“Land of Confusion” – der russische Superman

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Analytik und Meinungen, Kultur, Meinung & Analyse, Russland, Soziales

Artikel von: Alexander Kaufman
Quelle: Alexander Kaufman Facebook

Um zu verstehen, warum das Regime von Putin im heutigen Russland so viel Unterstützung findet, muss man versuchen, die sowjetische Mentalität zu verstehen.

Die Unterschiede zur westeuropäischen Mentalität sind so enorm, dass das Verständnis der berühmt-berüchtigten russischen Seele – und ich spreche dabei nicht von der von Lew Tolstoi oder Anton Tschechow beschriebenen echten russischen Seele, sondern, von der, die in Wirklichkeit keine ist: die Rede ist vom Novum namens “Russische Welt”, das eigentlich gar nicht neu ist und dessen Anfänge in der sowjetischen Erziehung zu suchen sind.

In der sowjetischen Gesellschaft war es immer verpönt, Schwäche zu zeigen. Und das fing schon in der frühen Kindheit an.

Willst du nicht mit den anderen Kindern spielen – bist du schwach. Verprügelst du dich nicht – bist du schwach. Kannst du auf einen Schlag nicht mit einem Gegenschlag antworten – bist du ein Schwächling und ein Feigling.

Und so geht es weiter in der frühen Jugend: hast du mit 10 Jahren noch keine Zigarette geraucht – bist du schwach. Rennst du einem Mädchen hinterher – bist du ein Schwächling. Warst du mit 14 noch nie besoffen – du gehörst nicht dazu.

Ja, das Gefühl des Dazugehörens war eins und alles. Das kollektive Denken hatte immer den Vorrang vor dem Individuellen. „Ich muss so sein, wie die Anderen“ – das war das ewige Motto der Vertreter meiner Generation. Bist du etwas anders, als die Anderen – bist du ein Schwächling.

Und weiter geht das Leben. Willst du nicht in die Armee eingezogen werden, weil du die Waffe nicht in die Hand nehmen kannst – bist du ein Schwächling. Während du in der Armee bist, darfst du nicht auf die Idee kommen, zu sagen, dort gefällt es dir nicht. „Hier machen wir aus einem Jungen einen richtigen Mann“ – diesen Spruch kennt jeder, der aus der Sowjetunion kommt. Einen richtigen, gemäß den sowjetischen Gegebenheiten starken Mann.

Warst du nicht in Afghanistan? Bist du ein Schwächling. Doch, du warst dort? „Und wie viele Afghanen hast du umgelegt? Wow, bist du stark!“

Bist du krank zurückgekommen? Dann bist du ein Schwächling hoch drei. Verloren für immer für die Gesellschaft.

Krank zu sein und Schmerzen zu haben ist gemäß sowjetischer Mentalität eine Schwäche. Jegliche Schmerzen – ob physisch oder psychisch – sind ein deutliches Zeichen einer Schwäche. Bist du depressiv? Das gab es gar nicht. Kein Scherz: in der sowjetischen Medizin war eine Diagnose wie Depression eine Seltenheit. Dafür umso öfter wurde eine von den sowjetischen Psychiatern erfundene „latente Schizophrenie“ diagnostiziert.

Hast du eine Familie gegründet und bist nicht deren Oberhaupt, sondern hast diese Rolle deiner Frau abgegeben – bist du schwach. Deine Kinder respektieren dich nicht? Bist du abscheulich. (Dabei geht es gar nicht um den Respekt im eigentlichen Sinne, sondern darum, dass deine Kinder Angst vor dir haben müssen).

Jahre vergehen. Und plötzlich stellt der eine oder der andere „Starke“ fest, dass ein ehemaliger Schwächling sein Boss ist. Weil in Wirklichkeit dieser Starke eine falsche Vorstellung von den Stärken und Schwächen hatte. Aber das passiert selten. Viel öfter gehen die „Schwachen“ einfach weg – zu den anderen Mentalitäten.

Und diejenigen, die sich für stark halten, bleiben und vergöttern den stärksten aller Starken. Weil sie etwas Anderes nicht gelernt haben und nicht lernen wollen.

“Oh Superman where are you now
When everything’s gone wrong somehow
The men of steel, the men of power
Are losing control by the hour”.

Artikel von: Alexander Kaufman
Quelle: Alexander Kaufman Facebook

Bild: echtlustig.com/d/7333/russland–wo-alles-irgendwie-anders-ist

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