Die nonchalante Sprachenvielfalt der Ukraine – leicht und gerne missverstanden (Timothy Snyder)

Andrei Kulikow, Talkmaster der Talkshow "Redefreiheit" - Foto UA Formats

Andrei Kulikow, Talkmaster der Talkshow "Redefreiheit" - Foto UA Formats 

Empfehlung, Kultur, Politik, Soziales

Artikel von: Timothy Snyder
Quelle: Politico.eu 2.7.2015 (aktualisiert 3.7.2015)

Was eine Kyiwer Talkshow über die Alltagsdynamik einer zweisprachigen Nation aussagt, die in einen Konflikt mit Russland verwickelt ist.

Neulich nahm ich an einer ukrainischen Talkshow mit dem Titel „Redefreiheit“ teil. Das Format ist ungewöhnlich: Sechs lokale Experten mit Referenzen in Sozialwissenschaften oder Journalismus sitzen an Dreiertischen, vier Ehrengäste sitzen zu zweit an jedem Tisch, zwei weitere Überraschungsgäste kommen während der Show dazu, stehen und halten eine lange Rede, und dann ist da natürlich noch der Moderator, ein seriöser Journalist namens Andrei Kulikow. Als einer der 13 Teilnehmer hatte ich den Eindruck, dass ich eher Fernsehen schaute als es machte, ein Gefühl, das von der Studiowand bestätigt wurde, die von einer riesigen Video-Leinwand mit attraktiven Grafiken bedeckt war.

Unter anderem zeigt sie die Hauptfrage, die diesmal diskutiert werden soll. „Kann der russische Informationskrieg zu einem Dritten Weltkrieg führen?“ Die Gäste sprechen manchmal über die Hauptfrage und manchmal über völlig andere Dinge. Die Sendung dauert irgendwo zwischen zwei und vier Stunden und wird spätabends ausgestrahlt. Die Ukrainerinnen und Ukrainer lieben politische Talkshows, und diese hat unter der Woche Millionen Zuseherinnen und Zuseher.

Wie ich so dasaß und meinen zwölf anderen Teilnehmerinnen und Teilnehmern zuhörte, fielen mir die Vielfalt und die sprachliche Praxis der politischen Klasse auf. Der erste Überraschungsgast war Wolodymyr Hroisman, der Vorsitzende des ukrainischen Parlaments, ein Jude. Er sprach Ukrainisch. Der zweite Überraschungsgast war Micheil Saakaschwili, der Gouverneur in Odessa, der Georgier ist. Er sprach unterhaltsam Russisch. Zwei der Ehrengäste waren Amerikaner, einer von ihnen sprach Russisch, der andere Ukrainisch. Der ukrainische Gast sprach zu den russischsprachigen Teilnehmern Russisch, was der Etikette in der Gesellschaft entspricht. Wenn sie miteinander sprachen, wählten die Ukrainer verschiedene Kombinationen. Üblicherweise sprachen die Ukrainer miteinander Ukrainisch, aber einige der lokalen Experten stellten Fragen auf Russisch. Einer der Ehrengäste, ein Ukrainer, der früher dem Geheimdienst vorstand, beantwortete einige Fragen in Russisch und einige auf Ukrainisch und zitierte Figuren des öffentlichen polnischen Lebens, interessanterweise einschließlich des Filmregisseurs Krzysztof Zanussi. Der Moderator wechselte flüssig hin und her und war in seiner Rolle in jeder Sprache genau gleich souverän. Die Studiogäste, Ukrainer aus Kyiw, unterhielten sich und kümmerten sich nicht um die Zweisprachigkeit. Ihre Stadt ist zweisprachig, und das gehört zu ihrem Alltag.

Vor und während der Sendung konnte das Publikum über die Hauptfrage abstimmen: 82% glaubten, dass Russlands Informationskrieg zu einem Dritten Weltkrieg führen könnte. Anfang des Vorjahres drang Russland in den Süden und Südosten der Ukraine unter dem Vorwand ein, die Rechte ukrainischer Bürgerinnen und Bürger zu schützen, sich der russischen Sprache zu bedienen, daher ist die ukrainische Sicht in dieser Frage eine besondere. Den Ukrainern musste es auffallen, dass viele Menschen im Westen die russische Propaganda ernst nahmen (und manchmal noch immer ernst nehmen). Auf für den Fall, dass Rechte in Frage gestanden wären, ist natürlich ein Krieg keine Antwort. Dass Russland in der Ukraine einmarschiert, um die Rechte der ukrainischen Bürgerinnen und Bürger auf die russische Sprache zu schützen ist so wenig sinnvoll, wie wenn Deutschland in der Schweiz einmarschiert, um die Rechte der Deutschsprachigen zu schützen oder wenn Frankreich in Belgien einmarschiert, um die Rechte der französischsprachigen Bürger zu schützen.

Es macht noch weniger Sinn, da das wichtigste Land, in dem das Recht auf freie Meinungsäußerung in Gefahr ist, in Wahrheit Russland selbst ist. Das ist etwas, das auch klar  aus der ukrainischen Medienlandschaft hervorgeht. Eine konkurrierende ukrainische Talkshow, ebenso populär, wurde gänzlich auf Russisch abgehalten. Der Moderator, Jewgeni Kisseljow, ist ein mit Preisen ausgezeichneter russischer Journalist im politischen Exil außerhalb Russlands. Nachdem Russland auf der ukrainischen Halbinsel Krim einmarschierte, diese besetzte und annektierte, wurde die TV-Station, die die einheimischen Krimtataren versorgte, geschlossen. Sie wird bald wieder eröffnet werden und in Kyiw auf Russisch senden.

Ein führender russischer politischer Satiriker, Wiktor Schenderowitsch, fand heraus, dass sein Buch in Russland aus den Regalen genommen worden war. Er kam auf eine Lösung, auf die auch andere Russen gekommen sind. Er brachte das Buch in Kyiw heraus, in russischer Sprache. Als der hervorragende russische Historiker Andrei Subow seine Meinung zum Krieg Russlands sagte, verlor er seinen Job – und bekam prompt ein Angebot aus Kyiw. Für nicht wenige russische Intellektuelle, deprimiert durch den Orwell-artigen öffentlichen Diskurs, sind die ukrainischen Städte eine Hoffnung für die Zukunft der russischen Kultur. In diesem Licht kann man den Einmarsch Russlands in der Ukraine vielleicht besser mit einer Invasion Amerikas in Kanada vergleichen, um den Wohlfahrtsstaat zu schützen, oder mit einer Invasion Nordkoreas in Südkorea, um den Kapitalismus zu schützen.

Das Groteske bleibt politisch relevant, wenn die Europäer die Zukunft der Ukraine diskutieren. Die russischen Führer behaupten, dass sie das Recht haben, der Ukraine eine verfassungsmäßige Struktur zu diktieren , die Russland permanente Kontrolle über die Teile des Südostens, die es nun besetzt hält, zu gestatten, und diesen Bezirken die Macht zu erteilen, jede größere Initiative der ukrainischen Außen- und Innenpolitik zu blockieren. Die Begründung, die für diese Art des radikalen Föderalismus gegeben wird, ist, dass die ukrainische Regierung die Menschen daran hindert, die russische Sprache zu gebrauchen. Europäer, die keine der beiden Sprachen sprechen und weit entfernt von diesem Konflikt sind, neigen manchmal dazu, dieses Argument zu akzeptieren. Das sollten sie nicht. Wenn die Europäer es Russland gestatten, Kontrolle über den ukrainischen Staat zu übernehmen, schaffen sie damit einen Präzedenzfall für die Invasion eines europäischen Landes nach dem anderen als legitime Art, politische Ziele zu erreichen, und schwächen damit die zu Grunde liegende Struktur des politischen Lebens in Europa als Ganzes.

Beim Verlassen des Studios von „Redefreiheit“ machte ich mir insgeheim Vorwürfe wegen der vielen sprachlichen Fehler und dachte einen Moment über unsere harsche Talkshow-Kultur nach. In Diskussionen über den Krieg in der Ukraine oder über irgendein umstrittenes Thema bestimmen eher extreme Standpunkte die Debatten als Fakten. Ukrainischer Bilingualismus ist nicht nur der Stand der Dinge, er ist auch eine Art automatischer Höflichkeit. Wenn prominente Leute im Fernsehen oder Bürgerinnen oder Bürger im Alltag sich bemühen, die Sprache zu sprechen, die für den Gesprächspartner einfacher ist, so wird das einfach als gutes Benehmen angesehen. Diese Höflichkeit im Alltag sagt uns etwas über den Charakter der bilingualen ukrainischen Nation, das unseren bekannten Kategorien entgeht, die wir manchmal lautstark aufdrängen, ohne wirklich zuzuhören.

snyder_newsTimothy Snyder ist Housum Professor für History an der Yale University. Er ist der Autor von „Bloodlands: Europe Between Hitler and Stalin” (Basic Books, 2010). Seine Geschichte des Holocaust , “Black Earth,” wird im September dieses Jahres erscheinen.

Artikel von: Timothy Snyder
Quelle: Politico.eu 2.7.2015 (aktualisiert 3.7.2015)

Übersetzt von: Übersetzerteam Euromaidan Press auf Deutsch

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