Dirty Bomb oder: Buzzword-Bingo, die Nächste … über die “schmutzige Bombe”

Foto: Handelsblatt-Screenshot

Foto: Handelsblatt-Screenshot  

7. August 2015 • Analytik und Meinungen, Empfehlung, Krieg im Donbas, Meinung & Analyse, Nachrichten, Politik

Am 1. August machte die ehrwürdige Times mit einem Artikel auf, in dem zu lesen war, dass die prorussischen Russen der „Donezker Volksrepublik“ mit Hilfe von Wissenschaftlern (!) eine schmutzige Bombe, neudeutsch „Dirty Bomb“ entwickle (!). Dieser Bericht hat wieder alle Buzzwords, die empfindliche Leser auf Panik-Temperatur bringen können und jede rationale Auseinandersetzung erschweren. Deutsche und österreichische Medien zogen mittlerweile nach und Sputnik hielt dagegen. Alle jedoch mit denselben Buzzwords. Ich werde jetzt schrittweise darauf eingehen.

Dirty Bomb for Dummies

Was eine Dirty Bomb ist, hatte ich hier bereits ausführlich erklärt. Die Definition einer Dirty Bomb ist wie folgt: „Low dose radiation“, also Staub mit einer niedrigen Strahlendosis wird mittels Sprengstoff in die Luft geblasen“.

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 „Rebellen in der Ukraine arbeiten daran, mit Hilfe russischer Wissenschaftler, eine radioaktive Schmutzige Bombe zu entwickeln. Das geht aus einem Dossier des ukrainischen Geheimdienstes hervor, das „The Times“ erhalten hat“.

Dass der Begriff „Rebellen“ nicht bezeichnet, dass das in Wirklichkeit pro-russische, nicht-russländische, also ausserhalb der RF lebende, Russen sind – erstmal geschenkt …

Druckkochtöpfe, afghanische Hausfrauen und der Boston-Bomber

Aber jetzt mal zum Mitschreiben: eine „Dirty Bomb“ muß man nicht „entwickeln“, „mit Hilfe von Wissenschaftlern“ schon mal gar nicht, sondern man packt radioaktiven Abfall mit einer Sprengvorrichtung zusammen und – peng! Das ist recht simpel: Jeder motivierte und einigermaßen technisch interessierte 14-jährige kriegt das mithilfe des Internets hin. Und die Sprengkraft kann man mithilfe eines gewöhnlichen Druckkochtopfs (pressure cooker) drastisch erhöhen, wie zuletzt beim Attentat auf den Boston-Marathon bewiesen wurde. Hier das, was von einer der Bomben der Brüder Zarnajew übrig blieb. Diese Methode soll von afghanischen Hausfrauen entwickelt worden sein. Bauanleitungen finden sich zuhauf im Internet.

Eine der drei Pressure-Cooker-Bomben der Zarnajew-Brüder. Foto: Dailymail

Eine der drei Pressure-Cooker-Bomben der Zarnajew-Brüder. Foto: Dailymail

 

Dschihadi-Propaganda auf Zarnajews Laptop: „Wie man in Mamas Küche eine Bombe baut“ - Foto: Dailymail

Dschihadi-Propaganda auf Zarnajews Laptop: „Wie man in Mamas Küche eine Bombe baut“ – Foto: Dailymail

„Der Bericht stützt sich sowohl auf gehackte emails zwischen Rebellen als auch auf abgehörte Funksprüche und Ergebnisse von Agenten vor Ort. Er behauptet, dass russische Spezialisten radioaktiven Industrieabfall aus einem sicheren Bunker in der Donezker staatlichen Chemiefabrik entnommen hätten und den zu einer Militärbasis der Rebellen gebracht hätten, wo er mit Sprengstoff kombiniert werden könne, um eine vernichtend effektive Waffe zu erschaffen“.

Dieser Absatz ist ein echter Hühnerlacher!

Radioaktivität in der Ukraine und die Hilfe der internationalen Gemeinschaft

Die IAEA beschäftigt sich seit Jahren damit, endlich in den Griff zu bekommen, dass radioaktiver Abfall und verstrahlter Schrott, der auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion – nicht ausschließlich, aber besonders – fast überall herumliegt, und gerade in der Strauchdieb-Republik von Donezk soll man über „sichere Bunker“ verfügen? Gelächter! Und „zu einer Militärbasis der Rebellen …, um eine vernichtend effektive Waffe zu erschaffen“. Vorausgesetzt, die sind nicht wieder alle besoffen und/oder drogisiert, nicht wahr?

Die ominöse „Chemiefabrik“ stellt Sprengstoffe her, und hier hat es im Februar, bereits einmal mächtig gerummst, und damals rauschte ein „Beschuss mit einer taktisch-ballistischen Rakete“ durchs Netz. Hinterher stellte sich heraus, dass eine große Menge Munition explodiert war.

Und wieso eigentlich „Chemiefabrik“? Was für chemische Prozesse sind das denn, für die man radioaktive Substanzen benötigt?

In dieser ukrainischen Präsentation anlässlich der Koordinierung der Unterstützung für die ehemaligen Sowjetrepubliken aus dem Jahr 2009 sind – Folie 2 – die wesentlichen Fakten zusammengefasst:

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Legende:

Die weit überwiegende Anzahl der Radioaktiven Quellen (RS) dienen medizinischen Zwecken.

WWER – russische, wassergekühlte und wassermoderierte Leichtwasser-Reaktoren verschiedener Baureihen (je höher die Zahl, desto moderner und angeblich sicherer)

RBMK – ein anderer, graphitmoderierter, russischer Reaktor vom Tschernobyl-Typ

RR – Radiological Research

RW – Radioactive Waste (Radioaktiver Abfall)

das Zeichen „Uran“ steht für Uranabbau und –anreicherung, in sämtlichen Orten, die auf dieser Folie gekennzeichnet sind, war die Umweltbelastung immer schon extrem hoch, und laut einem Bericht von Arte ist der gesamte Osten, der Ukraine, besonders dort, wo Uran abgebaut und angereichert wird, in hohem Maß – oft höher als jemals in Tschernobyl – strahlenbelastet. So leide im Bereich der Städte Kirowograd und Schelti Wodi (auf der Karte Bereich der beiden westlichsten Uran-Zeichen) 10% der Einwohner an Schilddrüsenkrebs. Wie man auf der Karte an dem gelb-schwarzen Zeichen sieht, war Donezk ein Gebiet, auf dem radioaktiver Abfall gelagert wurde und wird. Eine russische Art der Endverwendung dafür ist übrigens der Transport nach Deutschland, wo er dann von deutschen Stromerzeugern gerne genutzt wird – offensichtlich kann man ihn vor Ort nicht recyceln.

Ganz geheime Spezialisten, ganz geheime Funksprüche, ein ganz geheimes Dossier und ein gelernter Grubenelektriker…

„Drei dieser Nachrichten sollen zwischen Alexander Sachartschenko, dem Chef der selbsterklärten Donezker Volksrepublik (DVR) und seinen Ministern und Generälen gewechselt worden sein. Unterhaltungen zwischen Rebellenkommandeuren werden als Beweis dafür zitiert, dass das radioaktive Material bereits entfernt und im Prozess des Waffenfähigmachens sei.“

„Im Prozess des Waffenfähigmachens“. Doll! Wenn Klein-Zack, der seinen Weg zum Ministerpräsidenten ja als Grubenelektriker in einem Bergwerk begonnen haben soll, in der Berufsschule schön aufgepasst hat, kann der das eigentlich in seinem Büro in der Mittagspause hinkriegen, und vielleicht kann seine Frau ja noch einen alten Druckkochtopf entbehren. Ja, und warum werden denn die eMails und Funksprüche nicht veröffentlicht?

 Ein Kommandeur brüstete sich angeblich vor seinen Truppen, dass „die DVR bald eine Atomwaffe haben wird“.

Hat nur seine Wirkung, weil in bestimmten Kreisen Russlands ganz offensichtlich Atomwaffen und Atomkraft immer noch als ungeheuer sexy empfunden werden. Ansonsten: siehe oben.

„Jurij Tandit, Chefberater von Wassily Hryzak, dem Direktor des ukrainischen Geheimdienstes, sagte: ‚Die DVR plant, radioaktives Material zu benutzen, um eine Schmutzige Bombe zu bauen, mit der die internationale Gemeinschaft und die Regierung der Ukraine erpresst werden soll. Das ist möglich, denn die Donezker staatliche Chemiefabrik und die Quellen ionisierender Strahlung liegen auf dem Territorium der DVR-Terroristen. ‘“

Und das ist alles furchtbar neu… oder so… Und auch Newsweek fabuliert etwas davon, dass die Rebellen versucht hätten, zu dem Bunker, dem gesicherten, mit dem radioaktiven Abfall Zugang zu erhalten.

„Westliche Geheimdienstler sagten, sie seien nicht in der Lage gewesen, die Beweise zu verifizieren, die in dem Dossier präsentiert worden seien. Doch diplomatische Quellen sagen, die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) würde diese Behauptungen untersuchen. Die OSZE, so wird vermutet, habe dieses Thema anlässlich von Gesprächen mit dem Kreml am 21. Juli in Minsk auf den Tisch gebracht und wird, so wird erwartet, eigene Spezialisten bringen, um den Bunker auf dem Fabrikgelände zu untersuchen.“

Da wollen wir aber alle hoffen, die OSZE hat sich nicht mit den „Spezialisten“ für den „Bunker“ lächerlich gemacht.

Die Chemiefabrik und ein engagierter Blogger und die permanente Schmutzige Bombe

„Die Donezker Chemische Fabrik liegt in Blickentfernung zur Front im Gefecht zwischen pro-russischen Rebellen und der ukrainischen Armee. Graue Lagerhäuser aus der sowjetischen Ära geben den Weg frei zu einem Wirrwarr von Grasland an dessen südwestlicher Flanke. Der Bunker-Komplex liegt 10 Fuß (ca 3,2 m) unter der Erde, ist eingebettet in Blei und durch verstärkten Stahl und Beton geschützt.“

Echt jetzt? Man braucht keine „Spezialisten“ um die Situation zu bewerten, manchmal tut es auch schon ein engagierter Blogger vor Ort. Der Blogger „pauluskp“ hat bereits am 23. Mai 2012 anlässlich der Fußball-Europameisterschaft und der offensichtlich relativ großen Nähe dieses Müllabladeplatzes auf dessen Gefährlichkeit hingewiesen und kam schon damals zu dem Schluss, dass die Zustände vor Ort im Endeffekt einer Schmutzigen Bombe (sic!) gleichkämen. Zumal sich nur 100m von dieser relativ schlecht gesicherten Abfallgrube – ein Bunker ist das nämlich ganz und gar nicht! – ein Testfeld für die offenbar in dieser Fabrik hergestellten Explosivstoffe befinde.

Der Blogger pauluskp kommt schon 2012 zu dem Schluss, dass es eine halbe Million Dollar kosten würde, diese radioaktive Deponie zu sanieren, und beanstandet, dass man zwar Unmengen Geld für die Ausrichtung der Fußball-EM aufgebracht habe, aber offensichtlich nicht gewillt sei.

Hier sind die aussagefähigsten Bilder – mit den Kommentaren von Pauluskp:

10 m Breite, 20 m Länge und 3 m in der Tiefe, ein Volumen von 600 Kubikmetern, 1958 gebaut. Das Abdeckungsmaterial: Dachpappe, Harz, Zement, Asphalt. Estrich und Stahlbetonplatten. Die Grube wurde acht Jahre genutzt. Gegenwärtig wird sie von Abfall -nternehmen aus Donezk und Luhansk genutzt. Sie ist mit Erde bedeckt.

10 m Breite, 20 m Länge und 3 m in der Tiefe, ein Volumen von 600 Kubikmetern, 1958 gebaut. Das Abdeckungsmaterial: Dachpappe, Harz, Zement, Asphalt. Estrich und Stahlbetonplatten. Die Grube wurde acht Jahre genutzt. Gegenwärtig wird sie von Abfallunternehmen aus Donezk und Luhansk genutzt. Sie ist mit Erde bedeckt.

Der Zugang zur Grube

Der Zugang zur Grube

Testfeld für Sprengstoff 100 Meter von der Endlagerstätte entfernt. Vibrationen von Explosion haben die Erdoberfläche zerstört.

Testfeld für Sprengstoff 100 Meter von der Endlagerstätte entfernt. Vibrationen von Explosion haben die Erdoberfläche zerstört.

Durch ein Loch im Zaun…

Durch ein Loch im Zaun…

Mangelhafte Abdichtung zum Grundwasser

Mangelhafte Abdichtung zum Grundwasser

Schießbahn in der Nähe des Geländes

Schießbahn in der Nähe des Geländes

Munitionskisten

Munitionskisten

Ein Einstieg zum Bunker

Ein Einstieg zum Bunker

Ein weiterer Zugang zum Bunker

Ein weiterer Zugang zum Bunker

Ein geöffneter Einstieg zum Bunker

Ein geöffneter Einstieg zum Bunker

Blogger pauluskp wundert sich über diese „seltsamen Antennen“

Blogger pauluskp wundert sich über diese „seltsamen Antennen“

Nur ein paar Hundert Meter entfernt: die Chemiefabrik. Blogger pauluskp wundert sich über die Wachtürme.

Nur ein paar Hundert Meter entfernt: die Chemiefabrik. Blogger pauluskp wundert sich über die Wachtürme.

Und gebrannt hat es dort 2010 auch schon. Blogger pauluskp prophezeihte damals schon, Donezk drohe, sich in ein zweites „Pripjat“, die verlassene Schlafstadt von Tschernobyl, zu verwandeln.

Und gebrannt hat es dort 2010 auch schon. Blogger pauluskp prophezeihte damals schon, Donezk drohe, sich in ein zweites „Pripjat“, die verlassene Schlafstadt von Tschernobyl, zu verwandeln.

Wer allerdings jetzt was von „postsowjetischer Schlamperei“ erzählt, und meint, im „Westen“ käme sowas nicht vor, dem/der empfehle ich zwei Artikel über die belgische Whistleblowerin Anja Hermans, die im belgischen AKW Doel die folgenden Bilder gemacht hat:

Wie sich die Bilder gleichen: das belgische AKW Doel. © Anja Hermans

Wie sich die Bilder gleichen: das belgische AKW Doel. © Anja Hermans

Und jetzt der nächste Hühnerlacher:

„Der Bunker beherbergt fast 12 Tonnen radioaktiven Abfall, meistens Isotope von Caesium, Kobalt und Strontium, aber auch Radongas. Zwischen 1961 und 1966 vergrub die Ukrainische Sozialistische Sowjetrepublik hier ihren gefährlichsten Abfall.“

Radongas! Jo! Ich will mich nicht allzu sehr vom Thema entfernen, deswegen nur soviel: Das gasförmige Element Radon und seine Elemente werden unter Anderem beim Zerfall von Uran frei – das ja, wie wir oben gelesen haben, in der gesamten Ostukraine sehr reichhaltig vorkommt. Lungenkrebs bei Bergarbeitern, für den Radon angeschuldigt wird, wird in Deutschland als Berufskrankheit anerkannt. Radon ist ein sog. Alpha-Strahler, der in den obersten Hautschichten sozusagen „steckenbleibt“, also im Wesentlichen über die Lunge aufgenommen wird. Ausserdem befindet sich Radon als kleinster Anteil in der normalen Atemluft. Radon reichert sich besonderes in geschlossenen Räumen an. Verwandt wird es als Therapeutikum und in der Messtechnik. Es wäre also vollkommen sinnfrei, Radon in geschlossenen Räumen aufzubewahren.

Kämpfer der Rebellen, die die Checkpoints besetzen und Mannschaftstransportwagen, die an den Zugangswegen aufgereiht waren, hielten die Times davon ab, das Areal zu betreten. Der Bums der abgefeuerten Artillerie und der dumpfe Aufschlag der ankommenden Granaten konnte überall in diesem zerstörten Distrikt, in dem die Fabrik steht, gehört werden.

Was wohl darauf hinweisen soll, dass, wenn da was passiert, die Ukrainer schuld sind…

Obwohl der Bunker versiegelt ist …

Wir zeigten es bereits: da ist nichts, was den Namen „Bunker“ verdiente, und dieses Nichts ist offen wie ein Scheunentor.

…wird der Bunker periodisch geöffnet um die verbleibende Strahlung zu messen. „Um an den Abfall selbst zu kommen, muß man die Betonabdeckung und die Eisen- und Blei-Schichten durchbrechen“, sagte Wladimir Perwosnik, der technische Direktor von Radon, der Staatsfirma, die für den Erhalt des Bunkers zuständig war, bevor der Bunker im vergangenen Jahr durch Rebellen eingenommen wurde. „Um den Bunker zu handhaben, braucht man Schutzausrüstung, Abschirmungen und spezielle Instrumente“.

Faktencheck

Wobei die schicke Website des Unternehmens – obwohl sicherlich noch ausbaufähig – in deutlichem Kontrast zu den Verhältnissen in Donezk vor Ort steht. „Maintenance“ wurde, wie die 2012 von Pauluskp ja deutlich belegen, auch vor der Einnahme durch die „Rebellen“ ganz offensichtlich nicht durchgeführt. Dafür wäre ein Subunternehmen namens SSC Donezk zuständig gewesen, das jedoch – mit Erklärung vom 5. Februar diesen Jahres seinen Betrieb wegen des Beschusses „durch die Rebellen“ (sic!) suspendierte.

Bei der letzten Messung 2002 erreichten die Strahlungswerte innerhalb des Bunkers den Wert von 725,2 Milliarden Bequerel. – Im Kontrast dazu: die japanische Regierung erklärte Gemüse mit einer Caesiumstrahlung von mehr als als 500 Bequerel pro Kilo als ungeeignet für den Verzehr, nachdem das AKW Fukushima 2011 beschädigt wurde.

Das nenne ich mal ein Lehrbeispiel für Relevanzsuggestion! So bezeichnet man es nämlich, wenn man in einem Text Dinge zusammenbringt/zusammenschreibt, die nicht zusammengehören. 725,2 Milliarden Bequerel ist eine Menge. Stellt Euch einen Würfel mit den Kantenlängen 4,5 X 2 X 2,5 vor (pauluskp spricht von 400, der diese Strahlenmenge enthält (werden sämtliche Werte werden IMMER in Bezug auf die Messzeit genannt). Hier – für Caesium betrachtet – findet man die Umrechnung dieser extrem hohen Strahlungsdosis, die die Zahl der radioaktiven Zerfälle pro Zeiteinheit angibt. Sie wird – für jedes Element unterschiedlich – in Sievert angegeben und gibt an, wieviel Energie durch die in Becqerel gemessenen Zerfälle bei einem Zerfall eines bestimmten Elements auf den Körper trifft und ist ein Maß für das Risiko. Für Caesium wäre das 9425 Sv/a (Sievert pro Jahr), für Strontium 20300 Sv/a. Weiter will ich das nicht vertiefen. Dem stelle ich jetzt nicht einen Richtwert für Gemüse gegenüber (in Bayern beträft die Obergrenze übrigens- mit Ausnahme von Babynahrung und Milchprodukten 600 Becquerel pro Kilo), sondern Richtwerte für Feuerwehrleute im Einsatz (Quelle: Feuerwehrdienstvorschrift 500), also:

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Leuchtet da nicht ein, dass die Situation vor Ort, wie ja auch von pauluskp beschrieben, schon 2001 außer Kontrolle war und längst hätte saniert werden müssen? Entweder durch kontrollierten Abtransport, oder eventuell durch eine suffiziente Abdeckung – aber die wurde bislang ja nicht mal für Tschernobyl erreicht.

Die staatliche Nuklearbehörde sagte, der radioaktive Abfall stelle keine Gefahr dar, solange er im Bunker bleibe…

Das hatten wir oben schon.

„Sogar, wenn es eine Explosion in diesem Abfalllager gäbe, würde nur ein zu vernachlässigendes Gebiet kontaminiert – vielleicht 40 Meter, abhängig vom Typ der Explosion.“ Das sagte Wiktor Rjasanzew, der Chef des Sicherheitsdepartments. Wenn jedoch der Abfall zu Pulver reduziert würde und von einem starken Sprengstoff in großer Höhe verteilt würde, dann wäre er tödlich. „Um kilometerweit verteilt zu werden, muß die Explosion in der Luft stattfinden und das Material muss in der Form von Pulver vorliegen“.

Das! Ist! Blödsinn! Punkt!

Givi!

Das ukrainische Dossier behauptet, dass die Rebellen planen, genau das zu tun; Mitte Juni berichtete ein SBU-Agent, dass Michail Tolstych, der Kommandeur des „Rebellen“-Bataillons Michail Tolstych, vor seinen Soldaten angegeben habe, dass die Volksrepublik Donezk im Begriff sei, eine Atomwaffe zu entwickeln. Der Geheimdienstbericht behauptet, dass die Geschichte des Agenten durch abgehörte Gespräche über Telefon und Funk, mit denen DVR-Kämpfer angewiesen wurden, sich auf die Ankunft von Spezialisten aus der „Russischen Föderation“ vorzubereiten, erhärtet würde.

Givi? Echt jetzt? Für die, die diesen russischen Oberstleutnant und Bataillonskommandeur nicht kennen: Givi, mit bürgerlichem Namen Michail Tolstych, ist ein Kleinkrimineller, eigentlich, wie sein Busenfreund Motorola, nicht die hellste Kerze auf der Torte, vor dem Krieg nach eigenen Angaben Arbeiter und Mannschaftsdienstgrad in den ukrainischen Streitkräften, ist mittlerweile, wie sein Kumpel Motorola, zum Stabsoffizier (Dienstgrad Oberstleutnant) und Bataillonskommandeur aufgestiegen. Givi wurde einer breiteren deutschen Öffentlichkeit durch Spiegel-TV bekannt, durch die gut dokumentierte Misshandlung von ukrainischen Kriegsgefangenen. Givi fehlt mit Sicherheit der Grips, um mehr als draufzuhauen und eine Bombe zu „entwickeln“? Mit Sicherheit nicht. „Angeben“ kann er mit Sicherheit auch. Aber nicht mehr. Nun ja, für Oberstleutnant und Bataillonskommandeur hat es ja gereicht…

Hier ein Ausschnitt seiner Heldentaten:

Der SBU sagte, es sei aus den Gesprächen nicht zu klären, ob die Spezialisten Staatsangestellte seien oder Privatleute. Das Transscript dieser Unterhaltungen habe nicht beschafft werden können. Das Dossier enthalte drei in Russisch geschriebene Dokumente, die militärische Befehle der Volksrepublik Donezk an die nachgeordneten Kommandeure im Verteidigungs- und Innenministerium. Sie wurden angeblich mit hunderten von emails gedownloaded, als SBU-Agenten in der ersten Juliwoche die Kontrolle über eine eMail-Adresse der Rebellen übernahmen.

Was für eine Räuberpistole …

Das Wostok-Bataillon

Ein Befehl, der angeblich Unterschrift und Stempel von Sachartschenko trägt, instruiert den für die Chemiefabrik verantwortlichen Kommandeur, zwischen dem 2. und 18. Juli für „Spezialisten aus der Russischen Föderation“ den Zugang sicherzustellen. „Rebellen“-Kämpfer des Wostok-Bataillons wurden angewiesen, sie zu begleiten.

Vor meinem geistigen Auge steigen gerade die Bilder aus den Hollywood-Filmen auf, wo ein Mafia-Clan sich mit dem anderen trifft um ein Geschäft abzuwickeln.

„Der Befehl schreibt vor, dass eine Zwei-Meilen-Zone im Umkreis der Lagerstätte durch das Katastrophenschutz-Ministerium evakuiert werden soll, und dass das gleiche Ministerium Spezialtransporter für den Abfall zur Verfügung stellen soll.

Zivilisten, die in der Nähe der Chemiefabrik wohnen, sagen, sie hätten in zwei Nächten zwischen dem 2. und dem 18. Juli Schwerlaster durch ihre Nachbarschaft rumpeln hören. Sie bestätigten, dass die Gegend von Kämpfern des „Wostok“-Bataillons kontrolliert werde. Ihnen sei im Lauf des nunmehr 16 Monate andauernden Konflikts schon mehrfach die Evakuierung angeboten worden. Gezwungen worden seien sie aber nicht.“

Das Wostok-Bataillon besteht aus Tschetschenen, die sich selbst als „Kadyrowzy“ bezeichnen und dem Befehl von Ramzan Kadyrow unterstehen. Laut seiner Auskunft sind die Männer allerdings auf eigene Faust in der Ostukraine. Sozusagen im Urlaub, oder so…

„, Ich habe den ganzen Krieg hier verbracht. Ich will nirgendwo hingehen‘ , sagte Alexej Kononow, 59. ,Ich möchte nur sagen, dass wir Sachartschenko nicht mehr wählen werden. Wir sitzen hier unter Granatbeschuss, und die kümmert das einen Sch***dreck. Wir wollen ihn nicht.‘“

Beim Bier auf der Sonnenterasse: was der Genosse Minister erzählt

„Ein hochrangiger DVR-Offizieller leugnete zunächst die Existenz von radioaktivem Abfall, als man ihm die Dokumente zeigte. ,Diese Dokumente machen keinen Sinn und sind offensichtlich eine Fälschung‘, so Eduard Bassurin, der stellvertretende Verteidigungsminister. Er schenkte den Ausdrucken nicht mehr als einen oberflächtlichen Blick und fügte hinzu: ,Wir haben kein Endlager‘.

Später, beim Bier auf der Sonnenterasse des Café „Legend“ in Donezk änderte er schrittweise seine Rede. ,Jedermann weiß, dass es eine kleine Endlagerstätte mit radioaktivem Abfall gibt, sagte er. ,Die existierte auch schon zu Zeiten der Ukraine.‘

„Nach einem weiteren Bier, begann Bassurin, mehr Wissen über den Inhalt des Endlagers zu zeigen: ‚Dort gibt es so-genannte radioaktive Metalle – jeder weiß das. Aber die Story, dass wir einen Vertrag mit Russland unterzeichnet hätten, ist ein Fake.

Das war eine Vorführung aus der Abteilung: „Wie man mit der Wahrheit lügt“. Herr Bassurin geht auf lauter Fragen ein, die offenbar niemand gestellt hatte.

,Es gibt eine Anschuldigung, dass wir für eine Explosion in der Fabrik verantwortlich seien – als ob wir eine Explosion verursachen würden, um eine sogenannte schmutzige Bombe herzustellen,‘ sagte er und bezog sich auf eine enorme Explosion auf dem Grundstück der Fabrik am 9. Februar 2015.

 

Weswegen man schleunigst die ukrainische Artillerie ins Gespräch bringen musste.

„Eine Schmutzige Bombe bedeutet, dass radioaktiver Abfall zur Explosion gebracht und somit verteilt wird.“

Jo. Damit hat der Genosse stellvertretende Verteidigungsminister verdammt recht. Da muss man nichts „anstreben“, „entwickeln“ oder „bauen“ es wird einfach „radioaktiver Abfall zur Explosion gebracht und somit verteilt“.

Rosatom, Russlands staatliches Nuklearunternehmen, stritt ab, dass auch nur einer seiner Angestellten nach Donezk gereist sei, und stellte die Existenz jeglichen radioaktiven Abfalls in der Nähe der Chemiefabrik in Frage. Ein Sprecher von Rosatom sagte, es gebe eine Anzahl von privaten Firmen und Einzelpersonen in Russland, die in der Lage seien, radioaktiven Abfall zu beseitigen.

Einzelpersonen??? Die Argumentation klingt wie weiland: „Uniformen der russischen Spezialkräfte kann man überall in der Ukraine kaufen.“

Ansonsten hat sich noch Sputnik in die Diskussion eingeschaltet und denen hat Bassurin seine Geschichten ein wenig anders erzählt. Und klar: Schon nach den Überschriften der auf dieser Seite verlinkten Artikel, wer nach Meinung des Sputnik die Schmutzige Bombe „anstrebt“, „baut“, „entwickelt“: Kyiw!

Und in Deutschland und Österreich sind nun auch andere Medien auf den von der Times in Bewegung gesetzten Zug aufgesprungen: Focus, FAZ, Huffington Post, Krone… Andere werden sicherlich folgen. Wenn man sich die Berichte durchliest, so stellt man fest, dass sie sich alle durch den Ursprungsbericht haben inspirieren lassen.

Der ganze Times-Bericht ist eine einzige Nebelgranate, der nicht auf das Wesentliche kommt. Einzig und allein unsere Freunde von Informnapalm berichten mit Hand und Fuß, kurz, knackig, informativ, und kommen zu demselben Schluss wie ich auch: Die Terroristen verkaufen radioaktive Substanzen zwecks Befüllen einer Schmutzigen Bombe.

Ganz neu kam jetzt ein Bericht des Schweizer Tagesanzeigers über Festnahmen in der Ukraine wegen des versuchten Verkaufs von Uran…

Zusammenfassende Bewertung

  • Eine Schmutzige Bombe muss man weder „anstreben“, noch „entwickeln“, noch „bauen“, Eine Schmutzige Bombe bedeutet, dass radioaktiver Abfall zur Explosion gebracht und somit verteilt wird.“
  • Das Bauprinzip einer schmutzigen Bombe ist simpel. Spezialisten braucht es dazu nicht. Die Sprengkraft kann man mit einfachen Mitteln, z.B. einem Druckkochtopf erhöhen.
  • Die Donezker Chemiefabrik und die neben ihr liegende Endlagerstätte sind schon seit langem eine Gefahrenquelle und die jetzt „entdeckten“ Probleme nicht neu.
  • Es hat schon mehrfach ohne Einwirkung von außen Explosionen gegeben.
  • Die Umgebung einschließlich des Grundwassers ist möglicherweise bereits belastet. Dies könnte der Grund sein, weswegen die Terroristen den Anwohnern angeboten haben, sie zu evakuieren.
  • Darüber hat ein engagierter Blogger bereits 2012 anlässlich der Fußball-EM und der räumlichen Nähe zum Stadion von Donezk gebloggt und seine Ergebnisse mit Bildern untermauert.
  • Seit sich Donezk unter der Kontrolle der Terroristen befindet, haben ukrainische Behörden auf das Areal keinen Zugriff mehr. Die zuständige Donezker Behörde hat am 5. Februar diesen Jahres ihre Tätigkeit eingestellt und dies auch im Netz veröffentlicht.
  • Durch das Vernebeln mit buzzwords wie „Spezialisten“, Bombe „anstreben“, „bauen“, „entwickeln“ wird ein vollkommen falscher Frame (Deutungsrahmen) gebildet. Für eine Schmutzige Bombe braucht es keine „Spezialisten“ und man muss sie nicht „entwickeln“. „Eine Schmutzige Bombe bedeutet, dass radioaktiver Abfall zur Explosion gebracht und somit verteilt wird.“ So einfach. Der falsche Frame lenkt von dem ab, was offensichtlich gerade passiert:
  • Die Donezker Terroristen verscherbeln ganz offensichtlich diese radioaktiven Substanzen, „Spezialisten“ ist die Tarnung für die Käufer.
  • Um dieses Problem sollte sich ganz dringend die IAEA (Internationale Atomenergiebehörde) kümmern.

Nachtrag: da nicht zu erwarten ist, dass diejenigen, die das Material im Bunker in Schutzbehälter packen und dann verladen, mit entsprechener Schutzbekleidung versehen sind, stellt sich natürlich die Frage, wer mit dieser Arbeit betraut wird. Nun, ich bin sicher, Klein-Zack, Givi, Motorola und den anderen Verbrechern fällt da schon was ein.

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