Warum “Noworossija” in Mykolajiw und Krywyj Rih keinen Erfolg hatte

Eine Brücke in Mykolajiw, in den Farben der ukrainischen Flagge bemalt - Foto Lina Rusch

Eine Brücke in Mykolajiw, in den Farben der ukrainischen Flagge bemalt - Foto Lina Rusch 

16. August 2015 • Empfehlung, Krieg im Donbas

Quelle: Euromaidan Press (engl.) 13. August 2015

Am 20. Mai 2015 gab Oleh Zarjow, der “Parlamentssprecher” der selbsternannten Donezker und Luhansker „Volksrepubliken“ („LNR“ und „DNR“) die Beendigung des Projekts „Noworossija“ (“Neurussland”) bekannt. „Wir konnten unsere Leute bei den Kundgebungen nicht halten, und unsere Unterstützung in Odessa und Charkiw wuchs zu früh,” schrieb Aleksandr Kofman, der „Außenminister“ der „Donezker Republik,” auf seiner Facebookseite. Zahlreiche prorussische Proteste fegten durch die südöstlichen Regionen der Ukraine, sie wandten sich gegen den Sieg des Euromaidan von Ende Februar 2014. Diese Proteste fielen in “Noworossija” jedoch kleiner aus als geplant. Wir befragten die Zeugen der nach dem Euromaidan aufgekommenen prorussischen Unruhen, um zu verstehen, warum das so ist.

Die Separatistenbewegung in Mykolajiw wird von einer lokalen prorussischen Partei mit russischem Geld organisiert.

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Andrij Lochmatow ist Journalist bei prestupnosti.net. Foto: Alja Schandra

Andrij Lochmatow ist Journalist bei prestupnosti.net. Foto: Alja Schandra

In Mykolajiw [Anm. d. Übers: der russische Name der Stadt ist Nikolajew] wartete die Stadtverwaltung, in welche Richtung sich der Wind drehen würde. Am 7. April 2014 kam es zum entscheidenden Abend, als prorussische separatistische Demonstranten die Stadtverwaltung stürmten und anschließend gewaltsam durch eine größere Anzahl proukrainischer Einheimischer vertrieben wurden. An diesem Abend griffen die lokalen Behörden nicht ein sondern haben einfach von den oberen Stockwerken der Stadtverwaltung zugeschaut.

„Als sie sahen, dass die ukrainische Seite gewonnen hatte, kamen sie aus dem Gebäude und stimmten mit den Siegern ‚Lang lebe die vereinigte Ukraine!‘ an,” sagt Andrij Lochmatow, ein Journalist der Mykolajiwer Regionalredaktion von Prestupnosti.net. „Die Tatsache, dass die Behörden nichts unternahmen, um die russische Bedrohung zu stoppen, hat die Menschen vor Ort mobilisiert und ihnen gezeigt, dass sie entschieden handeln müssen, um sie aufzuhalten.“

Andrij, ein großer und ernster 26-jähriger Mann, trägt einen Anhänger mit dem Trysub (Dreizack), dem ukrainischen Wappen, das auf das 10. Jahrhundert zurückgeht. Er erinnert sich an jeden Protesttag, weil er für seine Medienagentur davon berichtete.

Ab März 2014, d.h. in der Zeit nach der Euromaidan-Revolution, kam es zu einer Welle von prorussischen Protesten in den südöstlichen Regionen der Ukraine. In einigen Orten wurden örtliche Verwaltungsgebäude besetzt und die ukrainische Fahne heruntergeholt. Die abtrünnigen Republiken von heute („LNR“ und „DNR“) und der von Russland unterstützte Krieg im Donbas stammen aus jener Zeit.

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Prorussische Proteste nach dem Euromaidan (basierend auf einer Wikipedia-Karte)

In Mykolajiw waren die Demonstrationen zu Beginn ziemlich erfolgreich: 1000-1500 Demonstranten kamen mit russischen Flaggen und Schlachtrufen; im Vergleich zu den 50 bis 100 pro-Euromaidan Demonstranten, die über den Winter ihre Solidarität mit Kyiw gezeigt hatten. Am 7. April 2014 nahmen 50 prorussische Demonstranten die Stadtverwaltung ein. Sie benannten sie in Duma um, das russische Wort für Rat, das in der Ukraine nicht verwendet wird.

Ein Polizeikette steht vor der Stadtverwaltung, während prorussische Separatisten einen Angriff versuchen. Foto: prestupnosti.net

Ein Polizeikette steht vor der Stadtverwaltung, während prorussische Separatisten einen Angriff versuchen. Foto: prestupnosti.net

Das Ganze wäre gar nicht so weit gekommen, wenn die maskierten bewaffneten Männer, die die Kontrolle über die örtliche Polizeistation in Kramatorsk am 13. April 2014 übernommen hatten, nicht zu den Schaulustigen gesagt hätten, sie sollten hinter den „Porebrik“ zurücktreten, ein in St. Petersburg gebräuchliches Wort für „Bordstein“ – Ukrainer hätten dazu „Bordjur” gesagt.

Als der versuchte Angriff auf die Stadtverwaltung in Mykolajiw in den sozialen Medien bekannt wurde, kam eine ukrainisch gesinnte Menschenmenge aus der ganzen Region in die Innenstadt, um die Sache in die eigenen Hände zu nehmen. Sie lösten die Demonstration auf und forderten, dass die prorussischen Demonstranten ihr Lager in der Mitte der Stadt auflösen sollten. Das taten sie auch, und das war das Ende der Demonstrationen für ein “Noworossija” in Mykolajiw.

Demonstranten für die Einheit der Ukraine vertreiben das separatistische Lager in Mykolajiw. Foto: nikvesti.com

Demonstranten für die Einheit der Ukraine vertreiben das separatistische Lager in Mykolajiw. Foto: nikvesti.com

 

Der Sockel des Lenin-Denkmals, das nach dem Sieg des Euromaidan abgerissen wurde. Foto: Lina Rusch

Der Sockel des Lenin-Denkmals, das nach dem Sieg des Euromaidan abgerissen wurde. Foto: Lina Rusch

Die meisten der prorussischen Demonstranten in Mykolajiw waren in der Tat Einheimische. Aber die Organisatoren und die Ressourcen kamen aus Russland. „Man konnte den großen Unterschied in der Art und Weise feststellen, wie der Maidan in Mykolajiw und wie die prorussischen Proteste ausgestattet waren: Beim Maidan gab es immer eine Spendendose, in der die Menschen vor Ort ihre Geldspenden einwerfen konnten. Außerdem gab es Freiwillige, die Essen zubereiteten,” sagte Andrij. „Der Antimaidan und später die prorussischen Proteste waren auf die bestmögliche Art und Weise organisiert, sie hatten aber keine Sammeldose, und alles war bereits vorbereitet worden, ich habe nie jemanden gesehen, der dort Brote geschmiert hat. Auch wenn die Teilnehmer kein Bargeld bekommen haben, gab es bei ihnen immer Essen und Heizung, deshalb gingen dort auch die ärmeren Menschen hin – keine Lehrer oder Geschäftsleute, sondern vor allem Obdachlose.“

“Noworossija” konnte in Mykolajiw nicht gelingen, weil die russischen Sicherheitsdienste nicht so viele Ressourcen wie auf der Krim oder im Donbas investieren konnten, da Mykolajiw zu weit weg von Russland ist. Und weil die proukrainischen Einwohner stärker waren.

Andrij Lochmatow, Journalist bei prestupnosti.net

Die Proteste wurden von der Partei “Russischer Block” organisiert. Vor dem Euromaidan war sie eine politische Randerscheinung, nach der Flucht des ukrainischen Präsidenten Janukowytsch begannen sie plötzlich Demonstrationen zu organisieren. „Sie benutzten genau dieselbe offizielle russische Propaganda. Wort für Wort, von gekreuzigten Soldaten und so weiter,” erinnert sich Andrij, der in der sengenden südukrainischen Sonne vor der Petro-Mohyla-Universität von Mykolajiw steht. „Unsere Sicherheitsdienste haben gute Arbeit geleistet; sie gaben sich Mühe, die Anführer zu isolieren, und die Bewegung verschwand. Sobald der Block nicht mehr mit einem Lautsprecher auf den Platz kam, war alles vorbei, weil die prorussischen Unterstützer sich nicht selbst organisieren konnten, das hat ihr sowjetisches Denken nicht zugelassen. Deshalb haben wir jetzt hier kein “Noworossija”, und wir sind sehr froh darüber.“

 

Krywyj Rih: Bürger-Aktivisten vereiteln den Plan der Behörden, einen Angriff auf die Stadtverwaltung zu inszenieren

Anton Krawtschenko ist Organisator des Automaidan in Krywyj Rih und bringt Material zum Bataillon des Rechten Sektors in Pisky

Anton Krawtschenko ist Organisator des Automaidan in Krywyj Rih und bringt Material zum Bataillon des Rechten Sektors in Pisky

Krywyj Rih [russisch: Kriwoi Rog] ist eine Industriestadt in der Region Dnipropetrowsk. Sie erlebte einen entscheidenden Moment mit, als sie wählen sollte, ob sie zu “Noworossija” gehören wollen oder nicht, sagt Anton Krawtschenko, der einer der Organisatoren des Automaidan in Krywyj Rih war.

„Krywyj Rih ist wie Donezk eine Industriestadt. Die meisten Menschen sind Industriearbeiter, und die Fabriken gehören Achmetow [einem pro-Janukowytsch Oligarchen],“ sagt mir Anton in seinem Auto, einem in der Sowjetunion produzierten Lada mit der Aufschrift „Krywbas“ auf der Seitentür, dem Namen des regionalen Freiwilligenbataillons, das im Donbas eingesetzt ist, um gegen die von Russland unterstützten Militanten zu bekämpfen. „Die meisten unserer Stadtbewohner hatten eine negative Einstellung gegenüber den Veranstaltungen des Euromaidan.“ Darüber hinaus wurde die Stadt zu einem Zentrum für die Rekrutierung von so genannten Tituschki, Schläger, die dafür bezahlt wurden, Euromaidan-Demonstranten zu verprügeln.

Am 19. April 2015 planten die pro-Janukowytsch Behörden einen Sturm auf die örtliche Stadtverwaltung. Den Industriearbeitern wurden 300 bis 500 Hrywnja [12,50 € bis 21 € nach damaligem Kurs] versprochen, um eine Menschenmenge vor dem Gebäude zu bilden, während die ukrainische Flagge durch die russische ersetzt würde. Die Machthaber verfügten über alle notwendigen Hilfsmittel: Oleksandr Wilkul, der Sohn von Krywyj Rihs Bürgermeister Jurij Wilkul, wurde Stellvertreter Mykola Asarows, dem späteren Ministerpräsidenten der Ukraine und rechten Hand Janukowytschs. Er holte Arbeiter in Eisenbahnzügen aus Donezk, und alle lokalen Medien waren unter ihrer Kontrolle. Die Situation war ernst.

Anton, der mit seinen Freunden die Euromaidan-Bewegung durch die Organisation von Autokonvois mit bis zu 200 Autos in den ukrainischen Farben blau und gelb unterstützen wollte, handelte schnell. In weniger als einer Woche gelang es ihnen, eine proukrainische Massenkundgebung mit mehr als 10 000 Teilnehmern zu organisieren. Es gab keine Festnahmen an diesem Tag.

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„Sie versuchten, danach noch ein paar prorussischen Kundgebungen zu organisieren, konnten aber nicht so viele Leute wie wir zusammenbringen; das lief sich dann tot,” erinnert sich Anton.

Jetzt ist er ein Freiwilliger, der die vorderste Front mit Lieferungen versorgt. Mehr als ein Jahr nach Ausbruch des Krieges hängt die Versorgung der ukrainischen Truppen immer noch häufig von Bürgerinitiativen ab. Abgesehen davon hat Anton zusammen mit seiner Automaidan-Gruppe eine Kampagne gegen die Zerstörung der Straßen seiner Stadt initiiert, da Schwerlast-LKWs, die eigentlich keine Erlaubnis für eine Durchfahrt haben sollten, die Straßen kaputt machen. Nun beschäftigt sich die  Staatsanwaltschaft mit seinen Aktivitäten. Jurij Wilkul ist immer noch an der Macht. Ich frage Anton, ob er denkt, dass der Euromaidan etwas in der Ukraine verändert hat.

„Ja,” sagt er selbstbewusst. „Wir haben jetzt ein Netz von Aktivisten, alles Automaidaner, die sich kennen. Im Augenblick gibt es Krieg, aber wenn der zu Ende ist, werden wir das Regime ändern.“

Zu guter Letzt: Warum konnte “Noworossija” in Mykolajiw und Krywyj Rih keine Wurzeln schlagen?

In beiden Fällen hat die Selbstorganisation der Bevölkerung eine große Rolle gespielt. Menschen mobilisierten sich schnell, um die Bedrohung aufzuhalten und hatten genau dafür bestimmte Kommunikationskanäle. Mykolajiw war insgesamt ziemlich passiv, und es gab nur eine geringe Teilnahme an pro-Euromaidan Protesten. Dafür gelang es, die Bevölkerung schnell zu mobilisieren, als eine echte russische Bedrohung befürchtet wurde – und weil man die Untätigkeit der lokalen Behörden satt hatte. In Krywyj Rih handelte ein aktiver Organisator mit einem Team Gleichgesinnter auf der Grundlage der bestehenden Kommunikationskanäle, um so etwas zu verhindern.

Dieser Artikel basiert auf einer Materialsammlung, die im Rahmen der “Summer School” “Geschichtlichkeit und Post-Revolution – eine journalistische Retrospektive der Maidan-Bewegung in der ganzen Ukraine” entstand, organisiert von der Nationaler Universität ‘Kyiw-Mohyla-Akademie’ und dem Lektorenprogramm der Robert-Bosch-Stiftung in Kyiw. weitere Informationen über das Projekt finden Sie auf dieser Homepage und dem Blog.

Quelle: Euromaidan Press (engl.) 13. August 2015

Übersetzt von: Anja Lange
Redigiert von: Klaus H. Walter

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