Die Faschisten in der russischen Hybrid-Armee

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25. August 2015 • Analytik und Meinungen, Empfehlung, Krieg im Donbas, Meinung & Analyse

Artikel von: Paul Canning
Quelle: Paul Canning Blog 19. August 2015

moi-versionDer Autor Paul Canning ist LGBT-Aktivist, Blogger und Journalist (“The Guardian”, “LGBT Asylum News”)

Geben Sie “faschistische Ukraine” in Google ein, und die ersten Dutzend Ergebnisse beziehen sich alle auf die ukrainische Regierung und diejenigen Einheiten, die im Donbas gegen die Separatisten kämpfen.

Sie werden aber Schwierigkeiten haben, Verweise auf das Vorhandensein von Faschisten in der russischen Hybridarmee in der Ukraine zu finden. Solche wie beispielsweise das Titelbild oben, das einer bemerkenswerten Detektivarbeit von Dajey Petros entstammt.

Petros ist ein niederländischer Blogger, der eine wichtige Arbeit leistet mit ähnlichen Werkzeugen, wie sie auch Eliot Higgins von ‘Bellingcat’ eingesetzt hat: Die Inhalte sozialer Medien mit verschiedenen Werkzeugen auszuwerten, um daraus eine Geschichte zu erzählen – wie z.B. die Geschichte der russischen Rakete, die die malaysische Boeing abgeschossen hat.

Rechtsradikale und faschistische Gruppen in Russland und ganz Europa unterstützen die sogenannten Donezker und Luhansker “Volksrepubliken” (DVR / LVR) mit Wort und Tat. Sie beschaffen Geld für sie, trotz der Sanktionen. Sie halten Großkundgebungen und andere Veranstaltungen für sie ab. Sie schicken Vertreter in den Donbas, um die “Republiken” zu unterstützen. Und sie schicken Russen – manchmal auch andere Europäer – als Kämpfer dorthin. All dies mit der stillschweigenden Zustimmung des Kreml.

Diese Zustimmung trat am deutlichsten im März zutage, als rechte Gruppierungen aus Europa und Russland zu einer Konferenz in Sankt Petersburg zusammenkamen. Die Konferenz wurde von der Partei Rodina (dt. Heimat) organisiert, deren Vorsitzender einer der Stellvertretenden Ministerpräsidenten Russlands ist.

Star der Veranstaltung war Alexei Miltschakow, der Anführer der Rebellenformation “Rusitsch”. Miltschakow ist berüchtigt für Fotos, die ihn mit einer Nazi-Flagge und einem Welpen zeigen, den er angeblich getötet hatte. Er hat auch vor den Leichen ukrainischer Soldaten posiert.

Die wichtigsten separatistischen Faschisten

canning-gubarewAm Aufbau der DVR/LVR waren viele Faschisten beteiligt, wie Pawel Gubarew, der selbsternannte erste “Volksgouverneur von Donezk”. Sein Pressesprecher, Aleksandr Kriakov, wurde vom Donezker Oberrabbiner Pintschas Wischedski als “der berühmteste Antisemit der Region” beschrieben.

Als die Separatisten im letzten Jahr Fernsehtürme einnahmen, prahlten sie damit:

“Hier, aus Slowjansk versetzen wir der biblischen Matrix … dem zionistischen Zombiefunk einen massiven informationskonzeptionellen Schlag.”

Sie präsentierten dann einen Vortrag des Anführers der ehemaligen russischen Konzeptionellen Partei der Einheit (Концептуальная партия Единение), Konstantin Petrow, die von der Europäischen Vereinigung für Jüdische Kultur (EAJC) als “antisemitische neo-heidnische national-stalinistische Sekte” beschrieben wird.

Im März vergangenen Jahres machte Josef Zissels, Vorsitzender des Verbandes der jüdischen Organisationen und Gemeinden in der Ukraine, darauf aufmerksam, dass auf den Webseiten pro-russischer Organisationen “viele antisemitische Materialien vorhanden sind, die dazu dienen sollen, Hass gegen den Maidan zu schüren, der angeblich von Juden inspiriert ist”.

Der ehemalige Ministerpräsident der DVR, Aleksandr Borodaj, war Journalist für die russische faschistische Zeitung Sawtra (Завтра). Er eröffnete das erste “Konsulat” der DVR im Ausland im Gebäude der Moskauer Filiale des Eurasischen Jugendverbandes (Евразийский союз молодёжи), der Jugendorganisation der Eurasia-Partei, die vom faschistischen Ideologen Aleksandr Dugin geleitet wird. Dugin hat offen zum Völkermord an den Ukrainern aufgerufen.

cannnig-3Ein weiterer prominenter russischer Faschist im Donbas ist Hennadyj Dubowoj, dessen Mitstreiter auf dem Titelbild und dem Bild links bei einem bizarren Nazi-Ritual dargestellt sind. (viele weitere Bilder dieser Art hier: ukraine-at-war)

juli-charlamowaAn dem Ritual nahmen auch mehrere Frauen teil, und eine davon ist Juli Charlamowa, Moderatorin des russischen Fernsehkanals Anna-News und Agentin des FSB (des russischen Sicherheitsdienstes).

Es gibt noch viele andere Einzelpersonen aber auch organisierte russische Faschisten, deren führende Rolle bei den Separatisten in den sozialen Medien dokumentiert ist. Petros drückt es so aus: “In der [Hybrid-] Armee Russlands gehören Nazis strukturell und ganz offen zu den Führungskadern, und sie trainieren andere.” Und nicht nur das, bei etlichen russischen Soldaten, die gefangen genommen wurden, wurden Nazi-Tätowierungen festgestellt.

Hier sind die Abzeichen für fünf faschistische Milizen in dieser separatistischen Hybridarmee (es gibt noch weitere):

donbas+fascist+militias

Und nach Angaben des Rechtsextremismusexperten Anton Shekhovtsov gibt es Hinweise, aus denen hervorgeht, dass “russische faschistische Organisationen bereits vor dem Maidan die pro-russischen separatistischen Bewegungen in der Südostukraine stark infiltriert und angestiftet haben”.

Die wirkliche Politik der DVR / LVR

In Großbritannien behaupten führende Persönlichkeiten der leider einflussreichen Organisation, der sogenannten ‘Stop the War Coalition “, dass in den DVR / LVR Sozialisten gegen von Faschisten unterstützte Organisationen kämpfen –  als aber die DVR / LVR im vergangenen November Scheinwahlen organisierten, waren Sozialisten und Kommunisten ausgeschlossen.

Die Verfassung der DVR erkennt die Russisch-Orthodoxe Kirche des Moskauer Patriarchats als offizielle Staatsreligion an. Die ukrainische Orthodoxe Kirche des Kyiwer Patriarchats, die ukrainische Griechisch-Katholische Kirche, die römisch-katholische Kirche und die protestantischen Kirchen werden offiziell als “antirussisch” angesehen und massiv verfolgt.

In einem separatistischen Rekrutierungsvideo heißt es:

“Dieser Krieg ist ein Religionskrieg. Denn das Geld der Bandera-Anhänger, Agenten des Vatikans, Zersetzer und Ketzer kämpfen gegen uns, allesamt Verräter Christi. Und deswegen ist dieser Krieg ein religiöser Krieg.”

Die Verfassung besagt auch, dass “jegliche Form von perversen Verbindungen von Menschen gleichen Geschlechts nicht anerkannt und strafrechtlich verfolgt wird.”

Die Separatisten, die die DVR / LVR anführen, werden lediglich von 18% der Einheimischen unterstützt, mehr besitzen sie nicht an dokumentierter Zustimmung.

Ein weiteres Zeichen für die Realpolitik der Separatisten ist daran zu erkennen, wie stark  der Antisemitismus ihre inneren Machtkämpfe beeinflusst.

Und im Februar beendeten die Führer der DVR und der LVR, Sachartschenko und Plotnizki, bei einer Pressekonferenz ihr Interview mit antisemitischen Äußerungen:

Sachartschenko sagte: “Ich kann mich nicht erinnern, dass zu irgendeinem Zeitpunkt in der ukrainischen Geschichte die Kosaken jemals von, na ja, solchen Menschen regiert wurden, die niemals ein Schwert geführt haben – Juden … ”

Plotnizki, (unterbricht, grinsend): “Es gibt da ein Video auf YouTube ‘Als sich die jüdischen Kosaken erhoben’, das sollen sie sich ansehen.” Sachartschenko: “Das sind keine jüdischen Kosaken – das sind elende Vertreter eines großen Volkes, die nie über die Kosaken geherrscht haben. Taras Bulba und Taras Schewtschenko würden sich in ihren Gräbern rumdrehen wegen solcher Machthaber in der Ukraine.”

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Antisemitisches Meme gegen Aleksandr Chodakovskij, Sekretär des “Sicherheitsrats der DVR”

Abraham H. Foxman, der Vorsitzende der Anti-Defamation League (ADL), sagte, dass “die Zuschauer die antisemitische Aufforderung darin sehr gut verstanden.”

Dieses Klima wird vom russischen Fernsehen noch angeheizt, die einzigen Sender, die man in den “Volksrepubliken” sehen kann. Dort wurden während der ukrainischen Wahlen im vergangenen Jahr Spitzenkandidaten beschuldigt, Juden zu sein.

Die Lügen über den Faschismus in der Ukraine

Menschenrechtler und jüdische Gruppen sagen unisono, dass die russischen Behauptungen, darunter solche von Putin selbst, über grassierenden Antisemitismus und sogar “Pogrome” in der Ukraine nicht korrekt sind. Einige der Zwischenfälle sind nach ihrer Vermutung in Wirklichkeit von russischen Geheimdiensten inszeniert worden, wie zum Beispiel ein Vorfall im Juli in Lwiw (Lemberg).

Während der ersten Unruhen in Luhansk wurde ein antisemitisches Plakat verteilt. Darauf steht "Jude Schuster [Sawik Schuster, Fernsehmoderator in Kyiw] wird erklären, warum die Ukrainer die Interessen der Juden [Ministerpräsident Arsenij] Jazenjuk und jüdischen Oligarchen verteidigen müssen. Warum Slawen sich gegenseitig töten müssen."

Während der ersten Unruhen in Luhansk wurde ein antisemitisches Plakat verteilt. Darauf steht “Jude Schuster [Sawik Schuster, Fernsehmoderator in Kyiw] wird erklären, warum die Ukrainer die Interessen der Juden [Ministerpräsident Arsenij] Jazenjuk und jüdischen Oligarchen verteidigen müssen. Warum Slawen sich gegenseitig töten müssen.”

Die Realität ist so, dass die Ukraine in ganz Europa eines der Länder mit der niedrigsten Anzahl von antisemitischen Vorfällen ist, sagt Josef Zissels, Vorsitzender des Generalrats des euro-asiatischen Jüdischen Kongresses.

Historiker und Spezialisten für ukrainischen Nationalismus gaben im vergangenen März eine Gemeinsame Erklärung heraus, in der es heißt dass der Maidan eine Befreiungsbewegung und Protest-Massenaktion der Bürger war und alles andere als extremistisch. In der Erklärung wurde die Berichterstattung verurteilt, die “die Rolle, Bedeutung und Auswirkungen der ukrainischen Rechtsradikalen in der Protestbewegung völlig falsch darstellt.”

Linke Kräfte in der Ukraine haben sich ebenfalls konsequent gegen die falsche Charakterisierung der Maidan-Revolution als “faschistischen Putsch” ausgesprochen, aber ihre Stimmen gingen auf Grund der Kreml-Propaganda-Maschinerie und ihrer westlichen Sympathisanten – sowie eines großen Teils der Mainstream-Berichterstattung – völlig unter.

Dmitry Mrachnik (Mitglied der ukrainischen Gewerkschaft Autonome Arbeiter-Union) wird hier extrem deutlich:

“Die Behauptung, dass Faschisten die Ukraine kontrollieren, ist Propaganda Putins. An diejenigen Anarchisten und Linken, die der Putin-Propaganda über ein faschistisches Regime in der Ukraine glauben und Russland unterstützen, sage ich:

‘Atmet mal tief durch, ihr unbedarften Halbwissenden. Seit vielen Jahren schon existiert in Russland genau so etwas wie die Art des Faschismus, wie er jetzt der Ukraine vorgeworfen wird. Jedermann, der Faschisten unterstützt, die ein Nachbarland vor Faschisten retten wollen, ist entweder ziemlich dumm oder vollständig frei von jeglichem Gewissen.’ ”

Die Propaganda über die Ukraine als “faschistisches” Land heizt Gewalt unmittelbar an. Das wird immer wieder als Grund für diejenigen zitiert, die sich der DVR / LVR angeschlossen haben. Dies heißt jedoch nicht, dass das Wachstum des Nationalismus in der Ukraine verniedlicht werden sollte.

Halya Coynash von der Charkiwer Menschenrechtsgruppe sagt dazu:

“Die führenden Politiker der Ukraine haben sich selbst angreifbar gemacht für Kritik zur Rolle des Freiwilligenbataillons Asow, das von Neonazis angeführt wird und in dem wahrscheinliche Neonazis Mitglieder sind, sowie über die Rolle extremerer Personen im Rechten Sektor und der Partei Swoboda. Ein paar von ihnen wie Andrij Bilezkyj und Ihor Mosyjtschuk haben Sitze im Parlament gewonnen, während Andere auf Grund ihres Muts bei der Verteidigung der Ukraine fragwürdige Posten erhalten haben. Es gibt sowohl berechtigte Sorgen über ihre Rolle auf dem Kriegsschauplatz als auch Zweifel an ihren Motiven, wie die jüngsten Konflikt in Mukatschewe gezeigt haben.

All dies ist ein Geschenk für Kreml-Propaganda, kann aber dennoch nicht die weit verbreiteten Verleumdungen gegen die ukrainische Gesellschaft rechtfertigen. Die beiden rechtsextremen Parteien der Ukraine haben im vergangenen Jahr bei den Präsidentschafts- und Parlamentswahlen sehr schlecht abgeschnitten, und es gibt keinerlei Belege für eine Unterstützung antisemitischer oder fremdenfeindlicher Ansichten seitens der Wähler. Nachdem er jetzt ins Parlament gewählt wurde, behauptet Bilezkyj Berichten zufolge, dass die Geschichten über seine neonazistischen und rassistischen Ansichten lediglich russische Verleumdungen seien. Dieses Dementi ist nicht gerade überzeugend, aber es ist bezeichnend, dass er es für notwendig hält, es überhaupt abzugeben.”

Es sei unwahrscheinlich, sagt sie, dass der Kreml “sein Propaganda-Arsenal aufgebe”, und sie warnt vor “Fälschungen, Manipulationen und totalen Fantasiegespinsten”.

Petros deckte eine solche Manipulation des Vorjahres auf. Ein Mitglied des inzwischen berühmten ukrainischen Bataillons Asow, unter dessen Mitgliedern zweifellos Faschisten sind, hatte ein Foto von seinem Bataillon veröffentlicht, das mit einer Hakenkreuzfahne posiert. Petros konnte nachweisen, dass es sich um ein ein mit Photoshop manipuliertes Bild handelte, auf dem Original gab es keine Nazi-Fahne. Nichtsdestotrotz war es als Nachricht in den russischen Hauptnachrichten im Fernsehen…

donbas+fascist+fakeEs ist völlig richtig, dass die westlichen Medien auch über die rechtsradikalen Umtriebe in der Ukraine berichten, so wie BBC das in seiner wichtigsten Nachrichtensendung “Newsnight” vor kurzem getan hat. Falsch ist es aber, die Anwesenheit von Faschisten in Machtpositionen der Separatisten zu ignorieren.

Westliche Journalisten sagen oft, dass sie sich um “Ausgewogenheit” bemühen. Nur, wo ist diese? In dieser Frage tun sie, was auch die Russen tun – nämlich nur über eine Seite der Geschichte zu berichten.

Artikel von: Paul Canning
Quelle: Paul Canning Blog 19. August 2015

Übersetzt von: Übersetzerteam Euromaidan Press auf Deutsch

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