Anna Veronika Wendland: Lügenvölkerrätsel

Stefan Dürr - Foto: dpa

Stefan Dürr - Foto: dpa 

Analytik und Meinungen, Empfehlung, Krieg im Donbas, Meinung & Analyse, Russland

Artikel von: Anna Veronika Wendland
Quelle: Anna Veronika Wendland Facebook

Zur Ökonomie und Ökologie der Unwahrheit im Ukraine-Krieg

Wir alle kennen diese Rätsel mit den Völkern A, B und C, in denen die einen immer die Wahrheit sagen, die anderen mal die Wahrheit, mal nicht die Wahrheit sagen, und die dritten immer lügen. Danach bekommt man Darstellungen über irgendeinen Sachverhalt präsentiert, verpackt in Aussagen von den Ajanern, den Bejanern und den Cejanern. Die Aufgabe ist, herauszuknobeln, wie der Sachverhalt denn nun in Wirklichkeit aussieht.

Die Ukraine, genauer gesagt, der Krieg in der Ukraine, ist ein Lehrstück wie im Lügenvölkerrätsel. Er ist ein solcher Sachverhalt, über den sich die Ajaner, Bejaner und Cejaner unserer Welt austauschen. Man muss sie nur richtig interpretieren können, dann weiß man, was in der Ukraine wirklich abläuft. Die Sache wird sehr dadurch erleichtert, dass es die Ajaner – also die, die immer die Wahrheit sagen – sowieso nur im Märchen und im Rätsel gibt. Sie können wir also von vorneherein ausschließen. Widmen wir uns also den Bejanern und den Cejanern.

Die deutsche Rundfunk- und Fernsehberichterstattung über die Ukraine, die im übrigen schon fast niemanden mehr interessiert, weil man sich, wie im Gaza-Streifen oder in der Osttürkei, an alltägliche Nachrichten von Gewaltanwendung gewöhnt hat, ist ein Beispiel für eine bejanische Weltwahrnehmung. Die Bejaner sagen bekanntlich zu 50% die Wahrheit, zu 50% lügen sie. Und genauso auf dem Lügen-Wahrheits-Median bewegen sich unsere Qualitätssender. Darunter ist alles Lüge, darüber alles Wahrheit. Oder umgekehrt. Aber meistens wird alles bis zur Unkenntlichkeit vermischt.

Das sieht dann in diesen Tagen so aus, dass die konzertierte, an Aggressivität zunehmende Angriffslinie der sogenannten “Rebellen” im Donbass, falls sie überhaupt zur Kenntnis genommen wird, durchwegs mit der schon heiliggesprochenen Formel kommentiert wird, derzufolge “beide Seiten sich beschuldigen, die Minsker Vereinbarungen gebrochen zu haben.” Angreifer oder Angegriffener? Egal, wer will das bei den notorisch unzuverlässigen Ostslaven schon so genau wissen. Die Beschuldigung ist es, was zählt. Jeder hat eben so seine Position. Nicht einmal die Sprachregelung der Amerikaner, derzufolge nicht Rebellen, sondern russische und von Russland alimentierte militärische Formationen in der Ostukraine ihr Unwesen treiben, will man dulden; die wäre ja nachgerade ajanisch.

Ich stelle mir immer eine Darstellung des Zweiten Weltkriegs nach den Regeln dieser ARDejaner-, ZDFjaner-, Deutschlandfunkianer-, in Wirklichkeit jedoch Bejaner-Objektivität vor. Zum Beispiel den Überfall auf Polen, oder den D-Day. “Beide Seiten wendeten Gewalt an und beschuldigten sich anschließend gegenseitig der Gewaltanwendung.” Außenminister Steinmeier, wenn es ihn damals schon gegeben hätte, hätte sich vielleicht hingestellt und beide Seiten zur Mäßigung aufgerufen. Überfallene Polen, zu Hilfe eilende Amerikaner, nazideutsche Okkupanten? Im Grunde alles eine Ansichtssache, denn alle wendeten ja, tatsächlich, Gewalt an. Und Gewalt ist verwerflich. In jedem Fall.

Im Falle der Cejaner, die immer das Gegenteil dessen aussagen, was gerade Sache ist, liegt die Sache klarer. Das real existierende Russland ist ein schönes Beispiel für eine cejanische Weltwahrnehmung, die aber auch hierzulande gern angenommen wird. Und deswegen werden alle russischen Friedensbekundungen wie süßer Honig von den Lippen der dortigen herrschenden Klasse aufgefangen und in Pröbchen verpackt, und dann bei uns, hoffnungsfroh aufatmend, unters Volk gebracht. Na, ein Glück, er scheint sich ja zu beruhigen, der Bär. Jetzt sollten wir auch mit den Sanktionen nicht so pingelig sein.

Gestern las ich in einer Agenturmeldung, dass Putin bei einem seiner Okkupantenauftritte auf der Krim gesagt habe, er sei sich sicher, dass die “Ukraine ihre Zukunft gemeinsam mit Russland bauen” werde.

Ich fragte mich, ob das jetzt eine Drohung sei oder eine Friedensbotschaft. Mit Blick auf das vergangene Jahr, und weil mein Gedächtnis weiter zurückreicht als das von Steinmeier und Co., habe ich mich entschlossen, diese Botschaft als Drohung aufzufassen. Denn die Friedensbotschaften Putins, das hat uns das Jahr 2014 gelehrt, hatten fast naturgesetzmäßig immer eine neue Eskalationsstufe zur Folge. Oder einen humanitären Konvoi. Friedensauftritt – einige Tage Karenzzeit – Angriff.

Auch die Rhetorik sollte uns aufhorchen lassen: denn auf putinisch, oder auf cejanisch, meinen ja alle Aussagen das Gegenteil des Gesagten. “Ukraine” zum Beispiel. Vielleicht meint Putin gar nicht das, was wir unter “Ukraine” verstehen, sondern so eine Art Resttschechei nach gewonnenem Krieg? Oder er meint das Gegenteil von “Ukraine” im Sinne einer gar nicht mehr existierenden Ukraine, die als Provinzen Charkov, Kiev, Poltava etc. im russischen Staatsverband, also ganz bestimmt “gemeinsam” mit Russland sein wird? Und was heißt hier überhaupt “gemeinsam”?

Aus historischer Erfahrung gesprochen ist damit das paternalistisch-autoritäre Politikverständnis der russischen Führung gemeint. Ich sage, was gemacht wird, und das machen wir dann gemeinsam. Besser kann man das russische Verhältnis zu den Partnern, das Putin in der eurasischen Zollunion vorschwebte, nicht beschreiben. “Zukunft” heißt auf putinisch eigentlich “Vergangenheit”, d.h. man soll zurück in die Vergangenheit, und an diesem Projekt bauen. Damals hat man ja auch immer alles “gemeinsam” gemacht, in der Sowjetunion zum Beispiel oder im Russischen Reich. “Bauen” heißt natürlich nicht bauen, auf cejanisch bedeutet das erstmal, dass man den Nachbarn sturmreif schießt, um dann “gemeinsam” in die “Zukunft” zu gehen und etwas Neues zu machen, das aber eigentlich das Alte ist. So einfach ist das.

Stefan Dürr

Stefan Dürr

Aber noch ein Russe, genauer gesagt ein Russe, der auch Deutscher ist, kommt mit Botschaften daher, die genau das Gegenteil von dem besagen, was es ist. Das ist der Herr Dürr, ein deutscher Agrarunternehmer mit grüner Affinität, der in den fetten 2000er Jahren in Russland mit Firmen zum überregionalen Player aufgestiegen ist, die alle ein “Eko-“, also “Öko-“, im Namen tragen. Ekoniva – Öko-Aue. Sonderbarerweise ist er der einzige Ausländer unten in der grünen Au, der nicht unter den Moskauer Gegensanktionen und Zwangsmaßnahmen gegen westliche Firmen leiden musste, im Gegenteil, sein Milchkonzern ist ein ganz großer Kriegsgewinnler.

Und warum? Weil der gospodin Djurr nicht nur Russisch gelernt hat, sondern auch die Cejanersprache, die unerlässlich ist, wenn man in Moskowien, im Land der unermesslichen Auen und der glücklichen Ökokühe, bei Hofe etwas werden will. Eine schöne Kostprobe für uns Deutsche hat Herr Dürr in der letzten Ausgabe der ZEIT abgeliefert, in einem Interview, in dem er der Disziplin “Russland erklären & verstehen” mit Hilfe einer unkritisch-hilflosen Journalistin zu neuen Höhenflügen verhalf. Da sagte er nämlich unter anderem, die Russen seien sehr enttäuscht von Europa und insbesondere von Deutschland. Sie seien doch in der Ukraine-Frage dem Westen so sehr entgegengekommen. Aber eine Gegenleistung, eine Belohnung gar, habe es nicht gegeben.

Nach der russischen Cejaner-Sprachkonvention könnte man “entgegenkommen” ja nun auch als “angreifen” interpretieren. Und tatsächlich, den Ukrainern kommen im Donbass andauernd Russen entgegen. Auf Panzern, mit Granatwerfern und mit dem humanitären Konvoi Nr. 35 seit Beginn der Konvoirechnung im Frühsommer 2014. Und dafür wollen die Russen nun also endlich einmal eine Honorierung sehen, z.B. eine Aufhebung der Sanktionen. Wo sie sich so angestrengt haben. Und daher, so schließt sich der Kreis, fährt Putin auf die besetzte Krim und gibt dort eine Friedensbotschaft ab. Ich freue mich schon auf die Kommentare der Krone-Schmalzens und sonstiger Friedenskämpfer. Womit wir auch schon beim letzten Thema wären, in dem sich ein weiterer Kreis schließt.

Herr Dürr, der Eko-Russe, soll nämlich dem Vernehmen nach hinter der Gründungscharta des Kroneschmalzismus, dem “Nie-Wieder-Krieg”-Aufruf der deutschen “Prominenten” stecken – womöglich auf direkte Bitte von oben. Er soll dafür auf die bewährten deutschen Russophilen-Zirkel im Ostausschuss der deutschen Wirtschaft und im Petersburger Dialog zurückgegriffen haben und diese um seine grünen Netzwerke in Deutschland ergänzt haben – das klingt auch plausibel, denn anders ist das Konglomerat von Unterzeichnern aus grüner Kleinbauernlobby, linksliberalen Kulturschaffenden und deutschen Großkonzernvertretern auch nicht zu erklären. Und danach, ein Schuft, der Böses dabei denkt, ging es seinem Konzern in Russland immer besser. Das ist kein Opportunismus, weit gefehlt. Sagen wir eher, es ist eine auskömmliche Ursache-Folge-Beziehung von öffentlicher Loyalitätsdemonstration – denn Herr Dürr hält überdies die nationalistische Medienmassenhysterie in seiner Wahlheimat für ein patriotisches “Zusammenrücken” – und persönlichem Profit. Er hat die Spielregeln der russischen Oligarchie gut gelernt, der deutsche Biobauer. Aber sie bereiten ihm keine moralischen Konflikte, denn er ist ein überzeugter russischer Patriot, wie sie alle.

Und so fassen wir zusammen nach dieser kleinen Lehreinheit der permanenzlügenden Sprachkonventionen: Krieg ist Frieden. Dummheit ist Bürgerpflicht. Wahrheit ist Lüge. Entgegenkommen ist Angriff. Nationalhysterie ist Solidarität. Volksgemeinschaft ist Ökologie. Und wir in Deutschland hören es uns immer wieder gerne an, wir suchen uns Interviewpartner, die uns solches erklären, und wir stellen ihnen keine dummen Fragen. Nicht dem Putin und nicht dem Dürr. Deutsche sind für Mäßigung, Vermittlung und Ausgleich. Man darf den Gesprächskanal nicht zuschütten, denn da er voller Blut ist, werden am Ende noch die eigenen rahmengenähten Schuhspitzen schmutzig.

Artikel von: Anna Veronika Wendland
Quelle: Anna Veronika Wendland Facebook

Schlagworte:, , , , , , ,