Warum Russen Putin-T-Shirts tragen: Über das Stockholm-Syndrom der Russen

Mythische Unterstützung für Putin und Massenverehrung seiner Porträts ist ein Versuch, die eigene Angst zu betäuben - Foto: Unian

Mythische Unterstützung für Putin und Massenverehrung seiner Porträts ist ein Versuch, die eigene Angst zu betäuben - Foto: Unian 

Analytik und Meinungen, Empfehlung, Kultur, Meinung & Analyse, Russland, Soziales

Quelle: Apostroph, 14.8.2015

kurskAm 12. August waren genau 15 Jahre seit der Katastrophe mit dem russischen U-Boot Kursk vergangen. Beim Trauergottesdienst trug ein Neffe eines der gestorbenen Matrosen T-Shirts mit dem Porträt des russischen Präsidenten Wladimir Putin, der damals im Jahr 2000 praktisch darauf verzichtete, eine Operation zur Rettung der Besatzung durchzuführen. Woher diese Zustimmung für Putin kommt und wie lange seine Porträts noch verehrt werden, darüber schreibt Wiktor Schenderowitsch:

Es scheint sich für mich um ein stark unterdrücktes aber trotzdem deutlich auftretendes Stockholm-Syndrom zu handeln. Das Syndrom liegt dann vor, wenn Geiseln anfangen, mit dem Banditen Mitgefühl zu empfinden, der sie gefangen hält. So machen sie sich innerlich unschuldig dafür, dass sie sich ihm unterwerfen.

Vor etwa einem Jahr gab es den bekannten Vorfall mit dem russischen Fallschirmjäger Koslow, der ohne Beine aus dem Donbas zurückgekehrt war. Es erschien ein Interview mit seinem Vater, der darin behauptete, es sei doch alles richtig, sein Sohn hätte seine heilige Pflicht erfüllt. Das ist doch ein ganz verständlicher Effekt. Hätte der Vater dieses armen jungen Mannes, der jetzt mit einer Behinderung lebt, sich eingestanden, dass sein Sohn dafür gelitten hat, dass Putins Reputation reingewaschen wird, hätte er nur schwer weiter damit leben können. Es ist doch viel einfacher, sich einzureden, sein Sohn sei ein Held Russlands, der alles für den Schutz der „heiligen Grenzen“ gegeben habe.

Noch vor einem halben Jahrhundert konnte man sich auf Unwissen berufen. Aber heute, im Fall der Kursk zum Beispiel, hätten ein paar Klicks diesem armen Jugendlichen, des Verwandten des gestorbenen Matrosen, gereicht, um die Wahrheit herauszufinden, wie die Besatzung der Kursk verraten wurde, wie sie zum Sterben verdammt wurden, wie der Staat ihnen nicht helfen wollte und dann log, dass alle sofort gestorben seien. Er hätte herausgefunden, wie Putin die Witwen dieser Matrosen beim Treffen nach dem Unglück beleidigte, wie hart und brutal er dabei vorging… All das hätte man innerhalb weniger Stunden herausfinden können, wenn man denn wollte. Eine ganz andere Frage ist: Was macht dann dieser junge Mann mit dem gewonnenen Wissen?

Natürlich ist es für ihn rein psychologisch viel leichter, ein T-Shirt mit Putin anzuziehen und zu glauben, dass sein Onkel einfach auf eine tragische Weise starb und Putin nichts damit zu tun hatte. So ist es einfacher. Weitere Erkenntnisse könnten ihn dazu bringen, irgendwelche andere Entscheidungen treffen zu müssen oder die eigene Ohnmacht zu spüren, falls er zu diesen Entscheidungen nicht fähig ist. Und hier ist es bereits – das Stockholm-Syndrom in seiner reinen Form. So wie beim Vater des armen Fallschirmjägers, so wie jetzt, und wie in Hunderten anderen Fällen, wenn Menschen sich überreden, Scheuklappen im Kopf aufbauen, damit die Wahrheit nicht an sie herankommt.

Ich glaube, dass das Stockholm-Syndrom – in einer weniger konzentrierten Form – auch die Erklärung für die heutige Unterstützung für Putin ist. Das ist ihre einzige Grundlage. In Nordkorea tragen auch alle Portraits eines weiteren Kim und kreischen vor Begeisterung bei seinen Auftritten. Mit dem Kreischen versuchen sie, die eigene Angst zu übertönen. Wir kreischen noch nicht, wenn unser allmächtiger Staatsherr erscheint. Manche quieken aber schon, was auch ein klares Symptom des Stockholm-Syndroms ist. Und wir wissen, womit es endet.

Diejenigen, die schon etwas länger leben und die Geschichte kennen, erinnern sich, wie solche Regime auf einmal enden. Und wie die Unterstützung von 95% oder 99% der Bevölkerung sich dann in eine Erschießung ohne Ermittlungen oder Gerichtsverhandlung verwandelt, wie es bei Ceaușescu war. Oder es geht mit dem sofortigem Vergessen einher wie bei Milošević, oder mit einer Hinrichtung an Ort und Stelle wie bei Gaddafi, oder mit völliger Verachtung wie bei Saddam Hussein. Wir wissen das alles, das Unterstützungsszenario ist uns längst bekannt. Ein junger Mann, ein Neffe des Opfers [der in Großbritannien lebt – Anmerkung der Redaktion von Apostroph], verfügt im 21. Jahrhundert über alle Möglichkeiten, die Wahrheit herauszufinden. Mit diesem Putin-Porträt demonstriert er, dass er sie nicht erfahren will, oder, besser gesagt, dass er unfähig ist, sie zu erkennen. Das ist ein trauriges Spiegelbild der Gesellschaft, in der wir leben.

Es ist nicht einfach, das Stockholm-Syndrom zu heilen. Jede Heilung beginnt mit der Diagnose und der Bereitschaft, sie zu akzeptieren. Wenn der Patient aber sich körperlich gegen den Arzt wehrt, kann der Arzt ihm nicht helfen.

Quelle: Apostroph, 14.8.2015

Bild: Foto: UNIAN
Übersetzt von: Anna Lange-Böhmer
Redigiert von: Übersetzerteam Euromaidan Press auf Deutsch

Schlagworte:, ,