Neonazis in der Ukraine – Von der russischen Erfolgsstory zum linken Dogma

Titelbild der Facebookseite "Gottseidanckwardt"

Titelbild der Facebookseite "Gottseidanckwardt"  

20. August 2015 • Analytik und Meinungen, Meinung & Analyse, Politik

Quelle: Anna Vero Wendland Facebook

Einige der widerwärtigsten Texte über den Krieg in der Ukraine werden hierzulande immer wieder von Linken verfasst – Linke aus dem neostalinistischen, dem verschwörungstheoretischen und dem “truther”-Spektrum, offene Querfrontler.

Wir könnten diese Leute als Spinner abtun, gäbe es nicht ihre organisierte, sich als verfolgte Gegenöffentlichkeit gerierende mediale Aktivität mit breiter Anhängerschaft, und ihre Beziehungen zur Linken in unseren Parlamenten; ein besonders augenfälliges Beispiel ist der Leipziger Linken-Stadtrat und erklärte Antimaidan-Kämpfer Alexej Danckwardt, der, statt sich um kommunale Energieversorgung und Soziales in seiner Heimatstadt zu kümmern, sich lieber am “antifaschistischen Kampf” in der Ukraine beteiligt. Diese sei ihm nach eigenem Bekunden so ans Herz gewachsen, dass er sie einfach retten muss. Und wie rettet der Stalinist am liebsten andere Länder vor dem Faschismus? Indem er ihren Bewohnern Faschisten auf den Hals hetzt.

Den aufklärerischen Text über die Recherchen von Paulo Canning, auf den ich hier verlinke, wünsche ich jedem Linken von Berlin bis in die sächsische und sonstige Provinz, so er des Englischen mächtig ist, unters Kopfkissen gelegt, und als Pflichtlektüre für ihre außenpolitischen Ausschüsse. (Deutsche Übersetzung hier)

Dieser Text ist stark in seiner Unbestechlichkeit – er redet auch hinsichtlich ukrainischer rechtsextremer Gruppen nicht um den heißen Brei herum – und er gibt ukrainischen Linken eine Stimme – wirklichen Linken, nicht den abgetakelten exkommunistischen nomenklaturščiki, die im Laufe ihrer postsowjetischen Karrieren bei Janukovyčs Regionenpartei untergekrochen sind.

Der Text geht auch der Frage nach, die ich mir selbst immer wieder stelle: Warum eigentlich wird mit höchstsensiblem Instrumentarium jede Regung von Rechtsextremen in der Ukraine registriert, obwohl wir zuverlässige Daten darüber haben, dass in der Gesamtschau die Ukraine zu jenen Ländern Europas gehört, wo wir am wenigsten antisemitische Vorfälle und Wahlerfolge für rechtsextreme Gruppierungen zu verzeichnen haben – trotz Krieg und Krise? Und warum wird die absolut offene und aggressive faschistische Mobilisierung in den de facto, teilweise auch de jure von Russland besetzten und kontrollierten Gebieten der Ukraine so systematisch totgeschwiegen?

Mit Blick auf die russische Informationsaußenpolitik vulgo Staatsmedienpropaganda kann man sagen, dieser Effekt ist sicherlich der Erfolg eines seit fast zwei Jahren anhaltenden Flächenbombardements mit manipulierten, teilweise nachweisbar gefälschten Nachrichten. Auf abwägende, vernunftbegabte Leser mögen diese Nachrichten auf den ersten Blick unseriös wirken – nicht aber in einem Publikum, dessen eigene Vorurteilsstruktur durch solche “Informationen” bestätigt und gepäppelt wird. Ein Publikum hybrider Zusammensetzung von Reichsbürgern bis zu Russlanddeutschen, von Antiimps bis zu Antisemiten.

Zu diesem Publikum gehören leider massenhaft deutsche Linke. Mit Blick auf ihre Osteuropa-Wahrnehmung, die in der Regel von keiner tieferen Geschichts- oder Fremdsprachenkenntnis getrübt wird, kann man getrost sagen, sie denken, wie sie denken, weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Es gibt sicherlich wenig Beharrungskräftigeres als den soliden stalinistischen Manichäismus der 1940er Jahre, demzufolge das große russische “Volk” so eine Art biologische Gemeinschaft sei, die das Antifaschismus-Gen quasi in sich trage; umgekehrt sind die bösesten Feinde dieses “Volkes”, das als unterdrückte Minderheit auch im Donbass lebe, (und vor der Befreiung durch grüne Männchen auch auf der Krim) wer wohl? Eben, die ukrainischen “Faschisten”.

Zum Ukrofaschisten wird man heute sehr schnell, z.B. wenn man sich weigert, die große russische Leitkultur in ihrer aktuellen Ausformung, diesem spezifischen Amalgam aus autoritärem Führerprinzip, orthodoxer Bigotterie, Geheimdienstoligarchenwirtschaft und nationalmystischem Obskurantismus vorbehaltlos als den Weg zur eigenen Befreiung und Höherentwicklung zu akzeptieren. Man wird dazu auch, wenn man, wie “Kiew” das ohne großen Erfolg tut, angesichts einer Militärintervention und eines Proxy War zur Verteidigung greift. “Kiew”, so weiß die “Junge Welt”, führt “Krieg” in der Ostukraine. Warum, wie fing er an? Egal. Es ist natürlich ein echt faschistischer Krieg. Mit nächtlichen Bombardements und “Aushungern”. Da darf natürlich, als Verneigung vor Pegida, bei der ja viele Ostlinkenwähler mitmarschieren, auch der Vergleich mit den Zweitbösen, den “Westalliierten”, nicht fehlen, und mit der Bombardierung Dresdens.

Albert Einstein sagte einmal, es sei leichter, Atomkerne zu spalten als Vorurteile. Ich konnte mir ja als Forschungspraktikantin in der Atomindustrie in letzter Zeit Kenntnisse darüber aneignen, wie man Atomkerne spaltet, und bin zu dem Schluss gekommen, dass selbst das eine ziemlich komplexe Angelegenheit ist; nicht auszudenken, was man also für einen Aufwand treiben müsste, um die irrsinnig stabilen linken Vorurteile zu spalten. Dieser Reaktor muss erst noch erfunden werden. Ich vermute, die heimische linke Vorurteilslandschaft wäre noch nicht einmal durch einen dresdenmäßigen alliierten Fliegerangriff kleinzukriegen.

Gleichwohl gebe ich die Hoffnung nicht auf und empfehle als erstes Sturmgeschütz der Aufklärung für alle Linken, die ihren Verstand noch nicht an der Garderobe des russischen Konsulats abgegeben haben, Lektüren wie diese. Von der systematischen nazistisch-russischnationalen Mobilisierung in der Ostukraine, alimentiert aus Russland, schon VOR dem Maidan. Von der führenden Rolle russischer Neonazis in den militärischen Formationen, die in der Ostukraine ihr Unwesen treiben und die, liebe dumme “Junge Welt”, zu einem großen Anteil selbst verantwortlich sind für den Beschuss ihrer eigenen Zivilisten – die sie ausweislich eigener Aussagen ohnehin als chochly, die “nicht kämpfen” wollen, verachten. Von dem grassierenden Antisemitismus und Rassismus in den besetzten Gebieten. Von der Frauenfeindlichkeit und der zynisch-bigotten religiösen Propaganda russischnationaler Spinner mit Kalaschnikow in der Hand. Und von der Überführung dieser in der Wolle gefärbten rechten Ideologeme in die “Gesetze” der “Volksrepubliken”. Diese Leute können die von ihnen besetzten Städte nicht versorgen – aber die Antischwulengesetzgebung, die ist schon fertig.

Was sich da anbahnt, ist eine russische Talibanherrschaft auf den Trümmern der sowjetukrainischen Industriegesellschaft, alimentiert, aber auf Armeslänge gehalten von der russischen Regierung, die nichts mehr fürchtet als die Rückkehr dieses schwerbewaffneten russischen Faschismus nach Russland. Solange nach guter Tschekistentradition mit einigem Erfolg zwei Gegner aufeinandergehetzt werden können, um sich gegenseitig zu ruinieren – der interne faschistische und nationalbolschewistische Mob, der schon auf die Paläste der Putins, Jakunins und Potanins schielt, und das wacklig auf den Beinen stehende Projekt einer westorientierten Ukraine – so lange wird auch dieser Krieg andauern.

Ich verlange von keinem Linken, dass er sich für die Idee eines ukrainischen Nationalstaats, in welcher Form auch immer, erwärmen muss; von keinem erwarte ich Unterstützung einer neoliberalen Regierung in Kiew, deren politische Entscheidungen ich selbst kritisiere. Linken sollte jede Nationalidee suspekt sein, und schon gar die antikommunistische Geschichtspolitik, die momentan in Kiew Oberwasser hat. Das Minimum, was Linke in diesem Konflikt tun könnten, wäre eigentlich, sich rauszuhalten. Angesichts widerstreitender Nationalismen wäre zu konstatieren, dass man hier keine der Parteien unterstützen könne. Das wäre zwar immer noch eine solchen Argumentationen innewohnende falsche Gleichsetzung von Angreifer Russland und Opfer Ukraine, aber es wäre zumindest konsistent aus einer linken Überzeugung ableitbar.

Viel besser wäre es natürlich, einfach mal in die Ukraine, dieses unbekannte Land, zu fahren und die Lage selber zur sondieren statt sie durch die Brille von RT, JW, ND und “Freitag” zu beäugen, und mit ukrainischen Linken zu sprechen. Was Linke, die morgens ohne Scham in den Spiegel schauen wollen, jedoch unerbittlich bekämpfen sollten, das ist diese aller Kritikfähigkeit entkleidete Anbiederung bei russischen Nationalisten und Faschisten, die in unserer Linken grassiert wie eine ansteckende Krankheit.

Quelle: Anna Vero Wendland Facebook

Schlagworte:, , , ,