Russland verschwindet von den internationalen Flugplänen

Der Flughafen Moskau-Domodedowo - Foto: Wikimedia Commons

Der Flughafen Moskau-Domodedowo - Foto: Wikimedia Commons 

14. August 2015 • Nachrichten, Russland

Es gab eine Zeit, in der sich die großen Airlines der Welt geradezu ein Wettrennen darum lieferten, wer die besten Verbindungen nach Russland würde anbieten können. Angezogen von scheinbar grenzenlosen wirtschaftlichen Möglichkeiten befeuerten Geschäftsleute in aller Welt die Nachfrage nach Direktflügen in alle Ecken und Enden des Riesenreiches. Archangelsk, Perm, Samara – selbst im Westen eher unbekannte Winkel Russlands wurden nun in direkter Luftlinie angebunden, die Billigflieger zogen bald nach und erleichterten auch touristische Besuche, was dem gegenseitigen Verständnis förderlich war.

Mit dem Verständnis allerdings ist es inzwischen wieder vorbei. Russland hat sich für kriegerische Handlungen gegen Nachbarstaaten entschieden und dafür, der eigenen Bevölkerung mittels eines unablässig laufenden Propagandaapparats weiszumachen, das westliche Ausland sei geprägt von Dekadenz, Verkommenheit und Russenfeindlichkeit. Am gegenseitigen Kennenlernen war in der Folge immer weniger Interesse vorhanden, und nach dem Austausch von Wirtschaftssanktionen und gestiegenen rechtlichen Unwägbarkeiten für ausländische Unternehmen in Russland ist auch der Geschäftsreiseverkehr drastisch zurückgegangen.

Offiziellen Angaben zufolge war die Zahl der Flugzeugpassagiere in Russland kontinuierlich und rasant gestiegen, zuletzt von knapp 43,9 Millionen im Jahr 2010 auf fast 72,2 Millionen 2014. Dazu hatte ein deutlicher Ausbau des Angebots auf dem heimischen Markt beigetragen, doch auch Auslandsverbindungen hatten enorme Zuwächse erlebt. Trotz anhaltender Uneinigkeit zwischen den Parteien bezüglich der Überflugrechte über Sibirien hatte der Luftverkehr zwischen Russland und der EU noch 2013 etwa 40% des gesamten Passagierverkehrs der russischen Föderation ausgemacht.

Ebenso schnell wie die Verbindungen gewachsen waren, gehen sie aber inzwischen auch wieder zurück. Zahlreiche Gesellschaften aus aller Welt haben in den letzten Monaten ihre Russland-Verbindungen zusammengestrichen oder werden dies zum anstehenden Winterflugplan tun. Finnair, Easyjet, Cathay Pacific, Thai Airways, Etihad, Qatar Airways, Air India, El Al und andere haben ihre Flüge nach Russland entweder ganz gestrichen oder setzen auf kleinere Flugzeuge oder eine Ausdünnung der Frequenzen. Von der russischen Führung mit großem Aufwand renovierte und ausgebaute Flughäfen wie die drei Moskauer Airports drohen in naher Zukunft deutlich überdimensioniert zu sein. Das hat auch mit den Amerikanern zu tun, die sich aus dem russischen Markt weitgehend zurückgezogen haben. American Airlines hat Russland nicht im Programm, Continental ebenfalls nicht, und Delta Airlines kündigte gerade an, ab Oktober nicht mehr nach Moskau zu fliegen. Damit wird ab Ende des Jahres keine amerikanische Airline mehr direkt nach Russland fliegen.

Dorthin stellte auch United Airlines schon 2012 die Verbindungen ein und verließ sich stattdessen auf das Angebot von Umsteigeverbindungen über Deutschland in Kooperation mit Lufthansa. Dieses allerdings wird auch merklich gekürzt. Die Entscheidung der deutschen Airline, Nischni Nowgorod, Samara und Moskau-Wnukowo wegen mangelnder Rentabilität komplett aus dem Flugplan zu nehmen, bedeutet für einige Regionen einen spürbaren Rückgang der Reisemöglichkeiten, denn über den Knotenpunkt Frankfurt hatte die Lufthansa auch für russische Passagiere abgestimmte Verbindungen in viele Regionen der Welt angeboten. Germanwings, Niki und Air Berlin hatten schon im Frühjahr den Rotstift an die Russlandflüge angesetzt.

Da zeitgleich mit den ausländischen Gesellschaften auch die russischen Carrier ihre Kapazitäten zurückfahren – im März 2015 war bekannt geworden, dass Russlands Gesellschaften nicht weniger als 71 internationale Strecken streichen würden – drohen weite Teile Russlands ins Abseits zu geraten. Die Zahl der russischen Auslandstouristen sei um 20% gefallen, meldeten russische Behörden, wobei die tatsächliche Zahl wohl noch geringer liegen dürfte, glaubt man den Repräsentanten der Urlaubsorte, die sonst viele Umsätze mit russischen Urlaubern gemacht haben.

Die anhaltende Negativstimmung im Land, die nach wie vor schwierigen Einreisebestimmungen nach Russland und die Reduzierung der Kapazitäten dorthin eröffnen hervorragende Möglichkeiten für die Ukraine, als Tourismusziel in Osteuropa zu profitieren. Dazu allerdings wäre es für das Land notwendig, eine effektivere und zielgerichtete Kommunikation über die zahlreichen touristischen Highlights zu betreiben und ins Tourismusmarketing zu investieren.

Bild: Wikimedia Commons
Redigiert von: Übersetzerteam Euromaidan Press auf Deutsch

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