Die Kriegerinnen der Ukraine

Julia - Deckname „Schwarz“ – ist eine 22-jährige ukrainische Soldatin.

Julia - Deckname „Schwarz“ – ist eine 22-jährige ukrainische Soldatin.  

Empfehlung, Krieg im Donbas, Soziales

Artikel von: Nolan Peterson
Quelle: The Daily Signal, 11.8.2015

Der Ort wird „Position 18“ genannt

Das gelbe Haus, dessen Dach unter Artilleriefeuer eingestürzt war, befindet sich nur so etwa hundert Meter hinter den vordersten Schützengräben in Pisky in der Ukraine. Granatsplitter und Einschusslöcher haben die Außenwände zerfetzt, sodass von der gelben Wandfarbe nur noch Punkte auf dem grauen Beton zu sehen sind. Die Soldaten nutzen das frühere Wohnzimmer als Gemeinschaftsraum zum Essen und zum Schlafen.

Im Inneren der „Position 18“, einer Garage in Pisky, Ukraine

Im Inneren der „Position 18“, einer Garage in Pisky, Ukraine

Ein Generator liefert den Strom für einen Fernseher, in dem ein Frauen-Boxkampf läuft. Ein paar Soldaten sitzen auf einer alten Ledercouch, haben ihre Kalaschnikow-Sturmgewehre dagegen gelehnt und sehen schweigend fern.

Draußen in der angrenzenden Garage, die auf der von den Schützengräben abgelegenen Seite liegt und offen steht, kommen und gehen Soldaten, greifen sich Waffen, Munition und Wasserflaschen, wenn sie zwischen dem Haus und den Schützengräben hin- und hergehen.

Das mehrteilige Garagentor hängt von der Decke in seinen Schienen. Eine kegelförmige Löcherspur punktiert den rechten vorderen Teil, die Tür verzogen und die Metallbahnen verdreht. Vor ein paar Wochen, erklärt einer der Soldaten, kam ein Mörser durch das Dach; das Garagentor fing ihn ab und verhinderte, dass er am Boden explodierte.

Die Einheit, die auf Position 18 stationiert ist, gehört zur OUN, einem Freiwilligenbataillon, das vor kurzem in die 93. Brigade der ukrainischen Armee integriert wurde.

Die 93. Brigade hält die Front ein paar Kilometer außerhalb der kombinierten russisch-separatistischen Hochburg Donezk. Die Abkürzung OUN steht für die „Organisation Ukrainischer Nationalisten“, eine Partisanengruppe aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg.

Bei einer draußen untergehenden Sonne an einem Spätsommernachmittag stehen etwa ein Dutzend ukrainischer Soldaten in der Garage herum, unterhalten sich und scherzen miteinander. Das Artillerie- und Gewehrfeuer in der Ferne scheint sie wenig zu stören.

Die Soldaten sind verschiedenen Alters, manche erst 19, einige in den 40ern oder sogar in den 50ern. Sie tragen keine einheitliche Militäruniform, da sie sie im Internet gekauft habe oder von zivilen Freiwilligen gespendet wurden. Einige Soldaten reinigen ihre Gewehre oder basteln an den Geräten, während andere sich entspannen und die relative Sicherheit der Garage genießen.

Einer der Soldaten ist eine 22-jährige Frau namens Julia. Sie ist gerade aus den Schützengräben zurückgekehrt und steht mit einer Kalaschnikow um den Oberkörper geschnallt da, redet und lacht mit den anderen.

Julias dunkle schwarze Haare sind zu einem Dutt zurückgebunden, aber er sieht schon ein wenig wild und zerzaust aus. Sie trägt eine schusssichere Weste, ihre Tarnfarbenhose ist unterhalb der Kniee abgeschnitten, und sie hat hohe schwarze Militärstiefel an. Ihr Schmuck ist einfach: eine silberne Halskette, silberne Ohrringe durch ihre Ohrläppchen und einen schwarzen Stecker in der oberen Ohrmuschel. Um das rechte Handgelenk hat sie zwei geflochtene Armbänder und einen Ring an ihrem linken Zeigefinger.

Julia, Deckname „Schwarz“, sieht entspannt aus. Sie verdreht die Augen, legt den Kopf schief und lacht, als ein Kamerad einen Witz über ein Playboy-Heft machte.

Plötzlich war da das Geräusch vom Maschinengewehrfeuer der Separatisten nur einhundert Meter oder so entfernt. Jeder in der Garage suchte schnell Schutz an den Wänden -ein paar gingen direkt zur Tür, die in das Haus führt.

Julia reagiert gelassen und zielgerichtet. Sie rührt sich kaum und stand am Boden, während einige der anderen Soldaten (und der das hier schreibende Korrespondent) hastig in Deckung gehen. Ihr Lächeln ähnelt einem Luftballon, aus dem man die Luft herausgelassen hatte, und sie schaut mit einem entschiedenen und konzentrierten Ausdruck in Richtung Gewehrfeuer.

„Wenn ich mir ansehe, wie sie im Gefecht reagiert, würde ich sagen, dasssie sich langweilt, und normalerweise ist sie noch nachlässiger als die meisten anderen Soldaten,“ sagt Andrej Micheytschenko, ein OUN-Soldat, der gemeinsam mit Julia in Pisky Soldat ist.

„Was ihren persönlichen Mut angeht“, fährt Micheytschenko fort, „dann ist sie natürlich sehr mutig – mutiger als viele männliche Soldaten.“

Unoffizielle Kämpfer

Schon seit Beginn des Krieges in der Ukraine spielen Frauen eine Schlüsselrolle für die ukrainischen Streitkräfte. Sie dienen an der Front in der Infanterie, als Sanitäter und sogar als Scharfschützen. Und sie tragen als zivile Freiwillige dazu bei, die Kriegsanstrengungen an der Heimatfront durch die Beschaffung von lebenswichtigen Hilfsgütern und Ausrüstung sicherzustellen und sie an die Front zu liefern.

„Ich habe mich immer geschämt, dass ich nicht in den Krieg gezogen bin, selbst wenn einige 18-jährige Jungs, auch wenn sie keine Patrioten waren, gehen mussten,“ sagte Lera Burlakowa, 29, die ihren Job als Journalistin im vergangenen Dezember aufgab, um als Frontsoldatin mit dem Freiwilligen-Bataillon „Karpatska Sitsch“ in Pisky zu dienen.

„Wenn du in den Spiegel schauen willst und dich nicht abwenden kannst, dann musst du gehen,“ fügte sie hinzu. „Aber ich glaube nicht, dass das alle Menschen tun sollten. Einige Leute haben wirklich Angst, sie sind nun mal so. Und vielleicht sollten sie dann nicht da sein, im Krieg, und da ohne Grund sterben.“

Frauen sind immer noch offiziell vom Frontdienst in der ukrainischen Armee ausgeschlossen, und die meisten Frauen, die sich an Kampfhandlungen beteiligen, sind Abgehörige von zivilen Freiwilligenbataillonen.

Da in der Ukraine die Freiwilligenbataillone nach wie vor behindert werden, indem sie in die regulären Armee und in die Nationalgarde eingegliedert werden, wirft das neue Fragen über die künftige Rolle der weiblichen Soldaten auf, die sich im Kampf bewährt haben und sich daher nur widerwillig auf die unterstützenden Rollen hinter der Front beschränken lassen wollen.

„Wir haben einen Krieg und die Frauen wollen daran teilnehmen,“ sagt Burlakowa. „Und wenn eine Frau in den Kampf will, wenn sie die Tests besteht, nicht daran zerbricht, und schon einmal an einem Gefecht teilgenommen hat … klar, dann sollte sie natürlich zugelassen werden – Frauen sollten nicht nur Köchinnen sein dürfen.“

Ein Volkskrieg

Da die zivilen Freiwilligenbataillone in diesem Jahr in die ukrainische Nationalgarde und reguläre Armee integriert wurden, wurden die Frauen, die kämpfen wollten, offiziell in Hilfspositionen wie Köchinnen oder Mitarbeiterinnen im Hauptquartier registriert.

Diejenigen, die weiter kämpfen wollten, umgingen die Regeln durch eine Registrierung für Nicht-Kampf-Arbeiten und blieben dann an der Front mit ihren alten Einheiten, die, obwohl sie sich nun unter Regierungskontrolle befanden, weitgehend intakt blieben.

Das Problem, das sich daraus ergibt, ist die fehlende offizielle Dokumentation einer kämpfenden Soldatin, was sie auch von Auszeichnungen und Unterstützungen ausschließt.

Aufgrund ihres inoffiziellen Status hat Burlakowa, zum Beispiel, keinen Sold für die fünf Monate, die sie als Soldatin in Pisky verbracht hat, erhalten. Und sie ist nicht berechtigt, Auszeichnungen und Leistungen zu erhalten, die den männlichen Kriegsveteranen zustehen, weil es ihr als Frau technisch nicht gestattet ist, an vorderster Front zu kämpfen.

„Du bekommst nie einen offiziellen Status als jemand, der im Krieg war“, sagte Burlakowa. „Ich bin mir nicht sicher, was der Status eines Kriegsveteranen bedeutet. Aber ich sehe, dass die Jungs so stolz darauf sind, und ja, es wäre schön, das offiziell zu haben.“

Nach Angaben des ukrainischen Verteidigungsministeriums wurde 67.697 ukrainischen Soldaten der „ATO Teilnehmerstatus“ gewährt, der auch eine Beteiligung in der Kampfzone anzeigt. Diese Bezeichnung berechtigt zum Erhalt bestimmter Sozialleistungen sowie zur kostenlosen Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel, einer bevorzugte Behandlung beim Kauf von Gebäuden und Grundstücken, einem Null-Prozent-Darlehen für private Bauvorhaben und einem 75-Prozent-Rabatt auf Rechnungen der öffentlichen Versorgungsbetriebe.

Regierungsdaten über die Zahl der Frauen, denen der ATO Teilnehmerstatus gewährt wurde, standen nicht sofort zur Verfügung, auch wenn ukrainischen Medienberichten zufolge von den 250.000 Militärangehörigen der Ukraine etwa 25 Prozent Frauen sind.

Im Jahr 2014 wurden etwa 100 Frauen im Rahmen eines Notprogramms zum Militärdienst eingezogen, und das Verteidigungsministerium kündigte Pläne für dieses Jahr an, nach denen es möglicherweise eine Öffnung der Wehrpflicht geben soll, so dass Frauen zwischen 20 und 50 Jahren aufgenommen werden können.

Gleichgestellt

Die ukrainischen Soldatinnen dienen neben ihren männlichen Kollegen und sind den gleichen Risiken und Lebensbedingungen im Kampf ausgesetzt. Und während einige der männlichen Soldaten ihre Kameradinnen eher beschützen wollen, wehren sich die Frauen gegen eine Sonderbehandlung und wollen sich als ebenbürtig beweisen.

„Julia ist mit all den gleichen Problemen wie die männlichen Kämpfer konfrontiert, d.h. alltäglichen Schwierigkeiten und körperlichen sowie geistigen Probleme“, sagt Micheytschenko.

„Gleichzeitig versuchten die Kommandeure jedes Mal, sie zu beschützen“, fügte er hinzu. „Zum Beispiel kam Julia selten in einer Kampfpatrouille zum Einsatz, aber sie bat uns immer, teilnehmen zu dürfen, um auf Augenhöhe mit allen anderen zu sein. Zur gleichen Zeit durfte sie manchmal bei Erkundungsangriffen auf neutralem Boden mitmachen, oder sogar hinter die feindlichen Linien gehen.“

Burlakowa beschloss, Soldatin zu werden, nachdem sie im Rahmen ihrer Arbeit als Journalistin die Front besucht hatte. Sie besuchte ein militärisches Trainingslager, wurde jedoch ursprünglich vom Militärdienst abgebracht, weil sie dachte, es wäre zu schwierig für sie.

Inna Dubnjak, 36 (links), and Julia Dimitrowa, zivile Freiwillige in ihrem Büro in Dnipropetrowsk

Inna Dubnjak, 36 (links), and Julia Dimitrowa, zivile Freiwillige in ihrem Büro in Dnipropetrowsk

Aber nachdem sie als Journalistin wegen eines Auftrags fünf Tage in Pisky verbracht hatte und aus erster Hand erfahren hatte, wie es ist zu kämpfen, entschied sich Burlakowa, dass sie in der Lage sei, Soldatin zu sein.

„Ich hatte in den ersten zwei oder drei Stunden Angst, aber danach war alles in Ordnung,“ sagt sie. „Ich sah noch andere Frauen da, und ich sah jungen Soldaten, die lernten an der Front zu. Mir wurde klar, dass ich es schaffen kann.“

Burlakowa rief ihren Herausgeber an und kündigte ihren Job. Nach einer kurzen Rückreise nach Kyiw, um das Organisatorische zu regeln, kehrte sie für fünf Monate im Gefecht nach Pisky zurück.

„Mein Vater nannte mich eine Idiotin, er verpackte das nur netter,“ sagte sie. „Meine Mutter weinte und betete wahrscheinlich.“

Der Großvater von Burlakowa, der Pilot in der sowjetischen Luftwaffe war und derzeit in Moskau lebt, war zuerst dagegen, unterstützte aber letztendlich die Entscheidung seiner Enkelin.

„‘Du bist ein Mädchen und du solltest das nicht tun’, sagte er mir. ‚Aber wenn du es tun musst, dann verstehe ich das‘“, sagt Burlakowa, als sie sich an die Reaktion des Großvaters erinnert.

Burlakowa sagt auch, dass sie sich schließlich das Vertrauen und den Respekt der männlichen Kameraden durch eine gute Ausübung ihrer Tätigkeiten unter Gefechtsfeuer verdiente.

„Vielleicht würden sie [die Männer] dir das letzte Stück Schokolade geben,“ sagt sie. „Aber sie geben den Frauen Möglichkeiten, sich zu beweisen. Es hängt davon ab, wie du dich verhältst, und ob du ihnen irgendeinen Grund gibst, dich anders zu behandeln.“

Burlakowa erklärt, dass es in gewisser Weise sogar einfacher sei, eine Frau an der Front zu sein, denn es ist leichter für Frauen, Angst zuzugeben. „Einige Männer zeigten nie ihre Angst,“ sagt sie. „Ich spürte, dass es mir erlaubt war, meine Angst zu zeigen. Aber du musst vorsichtig sein, damit die Leute dich nicht anders behandeln.“

Und Angst hatte sie wirklich, muss Burlakowa zugeben. Doch diese war auch mit einer gewissen Freude und dem Gefühl vermischt, ein Sinn im Leben zu haben, ein Gefühl, das man im zivilen Leben nur schwerlich erfährt.

„Auf der einen Seite fühlst du, dass du heute wirklich nicht sterben möchtest,“ sagt Burlakowa. „Auf der anderen Seite macht es Spaß, es ist nicht so richtig spannend … aber du erkennst, wie sehr du leben willst.“

Tradition

Die Ukraine hat eine historische Tradition von Frauen im Kampf. Frauen spielten eine aktive Rolle in der ukrainischen Aufständischen Armee (ihre rot-schwarze Flagge ist ein allgegenwärtiges Symbol des Kriegspatriotismus in der modernen Ukraine), die einen Guerillakrieg sowohl gegen Nazi-Deutschland als auch gegen die sowjetische Rote Armee im Zweiten Weltkrieg geführt hat.

Ukrainische Frauen dienten im Zweiten Weltkrieg auch in der Roten Armee, darunter die russisch-ukrainische Scharfschützin Ljudmila Pawlitschenko, die 309 deutschen Soldaten getötet haben soll.

Ein heutiges Beispiel für eine ukrainische Frau im Kampf ist Nadija Sawtschenko, eine 33-jährige ukrainische Kampfhubschrauberpilotin, die 2014 beim Bataillon Aidar als Soldatin in der Ostukraine freiwillig diente.

Russische und separatistische Kräfte nahmen Sawtschenko am 18. Juni 2014 gefangen. Ihr wurde vorgeworfen, sie habe für einen Mörserangriff das Ziel ausgewählt, bei dem, wie russische Behörden behaupten, zwei russische Journalisten getötet wurden. Nach einem Jahr Untersuchungshaft ist sie jetzt in Donezk in Russland inhaftiert. Ihr droht eine Gefängnisstrafe bis zu 25 Jahren.

Am 2. März 2015 wurde sie vom Präsidenten der Ukraine Petro Poroschenko mit dem Titel „Heldin der Ukraine“ ausgezeichnet, dem höchsten militärischen Ehrenpreis der Nation.

„Nadija Sawtschenko ist ein Symbol für den Kampf der Ukraine“, sagte Poroschenko am 2. Juli. „Während ihrer Gefangenschaft hat sie den wahren, starken und kämpferischen ukrainischen Geist eines Militärangehörigen unter Beweis gestellt, der sein Mutterland nicht verrät.“

Totaler Krieg

Während der Krieg in der Ukraine geografisch nur einen kleinen Teil des Landes betrifft, hat sich die ukrainische Gesellschaft in allen Sphären mobilisiert, um die Kriegsanstrengungen zu unterstützen.

Nach eineinhalb Jahren ist der Krieg immer noch mit einer großen Volksinitiative verbunden, die aus freiwilligen Helfern besteht, die, oft ohne militärischen Hintergrund oder Ausbildung, Geld sammeln, um Vorräte für ukrainische Soldaten zu kaufen und diese Sachen dann an die Front liefern.

Der Freiwilligen-Bewegung ist wichtig für die ukrainischen Kriegsanstrengungen, und viele Kampfeinheiten sind immer noch von freiwilligen Helfern abhängig , die für ihre Grundbedürfnisse sorgen (einschließlich Uniformen, Nahrung, Wasser, Verbandskästen, Schutzkleidung und medizinische Versorgung).

Ukrainische Frauen spielen eine Schlüsselrolle in der Freiwilligen-Bewegung.

„Ich kann nicht einfach beiseitetreten und wegschauen,“ sagt Julia Minajewa, eine 26-jährige Hochschullehrerin in Kyiw. Minajewa sammelt Vorräte, darunter Briefe von Kindern, für die Truppen und besucht Verwundete in den Krankenhäusern, um im Gespräch mit ihnen über „alles außer dem Krieg“ zu sprechen, um ihre Stimmung zu heben.

„Jeden Tag, wenn ich schlafen gehe, hatte ich wegen der Soldaten einen friedlichen Tag,“ sagt Minajewa. „Sie schlafen in Schützengräben oder auf ihren Wachposten, und sie geben uns die Möglichkeit, in Frieden leben. Es ist unsere Pflicht, ihnen zu helfen, und ich fühle, dass ich etwas für unser Land tun muss.“

Minajewa sagt, dass besonders verwundete Soldaten oft ein Gespräch mit Menschen außerhalb ihrer Familie brauchen – und nicht über den Krieg reden wollen.

„Sie sind immer noch Männer“, sagte sie. „Sie sind immer noch klug und schön, auch wenn sie keinen Arm oder kein Bein mehr haben. Sie sind wirklich tolle Leute. Sie beschweren sich nie. Sie wollen einfach nur wieder auf die Beine kommen und zurück an die Front, um uns zu beschützen.”

Das ist Krieg

Julia Dimitrowa, 28, ist zivile Freiwillige in Dnipropetrowsk. Sie ist Mutter von zwei Söhnen (4 und 2 Jahre alt), lebte 14 Jahre lang in Donezk und hat immer noch viele Freunde dort, darunter auch einige, die auf der Russisch-separatistischen Seite kämpfen.

„Es ist sehr schwierig, dass ich hier lebe und merke, dass ich den Soldaten helfe, die meine Freunde töten,“ sagte sie. „Aber so ist das Leben. Das ist Krieg.“

Im Juli 2014 initiierte Dimitrowa mit vier anderen Frauen eine Aktion, um Ausrüstungsgegenstände für die ukrainischen Soldaten zu sammeln. Sie sammeln Geld auf Facebook, um Dinge wie Stiefel und Verbandskästen zu kaufen, und etwa einmal pro Woche fährt Dimitrowa an die Front und liefert das, was sie gesammelt hat, ab.

„Es sieht wirklich nicht gutda draußen aus, unsere Jungsbrauchen vielUnterstützung,“ sagt sie. „Unser Landwar nicht auf den Krieg vorbereitet. Nichtvor einem Jahr und jetzt auch nicht.“

Julia Dimitrowa in ihrem Büro in Dnipropetrowsk

Julia Dimitrowa in ihrem Büro in Dnipropetrowsk

Dimitrowa sagt, dass sie, wenn sie an die Front fährt, nur selten eine schusssichere Weste trägt, auch wenn sie den gleichen Risiken eines Artillerie- oder Scharfschützenfeuers ausgesetzt ist, wie die Soldaten, denen sie die Lieferung bringt. Sie sagte auch, dass es separatistische Untergruppen gibt, die die zivilen Versorgungsfahrten unterbinden wollen und manchmal die Freiwilligen entführen oder ermorden.

„Meine Familie hält mich für verrückt,“ sagt Dimitrowa. „Vor einem Jahr wollte sich mein Mann von mir scheiden lassen, aber er hat sich jetzt daran gewöhnt.“

Dimitrowa arbeitet in einem angemieteten Büro in der Innenstadt von Dnipropetrowsk. Die Wände sind mit verschiedenen Dingen und Erinnerungsstücken aus dem Kriegsgebiet gesäumt. Wie viele zivile Freiwillige hatte Dimitrowa vor ihrer Entscheidung, die Kriegsanstrengungen der Ukraine zu unterstützen, keinerlei militärische Erfahrungen. Früher war sie einmal Model, und bevor der Krieg begann, war sie Hausfrau. Dennoch konnte sie – und das sagen viele Freiwillige – nicht tatenlos zusehen, während andere kämpfen.

„Ich sah, dass ich das tun konnte, und dass ich es gut machen könnte,“ sagt Dimitrowa. „Und jetzt sind die Freiwilligen wie eine zweite Familie für mich. Ich weiß, dass wir, wenn wir uns im normalen Leben getroffen hätten, nie zusammen gekommen wären. Aber durch diese Erfahrung sind wir miteinander verbunden.“

Der Krieg fordert auch psychologischen Tribut von den zivilen Freiwilligen, die Zeugen der Leiden der Soldaten werden.

„Das ist etwas, an das du dich nie gewöhnen kannst,“ sagt Minajewa und versucht, ihre Tränen zurückzuhalten, als sie über einen Soldaten spricht, der getötet wurde. „Es ist Krieg und wir müssen das machen. Ich habe kein Recht mich zu beschweren.“

„Ich weine immer, wenn es eine Beerdigung gibt,” sagt Dimitrowa. „Krieg hat nie ein happy end.“

Julia ging im April 2015 an die Front in Pisky und wurde abgezogen, nachdem sie im Juli verwundet wurde. Sie ist derzeit Ausbilderin in einem OUN-Trainingslager außerhalb von Kyiw.

Micheytschenko lobt Julias Mut im Kampf und ihre Fähigkeiten als Soldatin, die er miterlebt hat, aber er hat einige Bedenken bezüglich Frauen, die an Kampfhandlungen teilnehmen.

„Grundsätzlich denke ich, dass Frauen nicht in den Krieg ziehen sollten,“ sagt Micheytschenko. „Es ist schwer mit ansehen zu müssen, wenn sie verletzt oder getötet werden.“

„Auf der anderen Seite,“ fügt er hinzu, „mobilisieren sie durch ihr mutiges Verhalten die Männer und geben ihnen Mut. Diese Männer wollen dann aus Scham keine Feiglinge sein, weil einige Frauen viel mutiger sind und kämpfen.“

Burlakovw, die zu Zeit wieder als Journalistin arbeitet, sagt, dass sie im September an die Front zurückkehren will.

„Das Hauptproblem ist, dass du zurück willst“, meint Burlakowa und erklärt, wie es ist, nach den Gefechten nach Kyiw zurückzukehren. „Du findest im Krieg bessere Freunde als im wirklichen Leben … Als Soldat ist es manchmal einfacher. Du stehst nur mit Waffen da und kämpfst; es ist einfach. Irgendwie ist das Soldatenleben auch eine Flucht. Kyiw ist schwieriger und deprimierend.“

Minajewa erwartet, dass die Fürsorge für die Soldaten und ihre Familien auch noch lange nach dem Ende des Krieges anhalten wird. „Wenn der Krieg vorbei ist, werde ich mir zwei Tage Schlaf gönnen, danach gibt es eine Menge Dinge zu tun, um diesen Familien und den Soldaten zu helfen,“ sagt sie.

„Vor allem“ fügt Minajewa hinzu: „möchte ich, dass jeder Soldat siegreich, lebend und gesund zurückkommt.“

Nolan Peterson

Nolan Peterson

Nolan Peterson, ehemaliger Pilot für Sondereinsätze und Kriegsteilnehmer im Irak und in Afghanistan, ist Auslandskorrespondent für ‘The Daily Signal’ in der Ukraine.

‘The Daily Signal’ ist eine Multimedia-Nachrichtenagentur der ‘Heritage Foundation’.

 

Artikel von: Nolan Peterson
Quelle: The Daily Signal, 11.8.2015

Bild: Nolan Peterson/The Daily Signal
Übersetzt von: Anja Lange
Redigiert von: Übersetzerteam Euromaidan Press auf Deutsch

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