sein wird. Denken Sie auch so? Wie beleuchten Sie die Krim-Frage in Ihrem Buch?

Erstens versuche ich, der üblichen Propaganda etwas zu erwidern, die der Ansicht ist (wie Putin vor kurzem sagte), dass die Krim schon immer zu Russland gehörte – das ist nur eine simple Lüge, es ist ein Mythos, darauf muss man hinweisen. Meine Vorfahren, die vor der Revolution in Sevastopol lebten, waren sich bewusst, dass die Krim eigentlich eine Kolonie war. Wahrscheinlich haben die Russen dort gute Arbeit geleistet, sowie die Franzosen in Algerien im 19. Jahrhundert gearbeitet haben, aber es ist trotzdem noch eine Kolonie. Mein Urgroßvater Klepinin war einer der ersten, der einen Reiseführer für die Krim erstellt hat, im frühen 20. Jahrhundert. Dort gibt es heute noch die Klepininskaya Steppe. Dies als erstes. Zweitens – was tun heutzutage? Jeder weiß, dass es für die Bewohner der Krim sehr schwierig sein wird, dort weiter zu leben, da wir eine wirtschaftliche und politische Krise haben. So müssen wir über die Zukunft der Krim entscheiden, auch wenn es sehr schwierig sein wird. Jazenjuk sagte, dass man eine neue Volksabstimmung durchfuehren muss, sobal d das moeglich ist, mit der Beteiligung der Ukraine, mit der Teilnahme von den Vereinten Nationen und anderen internationalen Beobachtern. Ich glaube, es gibt keine andere Möglichkeit. Es wird Zeit brauchen, aber es scheint mir, dass alle davon profitieren werden, vor allem Russland, weil es sehr schwierig ist, wie wir heute sehen, die Krim aus der Ferne zu regieren.

Ihr Brief ist soeben veröffentlicht worden. Gab es positive Reaktionen und Personen, die ebenfalls bereit sind zu unterschreiben?

Ja, ich habe gute Kritiken erhalten. Es gibt Leute, die wollen auch unterschreiben. Danilo Struve und ich bereiten einen neuen Brief vor, damit auch andere Vertreter der russischen Emigration unterzeichnen. Es ist jetzt weniger wichtig zu polemisieren, als zu versuchen, einen Dialog mit den Vertretern der russischen Emigration zu beginnen, die sich im Westen nicht wohl fühlen ( Die Generation Shakhovsky usw.). Zudem braucht es den Dialog mit den Russen in Russland, vor allem um an das Erbe der russischen Emigration von Berdjajew zu Solschenizyn zu erinnern, an die Worte “nicht in der Lüge leben” die Grundlage, die die russischen Intellektuellen vereint. Am wichtigsten ist ein Dialog über neue Perspektiven für einen modernen russischen Staat.

Ich weiß, dass Sie auch eine französische Version des Briefs vorbereiten, damit Ihre Position auch in Frankreich bekannt wird.

Ja, da wir in einer globalen Welt leben, ist Russlands Zukunft und die Zukunft des Krieges zwischen Russland und der Ukraine für jeden relevant. Deshalb gibt es eine Menge an Artikeln in der französischen Presse, und jeder weiß, dass die russische Emigration als Labor für neue Ideen und Alternativen zur Zukunft Russlands einen wichtigen Teil beiträgt. Deshalb werden wir diesen Brief in französisch veröffentlichen.

Fürst Shakhovsky sagte in einem Interview mit Radio Swoboda, dass die französische Presse die russisch-ukrainischen Beziehungen verzerrt darstellt, insbesondere der Tageszeitung “Le Monde” sei extrem antirussisch. Stimmen Sie ihm zu?

Ich kann nicht zustimmen. Wir haben die Freiheit, es gibt verschiedene Zeitungen und es gibt verschiedene Zeitschriften. Die Zeitung “Le Figaro” zeigt unterschiedliche Sichtweisen. Dies ist eine gesunde Demokratie. Ich würde sagen, dass das Gegenteil zutrifft, unsere Journalisten versuchen, so viel wie möglich denjenigen, die Putin unterstützen, Gehör zu verschaffen. Hélène Carrère d’Encausse, Jacques Sapir, Menschen, die ihren Sinn für die Realität verloren haben, werden immer zu verschiedenen TV-Debatten, zu verschiedenen Zeitungen eingeladen. Also ich würde nicht sagen, dass die französische Presse ideologisch gegen Russland eingestellt ist. Viele Journalisten setzen sich offen für Frieden und Dialog ein, lieben Russland, wie wir alle. Aber wir können einfach dieser neuen Qualität von Informationen, die als Propaganda bekannt ist, nicht zustimmen. Das ist, denke ich, das neue Phänomen des Jahres 2014, das jetzt allen klar ist. Es ist unmöglich zu sagen: Hier sind Informationen aus Russland und hier Informationen aus Paris oder Berlin. Das sind zwei Arten von Informationen. Auf der einen Seite sind Journalisten frei, Fakten zu prüfen, und auf der anderen Seite ist, was man Propaganda nennt, Orwell hat es perfekt in dem Buch “1984” beschrieben. In meinem Buch “Russland und die Ukraine: vom Krieg zum Frieden,” schreibe ich viel über dieses neue Phänomen, der Rückkehr der Propaganda in Europa. Nach den 1930er Jahren dachte man, dass dies das Ende ist, aber nein, Mythologie ist momentan das Hauptkriterium für die Medien in Russland.

Artikel von: Dmitrij Woltschek
Quelle: RFE/RL, 4. Januar 2015

Übersetzt von: Übersetzerteam Euromaidan Press auf Deutsch

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