“Rumänischer Separatismus in der Ukraine” – für Kreml-gläubige Journalisten inszeniert

Die vermeintliche Gründungskonferenz am 27. Juli (das Foto wurde bereits acht Tage zuvor fabriziert)

Die vermeintliche Gründungskonferenz am 27. Juli (das Foto wurde bereits acht Tage zuvor fabriziert) 

6. August 2015 • Analytik und Meinungen, Empfehlung, Kultur, Meinung & Analyse

Artikel von: Halya Coynash, Charkiwer Menschenrechtsgruppe
Quelle: Charkiwer Menschenrechtsgruppe 6.8.2015

Wenn Sie Medienberichten glauben wollen, erheben die ethnischen Rumänen in der ukrainischen Bukowina nun auch den Anspruch auf Autonomie. Der Weg von einem billigen Fake zu einem Beitrag in der International Business Times unter Berufung auf einen “Bericht” war schnell, mühelos und gefährlich effektiv. Es ist nicht der erste derartige Versuch, sezessionistische Forderungen in der Ukraine zu fabrizieren, und die Medien sollten wirklich besser auf der Hut sein.

Der erste Bericht über eine Gründungskonferenz einer sogenannten “Versammlung der Rumänen der Bukowina” erschien am 27. Juli auf nr24.org und wurde von dort von Korrespondent.net weiter veröffentlicht, ein Medienorgan, das immer noch dem Millionär Serhyj Kurtschenko gehört. Dieser hatte sein Vermögen durch engen Kontakt mit Ex-Präsident Wiktor Janukowytsch gemacht und versteckt sich wie Janukowytsch in Russland. Der erste Bericht auf nr24.org ist nicht mehr online verfügbar, aber das ist auch kaum nötig, nachdem er kritiklos von zahlreichen Websites weiter verbreitet wurde, bevor die ersten wachsamen Medien Alarm geschlagen haben.

Auf der Konferenz sei angekündigt worden, dass man nur eine Autonomie innerhalb der Ukraine fordere, weil dies notwendig sei “zum Schutz der Rechte der Rumänen, die in einer rumänischen Provinz leben, die nun Teil der Ukraine ist.” Nach den Ereignissen in Mukatschewe von Anfang Juli könnten sich Rumänen in der Bukowina nicht mehr sicher fühlen.

Am 30. Juli entstand dann der erste englischsprachige Bericht darüber. Der vom Kreml finanzierte Sputnik behauptete, einfach Medienberichte weiterzugeben. Der “Bericht”  endete mit der Erwähnung – ohne erkennbare Links – offenkundige Forderungen “von vielen in Rumänien … die verloren gegangenen Gebiete angesichts der Lage in der benachbarten Ukraine zurück zu gewinnen”.

Thomas Barrabi, der für die International Business Times schreibt, fand vermutlich diese Geschichte für gut genug, um sie sofort zu wiederholen, mit eigenen Ergänzungen. Sputniks kremltreue Linie ist bekannt, und ebenso das Interesse Russlands am Schüren, Übertreiben oder gar Erfinden von sezessionistischen Stimmungen in der Ukraine, inzwischen weithin viel beachtet und analysiert. Dies lässt die Verwendung als Quelle für einen Bericht in der International Business Times mindestens seltsam erscheinen. Entsprechend sind auch andere Teile, wie etwa die Bildunterschrift:

“Mitglieder der Nationalgarde der Ukraine stehen 22. Juli 2015 stramm – nach einer militärischen taktischen Übung in einem Trainingslager in der Nähe von Kyiw, Ukraine. Die Versammlung von Rumänen in der nördlichen Bukowina fordert politische Freiheit, ‘um die Rechte der Rumänen in einer rumänischen Provinz zu sichern.’ Reuters.”

Reuters ist hier nur die Quelle des Fotos und hat nichts mit den angeblichen Forderungen einer fiktiven Versammlung zu tun.

Der erste Absatz des Artikels ist alarmierend:

“Eine Gruppe von ethnischen Rumänen im Westen der Ukraine fordern die Autonomie von Kyiw inmitten von Unzufriedenheit mit der inneren Sicherheit und der wirtschaftlichen Lage der Nation, nach einem Bericht vom Donnerstag. Der Aufschrei erschien, während die Bemühungen von separatistischen Rebellen im Osten der Ukraine, eine politische Autonomie zu erreichen, weitergehen.”

Erst in der Mitte des dritten Absatzes erfahren wir, dass die Quelle dieser Informationen die “russische Agentur Sputnik International News” ist. Uneingeweihte Leser werden das wohl kaum zur Kenntnis nehmen und wenn, dann sofort wieder vergessen, insbesondere da einer der Organisatoren dieser angeblichen “Gründungskonferenz” zitiert wird, als ob er direkt vom Autor gehört worden wäre. Barrabi informiert dann seine Leser:

“Eine ähnliche Auseinandersetzung gab es mitten in den Zusammenstößen Kyiws mit pro-russischen separatistischen Rebellen im Osten der Ukraine, bei denen seit Beginn des Konflikts Anfang 2014 mehr als 6.400 Menschen getötet wurden, und verschiedene Rebellengruppen versuchten die Bildung eigener autonomer Regierungen in der Ukraine”.

Keinerlei Erwähnung von Russlands äußerst aktiver Rolle in diesen “Auseinandersetzungen”, die, um nur einige zu nennen, von der EU, der Parlamentarischen Versammlung des Europarats, der NATO zur Kenntnis genommen und verurteilt wurde.

Stattdessen – und nur für den Fall, dass jemand es immer noch nicht verstanden hat, was für eine Brutstätte von separatistischen Bestrebungen die Ukraine ist, setzt der letzte Satz Barrabis das Tüpfelchen aufs i:

“Als russische Truppen im März 2014 das ehemals ukrainische Territorium der Krim annektierten, behauptete der russische Präsident Wladimir Putin, dass 97 Prozent der Krimbewohner Moskaus Herrschaft bevorzugten, berichtete CNN.”

Fake-“Versammlung”, Fake-Aktivisten

Journalisten in der Bukowina und Vertreter der ethnischen rumänischen Gemeinschaft haben die Berichte über die vermeintliche Gründungskonferenz kurzerhand als erstunken und erlogen bezeichnet.

Der Fotograf Mykola Hawka aus Czernowitz hat nachgewiesen, dass die Berichte eine schlampige Fälschung waren. Er erklärte auf Molbuk.ua, er habe schon Zweifel gehabt, sobald der erste Bericht auf nr24.org erschien. Mithilfe des Programms Jeffrey Exif Viewer fand er heraus, dass die Fotografie, bei der Menschen vor einem Banner mit den Worten “Versammlung der Rumänen der Bukowina” sitzen, bereits am 19. Juli 2015 erstellt wurde, also acht Tage vor der vermeintlichen Konferenz.

Wie Molbuk.ua schreibt, ist es absolut unwahrscheinlich, dass das Foto überhaupt in Czernowitz entstand. Arkadyj Opaiz, Vorsitzender der Liga für die Verteidigung der Rechte nationaler Minderheiten, glaubt, dass der Kreml hinter der Fälschung steht. Er sagte auf Molbuk.ua, man habe wohl einen “billigen Knochen” ins Internet werfen wollen, um zu sehen, welche hungrigen Hunde ihn packen. Es war der Kreml, sagt er, der alle Anstrengungen unternimmt, um die Situation in der Ukraine zu destabilisieren, auch in den westlichen Regionen.

Es handelt sich sicherlich um eine primitive Fälschung, da weder Opaiz noch seine Kollegen, die Verbindung mit Rumänien haben, eine der Personen auf dem Foto jemals gesehen haben.

Die Menschen in Bukowina, fügt er hinzu, pflegen sehr gute und freundschaftliche Beziehungen zu Rumänien. Er muss es wissen, denn er leitet seit 12 Jahren die [ukrainische] Gesellschaft für rumänische Kultur. Er weist darauf hin, dass Rumänien eines der ersten Länder war, das zu Beginn des Euromaidan die Ukraine auf internationaler Ebene unterstützte, und er hoffe daher, dass die Medien nicht auf eine so offensichtliche Fälschung hereinfallen.

Ob man die Journalisten, die diese Nachrichten aufgeschnappt haben, als ”hungrige Hunde” bezeichnen will, bleibt der Entscheidung der Leser überlassen. Hunde schnüffeln normalerweise, um das ihnen Angebotene zu prüfen, ob man das auch fressen kann. Die Medien wären gut beraten, dieser Praxis zu folgen.

Artikel von: Halya Coynash, Charkiwer Menschenrechtsgruppe
Quelle: Charkiwer Menschenrechtsgruppe 6.8.2015

Übersetzt von: Übersetzerteam Euromaidan Press auf Deutsch

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