Marina Bondas: „In diesen 2 Wochen habe ich die besten Leute der Ukraine kennen gelernt“

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29. Juli 2015 • Krieg im Donbas

Artikel von: Dmytro Desjateryk
Quelle: Djen, Kiew, 26. Juli 2015

Am 13. März erschien in „Djen“ ein Interview mit der deutschen Geigerin und gebürtigen Kiewerin Marina Bondas. Sie lebt bereits seit 22 Jahren in Deutschland, schloss Musikhochschule ab und arbeitet beim Sinfonieorchester des Berliner Rundfunks, einem der ältesten Orchester in Europa. Ihre Heimat hat sie jedoch nicht vergessen.

Im Juli kam Marina in die Ukraine. Sie trat während einer Woche in Städten im Donezker und Luhansker Region auf, die von den Besatzern befreit wurden – in Slowjansk, in Kramatorsk, in Swjatohirsk und in Sjewjerodonezk. Diese Konzerttour, in Begleitung des Kiewer Pianisten Leonid Schapowalow, endete auf dem Gelände des Zentralen Militärkrankenhauses in Kiew unter freiem Himmel.

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Das Programm bestand zum größten Teil aus kurzen und sehr unterschiedlichen Werken – von Potpourri von Édith Piaf und Musik aus dem Film „Cabaret“ bis hin zu den „Rumänischen Tänzen“ von Béla Bartók. Das Publikum bestand aus Verwundeten und ihren Angehörigen, sowie aus Mitarbeitern des Lazaretts und Freiwilligen. Nach dem Auftritt spielte Marina in den Krankenzimmern für bettlägerige Verwundete und antworte dabei auf Fragen von „Djen“.

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Marina, Sie traten als Person eines eher friedlichen Berufs, als Geigerin, in frontnahen Städten auf. Welche Eindrücke hinterließen unsere Soldaten bei Ihnen?

Meinen Eltern sagte ich nicht, wohin ich fahre. Aber ich fühlte mich sicherer als in Berlin, weil ich dauernd beschützt wurde. Als ich vor der 95. Brigade auftrat, traf ich auf Leute mit zwei Hochschulausbildungen, darunter auch Musiker. In anderen Bataillonen ein ähnliches Bild. Ich erinnere mich noch an die Sowjetarmee, und wohl alle sahen Bilder der russischen Fallschirmjäger, wie sie an ihren Festen in Springbrunnen baden und die Stadt in Angst und Schrecken halten. So gesehen ist der Unterschied zu unseren Soldaten enorm. Ich bin auf unsere Leute und unsere Armee sehr stolz. Ich glaube daran, dass sie siegen, denn dieser intellektuelle Unterschied ist sehr groß.

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Kamen Sie mit dem Publikum sofort in Kontakt?

Ja, gerade in der ATO-Zone und hier, in Kiew, hatte ich das beste Publikum. Ich kam als Musikerin viel in der Welt herum und spielte in sehr prestigeträchtigen Sälen, aber wenn mich jemand fragen würde: „Entweder in der Berliner Philharmonie oder in der ATO-Zone unter Feldbedingungen?“ – würde ich ohne zu zögern letzteres wählen. Denn die Zuhörer sind hier sehr dankbar. In Europa besuchen wir Konzerte manchmal zweimal pro Woche, es wird zu einer alltäglichen Delikatesse, die man eigentlich immer genießen kann, weshalb man den echten Wert oft vergisst. Aber die Leute in der ATO-Zone verstehen die Musik und schätzen sie wie kein Musikexperte oder Kritiker. Experten können analysieren und erklären, aber sie vergessen manchmal, wozu es Musik gibt und weshalb wir spielen… Bei den Konzerten wollte man mich nicht von der Bühne lassen. Ich hatte nicht erwartet, dass es so gut klappt. In diesen zwei Wochen habe ich die besten Leute der Ukraine kennen gelernt. An diese Zeit werde ich mich mein ganzes Leben lang erinnern. Ich wünsche mir, dass dieser Krieg schnell aufhört und dass alle am Leben und gesund bleiben.

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Soweit ich weiß, waren Sie auch in einem Jugendcamp in der Frontstadt Swjatohirsk.

Um ehrlich zu sein, versuche ich es sonst zu vermeiden, mit Kindern zu arbeiten, denn davon muss man Ahnung haben. Es ist eine besondere Herangehensweise nötig, besonders wenn die Jugendlichen zwischen 12 und 16 Jahre alt sind. Da kommt ein Mädel mit der Geige, und den Kids wird statt etwas Fetzigem, Poppigem die langweilige Klassik präsentiert – total uncool. Deshalb hatte ich etwas Angst, dorthin zu gehen, weil ich nicht wusste, wie ich sie begeistern soll. Und die Jugendliche dort waren gerade zwischen 12 und 16 Jahren. Aber als ich zu spielen begann, hörten sie mit großen Augen zu. Ich erzählte ihnen ein bisschen über die Musik, und, obwohl ich schlecht im Sprechen bin, kam sofort ein Kontakt zustande: Sie reagierten auf Fragen, waren interessiert. Ich war sehr betroffen: diese Augen…! Auf der einen Seite freute ich mich riesig, aber auf der anderen Seite, standen mir Tränen in den Augen: arme Kinder. Als ich vor dem Konzert den Notenständer aufklappte, sagte ein Junge in meiner Nähe: „Nur nicht schiessen bitte!“ Er sagte es zwar halb im Scherz, aber es war schrecklich. Aber trotz allem gibt es Hoffnung. Freiwillige kümmern sich um sie, und wir werden uns noch mehr bemühen.

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Haben Sie Pläne?

Ich will dort auf jeden Fall wieder Konzerte geben. Vielleicht kann ich Kollegen überreden. Und ich möchte für die Kinder Ferienlager und Workshops in Deutschland organisieren oder einen anderen Weg finden, um sie wieder daran zu erinnern, was ein Leben in Frieden bedeutet. Es kam bei meiner Reise zu entsprechenden Kontakten. Mal sehen, wie wir es machen. Man muss Finanzierung suchen. Damit der Krieg aus den Köpfen geht und nicht in den Familien bleibt.

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Wie ist Ihre Einschätzung? Wird es dem Land gelingen, wieder ganz zusammen zu wachsen, nach all dem, was geschah?

Krieg heißt Wunden und Narben. Aber mir scheint die Frage der Teilung seltsam. Natürlich gibt es regionale Unterschiede, aber sie sind eher positiv – es geht um Vielfalt und nicht um Teilung. Die Ukraine ist vereint. In Kramatorsk, wo vor einem Jahr die “Ukrofaschisten“ (wie sie oft in den russischen Medien genannt werden) ankamen, sprechen alle russisch und niemanden kümmert es. Es gibt sogar bis heute eine Lenin-Straße. An machen Plätzen muss man sich bewusst sein, dass man in Kramatorsk ist, sonst merkt man die Vergangenheit überhaupt nicht an. Freiwillige bauen Fernheizsystem und die Schulen wieder auf. Dabei geht es nicht nur um die Spuren der Bombenangriffe, sondern auch um Objekte, die vernachlässigt und seit 10 Jahre nicht repariert wurden. Klar gibt es Leute, denen die pro-russische Besatzung nicht reichte. Sie wollen immer noch nach Russland, was ich nicht verstehen kann. Aber die Unterstützung ist passiv. Solange ihnen niemand Waffen in die Hand drückt, denke ich nicht, dass sie kämpfen werden. Letztlich sind sie geblieben und nicht weggefahren. Wenn dann alles vorbei ist, wird die Ukraine aufblühen und kann sogar in Europa führend werden. Dafür braucht es nur etwas Zeit. Denn die Menschen wecken in sich soviel positive und besonders wertvolle Eigenschaften. Und alles begann mit dem Maidan.

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Werden Sie wieder kommen?

Gerade denke ich über ein Projekt zur musikalisch-psychologischen Rehabilitierung nach. Sobald das Schießen aufhört, wird die Kulturarbeit in vollen Gang kommen. Musik hilft manchmal dort, wo die Psychologie nicht helfen kann. Unsere größten Herausforderungen kommen dann, wenn der Krieg aufhört. Aber ich sehe bereits, dass diese Arbeit erfolgreich sein wird. Wir werden uns weiter damit beschäftigen.

Artikel von: Dmytro Desjateryk
Quelle: Djen, Kiew, 26. Juli 2015

Bild: Fotos: Artjom Slipatschuk, Djen
Übersetzt von: Übersetzerteam Euromaidan Press auf Deutsch

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