“Fakten” und Kontrafaktisches – Anna Veronika Wendland zur Amerika-in-der-Ukraine-Kritik

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13. Juli 2015 • Analytik und Meinungen, Empfehlung, Krieg im Donbas, Krim, Meinung & Analyse, Politik, Russland

Artikel von: Anna Veronika Wendland
Quelle: Facebook

Das war ursprünglich ein Kommentar zu der Frage “Fakten” über den Maidan als “verklärtem Aufstand”, der in “Wirklichkeit” eine konzertierte Aktion mit rechtsextremer Grundierung gewesen sei, und zu der Überlegung, dass Bidens Sohn im Aufsichtsrat eines ukrainischen Energiekonzerns Anlass zur Sorge gebe. Der Kommentar wurde zu lang und daher publiziere ich ihn hier.

Ich zitiere ja immer wieder gerne Peter O. Chotjewitz: “Kapitalismus ist wie Sekundenkleber. Man braucht ihn manchmal ein bisschen, aber nie in den Mengen, in denen er geliefert wird.” Das ist eine der geistreichsten Erklärungen, die ich kenne, warum es der Linken mit der Abschaffung des Übels so verdammt schwer angeht, aber ich liebe das Zitat auch deswegen, weil es einen selbstronischen Gehalt hat, den ich in der Linken meistens vermisse.

Und so ist es auch mit der antikapitalistischen US-Kritik im Falle der Ukraine, dem Lieblingsbetätigungsfeld unserer deutschen Linken und Linksliberalen vor allem westdeutscher Provenienz, also jener Leute, die nie im Osteuropa sowjetischer Prägung gelebt haben, die aber genau wissen, dass die USA dort nur für Unheil sorgen. Dieser Kritik fehlt jede Selbstreflexion, ganz zu schweigen die Fähigkeit zur Distanznahme und Selbstironie.

Bidens Sohn in einem ukrainischen Aufsichtsrat gibt also zur Besorgnis Anlass. Ich muss zugeben, da habe ich erstmal laut gelacht. Ich komme ja gerade frisch von der Revisions-Reaktormontage in einem ukrainischen Kernkraftwerk, und da sah ich – neben viel robuster und unsinkbarer russischer VVER-Kerntechnik und feiner ukrainischer Leittechnik – auch eine Brennelementlademaschine aus Ungarn (dem kapitalistischen, denn diese Maschine ist erst drei Jahre alt), Armaturen aus Frankreich und Tschechien, eine Defektoskopie-Einrichtung aus Erlangen, eine Spezialschweißausrüstung aus Remscheid und eine Druckhalter-Sicherheitsventil-Einheit aus Korschenbroich, die dort übrigens seit den sowjetischen 1980ern verbaut ist. In näherer Zukunft kommen wahrscheinlich auch Brennelemente von Westinghouse dazu. Wir (und da zähle ich die Ukraine einmal dazu) leben nicht erst seit gestern in einer globalisierten Welt, im Zeitalter der technologischen Vernetzung, und seit geraumer Zeit auch in einer Epoche des neoliberal brutalisierten Kapitalismus, den bei uns abzuschaffen wir irgendwie auch noch nicht geschafft haben.

Und ausgerechnet die Ukraine, dieser Underdog, wird von den deutschen Höchststandard-Moralisten nur dann mit dem Akzeptabilitätszertifikat ausgestattet, wenn sie lupenrein auf eigenen Kräften, mit eigenem Kapital, natürlich auch 100% rechtsextremismus- und atomstromfrei, komplett unverflochten mit fremden Firmeninteressen und am besten natürlich auch ohne internationale Kredite sich selbst aus dem Sumpf zieht. Dann, ja dann lassen wir es uns eventuell mal durch den Kopf gehen, ob sich nicht vielleicht doch die Ukraine als würdig und anständig genug erweist, um von uns einen klitzekleinen Vertrauensvorschuss zu erhalten.

Wohlgemerkt nach einer jahrelangen Phase der Ausplünderung und Offshoreverschiffung der ukrainischen Staatskasse durch eine korrupte Elite, deren jeder zweite politische Berater und jeder dritte Geheimdienstoffizier (oder vielleicht war’s auch andersrum) aus Russland kam oder aus Russland bezahlt wurde, ganz zu schweigen von den russischen Firmenbeteiligungen und personellen Querverbindungen und Freundeskreisen in der Wirtschaft. Offenbar schien aber diese russische Durchherrschung, Verfilzung und Vernetzung der Ukraine all den “US-in-Ukraine”-Kritikern normal – ich habe jedenfalls damals, all die langen Jahre, nie irgendwelche Bedenkenträgerei aus jener Ecke gehört, die jetzt mit hochsensibler Sensorik den Weg jeden US-Dollars in der Ukraine nachverfolgt. Man kann das alles auch stocknüchtern als Ergebnis einer postsowjetischen Verflechtungsgeschichte lesen, und ich als transnational arbeitende Technikhistorikerin würde alles andere tun, als solche Faktenlagen zu verteufeln. Sie sind erklärbar. Aber Faktenlagen und Verflechtungsgeschichten unterliegen stets der historischen Veränderung. Nichts bleibt je, wie es war. Jetzt kommen statt des russischen kumovstvo die Friends of Biden, und ihr klettert auf die Barrikaden? Weil es die USA sind?

Es ist natürlich alles sehr blöd gelaufen in der Ukraine. Wie prima wäre das gewesen, wenn der Maidan die Ukraine binnen, nun, wieviel Zeit geben wir ihnen? Neun Monate genug?, also, binnen eines Dreivierteljahrs zu einem gendergemainstreamten Energiewendeparadies gemacht hätte, wo 80% die Grünen wählen und der Chrystofovulyčnyj der Nationalfeiertag wird. Aber bitte nach dem deutschen Reinheitsgebot, das heißt: fasertief amerikanerfrei.

Leider ist nichts draus geworden. Die Ukrainer sind Machos, finden Atomkraftwerke in Ordnung, setzen Amis in Aufsichtsräte und US-freundliche Georgier auf Bürgermeisterposten. Sie geben bei Wahlen Rechtsextremen 2% der Stimmen, was angesichts der Raten von 10-30% in Frankreich, Ungarn oder Sachsen – von den Zustimmungsraten zu derartigen Programmen in Russland ganz zu schweigen – echten Anlass zur Besorgnis gibt. An der Donbass-Front sind von 1000 sich irgendwie durchschlagenden Soldaten 20 Azov-Nazis, denen 200% unserer besorgten Berichterstattung gilt.

Die Ukraine ist ein bankrottes Land mit Riesenproblemen – wie -zig andere Länder auf dieser Welt auch. Sie schöpft aus einem Elitenpool, der sich seine in 25 Jahren postsowjetischer Vetternwirtschaft antrainierten schlechten Angewohnheiten nicht über Nacht wieder abgewöhnt, und sie greift nach jedem sich bietenden Strohhalm und jeder sich bietenden Geldquelle. Nicht besser, aber auch nicht schlechter als der Rest der Welt, allerdings mit der Zusatzbelastung durch einen aufgezwungenenen Konflikt, aber mit einem Bruchteil der finanziellen Bitten oder Forderungen an die Welt im Vergleich zu, sagen wir, Griechenland.

Ich sehe nicht ein, warum in einer Welt voller Interessen, Finanzströme und Konflikte ausgerechnet die Ukraine ein Raum sein sollte, der frei von Interessen ist, jedenfalls amerikanischen und ukrainischen. In dem aber das russische Interesse aus irgendeinem Grunde als legitim beheimatet erscheinen sollte. Als ob das russische Interesse eine vom Aussterben bedrohte schützenswerte Spezies sei, die in ihrem natürlichen Lebensraum, der Ukraine, von der Ausbreitung amerikanischer Neophyten bedroht sei.

Genauso wie in Deutschland amerikanische und russische Interessen vor unseren Augen um Einfluss ringen, und wir trotzdem, bis auf ein paar durchgeknallte “Reichsbürger”, unser Land für souverän halten – genauso werden wir, solange der Kapitalismus nicht abgeschafft ist, akzeptieren müssen, dass auch die Ukraine einen Souverän hat, der entscheidet, welchem Interesse er seine Märkte, Aktiengesellschaften, Militärbasen und Köpfe öffnet. Es mag uns nicht passen, aber – that’s the name of the game. Warum sollte das amerikanische Interesse da anrüchiger sein als das russische?

Nur dass die Ukraine das Problem hat, dass auf ihren Territorium, anders als in Deutschland, die Vertretung russischer Interessen sich nicht auf Sputnik-Radio, Motorrad-Reisepatrioten, Firmenbeteiligungen, Altkanzlerschmierung und diplomatische Sottisen beschränkt, sondern sich in artilleriegestütztem landgrabbing auslebt. Da ist natürlich der amerikanische Biden-Sohn im ukrainischen Wirtschaftsgeflecht ein ECHTES Problem für das Land.

Artikel von: Anna Veronika Wendland
Quelle: Facebook

Bild: ecfr.eu

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