Anna Nemtsova: Wie Russland seine in der Ukraine Gefallenen versteckt

Foto: Oleksandr Ratushniak/AFP/Getty

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20. August 2015 • Empfehlung, Krieg im Donbas, Menschenrechte, Nachrichten, Politik, Russland, Soziales

Artikel von: Anna Nemtsova
Quelle: The Daily Beast, 19.8.2015

Während die Kämpfe ohne Aussicht auf ein Ende weiter toben, macht Kyiw seine Opfer publik, während Russlands Gefallene in ‚Friedenszeiten‘ offiziell ein Staatsgeheimnis sind.

Die Gewalt in der Ostukraine eskaliert. Die gesamte Front in den Regionen Donezk und Luhansk, bekannt als Donbas, steht in Flammen, wobei die Feinde, die ukrainische Armee und die von Russland unterstützte Armee einander gegenseitig beschuldigen, Wohngebiete mit Grad-Raketenwerfersystemen zu bombardieren und Zivilisten auf beiden Seiten zu töten. Kyiw, Moskau und die Donezker Führung warnen einander vor noch schlimmerer Eskalation, vor noch mehr Gewalt trotz des Waffenstillstandsabkommens von Minsk im vergangenen Februar.

Doch während die Ukrainerinnen und Ukrainer von den Opfern auf ihrer Seite erfahren haben, werden die Russen über ihre gefallenen Soldaten im Dunklen gelassen.

Wir wissen, dass Sonntag- und Montagnacht mindestens neun Leute getötet wurden, sowohl Soldaten als auch Zivilisten, und dass mehr als ein Dutzend verletzt wurden.

In der Vergangenheit führten solche Eskalationen zu neuen Waffenstillstandsabkommen in Minsk, und führende Politiker der EU und der russische Präsident Wladimir Putin zogen neue ‚Trennungslinien“ doch diesmal scheint Moskau nicht an Friedensgespräche zu glauben.

„Wenn die Ukraine zu kämpfen beginnt, wird Russland diesmal die Armeen der DVR und der LVR [die beiden abtrünnigen Republiken im Donbas] nicht stoppen können. Es wird kein neues Minsk geben. „Es wird entweder Kyiw sein oder Donezk,“ schrieb einer der führenden Fernsehkommentatoren im staatlichen russischen Fernsehen, Wladimir Solowjew, am Montag in seinem Twitter Account.

Als die UNO beide Seiten zur sofortigen Deeskalation der Gewalt aufrief, sprachen sowohl Kyiw als auch Moskau von „intensiven Kämpfen“.

Der russische Außenminister Sergei Lawrow beschuldigte die ukrainische Regierung, offensive Operationen durchzuführen. „Die Entwicklung der Ereignisse der vergangenen Tage sind beunruhigend, da sie an Vorbereitungen für die nächste Runde an Kämpfen erinnern,” sagte Lawrow.

Der ukrainische Verteidigungsminister Sergej Galuschko warf Moskau neue Angriffe vor, um die Feiern zum ukrainischen Unabhängigkeitstag am 24. August zu stören.”Die russische Führung ist überrascht, dass die Ukraine unabhängig bleibt und dass der Kampf gegen den Terror von der Öffentlichkeit unterstützt wird, daher wird Russland versuchen, unseren Feiertag zu verhindern,” so Galuschko.

Hunderte Soldaten sterben auf beiden Seiten in dem Krieg, der im April des Vorjahres begann und immer noch kein Ende zu nehmen scheint. Kyiw berichtete, dass 1.800 Armeeangehörige im Donbas getötet worden seien, die russische Nichtregierungsorganisation Union der Komitees der Soldatenmütter Russlands war der Ansicht, dass zumindest die Hälfte der Verluste der Rebellen, 900 Soldaten, russische Berufssoldaten gewesen seien. Und es gibt einen eklatanten Unterschied, wie russische und ukrainische Familien mit ihren im Konflikt verlorenen Söhnen umgehen.

Während die Ukraine ihre Soldaten als Helden begräbt und die Menge sich von jedem toten Soldaten verabschiedet und die Medien die Begräbnisse übertragen, schweigt Russland zu seinen Söhnen, die in der Ukraine ums Leben gekommen sind.

„Es ist, als ob meine Landsleute gegen Fremde ausgetauscht worden wären,” sagte die Vorsitzende der Soldatenmütter Walentina Melnikowa gegenüber The Daily Beast am Dienstag. „Ich bin erstaunt, wie sehr sich Familien von Armeeangehörigen davor fürchten, dagegen zu protestieren, dass ihre Söhne in die Ukraine geschickt werden. Eltern von gefallenen Soldaten, Leute im Alter von 40 oder 50 Jahren, stehen Todesängste aus zu protestieren. Wovor? Wenn es aus Angst wäre, ihre Jobs zu verlieren, ist das lächerlich, sie haben ihre Kinder verloren.“

Vergangenen Mai erklärte Präsident Putin den Tod von Armeeangehörigen in Friedenszeiten zu einem Staatsgeheimnis. Seine Entscheidung wurde als Versuch gesehen, die Rolle des Kremls im Ukrainekrieg zu vertuschen. Russische Menschenrechtsgruppen protestierten gegen Putins Verordnung.

Russland schwieg zu seinen Söhnen, die in der Ukraine starben.

Vergangene Woche bestätigte das Oberste Gericht Putins Verordnung und wies damit die Beschwerde einer Gruppe der russischen Zivilgesellschaft ab, die Klage erhoben hatte, dass die Verordnung gesetzeswidrig sei und dass sie die Wahrheit über das militärische Engagement Russlands in der Ostukraine verheimliche.

Das kam für die Soldatenmütter nicht überraschend. Sie erleben seit 1989, als ihre Organisation gegründet wurde, immer wieder dieselbe Geschichte.

„Niemand sollte die Namen sowjetischer Soldaten kennen, die in Afghanistan oder in Baku ums Leben kamen, ihre Namen tauchten Jahre später, manchmal erst zehn Jahre später, auf den Grabsteinen auf,” so Melnikowa.

Heute bekommt die Organisation Anrufe unglücklicher Frauen von Soldaten und Offizieren, die zusammen mit ihren Kindern in die Gegend von Rostow nahe der ukrainischen Grenze übersiedelt wurden.

„Der Wahnsinn richtet sich gegen Russland, gegen unseren Staat, unsere Gesellschaft – alle diese Familien von Armeeangehörigen mit mindestens 500 kleinen Kindern sind in der neuen Militärbasis, nahe der ukrainischen Grenze. Nicht einmal 1941 wurden die Familien in die Nähe der Front gebracht,” meinte Melnikowa gegenüber The Daily Beast.

Wird der Konflikt über mehrere Jahre eskalieren? Das alles hängt von Putin persönlich ab und von seinen grauen Militärberatern. Die Geschichte ist irrational, sie ist absolut unverständlich, denn solange die Familien der Armeeangehörigen nicht protestieren, wird es genug Kanonenfutter für den Krieg geben,” sagte die Vorsitzende der Soldatenmütter Russlands gegenüber The Daily Beast.

nemzowa-avaAnna Nemtsova ist Korrespondentin von Newsweek und The Daily Beast in Moskau.

 

Artikel von: Anna Nemtsova
Quelle: The Daily Beast, 19.8.2015

Übersetzt von: Übersetzerteam Euromaidan Press auf Deutsch

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