Über die Wahrnehmung des Faschismus

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Analytik und Meinungen, Empfehlung, Meinung & Analyse, Politik, Soziales

Artikel von: Shiitman
Quelle: Linksunten Indymedia 16.7.2015
Quelle: Shiitman.ninja 14.7.2015

Der ukrainische Anarchist Shiitman, der wegen seiner Provokationen gegen die inzwischen entmachtete ukrainische „Moralkommission“ mehrere Monate im Straflager saß, kommentiert die Sorglosigkeit, mit der viele Ukrainer während und nach dem Maidan auf rechtsradikale Strömungen geblickt haben. Eine Sorglosigkeit, die erst mit den jüngsten gewaltsamen Zustammenstößen zwischen staatlichen Sicherheitskräften und dem „Rechten Sektor“ in der Westukraine Risse bekommt. Aber auch die europäische Linke besitzt blinde Flecken.

„Westliche Beobachter, besonders linke, haben sich oft über Nazi-Symbolik bei den weite Bevölkerungsschichten umfassenden Protesten in der Ukraine empört. Eben jene Symbolik war der Grund dafür, dass sich der Mythos vom „faschistischen Putsch“ und der „Junta“ als so hartnäckig erwiesen hat.

Aber diese Toleranz gegenüber den Rechtsextremen, die während des Maidans offenbar geworden ist und sich bis vor kurzem gehalten hat, lässt sich keineswegs mit einer Liebe der Ukrainer zum Faschismus erklären.

Die äußeren Beobachter (und auch viele innere) haben eine sehr wichtige Besonderheit der post-sowjetischen Politik – und der ukrainischen Politik im Speziellen – nicht berücksichtigt: die völlige Abwesenheit von Organisationen in der politischen Öffentlichkeit, die eine klar umrissene Ideologie ausweisen.

Wir hatten „Kommunisten“, die sich aber in Wirklichkeit wie russische National-Konservative verhielten.

Wir hatten Neoliberale, die zu sozialem Populismus neigten.

Wir hatten „Sozialdemokraten“, die eine starke Hand und Diktatur propagierten.

Die Menschen sind es gewohnt, dass jedes politische Etikett bedeutungslos ist, sich nichts dahinter verbirgt außer Demagogie. Jede Fahne ist nur ein Fetzen, dem jegliche Bedeutung verliehen werden kann, selbst wenn auf dieser Fahne eine Nazi-Rune ist. Jedes Symbol, jede historische Figur und jede Losung können mit dem Sinn gefüllt werden, den wir hineinlegen wollen. Die Ukrainer sind es nicht gewohnt, dass es zwischen Symbolen und Ideen eine direkte Verbindung gibt. So sind absurde Konstrukte entstanden wie etwa der Mythos vom „demokratischen“ und „toleranten“ Stepan Bandera. Die Rechtsextremen konnten denken, dass ihre Vorstellungen von der Masse aufgenommen worden seien; sie dachten, dass sie wirklich angenommen und geliebt würden. Tatsächlich hat sie der liberal-apolitische Mainstream den Faschismus genauso behandelt, wie alles andere, was ihm unterkommt. Er hat die einst lebendigen und gefährlichen Ideen getötet und entkernt und mit den harmlosen Sägespänenangefüllt, die traditionell in den Köpfen unserer Politiker zu finden sind.

Wenn, dann haben in den letzten Jahren vor allem die rechts- und linksextremen Gruppen mehr oder weniger ihren erklärten Bezeichnungen entsprochen. Aber deren Aktivität ist den Mainstreammedien zum Großteil entgangen und wurde nicht allzusehr von der Durchschnittsbevölkerung wahrgenommen. Aber auch diese „Marginalen“ haben, sobald sie in der „echten Politik“ mitspielen durften, ihre Ideologie gewechselt und sind zu einem amorphen und ideenlosen Mainstream mimikriert. Ein Beispiel dafür sind auf der einen Seite „Swoboda“ und der „Rechte Sektor“, auf der anderen Seite „Borot’ba“ (lest ihre programmatischen Texte in der Version von 2012-2013: billiger Populismus, der mit dem Spiel bei den Wahlen kalkuliert).

Nachdem die realen politischen Ambitionen der Rechten gescheitert sind, sind sie zu ihren Wurzeln zurückgekehrt, zum National-Radikalismus. Und durch die davor eroberten Ressourcen (Medien, Finanzen, Geheimdienststrukturen) konnten sie diese Zurück-Verwandlung recht laut und effektiv gestalten. Erinnern wir uns an den Marsch der Gleichheit, erinnern wir uns an den „Swjatoslaw-Marsch“.

Und plötzlich entdecken die Menschen, dass Rechtsradikale TATSÄCHLICH Rechtsradikale sind. Dass ihre Symbole nicht zufällig wie Hakenkreuze aussehen. Dass die Liebe zu Zahlencodes wie 14 und 88 bei weitem nicht immer ein harmloses Trollingist. Also die elementaren Sachen, die Menschen in Ländern, in denen es seit Jahrzehnten oder Jahrhunderten Parteien gibt, die um Ideologien aufgebaut sind – und nicht um charismatische Anführer und Sponsorengelder – von Haus aus wissen. Jetzt muss die Bevölkerung der Ukraine in kürzester Zeit die Grundlagen einer politischen Kultur lernen. Und tut das nicht ohne Erfolg, der Mainstream weist die Faschisten zurück – und das effektiver, als ich noch vor kurzem zu hoffen gewagt hätte.

Europa hat ein anderes Problem. In Europa ist man zu sehr daran gewöhnt, dass Parteien und Bewegungen eine Ideologie haben. Dass Worte etwas bedeuten. Dass ein „Kommunist“ sich wie ein Kommunist benimmt, ein „Liberaler“ wie ein Liberaler, ein „Faschist“ wie ein Faschist. Und wenn eine faschistische Bewegung auftaucht, die keinen Hitlergruß macht und sich statt einem Hakenkreuz ein Georgsband anheftet, können die Europäer sich nicht dazu durchringen, sie als Faschisten zu bezeichnen.Die Faschisten, die mit einer Dauer-Mahnwache am Reichstag stehen, geraten nicht ins Blickfeld der Antifa; sie können sich sogar linken Demonstrationen anschließen, denen sich zu nähern ein „traditioneller“ Faschist mit Hakenkreuz Angst hätte. Auch die europäischen Linken müssen lernen, die sich ändernde Realität angemessen wahrzunehmen.“

Artikel von: Shiitman
Quelle: Linksunten Indymedia 16.7.2015
Quelle: Shiitman.ninja 14.7.2015

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