Die Ukraine befindet sich “in der letzten Phase des Abschiednehmens von der sowjetischen Vergangenheit”

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Artikel von: Paul A. Goble
Quelle: Euromaidan Press English, 12.10.2015

In den letzten sechs Monaten haben Umfragen gezeigt, dass sich die Einstellung der Ukrainer gegenüber den Bürgern der Russischen Föderation leicht verbessert hat. Das bedeutet allerdings nicht, dass nun mehr Ukrainer in ein von Russland dominiertes Staatsgebilde einbezogen werden wollen. Der Grund ist vielmehr ein Abflauen der früheren Euphorie für Europa, und der Wunsch, ein normales, unabhängiges Land zu werden.

Alexei Garan von der Kyiw-Mohyla Akademie sagt, dass diese Veränderungen “die letzte Phase des Abschiednehmens von der sowjetischen Vergangenheit” darstellen. In Zukunft werden [die Ukraine und Russland] jeweils getrennt ihren eigenen Weg gehen.”

“Eine enorme Anzahl [Ukrainer] sind für bessere Beziehungen zu Russland… Niemand will mit seinem Nachbarn kämpfen, aber es will auch niemand dessen Ausbrüche ertragen,” sagt der ukrainische Akademiker. “Stattdessen ist es endgültig klar geworden, dass wir nicht in derselben Wohnung leben können. Wir sind Nachbarn, aber vom Standpunkt der Ukrainer aus kann man uns nicht mehr ‘Brüdervölker’ nennen oder ‘Strategische Partner’.”

Garans Schlussfolgerungen sind heute (12.10.15) von Tatjana Iwschenko in einem Bericht in der Moskauer Zeitung “Nesawisimaja Gasjeta” zitiert worden. In diesem Bericht wird von neuen Forschungen, die das Internationale Institut für Soziologie in Kyiw und die Stiftung “Kucherin Demokratieinitiative” geführt haben, berichtet. In diesen Forschungenarbeiten wird auf die Einstellung der Ukrainer den Russen und Russland gegenüber eingegangen.

Die beiden Institutionen haben herausgefunden, dass – abgesehen von der etwas positiveren Meinung über die Russen im Vergleich zur Stimmung  vor sechs Monaten – die Ukrainer kein Teil eines russisch-dominierten Staatsgebietes sein wollen, geschweige denn ein Teil der Russischen Föderation. Der Anteil der Ukrainer, die eine Mitgliedschaft in der russisch-dominierten Zollunion bevorzugen, bleibt unverändert bei 18,6%.

Die Hälfte aller Ukrainer befürwortet, dass nähere Beziehungen zur Europäischen Union geschaffen werden. Allerdings lehnen etwas mehr als ein Viertel, 27%, der Ukrainer einen Beitritt entweder in die Zoll-Union oder auch in die EU ab. Ersteres wegen der russischen Dominanz und letzteres wegen den jüngsten Enttäuschungen im Bezug auf die Hilfe, die die Ukraine erhalten hat.

Bis 2014, sagt der Forscher, “war die Meinung der Ukrainer über die Russische Föderation immer positiver als die Meinung der Russen über die Ukraine. Dies zeigen Umfragen des Lewada-Zentrums. Inzwischen ist die Einstellung der Ukrainer zu Russland und die Einstellung der Russen zur Ukraine beinahe gleich – sowohl, was positive, als auch negative Meinungen betrifft.

Etwa ein Drittel der Bevölkerung beider Länder besitzt eine positive Meinung über das jeweils andere Land, und knapp 60% beiderseits eine negative. Diese allgemeinen Einstellungen können auch bei den Ansichten der Ukrainer und Russen bezüglich der Einführung von Visaregelungen zwischen den beiden Ländern und anderen Messgrößen beobachtet werden.

Die bemerkenswerteste und wichtigste Veränderung in der Einstellung der Ukrainer der Russischen Föderation gegenüber ist aber die folgende: 2009 befürworteten 23% der Ukrainer die Idee einer wie auch immer gearteten Kombination von Russland und der Ukraine zu einem einzigen Staat. Heute befürworten dies weniger als zehn Prozent, in Russland ist es ein identischer Prozentanteil, der einen gemeinsamen Staat begrüssen würde.

Artikel von: Paul A. Goble
Quelle: Euromaidan Press English, 12.10.2015

Übersetzt von: Euromaidan Press Übersetzerteam Deutsch

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