Kriegstrauma

trauma

 

2. September 2015 • Analytik und Meinungen, Empfehlung, Krieg im Donbas, Meinung & Analyse, Politik

Quelle: Euromaidan Press (engl.) 1. September 2015

Das Blutvergießen im Osten der Ukraine wird die Menschen für immer verändern. Es ist  nicht klar, wann der Konflikt enden wird, aber die Frage der Heilung seiner seelischen Wunden muss bereits heute angegangen werden.

In ihren späten Teenager-Jahren hatte meine Schwester einen Brieffreund in den Vereinigten Staaten, eine Art “Fernbeziehung.” Michael war ein paar Jahre älter war als sie, und wahrscheinlich etwa zehn Jahre älter als ich. Bei Tisch hörten wir einige Geschichten, alle sehr nett und unschuldig aus dem fernen USA. Eines Tages war ihre Geschichte nicht so schön, und kam auf uns wie ein echter Schock: Michael war zum Militärdienst eingezogen worden und sollte nach Vietnam geschickt werden. Um dies zu vermeiden, hatte er sich selbst während der militärischen Ausbildung in den Fuß geschossen; das Risiko, in den Dschungel im Kampf gegen die Vietcong geschickt zu werden, hatte er mit diesem gewaltsamen Akt der Selbstverletzung abgewehrt.

Fast zwei Millionen amerikanische Jungen wurden eingezogen, die nach Vietnam geschickt wurden, und von den fast 60.000 amerikanischen Todesfällen während des Vietnam-Krieges waren 30% Wehrpflichtige, junge Amerikaner, die keine andere Wahl hatten, als auf die andere Seite der Welt geschleppt zu werden, um den Kommunismus zu bekämpfen. Der Krieg wurde verloren, Vietnam wurde kommunistisch, und diejenigen, die gekämpft hatten, kamen beschämt und oft schwer traumatisiert zurück in ein Land, das massiv gegen den Krieg demonstriert hatte und nicht bereit und willens war, die Schrecken zu akzeptieren, die viele ihrer Landsleute durchlebt hatten: Kampfhandlungen in tropischer Hitze, in einem unbekannten Dschungel und gegen einen oft unsichtbaren Feind, der in der Regel von hinten durch ein Labyrinth von bis tief hinein in die amerikanischen kontrollierte Gebiete gegrabenen Tunneln angriff.

Der Krieg veränderte Amerika für immer. Die amerikanische Gesellschaft brauchte fast ein Jahrzehnt, bis sie begann, diejenigen, die in Vietnam gekämpft hatten, zu respektieren, und erst im Jahr 1982 wurde in Washington eine Vietnam-Gedenkstätte eingeweiht. Seitdem ist jede Diskussion über militärisches Engagement der USA im Ausland immer mit dem Vietnamkriegstrauma in Verbindung gebracht, und die Angst vor der Wiederholung der gleichen Fehler hat jede militärische Intervention immer wieder eingeschränkt oder unterbunden. Der Abschuss amerikanischer Hubschrauber in Somalia und die militärische Intervention im Irak, die zu einer neuerlichen Welle von traumatisierten Veteranen nach der Rückkehr in ihre Heimat führte, haben die durch Vietnam verursachten Wunden nur vertieft.

Vietnam wurde als Befreiungskrieg verstanden, und ebenso Militärintervention von 1993 in Somalia und der Irak-Krieg, aber diese Tatsachen änderten jedoch das Ausmaß des Traumas und die lang anhaltenden Folgen für die Gesellschaft als Ganze nicht. Der Krieg hinterlässt tiefe Narben, die nicht nur diejenigen beeinflussen, die an militärischen Aktion teilnahmen, sondern auch deren Familien und soziales Umfeld, einschließlich ihrer Nachkommen in der zweiten und dritten Generation. Viele meiner amerikanischen Freunde haben eine persönliche Geschichte mit Bezug zum Vietnam-Krieg, sei es ein alkoholkranker Vater, der mitten in der Nacht mit einer Schrotflinte Jagd seine eigenen Kinder macht, oder der nicht enden wollende Verlust eines Zwillingsbruders, der in einem Sarg zurückkam, und diese Narben beeinflussen ihr Verhalten bis zum heutigen Tag.

Fast gelähmt sahen die Europäer zu, wie ein friedliches Land in einen Vulkan von Hass und Rache getrieben wurde.

Auf dem europäischen Kontinent brachte der Jugoslawienkrieg der 1990er Jahre den Schrecken auf den europäischen Kontinent zurück, von die meisten dachten, er sei für immer in diesem Teil der Welt gebannt. Es stellte sich heraus, dass das europäische Sicherheitssystem, das nach dem Zweiten Weltkrieg installiert wurde, massives Blutvergießen, ethnische Säuberungen, Massenvergewaltigungen und Plünderungen nicht verhindern konnte. Fast gelähmt sahen die Europäer zu, wie ein friedliches Land, das man als eine gutartige sozialistische Diktatur und beliebtes Urlaubsziel ansah, in einen Vulkan von Hass und Rache getrieben wurde, bei dem Hunderttausende von Menschen getötet und viele weitere schwer traumatisiert wurden.

Ein kanadischer Dokumentarfilm über die psychologischen Auswirkungen des Krieges im ehemaligen Jugoslawien mit dem aussagekräftigen Titel “Tut meine Geschichte weh?” (“Is my story hurting you?”) erzählt die Geschichte von einem meiner Kollegen, dem serbischen Psychiater Vladimir Jović aus Belgrad. Jović entzog sich dem Wehrdienst in der jugoslawischen Armee an der Front und vermied auf diese Weise, direkt in den vielen Schrecken, die in seinem Land stattfanden, beteiligt zu sein. Als Psychiater sah er tagtäglich die Auswirkungen des Krieges und beschloss, zusammen mit ein paar Freunden eine Organisation zu gründen, um einigen der Nöte, mit denen er konfrontiert war, entgegen zu wirken. Im Film sehen wir Jovićs Rückkehr in einen Teil von Bosnien, wo noch Serben lebten. Er besuchte Menschen, die aus ihren Häusern vertrieben wurden und alles verloren hatten, ohne Chance, sie jemals wieder zu bekommen, und die nicht einmal das Glück hatten, als “Opfer” anerkannt zu werden. Diese Geschichten sind schrecklich.

Die Serben werden im Allgemeinen als die Anstifter des Krieges angesehen, und es wird dabei oft vergessen, dass sie auch Opfer sind. Ohne ins Detail der tausendjährigen Geschichte gehen, die zu dem Leiden und den Blutbädern im ehemaligen Jugoslawien geführt haben und die vielleicht in der Zukunft zu noch mehr Blutvergießen führen können, kann man feststellen, dass die Serben sind auf gewissen Weise, doppelt traumatisiert sind. Ein populistischer Diktator führte sie in einen Krieg, in dem sie auf jegliche Weise geschlagen wurden: sie verloren die führende Position in einem föderalen Staat, sie wurden die Verstoßenen ganz Europas und wurden durch ein Science-Fiction-artiges Bombardement mit Marschflugkörpern durch die NATO in die Knie gezwungen. Gleichzeitig mussten sie erkennen, dass sie vieler Gräueltaten schuldig waren und dadurch eine dunkle schwarze Seite der serbischen Geschichte geschrieben haben. Die Gefühle in der Bevölkerung müssen ganz ähnlich wie die der Deutschen im Jahre 1945 gewesen sein. Es ist ein Leiden, das weitergeht, aber nicht als solches anerkannt wird, denn die Rolle des Kriegsverbrechers ist scheinbar unvereinbar mit der eines Opfers.

Die Ukraine geht durch einen Krieg, der beide oben genannten Elemente enthält. Für den größeren Teil des Landes ist der Krieg ein Befreiungskrieg gegen den russischen Aggressor und seine ukrainischen Kollaborateure, einer Mischung aus ortsansässigen Kriminellen und sozialen Außenseiter mit einer schnell abnehmenden Zahl von politischen Aktivisten, die tatsächlich glauben, dass die Schaffung der DVR und LVR etwas Gutes bewirkt habe. Tausende von jungen Männern wurden in die Armee eingezogen und in den Osten geschickt, um in einem Krieg zu kämpfen, den sie oft genug kaum als “ihren” ansehen. Sie kommen auf Urlaub zurück und sitzen in ihrer Heimatstadt im Bus oder der U-Bahn neben Jungs ihrer Altersgruppe, die Spaß haben, mit Mädchen flirten oder auf Partys gehen, als ob kein Krieg existiere. Das sind nicht die Freiwilligen, die sich nach dem Maidan entschlossen, in den Osten gehen, um das Land zu verteidigen, und dies aus Überzeugung taten. Diese jungen Männer hatten keine andere Wahl, sie konnten keinen Grund vorschieben, warum sie nicht eingezogen werden sollten.

Doch auf der anderen Seite sehen wir eine Bevölkerung, die in einen Stellvertreterstaat des putinistischen Russlands von einem Haufen Gaunern und kriminellen Politikern terrorisiert werden, in dem paramilitärische Banden durch Einschüchterung, Zwang und puren Terror die Kontrolle über das Gebiet an sich gerissen haben. Auch sie sind Ukrainer, und sobald das Land wieder vereint ist, müssen sie mit einem Trauma fertig werden, das nicht viel anders als das der serbischen Gesellschaft ist. Sie haben eine falsche Wahl getroffen, ihre Freiheit und ihre Zukunft verloren und dafür den Status des Aggressors und Täters bekommen – und doch sind sie gleichzeitig auch Opfer.

Ja, die Ukraine braucht ein Netz von Trauma-bezogenen Diensten, die denjenigen helfen können, die mit den psychologischen Nachwirkungen des Krieges nicht alleine fertig werden. Langsam aber sicher werden diese Dienstleistungen aufgebaut, mit Unterstützung durch Experten von außen und viel Hingabe und Ausdauer von Spezialisten vor Ort. Aber um einem Land aus diesen Schrecken herauszuhelfen, ist dies nicht genug. Die Ukraine wird ein facettenreiches Programm der nationalen Versöhnung benötigen, konzentriert auf den (erneuerten) Brückenschlag zwischen West und Ost, zwischen denen, die sich als Sieger erweisen, und denjenigen, die ihre Sache verloren haben, an die zu glauben man sie verführt hat. Ein Teil des Landes hat große Fortschritte hin zu einer europäischen Gesellschaft, zur Rechtsstaatlichkeit gemacht, während der andere Teil wieder in eine kriminelle Version des Sowjetismus abgerutscht ist. Dies schafft Spannungen in einem Land, die praktisch unüberwindbar sind, und es wird eine kolossale Anstrengung bedeuten, irgendwie damit fertig zu werden. Das Schlimmste von allem ist, dass wir noch nicht am Ende der Strecke sind, und nicht wissen, was noch kommen wird. Doch das ist keine Entschuldigung dafür, das Problem in diesem Moment noch nicht anzugehen.

Quelle: Euromaidan Press (engl.) 1. September 2015

Bild: report.if.ua
Übersetzt von: Übersetzerteam Euromaidan Press auf Deutsch

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