Erster russischer politischer Gefangener starb im Hungerstreik

Das Gefängnis in Naltschik, Kabardino-Balkarien

Das Gefängnis in Naltschik, Kabardino-Balkarien 

23. August 2015 • Menschenrechte, Nachrichten, Russland

Artikel von: Nadeschda Keworkowa
Quelle: Kawpolit, 21. August 2015

Hungerstreik ist Politik

Sergej Kasiew

Sergej Kasiew

Nach drei Monaten Hungerstreik starb Sergej Kasiew am Freitag, den 21. August im Untersuchungsgefängnis Nr. 1 der Stadt Naltschik. Im sogenannten “Prozess der 58” bekam er 14,5 Jahre Haft. Derzeit läuft ein Berufungsverfahren vor dem Obersten Gericht. Es ist der zweite Todesfall in dem Prozess nach dem Tod von Walerij Bolow. Und es ist der erste Gefangene im postsowjetischen Russland, der während eines Hungerstreiks starb.

Der “Prozess der 58” ist ein skandalbehaftetes politisches Gerichtsverfahren im postsowjetischen Russland, das aufgrund einer Rekordzahl von Angeklagten und wegen seiner langen Dauer bekannt wurde. Für diesen Prozess wurde die russische Gesetzgebung geändert, so dass terroristische Straftaten nicht mehr vorm Geschworenengericht verhandelt werden dürfen. Es gab eine Rekordzahl an Gesetzesverstößen, Folter, Strafverschärfungen. Für das Gerichtsverfahren wurde ein ganz neues Untersuchungsgefängnis gebaut.

Prozess der 58 - Archivbild (Kawkas Bigmir)

Prozess der 58 – Archivbild (Kawkas Bigmir)

Die meisten Prozessbeobachter sowie internationale und russische Menschenrechtsorganisationen schätzen dieses Verfahren als politisch ein, in dem unbeteiligten Beobachtern, Schaulustigen, denjenigen, die aus Angst oder anderen Gründen am „Aufstand“ nicht teilnehmen wollten, eine entscheidende Rolle zugewiesen wurde. Sie bekamen unglaubliche Strafen, fünf von ihnen – lebenslänglich.

Sergej Kasiew war 40 Jahre alt. Er hinterlässt Mutter, Schwester und Tochter.

Er trat in den Hungerstreik, um gegen seine anhaltende Inhaftierung im Untersuchungsgefängnis zu protestieren. Er verlangte seine Verlegung ins Straflager. In drei Monaten des Hungerstreiks verlor er die Hälfte seines Gewichts.

Am 4. August berichtete die Gefängnisleitung noch, dass “der Zustand Kasiews” befriedigend sei. Am 21. August starb er.

Sergej Kasiew wurde am 6. Mai 2006 in Moskau festgenommen – ein halbes Jahr nach den Ereignissen vom 13. Oktober 2005. An dem Tag kam es zu Angriffen auf Gebäude der Polizei-, des Innenministeriums und des Geheimdiensts; 95 Angreifer, 35 Sicherheitskräfte und 12 Passanten wurden getötet.

Im Laufe des Prozesses widersprach er mehrmals der Anklagevertretung und bestritt die Beweislage. Ihm wurde vorgeworfen, die Polizeiwache Nr. 1 und das Geschäft “Arsenal” überfallen zu haben. Dabei kannte er keinen anderen Mitangeklagten, was er mehrmals erklärte. Keiner der Augenzeugen sagte gegen ihn aus und erkannte ihn als einen der Angreifer.

In der Haft wurde Sergej Kasiew gefoltert und geschlagen. Er wurde im Gefängnis so ernsthaft krank, das er bei Gerichtssitzungen ohnmächtig wurde. Er litt an einer Leberzirrhose, war Diabetiker und hatte eine Reihe Begleiterkrankungen.

2009 traten 40 Angeklagte in den Hungerstreik, damit Sergej Kasiew in ein ziviles Krankenhaus verlegt wird, da sein Gefängnisaufenthalt einem langsamen Tod glich.

Im Endeffekt entließ das Gericht ihn in den Hausarrest. Er erschien zu den Sitzungen, konnte aber die Fragen der Anklage und Verteidigung nicht mehr im Stehen beantworten.

Nach der Urteilsverkündung am 23. Dezember 2014 wurde er im Gerichtssaal festgenommen. Der Staatsanwalt beantragte für ihn 22 Jahre, das Gericht entschied sich für 14,5 Jahre Haft.

Bereits im Jahr 2009 berichtete ein Reporter der Zeitschrift “Moskowkij Komsomolez”, Wadim Retschkalow, sehr ausführlich über einen Massenhungerstreik für den todkranken Kasiew.

Journalisten, die die Geschichte von politischen Gefängnissen kennen, verstehen, dass ein Tod im Hungerstreik während eines Gerichtsverfahrens, das unter genauer Beobachtung von Menschenrechtlern steht, zu ernsten Konsequenzen führt.

Der Hungerstreik ist eine außerordentliche Methode für politische Gefangene.

Ein Tod im Hungerstreik verändert den Lauf der Geschichte. Über kurz oder lang.

Solche Aktionen haben immer Konsequenzen – “das Regime taut auf”. Manchmal übersteigen die Resultate sogar die gesetzten Ziele.

1986 starb Anatolij Martschenko: Es war der bekannteste Tote durch Hungerstreik in der Sowjetunion.

Ein Jahr danach wurden alle sowjetischen politischen Gefangenen frei gelassen, und Gorbatschew begann mit der Perestrojka, die mit dem Zerfall der Sowjetunion endete.

Der längste Hungerstreik in der Sowjetunion und der Welt war der Hungerstreik von Mustafa Dschemilew, der im Jahr 1974 303 Tage hungerte. Mustafa Dschemilew blieb am Leben. Die Hauptrolle dabei spielte nicht die Zwangsernährung, die mehr der Folter ähnelte, sondern ein Notizzettel von Sacharow mit der Bitte, Gefängniswärtern keine Freude zu bereiten. Die Unterstützungskampagne für Dschamilew war sehr schmerzhaft für die Sowjetunion. Westliche Zeitungen berichteten nicht nur über Krimtataren. Ein Jahr später unterzeichnete die Sowjetunion die Helsinki-Schlussakte und verpflichtete sich, Menschenrechte zu wahren.

Michail Chodorkowskij trat 2008 in den Hungerstreik und erreichte damit, dass der todkranke Wassilij Aleksanjan aus einem Gefängnis in ein ziviles Krankenhaus verlegt wurde.

Der irische Hungerstreik von 1981 hatte die meisten Teilnehmer und endete tragisch. Zehn Menschen starben.

Jeden Tag kamen 100.000 Menschen zu dem Gefängnis, in dem die IRA-Mitglieder hungerten. Bei ihrem Begräbnis gab es Ausschreitungen. Der Aufstand radikalisierte sich. Am Ende wurde Sinn Féin zu einer Parlamentspartei.

Artikel von: Nadeschda Keworkowa
Quelle: Kawpolit, 21. August 2015

Übersetzt von: Anna Lange-Böhmer
Redigiert von: Übersetzerteam Euromaidan Press auf Deutsch

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