Regierungsoffizielles russisches Buch über den Ukrainekonflikt mit Fake-Foto illustriert

Das vom russischen Ermittlungskomitee veröffentlichte Buch - © Ermittlungskomitee

Das vom russischen Ermittlungskomitee veröffentlichte Buch - © Ermittlungskomitee 

Empfehlung, Krieg im Donbas, Nachrichten

Artikel von: Anna Dolgov, The Moscow Times
Quelle: The Moscow Times, 4.8.2015
Quelle: stopfake.org, 4.8.2015

Das russische Ermittlungskomitee hat ein Buch veröffentlicht, das angeblich die „Verbrechen“ der ukrainischen Regierung dokumentiert und das Buchcover mit dem Bild einer brennenden Stadt illustriert, – ein Bild angeblicher Verwüstung, das vor mehr als einem Jahr bereits von Online-Aktivisten als Fälschung geoutet worden war.

[Anm. d. Übers.: Das Russische Ermittlungskomitee ist seit 2007 die zentrale Strafverfolgungsbehörde Russlands – ein von Putin geschaffenes Oxymoron wie die „Gesellschaftskammer“. Wie erstere die Legislative schwächt, so schwächt das unmittelbar dem Präsidenten unterstehende Ermittlungskomitee die Exekutive: das Komitee ersetzt nämlich die unmittelbar dem Generalstaatsanwalt unterstehende Behörde.]

Das Hard-Cover-Buch mit dem Titel „Die Tragödie der Süd-Ost-Ukraine: Ein Weißbuch der Verbrechen“, herausgegeben von Alexander Bastrykin, demChef des Ermittlungskomitees, hat zum Ziel, „die Wahrheit über diesen, vom nationalistischen Regime in der Ukraine entfesselten schrecklichen Bruderkrieg“ zu präsentieren, so das Komitee in einer Erklärung, die die Publikation ankündigte.

„Dieses Buch ist einzigartig: es basiert auf dem Beweismaterial, das vom russischen Ermittlungskomitee während der Nachforschungen zu Verbrechen gesammelt wurden, die mit dem Gebrauch ungesetzlicher Mittel und Methoden der Kriegführung zusammenhängen,“ so die Erklärung.

Ein offensichtliches Beispiel der „Beweismittel“ gegen die ukrainische Regierungstruppen, die im Osten des Landes pro-Russische Separatisten bekämpfen, wurde mit dem Bild auf dem Buchcover präsentiert. Es zeigt Donezk, über dem die Flammen zusammengeschlagen sind, was, wie der Leser vermuten soll, das Ergebnis eines Militärschlags der Kiewer Regierungstruppen sein soll.

Jedoch scheint dieses Bild eher das Resultat von Manipulationen mit einer Bildbearbeitungssoftware zu sein, das bereits vor mehr als einem Jahr, unmittelbar, nachdem es online zirkulierte, von ukrainischen Aktivist*innen, die die Website Stopfake.org betreiben, als Fake geoutet worden war.

Der Screenshot stammt von der Website „Navigator“

Der Screenshot stammt von der Website „Navigator“

Stopfake hat sich zur Aufgabe gemacht, Fälschungen russischer Medien und Offizieller über den Konflikt in der Ukraine öffentlich zu machen. Sie fanden das Originalbild, ein Panoramabild von Donezk ohne jegliche Flammen, auf der Internetseite eines bekannten Donezker Fotostudios.

Das ist das Originalbild

Das ist das Originalbild

Danach wurde das Bild bearbeitet und mit unnatürlich machtvoll wütendenden Feuern versehen, sagte Stopfake in einem Post auf deren Website vom Mai 2014.

In einem Kommentar über die Verwendung dieses Bildes durch das Ermittlungskomitee in dessen aktueller Buchveröffentlichung spottet der prominente russische Journalist und Oppositionsaktivist Andrej Malgin am Montag in seinem Livejournal-Blog: „Und so untersuchen sie auch Kriminalfälle“.

Eine große Zahl von Berichten von russischen Offiziellen und Staatsmedien haben sich seit dem Ausbruch des Ukraine-Konflikts als Fälschungen herausgestellt.

Eines der bekanntesten Beispiele ist eine Fernsehsendung eines Staatssenders, der seine eigenen Filmsequenzen über ein Feuergefecht benutzt, um einen Bericht über angebliche Grausamkeiten der ukrainischen Regierungstruppen zu illustrieren. Ein anderes Beispiel, das russischen Fernsehzuschauern von einem anderen staatlichen Fernsehsender vorgesetzt wurde, war ein Bericht über die Kreuzigung eines kleinen Jungen im Osten.

Das Ermittlungskomitee sagt, dass sein neuestes „Weißbuch“ über das einheimische Publikum hinaus reichen solle „und die Aufmerksamkeit der internationalen Gemeinschaft und internationaler Menschenrechtsorganisationen auf die schreienden Tatsachen aufmerksam machen soll – die Gewalt gegen die Zivilbevölkerung, insbesondere gegen hilflose Frauen und Kinder.“

Die Publikation erscheint jetzt, kurz nachdem Russland im UN-Sicherheitsrat sein Veto eingelegt hat gegen eine Resolution, die ein Tribunal einrichten sollte, um strafrechtliche Verfolgung der für den Abschuss des Fluges MH-17 letzten Sommer über der Ostukraine Verantwortlichen sicherzustellen.

Kyiw und westliche Regierungen machen für die Katastrophe die Aufständischen [Anm. d. Übers.: bzw. reguläre russische Soldaten, was allerdings dasselbe ist] verantwortlich gemacht, doch Moskau hat geleugnet, die „Rebellen“ [Anführungszeichen v. Übers.] jemals mit Waffen versorgt zu haben und eine lange Reihe von erfundenen Theorien aufgeboten, um die Tragödie damit den ukrainischen Regierungstruppen in die Schuhe zu schieben.

Einige der Fotos, die Moskau zur Unterstützung seiner Theorien präsentierte, wurden mittlerweile von unabhängigen Ermittlern in Großbritannien ebenfalls als Fälschungen enttarnt. [Anm. d. Übers.: Was die deutschen Sprachrohre nicht hindert, weiter wacker das Gegenteil zu behaupten].

[Nachbemerkung d. Übers.: Moscow Times hat zu weiten Teilen den Bericht von Stopfake.org über die aktuelle Fälschung fast wörtlich übernommen – jedoch keinen Link gesetzt…]

Artikel von: Anna Dolgov, The Moscow Times
Quelle: The Moscow Times, 4.8.2015
Quelle: stopfake.org, 4.8.2015

Übersetzt von: Übersetzerteam Euromaidan Press auf Deutsch

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