Ukrainischer Schwimmer flüchtet vor Verfolgung auf der Krim: „Es ist schlimmer als zu Sowjetzeiten!“

sofyanik

 

1. August 2015 • Empfehlung, Krim, Menschenrechte, Russland

Artikel von: Halya Coynash, Charkiwer Menschenrechtsgruppe
Quelle: Charkiwer Menschenrechtsgruppe, 30.7.2015

Der Marathonschwimmer Oleg Sofjanik aus Sewastopol hat sich entschlossen, auf dem ukrainischen Festland zu bleiben, nachdem er zu einer Befragung über einen anderen Ukrainer, Juri Iltschenko, vorgeladen worden war, der anscheinend wegen eines Artikels gegen die russische Besatzung der Krim verhaftet wurde. Sofjanik hat ebenfalls offen seine Ablehnung ausgedrückt und fürchtet verhaftet zu werden, wenn er zurückkehrt.

Der 51-jährige Schwimmer, der an vielen Marathonschwimmwettbewerben teilgenommen hat, ist über die Grenzen der Ukraine hinaus bekannt. Der 51-Jährige war offenbar in Sowjetzeiten Dissident und wurde vom KGB verfolgt. Wie Iltschenko machte er aus seiner Ablehnung der Annexion seiner Heimat Krim durch Russland kein Geheimnis. Obwohl er Schikanen durch den FSB ausgesetzt war und ihn der FSB verhörte, warum er nicht die russische Staatsbürgerschaft angenommen habe, gelang es ihm bis vor kurzem zu bleiben. Er erklärte gegenüber Censor.net, dass er die Menschenrechtsverletzungen auf der Krim beobachtet habe. Das sei nötig, da die anderen, die normalerweise Missstände meldeten, entweder im Gefängnis seien oder die Krim verlassen haben.

Er erklärte gegenüber Nowoje Wremja, dass sich die Situation gegen Ende Juli geändert habe, als er schon von einem Marathonwettbewerb im Ausland auf dem Heimweg nach Sewastopol gewesen sei.  Er erhielt einen Anruf, in dem ihm mitgeteilt wurde, dass Exekutivbeamte mehrmals bei seiner Wohnung aufgetaucht waren, sich gewaltsam Zutritt verschafft und eine Hausdurchsuchung durchgeführt hatten und eine Nachricht hinterließen. Die Nachricht war unterzeichnet von Michail Nowoselzew, dem Leiter des “Zentrums für Extremismusbekämpfung” in Sewastopol. Sofjanik rief ihn an und beteuert, dass Nowoselzew Folgendes gesagt habe:

„Wir sind wegen der Verhaftung Ihres Freundes Juri Iltschenko, dem Blogger aus Sewastopol, zu Ihnen gekommen. Er wurde am 2. Juli wegen Postings auf VKontakte [soziales Netzwerk] verhaftet. Er schrieb Anti-Putin-Aussagen und -Artikel. Er befindet sich seit 2. Juli im Untersuchungsgefängnis in Simferopol.

Nowoselzew war nicht bereit, einfach am Telefon mit Sofjanik zu sprechen,  und bestand darauf, dass er zu einem richtigen Gespräch kommen müsse. Laut Sofjanik gab Nowoselzew deutlich zu verstehen, dass er verhaftet werden könnte, und, wenig überraschend, beschloss Sofjanik daraufhin, nicht auf die Krim zurückzukehren.

Sofjanik sagt, dass Iltschenko im Winter ebenfalls mehrmals Besuche von Nowoselzew bekommen habe. Er wurde viele Male verhört und gezwungen, Beiträge auf VKontakte und Facebook zu löschen.

Sofjaniks Bericht über solche Schikanen und über die Ereignisse rund um Iltschenkos Verhaftung machen klar, warum man Iltschenko aufs Korn nahm. Das ist wichtig, da die Ermittler nun auch behaupten, dass er die 11-jährige Tochter seiner Partnerin missbraucht haben soll.

Sofjanik sagt, dass Iltschenko vorhatte, Anfang August zu seinen Flitterwochen nach Bulgarien zu fahren. Stattdessen sitzt er in Untersuchungshaft und seine Partnerin wurde unter Druck gesetzt, einen Bericht zu schreiben, in dem behauptet wird, dass er ihre Tochter missbraucht habe. Sofjanik weist darauf hin, dass all das KGB-Methoden seien.

Er sagt, dass Iltschenko unter Artikel 282 des russischen Strafgesetzes angeklagt sei – ‚Extremismus‘ – wegen seiner Beiträge auf VKontakte im Januar und unter Artikel 340 wegen angeblichen Kindesmissbrauchs. Zusammen könnte das für ihn eine 20-jährige Haftstrafe bedeuten.

Es handle sich um ein widerwärtiges Regime, fügt er hinzu, das alle Methoden anwendet, egal wie schmutzig sie seien. Es sei schlimmer als in Sowjetzeiten, als der KGB einmal oder zweimal mit jemandem sprach und erst dann, wenn er oder sie weiter machte, diese Person verhaftete. Nun sei das anders, sagt er, sie tauchten einfach auf und nähmen alles mit.

Er nennt den FSB eine Verbrecherbande, die auch versuchte, geschäftlichen Profit zu machen. Eine Familie von Krimtataren hatte zwei- oder dreitausend Dollar Ersparnisse im Haus. Es gab keine Belege für das Geld, und die Beamten des FSB steckten das Geld einfach ein.

Russland hat alles unternommen, um Menschenrechtsverletzungen auf der Krim zu vertuschen, einschließlich der Drohung, die Krim-Feldmission für Menschenrechte zu einer ‚unerwünschten Organisation‘ und daher für illegal zu erklären, Wie berichtet, war es schwierig, Informationen über die Anklagen gegen den 37-jährigen Iltschenko zu bekommen. Krym-Realii, der RFE/RL-Dienst auf der Krim, sprach eine Woche nach der Verhaftung des Sohnes mit dessen Vater, Gennadij Iltschenko. Er erklärte, dass auch die gemeinsame Wohnung durchsucht worden sei. Die Durchsuchung habe vier Stunden gedauert und kein Ergebnis gebracht (mehr dazu hier).

Gennadij Iltschenkos Bericht über die früheren Schikanen gegen seinen Sohn und über den Grund für seine Verhaftung stimmt mit dem Bericht von Sofjanik überein. Der hinzugefügte Missbrauchsvorwurf scheint eine abschreckend zynische Erinnerung an vergangene Methoden gegen Dissidenten zu sein. Wie auch der gesamte Prozess gegen einen Ukrainer, der seine Ablehnung der russischen Invasion und Besetzung seines Heimatlandes ausdrückt.

Artikel von: Halya Coynash, Charkiwer Menschenrechtsgruppe
Quelle: Charkiwer Menschenrechtsgruppe, 30.7.2015

Übersetzt von: Übersetzerteam Euromaidan Press auf Deutsch

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