(Un-)heimliche Sympathie für den Pakt der Verbrecher

Stalin und Hitlers Außenminister Ribbentropp beim Vertragsabschluss in Moskau.

Stalin und Hitlers Außenminister Ribbentropp beim Vertragsabschluss in Moskau. 

23. August 2015 • Analytik und Meinungen, Empfehlung, Meinung & Analyse, Russland

Artikel von: Boris Reitschuster
Quelle: Boris Reitschuster Facebook

In manchen Köpfen scheint er noch lebendig: Heute vor 76 Jahren unterzeichneten Hitlers Außenminister Joachim von Ribbentrop und sein sowjetisches Widerpart Wjatscheslaw Molotow in Anwesenheit Stalins in Moskau den Nichtangriffsvertrag, der als Molotow-Ribbentropp-Pakt in die Geschichte einging. In einem geheimem und jahrzehntelang energisch abgestrittenen Zusatzprotokoll vereinbarten die beiden Diktatoren die Aufteilung Osteuropas: Eine der größten und folgenschwersten kriminellen Absprachen des Jahrhunderts. Bemerkenswert – und weitgehend verdrängt – ist, dass Stalin damit zu Beginn des Zweiten Weltkrieg de facto auf der Seite Hitlers kämpfte. In der russischen Geschichtsschreibung wird das komplett ausgeklammert, statt vom Zweiten Weltkrieg von 1939 bis 1945 ist dort nur vom “Großen Vaterländischen Krieg” von 1941 bis 1945 die Rede. Interessant auch, dass die sowjetische Propaganda nach dem Pakt zwar weiter strikt den Faschismus anprangerte – aber Hitler ausnahm. Er war plötzlich kein Faschist mehr für Moskau.

Ausgerechnet im Beisein von Angela Merkel hat Wladimir Putin am 10. Mai dieses Jahres den Pakt noch einmal verteidigt – und de facto den Polen vorgeworfen, an ihrer Besetzung mit schuld zu sein. Zudem forderte Putin mit Blick auf die Opfer des Paktes zwischen Hitler und Stalin, man dürfe “nicht in den Phobien der Vergangenheit” leben. Konkret wurde der russische Präsident auf der gemeinsamen Pressekonferenz mit Merkel bei deren Besuch zum 70. Jahrestag des Kriegsendes die Frage gestellt, ob er einverstanden sei mit der Meinung seines Kulturministers Medinski zum Molotow-Ribbentrop-Pakt. Der sieht in dem Bündnis einen kolossalen Erfolg von Stalins Diplomatie und behauptet, sein Sinn bestand darin, die Sicherheit der Sowjetunion zu gewährleisten. Er stimme Medinski dahingehend zu, dass Stalin Schritte unternommen habe, um eine direkte Konfrontation mit Hitler zu vermeiden, antwortete Putin. Zudem habe Polen selbst versucht, Teile Tschechiens zu annektieren. Polen sei Opfer der Politik geworden, die es selbst durchführen wollte. Die UdSSR habe eine “Masse Anstrengungen” unternommen, um eine antifaschistische Front in Europa aufzubauen.

In den via Internet zugänglichen deutschen Medien ist über diese Aussage Putins in Gegenwart der Kanzlerin bis auf die FAZ nichts zu finden – dabei hätte die Sympathie des russischen Präsidenten für den Hitler-Stalin-Pakt sicher deutlichen Einfluss auf das Putin-Bild vieler Deutscher, die das Geschehen in Russland und der Ukraine unvoreingenommen verfolgen. Dass solche wichtigen Aspekte verschwiegen werden, ist wohl keine böse Absicht, aber doch ein Anzeichen dafür, dass manches in Argen liegt in unserer Medienlandschaft. Manch einer scheint sich auch immer noch schwer damit zu tun, Stalin als Massenmörder und einen der größten Verbrecher der Menschheitsgeschichte anzuerkennen. Als würde diese Feststellung irgend etwas an der Rolle Hitlers relativieren oder gar beschönigen. Bei vielen Putin-Verteidigern scheint ihre Haltung auch darauf zu basieren, dass sie bis heute den verbrecherischen Charakter des Stalin-Regimes nicht wahrnehmen wollen – und deshalb blind sind dafür, dass sein “Enkel” Putin in vielem auf die Methoden von damals setzt.

Oleg Nasarow verteidigt Stalin in staatlichen Medien

Die Geschichts-Revidierung in Moskau hat ein Maß angenommen, dass es unanständig ist, wenn man sich davon nicht distanziert. Putins deutsches Sprachrohr “sputnik.de” verbreitet etwa die Ansicht von Oleg Nasarow, Mitglied des Sinowjew-Clubs, wonach die Polen Mithelfer Hitlers waren. Er empört sich, dass in Warschau “die Befreiungsoperation der Roten Armee im Jahr 1939 als Aggression gegen Polen bezeichnet wurde”. Wenige Zeilen später schreibt er dann, dass die Sowjetunion “lediglich Territorien zurückeroberte, die ihr bis zum Ersten Weltkrieg gehört hatten.” Also Befreiung und Rückeroberung zugleich?

Solche Fragen sind nicht gestattet, Kritik an Stalins Aktionen sei “antisowjetische bzw. antirussische Hysterie”, so Nasarow. Dieses Schema – das man das Opfer eines eigenen Angriffs zum Täter macht – ist bis heute in den Köpfen der Moskauer Führung verankert und wird jetzt im Ukraine-Krieg wiederholt. Auch hier schiebt man dan Ukrainern die Schuld dafür zu, dass Russland sie überfallen – in russischer Sprechweise “befreien” – musste.

Der Hitler-Stalin-Pakt muss uns 76 Jahre nach seiner Unterzeichnung mehr denn je eine Mahnung sein: Dass jeder Versuch Deutschlands, in Kooperation mit einem diktatorischen, Stalin rechtfertigenden Regime in Moskau für die Länder in ihrer Mitte eine “Lösung” zu finden über deren Köpfe hinweg, ein fataler Irrweg ist – und eine Verhöhung der Opfer von einst. Viele der Verantwortlichen in Berlin scheinen das begriffen zu haben. Aber leider noch nicht alle. Solange das so ist, müssen wir das Umschreiben der Geschichte durch Putin hier in Deutschland viel mehr thematisieren – und auch seine Sympathien für den Hitler-Stalin-Pakt breit bekannt machen.

Das Europaparlament hat den 23. August zum Tag des Andenkens an die Opfer der totalitären Regime erklärt. In Deutschland finden keine offiziellen Veranstaltungen zu diesem Gedenktag statt, er wird weitgehend totgeschwiegen.

Artikel von: Boris Reitschuster
Quelle: Boris Reitschuster Facebook

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