Medienkrieg gegen die Ukraine: Deutscher in der Ukraine als Spion unterwegs?

Ein Screenshot zeigt den deutschen Staatsbürger Mirko Möbius, der unter dem Pseudonym Mark Bartalmai auftritt, in einem Dokumentarfilm über die Ukraine mit dem Titel: “Ukrainian agony: The Concealed War” (Ukrainische Agonie, der verschwiegene Krieg). Der Film hatte am 18. Juli in Berlin Premiere.

Ein Screenshot zeigt den deutschen Staatsbürger Mirko Möbius, der unter dem Pseudonym Mark Bartalmai auftritt, in einem Dokumentarfilm über die Ukraine mit dem Titel: “Ukrainian agony: The Concealed War” (Ukrainische Agonie, der verschwiegene Krieg). Der Film hatte am 18. Juli in Berlin Premiere. 

Analytik und Meinungen, Krieg im Donbas, Meinung & Analyse, Politik

Artikel von: Allison Quinn, Olena Goncharova
Quelle: KyivPost 6.8.2015

Russlands Informationskrieg in der Ukraine wird immer finsterer. Ukrainische Beamte machten im Juli bekannt, dass ein deutscher Staatsbürger sich als Journalist ausgibt und versucht, für die russisch-separatistischen Kräfte, die in der Ostukraine im östlichen Donbas Krieg führen; Informationen zu sammeln.

Der stellvertretende Kommandeur der ukrainischen Operationsführung, Serhij Haluschko, identifizierte den Spion als Mirko Möbius und beschuldigte ihn, getarnt als Journalist, in von der Ukraine kontrolliertes Territorium zu reisen, um Informationen über ukrainische Truppenbewegungen zu sammeln.

Es ist noch nicht einmal klar, ob Möbius jemals Journalist war, eventuell sogar einer mit Reputation. Haluschko wollte am 23. Juli keine Massenmedien nennen, für die der deutsche Staatsbürger angeblich arbeitet.

Diese Anschuldigungen sind Teil einer zunehmend hässlichen Realität im vom Krieg zerrissenen Osten, wo Menschen, die sich selber als Journalisten bezeichnen, als Waffe in einem Krieg eingesetzt werden, der sich von Propaganda ernährt.

Möbius ist nur einer aus einem Haufen von „Informationskriegern“, die für die von Russland unterstützten Separatisten arbeiten und mit ihrer Propaganda auf ein westliches Publikum zielen.

Während ukrainische Offizielle ihn der Spionage beschuldigen, ist Möbius, der unter dem Pseudonym Mark Bartalmai auftritt, mit der Premiere eines Dokumentarfilms über die Ostukraine am 18. Juli in Berlin beschäftigt.

Bei dem 102-minütigen Film mit dem Titel: „Ukrainian Agony — Der verschwiegene Krieg” führte Frank Hofer Regie, der für die 2007 gegründete Filmproduktion „Nuo Viso“ arbeitet.

Hofer arbeitet auch mit einem anderen Deutschen, Jürgen Elsässer, zusammen, dem Chefredakteur des Magazins „Compact“, das für seine pro-russischen Ansichten bekannt ist. Das Magazin hat eine Menge Propagandamaterial produziert, zum Beispiel: „Krieg gegen Russland – wie die NATO nach Osten marschiert“, oder „Stoppt Putin die NATO? Ein Mann will Frieden“.

Möbius sagt, sein Film wolle „durch das Erzählen verschiedener Episoden und individueller Geschichten von Zivilisten, Soldaten und Journalisten die verschiedenen Kriegsgebiete zeigen“.

Der Film nimmt einen stramm pro-separatistischen Standpunkt ein, und will, laut Möbius‘ eigener Aussage in einer Fragestunde während der Premiere, „dieses Narrativ von russischer Aggression, bösem Putin und bösen Russen widerlegen“.

Eine Menge von Spenden für den Möbius-Film – aufgebracht mittels der crowdfunding-site Indiegogo – kam aus anonymen Quellen, obwohl er von der Nachrichtenagentur ANNA-News (Abkhazian National News Agency) als Korrespondent angestellt war, einer mysteriösen Truppe, die 2013 in der Medienlandschaft auftauchte.

Diese Agentur wurde von Marat Musin gegründet, einem Lehrbeauftragten an der Moskauer staatlichen Universität, der öffentlich geäußert hat, er glaube, die USA hätten den Krieg in der Ukraine inszeniert, um Russland unter Kontrolle zu bekommen.

Anm. d. Übers.: Marat Musin und ANNA-News fielen in Deutschland zunächst im Zusammenhang der Kontroverse um das sogenannte Al-Hula-Massaker am 25./26.5. in Syrien auf, das, so eine vom UN-Menschenrechtsrat eingesetzte Untersuchungskommission, am ehesten den Assad-nahen Schabiha-Milizen angelastet werden müsse. Als das Assad-Regime am 27.5. eine Erklärung veröffentlichte, die das Massaker den Oppositionskräften anlastete, veröffentlichte Musin auf ANNA-News mehrere Artikel und Interviews.

Das Blog Planet-dissi, das als Erstes wissenswerte Fakten zu Musin und seinem Umfeld recherchiert hat, schreibt dazu:

Nachdem das Regime am 27.05 behauptet hatte, dass das Massaker in Hula auf „aufständische Kämpfer” zurückzuführen sei, veröffentlichte Marat Musin am 30.05 nämlich mehrere Artikel und Interviews, mit dem er die Theorien des syrischen Regimes bestätigen wollte. Er schrieb von einer „Säuberungsaktion”, für die er „Terroristen”, „Banditen” und die „Freie Syrische Armee” verantwortlich machte. Diese hätten „mehrere Familien des Al-Saed-Clans mit insgesamt 20 Kindern sowie Familien des Clans Abdur Razak ausgelöscht”. In einem seiner Berichte präsentierte der stellvertretende Vorsitzende des russischen Solidaritätskomitees die Aussagen einiger Soldaten, dort bezeichnete er die Berichte von UNO-Beobachtern als „dummen Scherz für den UN-Sicherheitsrat”. Die Augenzeugenberichte von Überlebenden des Masssakers wurden dafür von ihm verschwiegen. Statt dessen lieferte Musin ein verschwörungsideologisches Motiv: „Das Ziel der Provokation war es, den Zorn und die Entrüstung der Weltöffentlichkeit hervorzurufen, (…) welche den Weg für eine militärische Intervention durch die NATO geebnet hätte”.Diese Propaganda des stellvertretenden Vorsitzenden Musin fand über dessen Internetseite „ANNA-News” den Weg nach Deutschland. Die englischsprachigen Versionen seiner Artikel wurden schnell ins Deutsche übersetzt und auf verschiedenen Internetseiten der deutschen Verschwörungsszene, in nationalsozialistischen Weblogs und auf den Seiten deutscher Anti-Imperialisten veröffentlicht.“

Der Titel „stellvertretender Vorsitzender“ bezieht sich auf ein pro-Assad „Solidaritätskomitee“, in dem Musin mit einem Sumpf aus Antisemiten und Verschwörungsideologen zusammenarbeitet. Es ist Musin, der u.a. auch eng mit Igor Girkin und Alexander Borodaj sowie mit einer Extremistin namens Olga Kulygina (wiederum auch eine gute Bekannte von Girkin und Borodaj) zusammengearbeitet hat.

Musin ist es jedoch auch bereits gelungen, Duftmarken in deutschen Leitmedien zu setzen: Im Zusammenhang mit dem al-Hula-Massaker berief sich der geachtete Nahost-Experte der FAZ, Reiner Herrmann, u.a. auf Musin und stützte die mittlerweile widerlegte pro-Assad-Version der Ereignisse:

„Andere Berichte hatten sich nur nicht gegen die großen Leitmedien behaupten können. Der russische Journalist Marat Musin, der für die kleine Nachrichtenagentur Anna arbeitet, hatte sich am 25. und 26. Mai in Hula aufgehalten, war teilweise Augenzeuge geworden und hat die Aussagen anderer Augenzeugen veröffentlicht.“

Der zweite Scoop gelang Musin am 9. Mai 2014, als in Mariupol bewaffnete Auseinandersetzungen zwischen (pro-)russischen Diversanten, die seit dem 18. März das Rathaus besetzt gehalten hatten, und der ukrainischen Armee stattfanden:

Unter anderem übernahm n-tv Musins Bildmaterial und sicherlich auch zum Teil Musins Sicht der Dinge:

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Möbius‘ Berichte wurden ausschließlich von Medien veröffentlicht, die von den russisch-unterstützten Separatisten betrieben werden oder von russischen Staatssendern. Möbius wurde beim Kuscheln mit Aleksandr Saldostanow, dem Chef der pro-russischen Biker-Gang „Nachtwölfe“ gesehen.

Im vergangenen Sommer war Möbius einer von einer Handvoll Journalisten, der berichtete, ukrainische Soldaten hätten in Slowjansk ein Kind gekreuzigt – eine „große Geschichte“, von vielen russischen Staatsmedien „gebracht“, jedoch später als Fälschung entlarvt.

Anm. d. Übers.: Die Moscow Times berichtete schon wenig später nach dem Erscheinen dieser Geschichte, die Empörung richte sich auf den „Ersten Kanal“ des russischen Fernsehens, der als erster die Fake-Story mit der Kreuzigung gebracht hatte, was der Sender mittlerweile selber einräumt.

Die Bitte an Möbius um einen Kommentar blieb unbeantwortet. Die Accounts, die benutzt wurden, um mit ihm in Verbindung zu treten, wurden fast unmittelbar nach den Kontaktversuchen gehackt, und Möbius blockierte diesen Reporter der Kyiv Post auf seinen Seiten in den sozialen Netzwerken.

Möbius‘ Dokumentarfilm Premiere war nicht lange nachdem Russlands Verteidigungsministerium – das wiederholt jegliche Verwicklung im kriegszerrissenen Osten der Ukraine abgestritten hatte – gesagt hatte, es betrachte Journalisten als „Waffen“.

Ende März sagte der russische Verteidigungsminister Sergej Schoigu, er betrachte Journalisten als „eine Art Waffen“, die „zum Guten oder zum Schlechten“ benutzt werden könne, abhängig davon, wer die Verantwortung trägt“.

Der Tag ist gekommen, an dem wir uns eingestanden, dass Worte, Kameras, Photos und, das Internet und allgemeine Informationen zu einer anderen Art von Waffe wurde, eine andere Teilstreitkraft“, sagte Schoigu, so RIA Novosti, anlässlich einer Zeremonie, bei der Journalisten vom Verteidigungsministerium ausgezeichnet wurden.

Während der prominenteste „Informationskrieger“ auf der Seite der Separatisten zweifellos der britische Videoblogger Graham Phillips ist, gibt es noch einen zwielichtigen Haufen von zuvor unbekannten Westlern.

radiofreedonbassEs gibt noch bizarrere Phänomene im Informationskrieg: Ein US-amerikanischer Separatistenkämpfer wurde von einer pro-russischen Nachrichtenagentur als Journalist rekrutiert – obwohl er weder Russisch spricht, noch irgendeine journalistische Ausbildung hat.

Russell Bonner Bentley III, besser bekannt unter seinem Spitznamen „Texas“, hat vom Kampf an der Seite der russisch-unterstützten Separatisten zum Dienst als deren Sprachrohr gewechselt.

„Ich habe sechs Monate lang gekämpft, meistens mit (dem Bataillon) Spartak [Kommandeur: Oberstleutnant Arseny Pawlow alias „Motorola“].Und nun kämpfe ich im Informationskrieg, und das ist genauso hart,“ sagte Bentley in einem am 24. Juni veröffentlichten Interview.

In einem Kommentar gegenüber der KyivPost sagte Bentley, dass sein Russisch „sehr schlecht“ sei, und dass er sich auf „Genossen“ verlassen müsse, die ihm mit der Sprachbarriere helfen müssen – was bedeutet, dass seine Arbeit von den russisch-gestützten Separatisten selber unterstützt werden konnte.

Die Berichte über Bentley als aufsteigenden Stern in der separatistischen Medienlandschaft sind auf die hauptsächlich von den Separatisten kontrollierten Medien beschränkt.

Anm. d. Übers.: Dafür hat der Mann mit dem Namen Russell Bonner Bentley III sich in den USA eine mehr als fünfjährige Haftstrafe wegen Drogenschmuggels eingefangen und wurde, nachdem er die fünf Jahre abgesessen hatte, auf Bewährung entlassen und unter Bewährungsaufsicht gestellt.
Vom Hardcore-Drogenschmuggler zum Donbas-Medienstar. Foto: stopfake.org

Vom Hardcore-Drogenschmuggler zum Donbas-Medienstar. Foto: stopfake.org

Experten sagen, dass die Propaganda, die solche „Informationskrieger“ verbreiten, eine Bedrohung darstellen, auch wenn sie niemals den Aufstieg in den Mainstream der Presse schaffen.

 

„Ich würde den echten Einfluss von Menschen nicht überschätzen, die versuchen, den Krieg oder ein anderes außergewöhnliches Ereignis zu benutzen, um mit ihrer Berichterstattung populär zu werden, oder Geld zu verdienen,“ sagt Rasto Kuzel, ein slowakischer Medienexperte und Geschäftsführer von MEMO 98, eine Einrichtung zur Medienbeobachtung.

Er bemerkte: „Seriöse Medien arbeiten weder mit Halbwahrheiten, noch mit unbestätigten Berichten, und das, was Journalisten daran hindert, die ersten zu sein, die berichten, kann eine Gelegenheit für andere sein – jene, die nicht an die gleichen, oder an überhaupt keine Standards gebunden sind.“

Jürgen Grimm, Medienexperte und Professor für Kommunikationswissenschaften und Publizistik an der Universität Wien, sagt, die Reputation von Möbius sei „nicht sehr hoch“ und er gebe gewohnheitsmäßig Verschwörungstheorien wieder.Bevor er in die Ukraine gehen musste, war er ein kleiner Regionaljournalist ohne nennenswerte Wirkung in den Medien. Offensichtlich erlebte er sein persönliches „Coming Out“ während der Produktion des Films“, sagte Grimm der KyivPost.

Der deutsche Dokumentarfilm wird in drei Sprachen erhältlich sein – Deutsch, Englisch und Russisch. Es wird erwartet, dass er im August im Internet verfügbar sein wird.

Artikel von: Allison Quinn, Olena Goncharova
Quelle: KyivPost 6.8.2015

Übersetzt von: Übersetzerteam Euromaidan Press auf Deutsch

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