Corbyns Freunde im Ausland zeigen, dass er unfähig ist, das Land zu führen

Corbyn hat einen charakteristischen blinden Fleck, wenn es um Russland geht.
Foto: LNP/REX Shutterstock

Corbyn hat einen charakteristischen blinden Fleck, wenn es um Russland geht.
Foto: LNP/REX Shutterstock  

Analytik und Meinungen, Meinung & Analyse, Nachrichten, Politik, Russland

Artikel von: Edward Lucas
Quelle: The Telegraph, 26.8.2015

Edward Lucas, The Telegraph:

Seine rabiat antiamerikanische und pro-Putin Weltsicht ist alarmierend und macht ihn ungeeignet als Chef der Labour-Partei.

Sogar die Freunde der politischen Sterbehilfe, die zurzeit die Wahl des Vorsitzenden der Labour-Party organisieren [Anm. d. Übers. auf der Corbyn mit seinem Vorschlag, Eisenbahnabteile nur für Frauen einzurichten, da das die Gefahr einer Vergewaltigung minimiere, für Furore sorgte], würden etwas gegen neue Mitglieder gesagt haben, die sich aus Gaza, Venezuela oder von einer schicken Adresse ausserhalb Moskaus registrieren.

Doch in dieser Woche kann es keinen Zweifel geben, wen die Führer der unerfreulichsten Regime der Welt gerne als mutmaßlichen Premierminister dieses Landes sehen würden: Jeremy Corbyn, der nichts Gutes an den USA sieht und nichts Schlechtes an ihren Feinden.

Um fair zu sein: Corbyns Ansichten, für sich genommen, sind vertretbar. Sein Wunsch, Russland zu besänftigen [Anm. d. Übers. wofür Russland ihm ja bereits seine Unterstützung ausgesprochen hat], indem man die Ukraine opfert, wird von vielen „Realpolitikern geteilt, Henry Kissinger eingeschlossen. Und genauso Mainstream ist Corbyns Kritik an der Entfremdung der irakischen Regierung zu den sunnitischen Stämmen, die so in die Arme des Islamischen Staates, IS, getrieben würden. Und die Israelis selber kritisieren ihre Regierung mit den heftigsten Begriffen.

Was Corbyns Glaubwürdigkeit zerstört, ist seine selektive Wahrnehmung. Er kritisiert den IS und im gleichen Atemzug zieht er eine direkte Parallele zum US-geführten Angriff in Falluja 2004. Bei jeder Gelegenheit kritisiert er Israel scharf – aber über das diktatorische Vorgehen der palästinensischen Behörden weiß er nichts zu sagen.

Die Corbynisten hassen die USA und jeden, der der amerikanischen Führung des Weltgeschehens folgt, wie die Pest, und das entfaltet solche Kraft, dass es ihre Weltsicht vollkommen verdreht. Natürlich machen die USA Fehler – schwere Fehler, die im politischen System selbst und in den Medien scharf hinterfragt werden. Doch die USA mit dem IS zu vergleichen, ist lächerlich. Um es einfach zu machen: Die USA enthaupten keine Archäologen als Götzenanbeter, massakrieren keine Menschen wegen ihrer Religion und übergeben dann deren Frauen und Töchter in die offiziell gebilligte sexuelle Sklaverei. Die meisten Menschen können den Unterschied erkennen.

Die westliche Demokratie funktioniert weithin – im Gegensatz zu der inbrünstigen, wenn nicht paranoiden Überzeugung des Corbyn-Lagers. Aktivisten der Opposition werden nicht ermordet. Die Geheimdienste sind kein politisches Mittel der Behörden. Die Medien werden nicht zensiert. Fehler werden bekämpft und man versucht, sie zu korrigieren. Dieses Regierungssystem ist andernorts generell populär. Die Menschen scheinen eher begierig danach zu sein, zu kommen und in den Ländern des Westens zu leben, die die Corbynisten schmähen, als unter Regimen, die sie verehren.

Corbyns einseitige Weltsicht ist besonders grotesk, wenn es um Russland geht. Wladimir Putin hat das Land in eine vom Öl geschmierte Kleptokratie verwandelt, die von Geheimdienst-Schlägern und deren Amigos, mit einer zunehmend finsteren, aus Anti-Westernismus, Klerikalismus und Nationalismus bestehenden Ideologie beherrscht.

Doch Corbyn hat einen charakteristischen blinden Fleck, wenn es um Russland geht. Der Kreml steht gegen den Westen auf. Der Westen ist böse. Deswegen ist der Kreml gut.

Die Wahrheit ist ein wenig komplizierter. Barack Obama möchte die Nuklearwaffen abschaffen, Russland nicht: Es erinnert die Welt regelmäßig daran, dass es ein nukleares Arsenal hat und bereit ist, das auch zu benutzen.

Amerika bemüht sich, seine militärische Präsenz in Europa herunterzufahren; Russland setzt jetzt auf schnelle Wiederbewaffnung und auf heimlichtuerische und aggressive Militärübungen, die das Ziel haben, die Nachbarn einzuschüchtern. Sie dürfen raten, welches Land Herrn Corbyn die Haare zu Berge stehen lässt.

Kürzlich habe ich Corbyn via Twitter gefragt, warum seine antiimperialistischen Gefühle sich nicht auf das Verständnis für Länder wie die Ukraine erstrecken. Und der große, mittlerweile verstorbene Robert Conquest hat es unmissverständlich klar gemacht, dass die Gefangenen-Nationen des sowjetischen Imperiums unter einem Ausmaß von Barbarei und Unterdrückung gelitten haben, dem nur noch die brutalsten Episoden der europäischen Kolonialgeschichte gleichkommen. Diese Nationen verdienen nicht allein Sympathie, sondern Respekt, besonders von denen, dessen Sympathien naturgemäß bei den Underdogs liegen.

Der russische Präsident Wladimir Putin;  Photo: Getty

Der russische Präsident Wladimir Putin; Photo: Getty

Natürlich hatte die Labour-Party immer schon einen sowjet-liebenden, Trittbrett fahrenden Rand: berüchtigte Figuren wie Joan Maynard (Spitzname „Stalins Großmutter“) und Frank Allaun von der CND (Campaign for Nuclear Disarmament = Kampagne für nukleare Entwaffnung). Ihre vorgebliche Motivation war eine Mixtur aus Loyalität zu den Idealen des Sozialismus und Dankbarkeit für die sowjetischen Opfer. In den dunkleren Ecken der Labour Party und der Gewerkschaftsbewegung gab es andere, düstere Verbindungen, befeuert durch heimliche Zahlungen und verwickelt in die Zusammenarbeit mit den Spionage-Residenzen des Ostblocks.

Wir wissen nicht, welche schwarzen Künste in unseren Tagen wirken. Doch schon das sichtbare Bild ist alarmierend. Einige von Corbyns Bettgenossen sind andere Linke, die verrückt vor Antiamerikanismus sind: die deutsche Partei „DIE LINKE“, zum Beispiel.

Doch die größten Fans des Putin-Regimes in Europa sind Griechenlands Neo-Nazi-Partei „Goldene Morgenröte“, Ungarns rassistische Jobbik und dergleichen. Diese Typen mit Stiernacken und grober Sprache sehnen sich danach, mit Putinesker Brutalität Macht auszuüben. Sie kommen von einem Ende des politischen Spektrums, den die sensiblen Gewissen von Islington [Anm. d. Übers. Islington ist ein Stadtteil von London, der seit einigen Jahren sehr angesagt ist und von „wohlhabender Mittelschicht“ (Wikipedia) bewohnt wird.] besonders widerlich finden sollten.

Dass Corbyn die wahre Natur des Putinismus und seiner Unterstützer nicht erkennt, macht ihn – vor allem anderen – ungeeignet, die Labour-Party zu führen, geschweige denn, das Land.

Artikel von: Edward Lucas
Quelle: The Telegraph, 26.8.2015

Übersetzt von: Übersetzerteam Euromaidan Press auf Deutsch

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