Menschliche Zigarettenstummeln – von Sergei Loiko

Die russische Zigarettenmarke "Belomorkanal" 
Das Bild des 1988 verstorbenen Künstlers Piotr Below erinnert an die vielen Zwangsarbeiter, die beim Bau des Kanals zu Tode kamen

Die russische Zigarettenmarke "Belomorkanal"
Das Bild des 1988 verstorbenen Künstlers Piotr Below erinnert an die vielen Zwangsarbeiter, die beim Bau des Kanals zu Tode kamen 

8. August 2015 • Empfehlung, Russland, Soziales

Artikel von: Sergei Loiko
Quelle: Sergei Loiko Facebook, 17.7.2015

Jeden Morgen, wenn ich nicht auf Geschäftsreise bin, jogge ich in meinem Dorf in der Nähe von Moskau. 1,5 km hin und 1,5 km zurück. Mit Handschuhen und mit zwei Plastiktüten. Ich räume dabei den Müll an den Straßenrändern weg.

Gutes Training übrigens: du joggst und machst Beugungen.

Jeden Tag zwei volle Tüten mit leeren Flaschen, Bierdosen, Eis-, Süßwaren-, Kefir-, Saft-und Zigarettenverpackungen, verschiedene Papierstückchen und sogar Kondome.

Die sind natürlich Schweine, keine Frage. Es ist nicht zu ändern. Sie scheißen unter die eigenen Füße, ohne es zu merken.

Bei einer Wahl stimmen sie genau so ab, mit anderen Worten, sie scheißen auf den eigenen Kopf, ohne es zu merken. Aber ich möchte jetzt nicht darüber sprechen.

Einmal pro Woche ändere ich mein Ritual und laufe langsam mit einer Tüte. Ich erkläre es gleich wieso: An diesem einem Tag sammele ich Zigarettenstummeln. Beim Joggen es ist nicht möglich. Das ist wie Pilze sammeln. Man muss genauer schauen.

Jetzt kommt‘s! Die Zigarettenstummeln sind weniger geworden im Unterschied zum anderen Müll. Früher sammelte ich etwa 600 Kippen, jetzt sind es nur noch 400!!! Und nicht deshalb, weil die Leute weniger auf den Boden schmeißen, sondern weil die Zigaretten teuer sind. Deutliche Krise.

Und was noch wichtig ist: noch vor ein-zwei Jahren gab es längere Stummeln, nach zwei-drei Zügen. Jetzt gibt es so was fast nie mehr. Alle Stummeln, die ich finde, hat man bis zum Rand, bis zum Filter geraucht.

Ich komme rein in die Gartenlaube am See, die ich selber für alle Dorfkinder hingestellt habe. Dort sitzen Kinder (10-13 Jahren alt) und spielen Karten. Es sind keine Kinder von den Dorf-Alkoholikern und dummen Müttern, nein, es sind Kinder aus netten intelligenten Moskauer Familien, sie sagen sogar ‘Guten Tag’.

Einer ist der Sohn eines erfolgreichen Geschäftsmanns, die Mutter von zwei anderen (Bruder und Schwester) ist Klavierspielerin, und ihre Oma ist Dichterin. Es ist noch ein Junge dabei, bei dem alle in der Familie Wissenschaftler in Biologie sind (Man trifft solche noch, nicht alle sind ausgewandert).

Und was denkt ihr, was ich dort sehe? Der ganze Boden liegt voll mit Müll, obwohl ich dort einen eleganten Abfallbehälter reingestellt habe. Sie schmeißen alles einfach daneben. Der ganze Boden liegt voll mit Twix- und Marsverpackungen und Schalen von Sonnenblumenkernen.

Ich sage zu denen: „Kinder kommt, machen wir in eurer Laube Ordnung. Holt von Zuhause Besen und Kehrschaufel und kehrt das Ganze auf“.

Mit unzufriedenen Gesichtern (so ein Spielverderber) sagen sie „gut“, gehen aus der Laube und … verschwinden.

Später erscheint ein Tadschike und räumt auf.

Ich habe für sie Hängeschaukeln am Strand aufgestellt. Sie haben am nächsten Tag dort die Dächer kaputt gemacht. Zwei Enkelkinder von einem unserer Kinderschriftsteller haben letztes Jahr Entenküken mit Steinen beworfen und zwei Entlein dabei umgebracht.

Die Ente brütet im Gebüsch die Eier aus. Sie scheuchen den Vogel weg und schmeißen die Eier in den Teich und lachen dabei.

Es sind Schweinekinder. Ohne Chance.

Und diese Viecher werden mir dann noch erzählen, dass ich meine HEIMAT NICHT LIEBE?

Und was für einen Widerstand diese Schweine leisten! Und wie sie in ihrer Schweinerei, ihrer Schweinewelt alle ihre Nachbarn behalten wollen!

Sie führen sogar Kriege für ihre schweinischen Ideale.

 

800px-Sergei_LoikoSergei Loiko ist ein oppositioneller russischer Journalist (u.a. für die Los Angeles Times) und Buchautor. Er hat ca. 150.000 Dollar für die Verschönung seines kleinen Wohnortes in der Nähe von Moskau gespendet. Die Dorfgemeinschaft hat noch weitere 20.000 Dollar gesammelt.

 

Artikel von: Sergei Loiko
Quelle: Sergei Loiko Facebook, 17.7.2015

Übersetzt von: Svitlana Golub
Redigiert von: Übersetzerteam Euromaidan Press auf Deutsch