Europas Kante, Europas Ende – von Timothy Snyder

Das Lenindenkmal in Charkiw, Ukraine, 1967 - Foto: Dean Conger/Corbis

Das Lenindenkmal in Charkiw, Ukraine, 1967 - Foto: Dean Conger/Corbis 

24. Juli 2015 • Empfehlung, Kultur

Artikel von: Timothy Snyder
Quelle: NY Books, 21. Juli 2015

Die Krise der Europäischen Union hat zwei Seiten. Eine politische, wegen der mangelnden Demokratie innerhalb der europäischen Institutionen; eine andere philosophische, wegen der Erosion Europas als Quell und Heimat allgemeingültiger Werte. Die politische Krise ist in Deutschland und in Griechenland zu sehen. Wie wir heute beobachten können, war es nie sinnvoll, eine Währungsunion (die Eurozone) zu schaffen ohne Fiskalunion (ein substantielles gemeinsames Budget). Eine Fiskalunion würde mehr europäische Demokratie erfordern, um Steuern und Ausgaben zu legitimieren. Als der Euro eingeführt wurde, hoffte man, dass die gemeinsame Währung Solidarität schaffen würde zur Förderung der europäischen Demokratie; allein das ist nicht passiert. Die Griechenlandkrise ist zu einem Konflikt mehrerer europäischer Demokratien geworden, in dem sich die Schwachen den Starken beugen müssen. Die Griechen bekommen nicht die Politik, die sie gewählt haben; und Deutschland und andere Europäer hätten nicht für ein Griechenlandrettungspaket gestimmt, hätte man ihnen die Gelegenheit dazu gegeben. Ohne europäisches Budget sind Krisen dieser Art unausweichlich; ohne europäische Demokratie wird allen Lösungen die politische Legitimation fehlen.

Die philosophische Krise sieht man in Russland und in den östlichen Grenzregionen der Ukraine. 2013 haben die Ukrainer in ihrer Revolution ihr starkes Engagement für die Idee der europäischen Integration demonstriert. Aus der Perspektive derer, die am Maidan, dem Hauptplatz in Kyiw, der das Zentrum der Erhebung war, ihr Leben riskierten, war die Kooperation mit Europa wesentlich für die ukrainische Zivilgesellschaft, um den korrupten ukrainischen Staat zu reparieren. Der Kern und die explizite Absicht des russischen Krieges in der Ukraine andererseits ist die Zerstörung der Europäischen Union als universalistisches Projekt, dem die Ukraine beitreten könnte. An ihrer Stelle will Moskau einen Konkurrenten zur EU, bekannt unter dem Namen Eurasische Union errichten. Anstatt der allgemeinen Anerkennung von Rechtsstaatlichkeit und Bürgerrechten sieht das eurasische Projekt die russischen Hegemonie über Territorien vor, die auf Grund der Geschichte von russischen Führern als die ihren betrachtet werden, wie zum Beispiel die Ukraine. Die moralische Prämisse ist, dass die Mitglieder der Europäischen Union die traditionelle europäische Kultur (womit religiöser, sexueller, und politischer Exklusivismus gemeint ist) zugunsten von „Dekadenz“ aufgegeben haben und dass nur Russland Kultur repräsentiere.

Dennoch war die russische Anstrengung, den ukrainischen Staat durch militärische Besatzung und eurasische Propaganda zu zerbrechen, zumindest bisher nicht von Erfolg gekrönt. Sehr wenige in Europa würden tasächlich das russische Modell, das man im Donbas und auf der Krim sehen kann, bevorzugen – Millionen von Flüchtlingen, eine nicht mehr funktionierende Wirtschaft, tägliche Gewalt, tausende Tote, allgemeine Gesetzlosigkeit. Andererseits, da eine große Anzahl von Ukrainierinnen und Ukrainern gewillt war, Risiken auf sich zu nehmen, zu leiden und im Namen Europas zu sterben – sogar zu einer Zeit, da die EU selbst an einer schweren Identitätskrise leidet – macht es Sinn zu fragen, was sie sich von ihren Bestrebungen erwarten.

Im langen Verlauf der Geistesgeschichte ist das Aufeinandertreffen von russischer Desintegration und europäischer Integration den Ukrainern sehr vertraut. Die ukrainische Stadt Charkiw, weniger als 30 km von der russischen Grenze entfernt, war die Heimatstadt eines Denkers, der diesen langen Prozess in Relation setzte. Für George Shevelov (1908-2002), einen der größten Philologen des 20. Jahrhunderts und Professor an der Columbia University und in Harvard, war die gesamte Geschichte der Begegnung zwischen der Ukraine und Russland eine Begegnung zwischen riskantem (ukrainischem) Universalismus und mächtigem (russischem) Provinzialismus. Seine Aufsätze, 2013 auf Ukrainisch publiziert, stellen einen fachkundigen Führer durch diese dauerhafte Perspektive dar.

Im frühen 18. Jahrhundert, zu einer Zeit, als Religion als wesentlich für eine Kultur gesehen wurde, glaubten ukrainische Geistliche, dass sie das allgemein gültige Christentum in das russische Reich brächten. Aus der Perspektive Kyiws war das Christentum ein Glaube, der mehreren Krisen standgehalten hatte, und das orthodoxe Christentum war die passende historische Veredelung. In Kyiw war die Orthodoxie universell, insofern als ihre Denker umfassend gebildete Männer waren, und universell, insofern als sie erwarteten, dass ihr Verständnis von Religion verbreitet werden könnte, zum Beispiel bis Moskau. Die Orthodoxe Kirche in der Ukraine hatte eine Tradition barocker Erziehung in Latein und Polnisch; ihre Geistlichen waren sich aller Religionskriege, die Europa während der Reformation und Gegenreformation gespalten hatten, bewusst. Moskau akzeptierte die Dienste der Geistlichen, kehrte jedoch die Botschaft um: Man sah die Orthodoxe Kirche als authentisch, nicht weil sie eine transzedentale Alternative zu säkularen Staaten repräsentierte, sondern nur insofern, als sie der politischen Macht Russlands Nachdruck verlieh. Es ist kein Zufall, dass die Russisch- Orthodoxe Kirche heute eine starke Befürworterin des russischen Militarismus ist.

Das nächste große Aufeinandertreffen umfassender und provinzieller Werte in der Ukraine und Russland und seinen Grenzregionen kam mit dem Aufstieg des Kommunismus im frühen 20. Jahrhundert. In Charkiw durchlebte Schevelov den ihn prägenden Versuch, den Kommunismus in eine Art globales Projekt der Aufklärung der Nationen zu verwandeln. Als die Sowjetunion errichtet wurde, war die Ukraine (nach Russland) die zweitwichtigste Republik, und Charkiw war die erste Hauptstadt der Ukrainischen Sowjetrepublik. Inspiriert durch die Schaffung der Sowjetunion als Föderation nationaler Republiken und unterstützt durch die frühe sowjetische Politik der affirmative action für nicht-russische Nationen, nahmen viele ukrainische Kommunisten den internationalen Charakter der Revolution ernst und glaubten, dass nun alle Nationen einen gesellschaftlichen und kulturellen Wandel durchmachen würden, jetzt da sie in Richtung Sozialismus voranschritten. Wie sie die Dinge sahen, war die Ukraine eine der zahllosen Nationen, die diese Revolution herbeiführen würde durch Formung einer modernistischen Kunst und Literatur, die dem neuen sozialistischen Zeitalter angemessen sein würde.

Der ukrainische Schriftsteller und Dichter Mykola Chvylʹovyj (Микола Хвильовий)

Der ukrainische Schriftsteller und Dichter Mykola Chvylʹovyj (Микола Хвильовий)

In den 1920-er Jahren richteten die ukrainischen Kommunisten unter der Führung des ukrainischen Schriftstellers und Arbeiterdichters Mykola Chvylʹovyj (Микола Хвильовий) eine exemplarische Reihe kultureller Institutionen zur Förderung experimenteller Kunst ein. Chvylʹovyjs Hauptidee als Kritiker und Sponsor neuer Literatur war, dass die Ukraine einen Sprung vorwärts machen könnte, zu dem, was er „psychologisches Europa“ nannte, durch eine neue ukrainische Hochkultur, die mutige Meditationen über die missliche Lage modernen Lebens anbot. Unter „Europa“ verstand er die Umarmung Europas, aber auch den Versuch, seine Genres zu überwinden. Er sah dies als die geeignete Aufgabe der ukrainischen und russischen Literatur, gesondert, an und lehnte die Vorstellung ab, dass die russische Kultur Formen hätte, die über die europäschen hinausgingen und dass diese die ukrainischen Schriftsteller leiten sollten. Einige der besten Romane der Zeit, wie zum Beispiel Walerjan Pidmohylnyjs Die Stadt handeln von der Erfahrung des Sozialismus in den großen Städten der Ukraine. Chvylʹovyj selbst beschrieb das Leben in Charkiw auf eine Art, die schwer als romantisch erlebt werden kann: „In einer weit entfernten Kirche brennt ein Feuer und formt ein Gedicht. Ich schweige. Maria schweigt.“

Doch dann, wie Shevelov es sieht, kamen Josef Stalin und eine neue Ideologie des russischen Provinzialismus. Der sowjetische Sozialismus war kein umfassendes Projekt mehr, das damit beginnen konnte, dass Nationen eine neue europäische Kultur aufbauten, sondern vielmehr ein hoch zentralisierter ökonomischer Wandel, von Moskau gesteuert, für dessen Versagen die Satellitenstaaten, allen voran die Ukraine, verantwortlich gemacht werden konnten. Die Kollektivisierung der Landwirtschaft, mit der ernsthaft 1930 begonnen wurde, sollte die bäuerliche Bevölkerung an Orten wie der Ukraine in moderne proletarische Gesellschaften verwandeln. Ihres Bodens und seiner Früchte durch Kollektivisierung und Requirierung beraubt, verhungerten die Bauern in der Ukrainischen Sowjetrepublik und schickten ihre Kinder in die Städte zum Betteln. Von der Polizei in Charkiw wurde erwartet, dass sie Anfang 1933 jeden Tag zweitausend hungrige Kinder von den Straßen entfernte. Chvylʹovyj und die anderen ukrainischen Schriftsteller sahen das mit eigenen Augen.

Stalin gab die Schuld am Versagen der Kollektivisierung dem ukrainischen Nationalismus und bestrafte die Anführer der neuen ukrainischen Avantgarde. Im März 1933 beging Chvylʹovyj Selbstmord. 1934 wurde die Hauptstadt der Ukrainischen Sowjetrepublik nach Kyiw verlegt. 1937 und 1938 wurde Charkiw eines der Zentren des Großen Terrors von Stalin. Eine ganze Generation von Künstlern und Schriftstellern (einschließlich des Romanautors Pidmohylnyj) wurden vom NKWD ermordet. Nachdem die Sowjetunion 1939 in Polen einmarschiert war, wurden polnische Gefangene zur Erschießung nach Charkiw transportiert. Die Vorstellung vom Kommunismus als internationaler Befreiungsbewegung wurde überall durch die stalinistische  Arroganz (conceit) ersetzt, derzufolge der Kommunismus ein spezielles, von Moskau aus gesteuertes System politischer Kontrolle sei.

Aus diesem Blickwinkel versteht man leichter, wie viele Ukrainerinnen und Ukrainer heute ihre jüngste Revolution 2013 und 2014 sehen. Für Ukrainerinnen und Ukrainer ist die Aussicht auf Europa nicht nur ein gemeinsamer Markt für ukrainische Waren und ein Ansporn für politische Reformen; sie versinnbildlicht auch die Vorstellung der wechselseitigen Anerkennung der europäischen Staaten und Zivilgesellschaften, die die Ukraine aus dem Schatten des russischen Provinzialismus herausholen könnte. Doch die Revolution – obwohl die Aktivistinnen und Aktivisten aus dem ganzen Land kamen – war am Maidan in Kyiw konzentriert. In den Nachkriegsjahrzehnten war Kyiw die sowjetische Hauptstadt; in den post-sowjetischen Jahrzehnten ist Kyiw zu einer durch und durch europäischen Metropole geworden. In der östlichen Stadt Charkiw, wo die Sowjetisierung nach 1930 Provizialisierung bedeutete, ist die Atmosphäre viel stärker post-kolonial. Während der Revolution war die Meinung in Charkiw viel stärker geteilt und viele Menschen schlossen sich einem “Anti-Maidan” gegen die pro-europäische Bewegung an. Dies war ein Aufeinandertreffen von gewaltsamen und gewaltlosen Protestmethoden, da die Anti-Maidan Bewegung sich darauf spezialisierte, die politischen Gegner zu verprügeln und zu erniedrigen. Serhij Schadan (Сергій Жадан), dem bekanntesten Dichter und Romanschriftsteller Charkiws wurde von den Anti-Europäern Anfang 2014 ein Schädelbruch zugefügt.

Nach dem Sieg des Maidan und der russischen Invasion im Frühjahr 2014, änderte sich der Ton in Charkiw etwas. Die Leninstatue der Stadt wurde schließlich im September 2014 gestürzt. Nun hängt da ein Schild, das verkündet, dass der Sockel, auf dem sie stand, „im Bau“ sei, obwohl es keine tatsächlichen Bauarbeiten gibt. (Die Art des Baues, der gemeint ist, ist vielleicht eine kulturelle oder politische Spielart.) Charkiws Führungspersönlichkeiten lehnten den Maidan generell ab, aber, als es so weit war, auch den Separatismus und die russische Invasion. Auf den Straßen werben rechte, paramilitärische Kräfte für die Verteidigung der Ukraine gegen Russland an, wenn auch die öffentliche Meinung zu einem Gutteil unsicher ist, wie man über den Krieg denken soll. Im Februar marschierten Bewohner von Charkiw, um den Jahrestag des Maidan zu feiern, und jemand zündete eine Bombe auf ihrer Route, die vier Menschen tötete. Die Stadtbusse sind blau und gelb bemalt, in den Nationalfarben, mit der hoffnungsvollen Botschaft „Ein Land“, sowohl auf Ukrainisch und auf Russisch.  Jüngere Bemühungen, Shevelovs selbst zu gedenken, haben die Spaltung gezeigt. Eine Gedenktafel, die in Charkiw angebracht wurde, um an sein Leben und Werk zu erinnern, wurde umgehend von Leuten zerstört, die behaupteten, dass sie Charkiw gegen den „Faschismus“ verteidigten.

Der Sockel des ehemaligen Lenin-Denkmals in Charkiw, Ukraine, 2015 - Foto: Timothy Snyder

Der Sockel des ehemaligen Lenin-Denkmals in Charkiw, Ukraine, 2015 – Foto: Timothy Snyder

Einer derjenigen, die das Andenken an Shevelov nach Charkiw zurückbringen wollte, war Schadan, der Dichter, der letztes Jahr attackiert wurde. Das Thema, für das er am  besten bekannt ist, ist die Erfahrungen post-sowjetischen Lebens in großen Städten. In einer größeren Prosa-Sammlung Hymne der demokratischen Jugend, die einige Jahre vor dem Maidan erschien, schildert er die Anfänge des jüngsten Charkiw, des post-sowjetischen. Die erste Geschichte in der Sammlung “Der Inhaber des besten Schwulenclubs” wird wahrscheinlich am besten nicht als Widerstand gegen die offizielle Homophobie der Russischen Föderation oder die Stimmung gegen Homosexuelle, die noch immer in der Ukraine vorherrscht, gelesen. Die Aussage betrifft letztendlich weniger die Eigentümlichkeiten der Erfahrung mit Homosexualität in Charkiw oder die Tragikomödie derer, die versuchen, damit Geld zu verdienen, sondern viel eher das Wesen der Liebe. Am Schluss erfahren wir, dass der Titelheld, der Manager des besten Gay-Clubs, ein früherer Straßenkämpfer, insgeheim glaubt, dass Homosexuelle was von Sex verstünden. Die Geschichte sublimiert die Eigentümlichkeiten des provinziellen, post-sowjetischen Charkiw in einer allgemein gültigen Frage, ob die Liebe zweier Menschen die Antwort auf die überwältigende Entfremdung einer Gesellschaft im tiefgreifenden Wandel sein kann. Dies ist ein ernster Spielzug, der vor einem komischen Hintergrund rasch und geschickt ausgeführt wird, und macht dem Leser, der Leserin Lust auf mehr.

Damals im Jahr 1920 schrieb auch der kommunistische Führer Chvylʹovyj über die Schwierigkeit der Leidenschaft in der modernen Stadt, neben vielen anderen Themen, von denen man annahm, dass sie Teil einer neuen universalistischen Zukunft seien. Zunächst könnte der Eindruck entstehen, dass, obwohl die Schlussfolgerung zu einfach wäre, Schadan, der 1974 geboren wurde, nur die Chronik des langen Niedergangs von Chvylʹovyjs Stadt und ihrer Mission schreibt. Wonach Schadan eigentlich zu streben scheint, – und hier ist seine Bereitschaft, sein Leben für Europa zu riskieren, der Schlüssel – ist, was Chvylʹovyj „psychologisches Europa“ nannte: das Akzeptieren von Konventionen, die Arbeit, sie zu überwinden, und die absolute Unerlässlichkeit von Freiheit und Achtung für die Anstrengung. Die Kriminellen brachen ihm den Schädel, weil er sich weigerte, sich zu unterwerfen. Schadans vorläufig letztes Werk, ein Gedichtband mit dem Titel Das Leben Marias, der Anfang des Jahres herauskam, ist ein Buch über den Krieg in der Ukraine und über Schadans eigenes Überleben: „Wie man sieht, habe ich das überlebt. Ich habe zwei Herzen/tue mit beiden etwas.“ Im weiteren Verlauf des Buches werden die Meditationen zunehmend religiös, und die Gedichte nehmen oft die Form von Gesprächen mit Maria selbst an. Keiner in der ostslawischen Kultur oder anderswo kombiniert das lyrische Ich des harten Burschen und des heiligen Narren wie Schadan. Er rappt Hymnen.

An manchen Stellen in Das Leben Marias klingt Schadan wie Czesław Miłosz, der polnische Dichter des 20. Jahrhunderts, der auch nach Europa strebte, sowohl durch das Universelle als auch das Lokale: „Ich wollte alles benennen.“ Miłosz war der überragende Dichter eines Grenzgebietes, nördlich von Charkiw, litauisch-weißrussisch-polnisch (und jüdisch) eher als ukrainisch-russisch (und jüdisch). Sein Standpunkt, vielleicht nicht so verschieden von dem Schadans, war, dass Europa am besten am Rande zu erkennen sei, dass Unsicherheit und Risiko wesentlicher seien als Gemeinplätze und Sicherheit. Und tatsächlich ist der letzte Abschnitt von Das Leben Marias Schadans Übersetzungen von Miłosz gewidmet. Schadan beginnt mit zwei Miłosz-Gedichten, “Das Lied vom Weltende” und “Ein armer Christ schaut auf das Ghetto”, die sehr direkte Frage stellen zu dem, was die Europäer während des 20. Jahrhunderts getan haben und was sie statt dessen tun hätten können oder sollen. Das zweite Gedicht kommuniziert den Schmerz und die Schwierigkeit, den Holocaust zu sehen und daraus tatsächlich zu lernen, was zumindest einmal die zentrale Idee des europäischen Projekts war. Das erste vermittelt, fast fröhlich, aber sicher gespenstisch, wie sich eine europäische Katastrophe anfühlen könnte. Es schließt:


Glaubt niemand, dass es bereits geschieht.
Nur der grauhaarige Greis, der ein Prophet sein könnte,
Doch er ist keiner, denn er hat anderes zu tun,
Sagt beim Anbinden der Tomaten:
Es gibt kein anderes Ende,
Es gibt kein anderes Ende.

Wo Miłosz auf Polnisch schrieb, dass der alte Mann anderes zu tun hatte, schreibt Schadan auf Ukrainisch, dass es schon so viele Propheten gebe. Vielleicht. Pro-europäische Ukrainerinnen und Ukrainer gehen ein Risiko ein, sie verlangen keine Zukunft. Sie beobachten auch die Griechenlandkrise, und ihr Standpunkt ist oft vernichtender als alles, was westliche Kritiker aufbringen konnten. Der Punkt ist also nicht Sicherheit, sondern Möglichkeit. Schadan hätte leicht für die europäische Idee sterben können; andere Ukrainerinnen und Ukrainer sind schon gestorben. Dennoch stehen die Risiken, die er eingegangen ist, sowohl körperlich als auch im literarischen Sinn, nicht im Dienste einer bestimmten Politik. In vielen seiner Essays und Gedichte geht es um den Versuch, Menschen zu verstehen, zu denen er im Widerspruch steht. Er ist ein unverblümter Kritiker seiner eigenen Regierung. Wie Miłosz, der Europa als „familiär“ beschreibt, oder wie Chvylʹovyj, der Europa „psychologisch“ nannte, verfolgt Schadan das Experiment und die Aufklärung, eine Richtung von „Europa“, die verlangt, dass man sich auf die unbezwingliche Vergangenheit einlässt, statt geschichtliche Mythen zu produzieren und zu konsumieren. „Die Freiheit”, schreibt Schadan in Das Leben Marias, “besteht darin, freiwillig ins Konzentrationslager zurückzukehren.”

Keiner weiß, wohin diese Vision Europas führen könnte; das ist in gewisser Hinsicht der Punkt. Was wir aber wissen, ist, dass Europa, um als solches zu existieren, in umfassenderen Institutionen existieren muss. Viele Ukrainerinnen und Ukrainer verstehen das, dass dies der Grund ist, warum sie ihre Revolution Europas wegen selbst gemacht haben. Diese Institutionen müssen verbessert werden, deswegen sprechen wir alle über Griechenland. Europa kann sowohl in Griechenland als auch in der Ukraine versagen, weswegen es in den russischen Medien an voreiligen, jubelnden Visionen eines Zusammenbruchs der Europäischen Union nur so wimmelt. Die zugrundeliegende Botschaft der russischen Propaganda ist, dass es keinen Sinn habe, für Europa zu arbeiten, sei es innerhalb der Europäischen Union oder außerhalb, da Demokratie und Freiheit nichts weiter seien als die Heuchelei einer zum Untergang verdammten Ordnung und die Geschichte keine andern Lehren kenne als die der Macht. Russischer Nihilismus spornt dem europäischen Narzissmus an.

Die Europäische Union wird zweifellos beide Krisen überstehen, zumindest eine Zeit lang; weder in der einen noch in der anderen hat es eine wirkliche Antwort auf die existentiellen Probleme der Demokratie gegeben. Die Ukraine verdient Hilfe, wird aber weitgehend ignoriert, weil sie kein Mitglied der Europäischen Union ist; die griechische Aufforderung nach Reform der Institutionen bleibt unbeachtet. Während europäische Politiker sich abmühen, zu definieren, was Europa ist, ist es nützlicher oder zumindest ermutigender, die düsteren Universalisten in Charkiw zu lesen, als die schadenfrohen Provinzialisten in Moskau zu beobachten.

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Timothy Snyder

Timothy Snyder ist Housum-Professor für Geschichte an der Yale-University. Er ist der Autor von „Bloodlands: Europe Between Hitler and Stalin” (Basic Books, 2010). Seine Geschichte des Holocaust , “Black Earth,” wird im September dieses Jahres erscheinen.

Artikel von: Timothy Snyder
Quelle: NY Books, 21. Juli 2015

Übersetzt von: Übersetzerteam Euromaidan Press auf Deutsch

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