Russischer Verlag veröffentlicht Bücher über Putin mit falschen Autorenangaben

Das Buch, das Harding nie geschrieben hat

Das Buch, das Harding nie geschrieben hat 

Empfehlung, Kultur, Nachrichten, Russland

Artikel von: BBC Russian
Quelle: BBC Russischsprachiger Dienst, 9.8.2015

Russischer Verlag: Harding konnte nicht gefunden werden

Der Geschäftsführer des Verlags „Algorithmus“, Sergej Nikolajew, teilte mit, dass das Buch „Niemand außer Putin“ – angeblich aus der Feder des britischen Journalisten Luke Harding – ohne Kenntnis des Autors gedruckt wurde, weil man diesen „nicht finden konnte“.

In einem Interview, das Nikolajew dem Hörfunksender „Echo Moskaus“ gab, teilte er mit, dass Mitarbeiter des Verlages ein Buch von Harding übersetzt hätten, das angeblich in der Ukraine erschienen war. Es hätte nicht funktioniert, sich mit dem britischen Journalisten in Verbindung zu setzen, jedoch sei der Verlag bereit, einen Vertrag mit ihm abzuschließen und das Honorar auszubezahlen. „Es ist für uns einfacher, das Buch zu verlegen; anschließend geht der Autor auf uns zu, dann besprechen wir die Sache – fertig“, – so lautet das Zitat von „Echo Moskaus“.

In einem Interview der russischsprachigen Redaktion von BBC teilte Luke Harding mit, dass die Worte des Verlegers ähnliche Überzeugungskraft besitzen, wie die Erklärung eines Schülers, dass ein Hund seine Hausaufgabe gefressen hätte.

„Ich werde den ganzen Tag von den Moskauer Journalisten angerufen. Außerdem kann man eine Mail schreiben. Alle, die es gewollt haben, konnten mich erreichen… Das ist einfach lächerlich“, – sagt Harding.

Die offenbar zusammengeklaute Sonderedition “Projekt Putin”: “Der Fehler Putins”, “Putin verstehen”, “Putin verraten”, “Niemand außer Putin”, “Mein Nachbar Wladimir Putin”, “Putin und die USA”

„Von dem Buch habe ich vor einigen Wochen erfahren, als einer meiner russischen Freunde es in einem Moskauer Buchladen sah. Davor war mir nichts darüber bekannt. Weder mit mir, noch mit meinem Verleger hat sich jemand in Verbindung gesetzt. Das ist sehr ungewöhnlich und gesetzeswidrig. Die Übersetzung war weder genehmigt noch abgestimmt; das Copyright wurde verletzt“, – sagt der Journalist.

Harding hat vor, sich mit den Juristen über die nachfolgenden Schritte zu konsultieren.

Das Buch „Niemand außer Putin“ stellt die selektiv übersetzten Auszüge aus dem von Luke Harding verlegten Buch „Mafia State“ („Der mafiöse Staat“) dar. Hinzu kam noch das Vorwort von Israel Schamir [ein bekannter Antisemit  und Holocaustleugner – der Üb.], in dem er den britischen Journalisten kritisiert sowie die Übersetzungen mehrerer Interviews und Artikel von Harding aus unterschiedlichen Medien. Die beworbene Auflage – 2.000 Exemplare.

Mehrere Kapitel aus dem Buch „Mafia State“ wurden seit Beginn dieses Jahres in einer anderen Übersetzung auf der Webseite des Journalisten Oleg Kaschin publiziert, mit Luke Hardings Genehmigung.

„Bücher mit patriotischen Ausrichtung“

Im Interview der russischsprachigen Redaktion von BBC sagte der britische Journalist, dass eine Situation, in der ein Verleger die Materialien ohne die des Autors Einverständnis publiziert, untragbar ist.

Das Verlagshaus „Algorithmus“ publizierte im Jahre 2015 mehrere Bücher der Reihe „Projekt Putin“. In der Inhaltsangabe zum Buch mit dem vollen Namen „Niemand außer Putin. Warum wird er vom russischen System akzeptiert“, wurde die ausführliche Biografie von Luke Harding als des einzigen Autors gedruckt.

In einer Twitter-Diskussion über dieses Buch merkt der russische Journalist Ilja Azar an, dass sein amerikanischer Kollege Michael Bohm, der als Autor des Buches „Ein Fehler von Präsident Putin“ aus der gleichen Reihe angegeben wurde, sich sinngemäß geäußert hat, dass er kein Autor dieses Buches ist.

Das Buch „Mit oder ohne Putin: was erwartet Russland in zehn Jahren“, das „Algorithmus“ dem britischen Publizist Edward Lukas zuschreibt, enthält unter anderem den Text der Antworten Lukas’ auf die Leserfragen des Webportals bbcrussian.com aus dem Jahre 2008, gleich nach dem Erscheinen seines Buchs „Der Neue Kalte Krieg“.

„Die Position von Edward Lukas ist charakteristisch für bestimmte Kreise in Großbritannien und weckt deswegen das Interesse“, – so das Vorwort zum Buch. In einer ähnlichen Art und Weise bewirbt der Verlag das Buch „Niemand außer Putin“: „Die Aussagen von Luke Harding werden viele als nicht unbestritten empfinden, sie sind jedoch bezeichnend für bestimmte Kreise der britischen Politiker, Journalisten und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens“.

Die Reihe „Projekt Putin“ des Verlags „Algorithmus“ beinhaltet 24 Bücher. Als Autoren sind unter anderem die Politiker Eduard Limonow und Sergej Udalzow, der Publizist Andrej Piontkowskij, der deutsche Politologe Alexander Rahr und der im Winter 2015 erschossene Boris Nemzow angegeben.

Ein bedeutender Teil der vom Verlag produzierten Bücher besteht aus Ausgaben mit den Bezeichnungen wie „Der große Oberbefehlshaber I. W. Stalin“ oder „Der letzte Kampf von Lawrenti Beria“. Die Verleger geben damit an, sie hätten „über 10 Tausend Bücher der patriotischen Ausrichtung“ verlegt.

Dieses Statement kann auf der Webseite des Verlages gefunden werden – in der Mitteilung über die Ermittlungen wegen der Beschuldigung des Managements des Extremismus – weil unter anderem auch Bücher von Goebbels und Mussolini vom Verlag produziert wurden. Die Ergebnisse der Ermittlungen sind noch nicht bekannt.

Auf der Webseite kann auch eine Anzeige gefunden werden, in der ein Jurist gesucht wird, der Erfahrungen in den Prozessen gemäß § 280 [des russischen Strafgesetzbuchs] vorweisen kann. In § 280 geht es um öffentliche Aufrufe zu extremistischen Tätigkeiten.

In einer anderen Anzeige auf der Webseite werden Mitarbeiter gesucht, die mit dem heimischen Computer etwas verdienen möchten. Die Aufgabe: im Internet Materialien (Artikel, Interview, Reden etc.) gemäß Aufgabe der Redaktion sammeln. Die Bezahlung ist bescheiden: 3000 Rubel [~ 45 Euro] für jeden gesammelten Block. Der Mindestlohn beträgt in Russland ab dem 1. Januar 2015 5965 Rubel [~ 80 Euro] pro Monat.

Visumabsage

Im Jahre 2011 wurde Harding die Verlängerung des Visums verwehrt. Er arbeitete damals in Moskau für Guardian. Anfang Februar des Jahres 2011 wurde ihm nicht zugelassen, nach Moskau einzureisen. Das Außenministerium der Russischen Föderation erklärte es damit, dass der Reporter wiederholt die Regeln der Arbeit der ausländischen Journalisten auf dem russischen Territorium verletzt habe.

Eine Woche später wurde die Einreise genehmigt.

Erst wollten die Machthaber Russlands nicht erklären, warum man ihm die Einreise verweigerte. Guardian schrieb, dass der Mitarbeiter des russischen zum FSB gehörenden Grenzschutzes folgendes dem Journalisten sagte: „Russland ist für Sie geschlossen“.

Die Redaktion des Guardian vermutete, dass das Geschehene im unmittelbaren Zusammenhang mit der Hardings Publikation steht, in der Harding Russland als „Mafiöser Staat“  bezeichnet hat. Wladimir Putin war damals Ministerpräsident.

Später erklärte jedoch das Außenministerium Russlands, Harding habe die Regeln für die Arbeit der ausländischen Korrespondenten in Russland verletzt.

Vgl. auch den englischsprachigen Artikel im Guardian

 

Artikel von: BBC Russian
Quelle: BBC Russischsprachiger Dienst, 9.8.2015

Übersetzt von: Übersetzerteam Euromaidan Press auf Deutsch

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