Die Geister von Sotschi – Hunderte Todesopfer bei den Bauprojekten

Russlands 50-Milliarden-Dollar-Olympiade erforderte 70.000 Migranten als Arbeiter (Foto © Rob Hornstra)

Russlands 50-Milliarden-Dollar-Olympiade erforderte 70.000 Migranten als Arbeiter (Foto © Rob Hornstra) 

18. Juli 2015 • Empfehlung, Menschenrechte, Politik, Russland

Artikel von: Craig Shaw, Lina Vdovi und Roman Anin
Quelle: The Black Sea (Erstveröffentlichung 10.12.2014)
Quelle: RFE/RL, 7.7.2015 (erneute Veröffentlichung wegen der unveränderten Aktualitat

Vorbemerkung des Übersetzers: Dass während der Winterspiele von Sotschi die letzten Vorbereitungen für die Annexion der Krim getroffen wurden, ist bekannt. Viel weniger bekannt ist, dass die Bedingungen für die auf den Baustellen beschäftigten Arbeiter in ihrer ausbeuterischen Menschenverachtung durchaus mit jenen in Katar vergleichbar sind und sie in weiten Bereichen sogar übertreffen. Der wesentliche Unterschied: Über Katar wurde bereits extensiv berichtet, über Russland nicht.

Hunderte von ungeklärten Todesfällen von Bauarbeitern für die Winterolympiade lasten noch auf Russland, während die massiven Bauprojekte für die FIFA-Weltmeisterschaft 2018 begonnen werden.

Der russische Präsident Wladimir Putin eröffnete vergangenen Februar im Fischt-Stadion von Sotschi an der Schwarzmeerküste die Olympischen Winterspiele und die Paralympischen Spiele 2014.

Mit einer Bauzeit von sieben Jahren und geschätzten Kosten von mehr als vierzig Milliarden [Anm. d. Übers.: manche Quellen sprechen von Kosten bis mehr als fünfzig Milliarden] sind diese Olympischen Spiele das teuerste Sportereignis der Geschichte.

Doch wenn sich die Familie des Moldauers Mihai Cernisow an die luxuriöse Anlage und an die vierzehntägigen Spiele erinnert, dann verursacht ihnen das nur Kummer.

Im Juli 2013 wollte der 22-jährige frisch verheiratete Mihai unbedingt schnelles Geld machen.

Seine Frau, Mariana, war im 6. Monat schwanger mit ihrem ersten Kind – einem Buben  – und sie wollten ein Haus kaufen.

In Moldau, einer armen ehemaligen Sowjetrepublik, zwischen Rumänien und der Ukraine eingezwängt, mit hoher Arbeitslosigkeit unter den jungen Menschen war gut bezahlte Arbeit schwer zu finden.

Ein Freund erzählte Mihai über Jobs bei den olympischen Baustellen in Russland, wo man €1.000 im Monat bezahlte, mehr als das Fünffache des Durchschnittslohns in seinem Land.

Es war Schwarzarbeit. Doch für viele der Tausenden Moldauer, die damals in Sotschi arbeiteten, spielte das technisch kaum eine Rolle.

Zwei Tage lang fuhren Mihai und sein jüngerer Cousin Iura die 1.200 km mit dem Bus in die Olympiastadt.

Er verließ seine Frau und wusste, dass er vielleicht bei der Geburt nicht rechtzeitig da sein werde. Bevor er fuhr, suchte er noch einen Namen für den Buben aus – Bogdan.

„Man mahnte zur Vorsicht – das war unsere Ausbildung.“

In Sotschi teilte ein Bauunternehmer die beiden jungen Männer für die Arbeit im Fischt-Stadion ein, wo sie Elektro- und Videokabel austauschten.

„Wir legten die Kabel nur auf die Zäune“, erzählt Iura theblacksea. „Wir arbeiteten nicht mit Strom.“

Die Bauunternehmer versprachen Mihai und Iura, dass die richtigen Arbeitspapiere unterwegs seien. Bis sie jedoch ankamen, wartete das Paar am Checkpoint der Baustelle, bis die Security-Leute weg waren, bevor sie sich hineinschlichen.

„Wir hatten keine Arbeitserlaubnis, daher konnten wir nicht immer zur Arbeit kommen“, sagt Iura. “Wir haben alle notwendigen Schritte unternommen. Wir erwarteten, dass wir sie bald bekämen.“

Das Paar trug Handschuhe, bekam jedoch kein richtiges Sicherheitstraining, und es gab auch keinen Sicherheitsbeauftragten.  „Man mahnte uns zur Vorsicht”, sagt Iura. „Das war unsere Ausbildung.“

Am Mittwoch, dem 11. September, arbeiteten die Männer wie üblich mit den Kabeln, indem sie sie entlang langer Metallzäune an der Einfassung verlegten. Iura wurde früh fertig und räumte die Baustelle vor dem Mittagessen auf.

„Dann hörte ich Schreie“, sagt er. Ich sah, wie der Stacheldraht über meinem Kopf zuckte, Zuerst war mir nicht klar, was da vorging.“

Trotz der Versicherungen der Poliere, dass der Strom abgeschaltet sei, hing ein spannungsführendes Kabel, das ein anderer Arbeiter vergessen hatte, tief bis zum Zaun hinunter.

Niemand sah es. Doch irgendwie kam Mihai mit dem Kopf an dem Kabel an und bekam einen Stromschlag, der seinen Körper mehrere Meter nach hinten schleuderte.

Als Mihais Körper blau anlief, versuchten ihn Mitarbeiter wiederzubeleben. Doch ihre Bemühungen blieben erfolglos. Er starb auf der Stelle.

Während Sanitäter und Polizei unterwegs waren und eine Leiche im Dreck lag, verwiesen die Sicherheitsleute Iura und seine Mitarbeiter von der Baustelle.

„Sie wussten, dass er keine Papiere hatte, daher wollten sie keine Probleme bekommen“, sagt er. Am nächsten Tag wurde er von der Polizei befragt.

„Sie stellten eine Menge Fragen“, sagt er. „Was war geschehen? Wie kamen wir dahin? Sie fragten immer wieder nach den Arbeitspapieren, aber ich sagte nicht viel.“

Die Polizei ließ Iura gehen, ohne formale Beweisaussagen aufzunehmen.

Im Laufe des Tages kam Mihais ältere Schwester nach Sotschi, um die Leiche zu identifizieren.

„Ich sah die Konturen seines Gesichts, sein Haar…“, sagt sie. „Er sah aus, als ob er schliefe.“

Zwei Tage nach Mihais Tod gab die Polizei seine sterblichen Überreste frei und versprach, den Vorfall zu untersuchen. Nach mehr als einem Jahr haben die russischen Behörden der Familie immer noch keinen Bericht über Mihais Tod zukommen lassen.

Ana verließ die Leichenhalle mit Mihails Leiche und mehreren offiziellen Dokumenten, einschließlich einer russischen Sterbeurkunde, die von zwei Ärzten aus dem Büro des amtlichen Leichenbeschauers in der Verwaltungszentrale in Krasnodar unterschrieben war.

Die Papiere, die theblacksea vorliegen, enthalten zwei wesentliche Ungenauigkeiten: Dass Mihai auf der Baustelle der Formel-1-Rennstrecke, die ebenfalls in Sotschi gebaut wurde, gestorben sei. Und dass er „arbeitslos“ gewesen sei.

„Er wurde als ‚arbeitslos‘ bezeichnet“, sagt Ana, „aber wie soll irgendjemand glauben, dass er rein zufällig dort arbeitete?“

„Er kondolierte mir – dann gab er mir Geld.“

Die Arbeitgeber zahlten die Überführung der Leiche. Am Internationalen Flughafen von Sotschi  kam ein Russe auf Ana zu. Er wies sich nicht aus. Der Mann übergab Ana einen Umschlag mit 300.000 Rubel (ca. €6.000) für die Begräbniskosten und versprach mehr.

„Er sagte nur ‚Hallo‘ und kondolierte mir”, sagt sie, „dann gab er mir Geld.“

Der Mann war von RZDstroy, einer Tochtergesellschaft der Russischen Eisenbahnen, die der Russischen Föderation gehört und von Wladimir Jakunin geführt wird, einem langjährigen Putin-Partner. Zu Jahresbeginn wurde Jakunin von der US-Regierung auf die Sanktionenliste wegen der Annexion der Krim gesetzt.

2010 wurden die Russischen Eisenbahnen offizieller Partner von Olympstroi, der staatlichen russischen Gesellschaft, die mit der Aufsicht über die Vergabe und die Bautätigkeiten für die Spiele beauftragt wurde.

Die Russischen Eisenbahnen bekamen circa 23% des Olympiabudgets – 8 Mrd. Euro. Doch die Amtszeit ist von Skandalen und Vorwürfen von Preistreiberei überschattet.

Im heurigen März berichtete die russische Wirtschaftszeitung Wedomosti, dass das Unternehmen sich wegen der Nichterfüllung eines Vertrages für Wohnungen in Sotschi seitens RZDstroy einer Strafzahlung von 240 Mio. Euro gegenüber sah.

Die russischen Eisenbahnen und RZDstroy weisen jede Mitschuld an Mihais Tod von sich und sagten theblacksea, dass es im Unternehmen nur einen Todesfall während der Bauarbeiten in Sotschi gegeben habe.

Am 20. Dezember 2013 starb ein Mann – den man als Schweißer namens “S. W. Buchonow” bezeichnete – nachdem die Kabine eines Krans auf ihn gefallen war.

Die Gesellschaft überging weitere Nachfragen über den Tod von Mihai und Bukhonow.

Bei Mihais Begräbnis sagte einer seiner Chefs zu Mariana, dass RZDstroy dauernde finanzielle Unterstützung für sie und Bogdan leisten würde. Sie erhielt eine weitere Zahlung von €600. Dann kam kein Geld mehr.

In Sotschi wurden Dörfer mit dem Bulldozer niedergewalzt, um Raum für massiven Anlagenbau zu schaffen (Foto © Rob Hornstra)

In Sotschi wurden Dörfer mit dem Bulldozer niedergewalzt, um Raum für massiven Anlagenbau zu schaffen (Foto © Rob Hornstra)

Die offiziellen Zahlen der Toten „stimmen nicht“

Ein Bericht von Human Rights Watch aus dem Jahr 2013 schätzt, dass 70.000 Arbeitsmigranten an den Bauarbeiten für die Spiele in Sotschi beteiligt waren. Viele litten unter langen Arbeitszeiten, nicht bezahlten Löhnen, überfüllten Unterkünften. Manche mussten zusehen, wie ihnen die Pässe von den Arbeitgebern abgenommen wurden.

Die wahre Zahl der toten Arbeiter auf der Baustelle ist nicht bekannt. Aber es gibt eine Diskrepanz zwischen den offiziellen Zahlen und den Zahlen der Heimatländer der Arbeiter.

Zu Jahresbeginn kontaktierte theblacksea Moldauer Behörden und fragte nach Sterbeurkunden, die in Sotschi ausgestellt worden waren.

Das Innenministerium sammelt Daten von Familien, die staatliche Zuschüsse für die Beerdigungskosten beantragen. Diese Aufzeichnungen zeigen, dass seit 2009 insgesamt 33 Moldauer in Sotschi ums Leben gekommen waren, und 19 davon in den Jahren 2012 und 2013.

Das russische Arbeitsinpektorat, das für die Zählung der Toten zuständig ist, sagte gegenüber Reportern, dass 2012 und 2013 insgesamt 26 Arbeiter gestorben seien.

Die meisten Arbeitsmigranten kamen aus Zentralasien, mit einer geringeren Zahl aus Moldau. Daher ist die Wahrscheinlichkeit, dass über drei Viertel der Toten Moldauer waren, sehr gering.

In einem Statement gegenüber Reportern gab das Arbeitsinpektorat an, dass in Sotschi „die Sicherheit der Arbeiter gewährleistet sei“ und dass Todesfälle unter den Arbeitern auf der Baustelle der Spiele „vier Mal geringer sei als im Durchschnitt“ für die gesamte Bauwirtschaft Russlands.

Im Gegensatz dazu gab es Großbritannien keinen einzigen Todesfall bei den Bauarbeiten für die Olympischen Spiele 2012. Vancouver hatte einen Todesfall bei der Vorbereitung auf die Olympischen Winterspiele 2010 zu verzeichnen. China gab an, dass zehn Arbeiter bei den Bauabeiten für die Spiele in Beijing 2010 ums Leben gekommen seien.

Ehemalige Arbeiter für die Olympiade in Sotschi sagten gegenüber theblacksea, dass Tote zur täglichen Routine gehörten – und dass die Zahlen in die Hunderte gingen. Die meisten Opfer gehörten zur usbekischen Gemeinde.

Sklavenklasse

Der autoritäre Binnenstaat Republik Usbekistan versorgt Russland nun mit so vielen Arbeitsmigranten, dass im Russischen der Begriff „Usbeke“ jeden beschreibt, der aus den ehemaligen sowjetischen Ländern Zentralasiens kommt.

Der Föderale Migrationsdienst sagte am 4. Dezember, dass in Russland 2.15 Mio. Usbeken gemeldet seien. Die tatsächliche Zahl ist deutlich höher, wenn erst einmal die illegalen Migranten mitgezählt werden.

Viele verlassen Usbekistan, um den fürchterlichen Menschenrechtsverletzungen und der Zwangsarbeit auf den Baumwollfeldern zu entkommen.

Wenn sie einmal in Russland sind, finden sie armselige Lebensbedingungen vor, Xenophobie und Schwarzarbeit auf dem 150 Mrd. US-Dollar schweren Bausektor des Landes.

Als es an der Zeit war, mit den Bauarbeiten in Sotschi zu beginnen, beutete Russland diese neue usbekische Klasse als nützliches Humankapital aus.

Die Not dieser illegalen Arbeitskräfte ist dieselbe wie die der nepalesischen Migranten in Katar, wo Hunderte bei den Bauarbeiten für die Fußball-Weltmeisterschaft 2022 starben.

Im Gefängnis, weil die Zahl der usbekischen Toten preisgegeben wurde

Mahsud Abdujabbarow hat gerade zwei Monate in einer Gefängniszelle Taschkent verbracht, der usbekischen Hauptstadt. Im August verwiesen ihn die russischen Behörden des Landes. Als er dann später in Usbekistan ankam, griff ihn die Geheimpolizei am Flughafen auf.

Sein Verbrechen? Als Vorsitzender des Überregionalen Zentrums für Bildung für Migranten in Moskau kämpfte er für die Rechte von Arbeitsmigranten. Er hatte vor kurzem Details über die laufenden Untersuchungen der usbekischen Todesfälle in Russland veröffentlicht.

Seine Arbeit, die er mit zwei russischen Kollegen durchführte, geht davon aus, dass in den vergangen vier Jahren in Russland 48.500 Usbeken ums Leben gekommen sind. Diese Zahlen kommen vom Katastrophenschutzministeriums, dem Innenministerium, Krankenhäusern vor Ort und Flughäfen, die Särge nach Usbekistan fliegen.

Bei einigen Todesfällen gibt es natürliche Todesursachen, wie zum Beispiel Herzversagen, aber auch Unfälle und rassistische Morde sind dabei. 42% der Verstorbenen, fast 18.000, kamen auf russischen Baustellen ums Leben.

Abdujabbarow sagt gegenüber theblacksea, dass mindestens 120 Usbeken während der Bauttätigkeiten für die olympischen Einrichtungen gestorben seien.

„Die Ursachen für die Todesfälle unter den Arbeitern sind verschieden“, sagt er, „aber die Hauptschuldigen sind die Arbeitgeber. Gefährliche Arbeiten wurden von Leuten ohne einschlägige professionelle Ausbildung und ohne geeignete Aufsicht ausgeführt.“

„Ein weiteres Problem war, dass die Leute ohne Pausen arbeiten mussten…“, fügt er hinzu, „manchmal auch ohne zu schlafen… Einige Arbeiter starben auf Grund mangelnder Konzentration, da sie erschöpft waren.“

Nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis im vergangenen Monat ist Abdujabbarow aus Usbekistan geflüchtet, hält sich versteckt und kann nicht nach Russland oder zu seiner Frau zurück.

Olympische Baufirma: „Millionen” an Bestechungsgeldern bezahlt

Die Rechte der Migranten waren auch auf Grund des Klimas der Korruption beeinträchtigt, das die Spiele infiziert hat.

Bei Kosten von 50 Milliarden Dollar musste sich die globale Sportveranstaltung weit verbreitete Bestechungsvorwürfe u.a. deswegen gefallen lassen, wie der Staat die Bauaufträge organisiert hatte.

Die staatliche russische Firma, die die Spiele managte, Olympstroi, musste zusehen, wie gegen ihre Angestellten 2012 wegen Untreue ermittelt wurde, doch bisher gibt es keine offiziellen Anklagen.

2010 begannen russische Beamten mit Nachforschungen wegen Bestechung bei Wladimir Leschewskij, einem ehemaligen Funktionär in der Präsidialverwaltung, der die Vergabe der Bauaufträge überwachte.

Waleri Morosow, der ehemalige Leiter der russischen Baufirma Moskonversprom, der nun im Exil in Großbritannien lebt, sagte gegenüber theblacksea, dass er persönlich Millionen an Schwarzgeld an Leschenwskij gezahlt habe.

Der Funktiönär, behauptet er, habe ihn dann gedrängt, Arbeiten an eine Gruppe von ex-jugoslawischen Gesellschaften weiter zu vergeben. Eine dieser Firmen sei die in Serbien ansässige Firma Putevi Užice gewesen, die dem Geschäftsmann Vasilije Mićić gehört.

Putevi Užice erhielt Aufträge im Wert von Hunderten Millionen Euro für den Bau und Umbau von Örtlichkeiten in Sotschi, einschließlich des Flughafens und des Hotels Kamelia, einer Fünf-Sterne-Anlage. Trotz der riesigen Geldflüsse erhoben mehrere Angestellte und NGOs Vorwürfe gegen Putevi Užice, dass die Löhne nicht gezahlt worden seien.

Ein Moldauer Arbeiter, Mischa, arbeitete 2012-2014 schwarz für Putevi Užice in Sotschi. Er gibt gegenüber theblacksea an, dass er vom Tod von mindestens sieben Arbeitern wisse, die nur für Putevi Užice gearbeitet hätten.

„Drei von ihnen waren aus Usbekistan“, sagt er „und Putevi Užice zahlte, um es zu vertuschen.“

Putevi Užice war für Journalistenfragen nicht zu erreichen.

Die Anklagen gegen Leschewskij wurden schließlich fallengelassen, und die Regierung versetzte ihn diskret in eine andere Abteilung. Morosow behauptet, die Videobeweise gegen Leschewskij seien „verloren gegangen“. Er unterstellt, dass sie eher vom russischen Geheimdienst (FSB) dazu verwendet wurden, den Funktionär zu erpressen.

Gerüchte über tote Usbeken kursierten in Sotschi laut den Arbeitern dort. Mischa und eine andere Quelle erzählten theblacksea von dem Gerücht über ein flaches Grab mit einem halben Dutzend Leichen in Rosa Chutor, wo die olympischen Skiwettbewerbe ausgetragen wurden.

Der Tod war tägliche Routine - Mindestens 120 Usbeken unter den Toten auf den Baustellen der gigantischen Stadien (Foto © Rob Hornstra)

Der Tod war tägliche Routine – Mindestens 120 Usbeken unter den Toten auf den Baustellen der gigantischen Stadien (Foto © Rob Hornstra)

„Einige Familien bekamen 1.500 Euro, andere bekamen nichts“

Am Tag der Eröffnung der Spiele traf der damalige türkische Ministerpräsident (nun Präsident) Recep Tayyip Erdoğan Wladimir Putin.

Putin lobte öffentlich die Anstrengungen der türkischen Baufirmen, indem er sagte: „Ich möchte den türkischen Bauunternehmern für ihre Arbeit in Sotschi meinen Dank aussprechen… Was wir hier sehen, ist unsere gemeinsame Leistung.“

Doch hier enthüllen wir, wie die türkischen Firmen wegen ihrer Arbeitspraktiken beschuldigt werden.

Ein usbekischer Arbeiter, Adijilon, erzählte uns, wie er Zeuge des Todes von drei illegal beschäftigten Arbeitern der türkischen Baufirma Ant Yapi während des Baus des Hotels Azimut wurde.

„Ein Mann wurde von einem großen Kran überfahren”, sagt er. „Der Kranfahrer übersah ihn… und konnte unsere Rufe nicht verstehen, weil er Türke war. Sie mussten die Polizei holen… [weil] die Usbeken ihn töten wollten. Die Chefs [von Ant Yapi] schickten den Fahrer zurück in die Türkei.“

Bei einem anderen Zwischenfall im September 2012, so Adijilon, verlangten die Baustellenleiter von Ant Yapi, dass ein Usbeke sechs Stockwerke hochklettern sollte, um Beton ins Gebäude zu gießen.

„Zuerst weigerte sich [der Mann]”, sagt Adijilon, „er sagte ihnen, dass das nicht seine Aufgabe wäre und dass er Höhenangst habe.”

Doch die Baustellenleiter bestanden darauf und drohten, ihn zu feuern. Bald darauf stürzte er sechs Stockwerke tief in den Tod. Er hinterlässt zu Hause eine Frau und vier Töchter. Sein Freund brachte seinen Leichnam zurück zu seiner Familie in Usbekistan.

„Einige Arbeiter sagten, Ant Yapi habe der Familie 100.000 Rubel (heute ca. 1.500 Euro) gegeben. Andere sagen, sie hätten nichts bekommen“, sagt Adijilon.

Ant Yapi war für eine Stellungnahme nicht erreichbar.

Sicherheitsbeauftragte gab es kaum bei den Großprojekten in Sotschi

Sicherheitsbeauftragte gab es kaum bei den Großprojekten in Sotschi (Foto © Rob Hornstra)

„Die die sterben, sterben eben. Was zählt, ist der Job.“

Die türkische Architektin Destan Kiliç kam Anfang 2013 nach Sotschi, angestellt zunächst bei der russischen Baufirma TransKomStroy und dann bei dem türkischen Unternehmen Monolith.

Diese Unternehmen arbeiteten eng mit der in Istanbul ansässigen Firma Sembol zusammen, und bauten Freizeiteinrichtungen in Krasnaja Poljana, einem 800.000 Quadratmeter großen Ort in den Hügeln oberhalb der Stadt. Kiliç verließ im Fabruar 2014 das Unternehmen nach Auseinandersetzungen mit den Firmenchefs wegen der Behandlung der Arbeitsmigranten.

Kiliç sagt, dass das Projekt auf eine hohe Anzahl illegaler Arbeiter setzte und dass Todesfälle während ihrer Zeit dort in die Hunderte gegangen seien.

„Unter den Toten waren viele Usbeken und nicht angemeldete Arbeiter“, sagt sie. „Ich hörte immer: ‚Dieser Arbeiter ist heute auf dieser Baustelle ums Leben gekommen‘… ‚Jemand ist wieder runtergefallen‘… ‚Etwas ist auf einen Arbeiter gefallen‘.“

Nichts wurde je dokumentiert, weil sie nicht angemeldet waren.

Sie erzählte von einem Zwischenfall, bei dem ein Arbeiter, der ohne geeignete Ausrüstung in großer Höhe Vermessungsarbeiten druchführen musste, in den Tod stürzte. Als die Baufirma seine Leiche fand, brachte man einen Sicherungsgürtel an der Leiche an und machte dann Fotos. Sie taten das, so sagt sie, um dem Arbeiter selbst die Schuld an seinem Todessturz zu geben.

„Gesundheits- und Sicherheitsmaßnahmen existierten nicht“, sagt sie. Es gab kein Sicherheitspersonal, wie es vorgeschrieben ist. In Sotschi meldeten die Firmen einfach einen Techniker als Sicherheitsbeauftragten.“

Kiliç beschwerte sich bei ihren Vorgesetzten. Doch die Missachtung der Fürsorge für die Arbeiter kam direkt von oben. Während der Auseinandersetzung wurden die Prioritäten geklärt, als man ihr das Diktat Aytekin Gultekins, des Leiters von Sembol Construction übergab.

„Das Management sagte mir: ‚Das ist ein Krieg. Alles ist erlaubt‘“, behauptet Kiliç, “die, die sterben, sterben eben. Und die, die deportiert werden, werden eben deportiert. Worauf es ankommt, ist, dass wir unseren Auftrag erfüllen.“

Kiliç sagt auch, dass diese Brutalität auch auf usbekische Frauen ausgeweitet wurde, die als Reinigungskräfte, Servier- und Küchenpersonal angestellt wurden. Sie sagt, dass sexuelle Übergriffe durch das Management weit verbreitet waren.

„Die Männer zwangen die Frauen, mit ihnen zu schlafen“, fügte sie hinzu. „Die ganze Atmosphäre war ekelhaft.“

Ein Manager bei Sembol, der anonym bleiben will, bestätigte gegenüber theblacksea, dass Vergewaltigungen und sexuelle Übergriffe gegenüber usbekischen Frauen häufig vorkamen und keine strafrechtlichen Folgen hatten.

„Es war extrem weit verbreitet…“, sagt er. „Die meisten Fälle kommen nicht vor Gericht, weil die usbekischen Frauen ungebildete Dorfbewohnerinnen seien, die illegal arbeiteten. Das Management schaut weg.“

Fußball-Weltmeisterschaft: Niederlage für die Rechte der Arbeiter

Am 2. Dezember 2010 stimmte das FIFA-Exekutiv-Komitee in Zürich für Russland als Gastgeber der Fußball-Weltmeisterschaften 2018.

Das Turnier soll in elf Städten, die meisten davon im Westen des Landes, stattfinden.

Es ist ein weiteres riesiges Bauprojekt, das laut Ministerpräsident Dmitri Medwedew ungefähr 20 Milliarden Euro kosten wird. Wie bei den Winterspielen in Sotschi wird die Schwerarbeit auf dem Rücken der Arbeitsmigranten geleistet.

In der Stadt Samara, unmittelbar nördlich der Grenze zu Kasachstan, geht das Ministerium für Arbeit und Migration von einer Zahl der Arbeitsmigranten von 56.000 aus. Wenn man das über die elf Städte hochrechnet, so liegt die Gesamtzahl wahrscheinlich bei mehreren Hunderttausend.

Doch das russische Parlament hat vorsorglich Schritte unternommen, damit die wahre Zahl nie bekannt wird. Im Juli 2013 verabschiedete die Regierung ein Gesetz, das die verschiedenen Bestimmungen des Arbeitsrechtes, die Arbeitern, inklusive der Arbeitsmigranten, bei der Weltmeisterschaft 2018 gewährt wurden, außer Kraft gesetzt hat.

Es hebt die Rechte der Arbeiter auf bezahlte Überstunden, geregelte Arbeitszeiten und Urlaub auf und gilt für alle FIFA und russische Firmen, Bauunternehmen, Sub-Unternehmen, die mit den Bauprojekten des Turniers zu tun haben.

Zusätzlich erlaubt es den Firmen, Arbeitsmigranten ohne Bewilligungen durch den Staat oder Information der Steuer- und Migrationsbehörden anzustellen – und zu kündigen.

Das Gesetz beunruhigt internationale Arbeiterbewegungen sehr, die meinen, dass es verantwortungslose Migrations- und Anstellungspraktiken erleichtert – sogar für Zwangsarbeit und Kinderarbeit.

Laut Anna Bolschewa, verantwortliche Mitarbeiterin für Politik und Kampagnen bei der Bau- und Holzarbeiter-Internationale [Anm. d. Übers.: einem internationalen Zusammenschluss von 318 Mitgliedsgewerkschaften aus der Bau- und Baumaterialienindustrie, der Holzindustrie sowie der Forstwirtschaft und verwandten Industriezweigen mit rund 12 Millionen Mitgliedern in 130 Ländern (Wikipedia)], einem in Genf ansässigen Mitglied der Globalen Gewerkschaftsföderation, sind fünf Arbeiter für die Weltmeisterschaften „offiziell“ bereits ums Leben gekommen.

„Leider ist es für Arbeitsmigranten schwierig, in Russland einen legalen Status zu erlangen“, sagt sie gegenüber theblacksea. „Wenn sie nach Russland kommen, befinden sie sich in einer sehr wehrlosen Situation… Und die Arbeitgeber nützen das aus.”

„Bei den Spielen in Sotschi erreichte diese Ausbeutung ihren Höhepunkt: Die Rechte der Arbeiter wurden brutal verletzt, und es war nicht möglich, diejenigen zu identifizieren, die für diesen Missbrauch, einschließlich der Todesfälle, verantwortlich gewesen wären.“

Suche nach Gerechtigkeit: abgesagt

In Moldau, so Ana, hat die Familie von Mihai die Hoffnung aufgegeben, die Russischen Eisenbahnen wegen des Todes ihres Bruders vor Gericht zu sehen.

Rechtsexperten sprachen sich dagegen aus und erzählten der Familie, dass es zu teuer sein würde und dass es in Russland zu viel Korruption gäbe, um auf ein gutes Ende zu hoffen.

Zwei Monate nach Mihais Tod gebar seine Frau Mariana ihr gemeinsames Kind, das sie Bogdan nannte, wie er es gewollt hatte.

„Ich möchte nicht, dass irgendjemand deswegen ins Gefängnis muss“, sagt Ana. „Doch Mihai war die einzige Stütze für Mariana. Er wollte für drei Monate nach Sotschi gehen, bis Bogdan auf die Welt kam. Er wollte ein eigenes Heim haben, und er arbeitete sehr fleißig.”

In der Leichenhalle von Sotschi traf Ana die Familien von drei weiteren Moldauer Arbeitern, die auf Baustellen ums Leben gekommen waren.

Sie sagten Ana, dass sie sie beneideten.

Sie verstand erst nicht recht, bis sie erklärten, dass es deswegen sei, weil sie die Leiche ihres Bruders mit dem Flugzeug heimbringen konnte.

Sie mussten die Leichen ihrer Männer mit dem Auto 1.200 km weit um das Schwarze Meer herum überführen, um ihnen ein Begräbnis zu geben, das sie verdienten.

Artikel von: Craig Shaw, Lina Vdovi und Roman Anin
Quelle: The Black Sea (Erstveröffentlichung 10.12.2014)
Quelle: RFE/RL, 7.7.2015 (erneute Veröffentlichung wegen der unveränderten Aktualitat

Bild: Rob Hornstra, The Sochi Project
Übersetzt von: Übersetzerteam Euromaidan Press auf Deutsch

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