“Die Russen sind tief im Innern ohne jede Hoffnung.” – Im Gespräch mit Artemi Troizki

Foto: wurde vom Pressedienst des Talliner Filmfestivals, PÖFF, zur Verfügung gestellt

Foto: wurde vom Pressedienst des Talliner Filmfestivals, PÖFF, zur Verfügung gestellt 

11. Dezember 2015 • Analytik und Meinungen, Kultur, Meinung & Analyse, Russland

Artikel von: Oleg Baturin
Quelle: Culture.LB.ua, 2.12.2015

Vor mehr als zwei Jahren verließ der bekannte russische Musikjournalist und aktive Putin-Kritiker Artemi Troizki Moskau und ließ sich mit seiner Familie in der estnischen Hauptstadt nieder. Dabei hatte der Wohnortwechsel keine Auswirkungen auf seine Arbeit: in Tallin geht er seiner Lehrtätigkeit nach, leitet eine Radio-Musik-Sendung, schreibt Kolumnen in der Regionalpresse und führt einen sehr angesehenen Blog, in welchem er die brennendsten und aktuellsten Probleme des heutigen Russland kommentiert.

Wir trafen Troizki während des Talliner Filmfestivals „Black Nights“, wo er in die Jury der Abteilung NETPAC (Network for the Promotion of Asian Cinema) berufen worden war. In einer Pause zwischen den Vorstellungen antwortete Artemi bereitwillig auf die Fragen von LB.ua.

Zu einem der wichtigsten Werkzeuge des Kremls gegen die Ukraine wurde der von ihm angezettelte Informationskrieg. Wie hat diese allumfassende Propaganda in den russischen Medien die Russen selbst verändert? Und waren die vor sich gehenden Veränderungen in der russischen Gesellschaft einer der Gründe für Ihre Emigration?

Zunächst einmal, ich halte mich nicht für einen Emigranten und schon gar nicht für einen politischen Flüchtling. Ich bin nach wie vor ein Bürger Russlands, reise regelmäßig dorthin. In diesem Sinne gehe ich locker mit meiner Emigration, oder besser gesagt, mit meiner Abreise um. Ich bin ein freier Mensch und habe das Recht, dort zu wohnen und zu arbeiten, wo es mir besser gefällt. Und im heutigen Russland gefällt es mir nicht. Die dortigen Lebensbedingungen sagen mir nicht zu, ebenso wenig die russische Politik. Ich schäme mich des Bildes, das Russland in der Welt darstellt. All dies ist nicht nach meinem Geschmack.

Darüber hinaus gibt es einige rein berufliche und persönliche Gründen zu emigrieren. Man hat mich leider aus der Moskauer (Staatlichen) Universität herausgedrängt, wo ich 13 Jahre sehr erfolgreich unterrichtet habe. Der Weg ins TV ist für mich verschlossen. Das bedeutet, dass ich mich beruflich nur schwer in Russland selbst verwirklichen kann. Das lässt sich hier viel leichter realisieren.

Zurückkehrend zu ihrer eigentlichen Frage, der über den psychologischen Zustand der Gesellschaft, würde ich sagen, dass der wahre Schrecken bei uns natürlich vorbei ist. Absolut furchtbar war es im Jahr 2014 und zu Beginn des Jahres 2015, als die Menschen tatsächlich sehr verroht waren, als den Ukrainern ein unverständlicher und nicht gerechtfertigter Hass entgegen schlug. Als es gängige Meinung und völlig normal war, davon auszugehen, dass absolut alle Bewohner der Ukraine – Faschisten sind. Zur gleichen Zeit war alles vermischt mit den Lügen Putins und der Regierung, die behaupteten, dass “wir und die Ukraine Freunde” sind, und dass “überhaupt keinen Krieg gibt”, “keine Soldaten” und “wir Brudervölker bleiben.”

Das Ausmaß der Heuchelei war unerträglich. Es war einfach nur widerlich, die Atmosphäre furchtbar. Auf die Russen hatte das eine starke Wirkung, woran ohne Frage vor allem das Fernsehen schuld war. Ohne TV wäre eine solche allumfassende Gehirnwäsche-Kampagne nicht möglich gewesen. Meiner Meinung nach handelt es sich hierbei wirklich um ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit, das vor Gericht gehört.

Foto: Standbild eines Videos

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Es ist nötig, die Geschäftsleitung des ersten, zweiten und dritten Kanals und die NTV-Chefs vor Gericht zu bringen. Sie alle sollten auf der Anklagebank sitzen, zusammen mit ihren Lieblings-Journalisten, mit all diesen Kiseljows, Solowjows und so weiter.

Ich glaube, dass sie eine Straftat begangen haben, selbst nach den Gesetzen der Russischen Föderation. Zumal wir einen Artikel im Strafgesetzbuch haben, der das Schüren von ethnisch motiviertem Hass beinhaltet. Und alle ihre Handlungen waren pure Anstiftung zum Hass zwischen den Nationen und sie gaben einem Brudervolk den Status eines Feindes.

Es sollte auch erwähnt werden, wie lebhaft und wie bereitwillig viele Russen darauf reagierten, das war für mich die größte und zugleich unangenehmste Überraschung. Viel wird darüber diskutiert, wie so etwas möglich werden konnte. Mir hingegen scheint, dass es hier gar nicht um ein besonderes Talent unserer Fernsehpropaganda und die Fertigkeiten all dieser Fernsehpropagandisten geht. Tatsächlich verkörpern sie das gleiche dumpfe Mittelmaß, wenn auch gut ausgebildet, wie unsere gesamte Führung.

Ich fürchte, dass all das, was geschah, in erster Linie auf die Tatsache zurückzuführen ist, dass die Menschen eine Propaganda zu hören bekamen, die genau nach ihrem Geschmack war. Das heißt, die Propaganda fiel auf den sehr fruchtbaren Boden voller Komplexe des russischen Reiches, einer Wut auf die Außenwelt, die ein besseres Leben führt, oder zumindest ein besseres Leben als in Russland anstrebt.

In vielerlei Hinsicht kann das Gefühl des einfachen russischen Volkes der Ukraine gegenüber mit einem schadenfrohen Ausdruck so formuliert werden: “Was, kleiner Bruder, hattest Du in Europa zu suchen? Jetzt habt ihr euer Europa!”- in Form von Krieg und Besatzung. Denn, so scheint mir, die russischen Menschen sind tief im Innern absolut ohne Hoffnung, sie glauben nicht an ein besseres Leben in Russland. Wenn sie sehen, wie jemand versucht, etwas zum Besseren zu verändern, dann liegt ihnen das quer in der Kehle. So konnte sich die wachsende Propaganda auf dem stumpfen, spießigen Bewusstsein der Russen sehr gut entfalten.

Foto: actualcomment.ru

Foto: actualcomment.ru

Was müsste Ihrer Meinung nach geschehen, damit die Russen aufwachen? Um sie von ihrem Grimm auf die Außenwelt zu heilen?

Es muss ein radikaler Machtwechsel stattfinden. Aber wann das geschehen wird, weiß ich nicht. Ich kann nur hoffen, dass es auf jeden Fall passiert.

Ich würde selbst gern nach Russland zurückzukehren, weil ich es sehr liebe. Ehrlich gesagt, in Europa habe ich Sehnsucht nach Russland. Obwohl ich mich in Estland weniger nach Russland sehne: Ich bin viel unterwegs und verbringe hier tatsächlich weniger Zeit als in anderen Ländern. Nur wann es mir gelingen wird zurück zu kehren, weiß ich nicht.

Oft erinnere ich mich an ein Lied von Alexander Galitsch “Wenn ich zurück bin”, schließlich haben wir alle intuitiv das Gefühl, dass wir so schnell nicht zurück kehren. Viele Menschen setzen ihre Hoffnung auf die wirtschaftliche Situation in Russland, die, wie jeder weiß, ziemlich schlecht ist und vermutlich sogar noch schlimmer werden wird.

Andererseits weiß ich um die unendliche Geduld und Willfährigkeit des russischen Volkes. Wir haben schließlich schon die 1970er und 1980er Jahre überlebt, als es in den Läden absolut nichts gab, als es ein großer Erfolg war, Lebensmittel oder andere Mangelware zu erstehen. Russland hat ferner Anfang der 1990er Jahre eine “Schocktherapie” durchgemacht, Hyperinflation, horrende Preise und massenhafte Verarmung der Menschen. All dies fand statt, und nichts geschah. Die Menschen ertrugen es. Russland ist noch weit entfernt von einer Situation wie in den 1980er oder 1990er Jahren.

Ich kann nicht sagen, dass es bei uns jetzt furchtbar schrecklich ist. Ich reise regelmäßig nach Russland und natürlich bemerke ich, dass die Preise steigen. Allerdings gibt es Lebensmittel, ungeachtet irgendwelcher Sanktionen. Wenn man nicht gerade ein fanatischer Liebhaber von Chorizo-Wurst, Serrano-Schinken oder Parmesan ist, dann kann man sich trotz allem sehr gut ernähren. Deshalb glaube ich nicht, dass die aktuelle Wirtschaftslage das russische Volk entscheidend beeinflussen kann, dass es sie veranlasst, auf die Straße zu gehen und eine Rebellion anzuzetteln.

Ein noch weit weniger wahrscheinliches Szenario – ein Machtwechsel in Russland durch Wahlen. Das ist im Grunde unmöglich, weil es keine Demokratie gibt, keine fairen Wahlen, und darauf zu bauen ist einfach lächerlich. Trotzdem bin ich der Ansicht, dass man zu den Wahlen gehen muss. Wenn Oppositionsparteien daran teilnehmen, unterstütze ich sie. Was kann man sonst noch tun? Die Hoffnung auf einen positiven Ausgang dieser Wahlen ist jedoch gleich Null.

Artemi Troitzki (in der Mitte) singt ein Lied auf der Tribüne des Meetings "Für faire Wahlen" am 4. Februar 2012 auf dem Bolotnaja-Platz in Moskau. Foto: wikipedia.org

Artemi Troizki (in der Mitte) singt ein Lied auf der Tribüne des Meetings “Für faire Wahlen” am 4. Februar 2012 auf dem Bolotnaja-Platz in Moskau. Foto: wikipedia.org

Ein drittes mögliches Szenario für einen Wandel – eine wie auch immer geartete Palastrevolution. In diesen Dingen hat Russland weitreichende historische Erfahrungen. Solche Umstürze, wie der Sturz Chruschtschows, gab es auch in der Sowjetzeit. Und auch eher spaßige Umstürze, wie zum Beispiel in der Ära von Paul I. Aber es fällt mir schwer zu sagen, inwieweit so etwas heute möglich ist. Denn die russische Elite besteht aus Menschen aus der untersten Schublade. All diese Typen sind feige, egozentrisch und abhängig von Putin. Sie würden eher selbst sterben, als es zu wagen, dem Kreml in die Quere zu kommen. Also, auch wenn ich ein solches Szenario nicht ausschließe, es ist wenig wahrscheinlich.

Und als letztes bleibt – das trostloseste aller Szenarien: die Aufrechterhaltung des Status quo und seine allmähliche Verschlechterung, bis etwas passiert. Bis zum Beispiel ein Ziegelstein oder etwas Ähnliches auf Putins Scheitel fällt. Allerdings gibt es keinerlei Hoffnung auf so einen Zufall.

Welchen Einfluss hat die Situation in Russland – mit all der Propaganda, dem Grimm auf den Rest der Welt – auf die russische Kultur? Gibt es aktuell in ihr Phänomene, die für Sie interessant sind?

Unsere Kultur befindet sich nicht in bestem Zustand. Im Wesentlichen mache ich Musik und kann sagen, dass es um diesen Bereich schlecht bestellt ist. Es gibt nichts besonders interessantes, keinerlei Aufschwung, keine Bürgerbewegung. Natürlich existiert eine Reihe einzelner Gestalten, die etwas auf die Beine stellen und dafür die ständig Schikanen ausgesetzt sind.

Im Allgemeinen ist die Situation in der Musik ziemlich mies.

In der Literatur ist es, würde ich sagen, mittelmäßig. Einen gewissen Aufschwung in der Literatur gab es in den 1990er Jahren bis kurz nach der Jahrtausendwende, als für diese Zeit neuartige Arbeiten von Sorokin, Pelewin und einigen anderen Autoren erschienen. Aber jetzt hat das alles ein wenig nachgelassen. Ich lese regelmäßig neue russische Prosa, mitunter erscheinen gute Bücher, ich mag einige, beispielsweise Roman Sentschin, Jewgenij Wodolaskin. Man kann nicht sagen, dass es einen Notstand gibt, aber ein Aufschwung ist ebensowenig zu beobachten.

Was das Theater betrifft, so vollzieht sich hier in den letzten 3-4 Jahren eine gewisse Neubelebung. Ich hatte es schon total vergessen und war 10 oder 15 Jahre nicht dort, denn im Theater gab es nichts Interessantes. Und jetzt – ich weiß nicht, wie es in anderen Städten ist – aber in Moskau existiert sehr mutiges Theater, es gibt Kostja Bogomolow mit seinen fantastischen Theateraufführungen, es gibt Kirill Serebrennikow und das “Gogol – Zentrum”.

Zu den heiß diskutierten Ereignissen der letzten Tage in der Ukraine gehört – die Unterbrechung der Stromversorgung der Krim, die die Teilnehmer der öffentliche Blockade der besetzten Halbinsel schon seit langem durchsetzen wollten. Was denken Sie, wird das Einfluss auf den Kreml haben und die Handlungen der Besatzungsmacht beeinflussen?

Es gibt Umstände, zu denen ich einen ganz klaren, deutlichen Standpunkt habe, den ich mit aller Bestimmtheit vertrete. Ich habe das immer gesagt, und und mit aller Härte ausgesprochen: dass das, was Russland im Februar-März 2014 getan hat, ein Verbrechen war. Ein globales Verbrechen, ein Verstoß gegen alle erdenklichen Gesetze. Und, letztendlich, einfach Niedertracht. Russland nahm und stahl einfach ein Stück vom Hoheitsgebiet der Ukraine, unter Ausnutzung der Wehrlosigkeit des Landes in diesem Moment.

Foto: EPA/UPG

Foto: EPA/UPG

Und Argumentationen der Art, dass die Mehrheit der Krim-Bewohner mit diesen Aktionen einverstanden war, sind nicht angebracht. Ja, es kann sein, dass viele von ihnen durchaus dafür waren, sich von der Ukraine abzuspalten und Russland anzugliedern, aber dafür gibt es einen internationalen Kodex von Gesetzen und die Weltzivilisation im Allgemeinen, um solche Dinge in der vorgeschriebenen Art und Weise zu tun. In diesem Fall hat Russland alle Regeln der internationalen Gemeinschaft verletzt, woran ich nicht den leisesten Zweifel hege.

Was die Blockade betrifft – hier habe ich keine starre Haltung. Ich kann aus einem ganz einfachen Grund nicht sagen, dass ich sie unterstütze: im Ergebnis einer solchen Blockade leiden in erster Linie die einfachen Menschen. Und ich bin dafür, dass die Machtinhaber, dass die Führung leiden muss: Sicherheitskräfte, Minister, Präsidenten – alle diese Bastarde, die durch die Bank diese Gemeinheiten, Verbrechen und Diebstahl in großem Stil begangen haben. Sie sollten leiden.

Meiner Meinung nach hat das gemeine Volk sowohl in Russland, als auch auf der Krim, ganz zu schweigen von der Ukraine, in letzter Zeit schon viel schlucken müssen. Sie sind bereits unglücklich, es geht ihnen schlecht. Ich verstehe die Argumentation der Aktivisten hinter der Blockade. Aber ich teile sie weder emotional noch rational. Wir müssen uns irgendwie anders mit der Krim auseinandersetzen und nicht das ohnehin schon schwierige Leben der Bewohner noch weiter verschlimmern. Letzendlich muss man auch über die Zukunft nachdenken.

Ich habe keine Zweifel, dass die Krim früher oder später zur Ukraine zurückkehren wird. Aber dann wird man die Beziehungen zwischen Ukrainern, Russen und Krimtataren, die dort leben, wieder neu aufbauen müssen. Ich glaube nicht, dass eine solche öffentliche Blockade der Aussöhnung zwischen ihnen förderlich ist, wenn die Krim wieder ein vollwertiger Teil der Ukraine ist.

Es gibt verschiedene Versionen bezüglich des russischen Handelns zur Zeit der Krim-Annexion. Einige sagen, dass der Kreml dies sehr lange und sorgfältig vorbereitet hat. Andere argumentieren, dass es sich eher um eine Momententscheidung handelte. Zu Gunsten der letzteren spricht, dass Russland dem Abbruch der Stromlieferungen durch das ukrainische Festland völlig unvorbereitet gegenüber steht. Welcher dieser Varianten stehen Sie näher?

Ich denke, ein Funken Wahrheit ist in jeder von ihnen. Es gibt auch Hinweise darauf, dass mögliche Operationen zur Annexion, zur Eroberung mit Waffen und sogar zum Krieg auf der Krim mit dem Ziel ihrer Angliederung an Russland schon seit Beginn der 2000er Jahre vom russischen Verteidigungsministerium entwickelt wurden. Ein solches Szenario hielt Russland bereit.

Eine andere Sache ist, dass dieses Szenario, wie ich denke, “für alle Fälle” bereit gehalten wurde: für den Fall, dass eine günstige Situation für solch einen Raub entsteht. Und sie entstand weitestgehend relativ spontan. Sie hing zusammen mit dem, was in Kiew auf dem Maidan passierte, mit der Flucht Janukowitschs, mit Putins außerordentlicher Wut auf das ukrainische Volk und die Ukraine im Allgemeinen. Zusätzlich spielte Putins panische Angst, ja die Angst der gesamten russischen Elite eine Rolle, die Angst, dass in Russland so etwas wie der Maidan passieren könnte.

Foto: www.rg.ru

Foto: www.rg.ru

Aber woher kommt diese Angst der russischen Machthaber vor einem möglichen Maidan auf ihrem Territorium? Sind sie tatsächlich so aufgeschreckt wegen der bloßen, hypothetischen Möglichkeit eines Volkszornes?

Ich denke, diese Angst hat sich bei ihnen schon vor längerer Zeit herausgebildet – noch zu Zeiten des ukrainischen Maidans im Jahr 2004. Ich erinnere mich, dass schon zu jener Zeit Surkow (damals stellvertretender Leiter der Präsidialverwaltung) Rockmusiker um sich versammelt hatte, um sich von ihrer Loyalität gegenüber dem Regime zu überzeugen. Das war Anfang 2005, kurz nach dem Maidan.

Als sie sahen, dass in Kiew Musiker und ganz allgemein Kulturschaffende sehr aktiv waren, beschloss man im Kreml, sofort mit den Kultur-Vertretern präventiv zu arbeiten. Ihre Angst existiert also schon länger, ist schon chronisch. Und sie wurde durch die Ereignisse in Russland im Winter 2011/2012 verstärkt, als es so schien, dass Moskau etwas Ähnliches passieren kann. Leider zeigte die Zukunft, dass es nicht möglich ist.

Auch ich bin der Meinung, dass es in Moskau keinen Maidan geben kann. Aber offensichtlich wurde das erst in den letzten ein-zwei Jahren.

Doch selbst jetzt, wo es offensichtlich ist, dass die Opposition in Russland schwach und ein Maidan nicht möglich ist, entstehen diverse, vom Kreml unterstütze “Antimaidan”-Bewegungen, werden allerlei “patriotische” Märsche und Kundgebungen gegen die so genannte “fünfte Kolonne” veranstaltet. Dies deutet darauf hin, dass ungeachtet der offensichtlichen Vagheit und Unwahrscheinlichkeit (eines Maidan) immer noch Angst bei den russischen Machthabern herrscht.

Welche sind Ihrer Meinung nach die wichtigsten Fehler, die von der Ukraine und der ukrainischen Führung in der Zeit der Krim-Okkupation gemacht wurden?

Die Ukraine auf ihre Fehler hinweisen kann ich nicht, schließlich fand zu dieser Zeit im Land eine Volksrevolution statt, ein Volksaufstand. In einer solchen Situation konnte man weder von der Regierung noch vom Präsidenten klare und pragmatische Schritte erwarten. Darüber hinaus gab es nicht wirklich eine Regierung oder einen Präsidenten. Es herrschte das totale Chaos, welches Putin auf schändlichste Art und Weise ausnutzte.

Aber es gibt einige Dinge, die mich überrascht haben. Zum Beispiel, war ich überrascht, dass die Krim ohne einen einzigen Schuss übergeben wurde. Was mich betrifft, ist dies der blanke Verrat. Immerhin gab es auf der Halbinsel genügend ukrainische Militärangehörige, und sie verhielten sich – ich will nicht von Feigheit oder Verrat sprechen – wie Lämmer, die zur Schlachtbank geführt wurden und nicht wie Soldaten, die einen Eid geschworen hatten.

Für mich ist das seltsam. Natürlich kenne ich keine Details. Vielleicht war Verrat seitens des ukrainischen Verteidigungsministeriums. Vielleicht war dem Militär tatsächlich befohlen worden, sich nicht zu widersetzen, die Waffen abzugeben und sie haben einfach nur Befehle befolgt. Wirkliche Patrioten hätten solchen schändlichen Befehlen allerdings nicht Folge geleistet.

Foto: EPA/UPG

Foto: EPA/UPG

Wie wird sich Ihrer Meinung nach das weitere Schicksal von Oleg Sentzow, Nadeschda Sawtschenko und den anderen ukrainischen politischen Gefangenen nach den Gerichtsentscheidungen in Russland gestalten?

Ich bin überzeugt davon, dass ihr Schicksal in erster Linie von der verdeckten Diplomatie abhängt. Natürlich darf man weder Gerechtigkeit noch guten Willen erwarten. Hoffnungen, dass Putin sich der Sache annimmt und Oleg Sentzow oder Nadeschda Sawtchenko einfach so freilässt, habe ich nicht.

Dennoch könnten sie freikommen aufgrund von Austausch-Geschäften – etwa so, wie es mit dem Mitarbeiter der estnischen Sicherheitspolizei, Eston Kohver geschah, der im Ergebnis gegen einen in Estland verhafteten russischen Spion ausgetauscht wurde. Etwas Ähnliches ist auch hier möglich, denn auf Gerechtigkeit vor russischen Gerichten kann man sich genauso wenig verlassen wie auf ehrliche Wahlen in Russland.

Darüber hinaus zeichnet sich unser oberster Herrscher Putin, wie bekannt ist, keinesfalls durch menschliche Liebenswürdigkeit, Güte und Gerechtigkeit aus. Er ist ein Bösewicht, und ein Pragmatiker. Deshalb schließe ich nicht aus, dass er irgendwie einen pragmatischen Ausweg aus dieser Geschichte finden wird und das relativ bald. Denn der allgemeine Tenor der russischen Politik wechselte von aggressive Brutalität zu Bemühungen, sich herauszureden und Kompromisse zu suchen. In diesem Sinne scheint es mir, dass die Situation eher hoffnungsvoll ist.

Artemi, Sie haben in Russland unterrichtet, jetzt – in Estland. Wie unterscheiden sich die Studenten in diesen Ländern? Und welche Probleme gibt es heute in der estnischen Gesellschaft?

In der Tat, neben Estland unterrichte ich auch regelmäßig in Finnland und London. Einzelne Vorlesungen las ich schon Gott weiß wo, bis hin zur Stadt Madrid. Und Studenten sind überall anders. Mit russischen hatte noch nie ein Problem – sie waren immer im gleichen Kontext, in dem auch ich war, wir lebten das gleiche Leben, gingen in die gleichen Veranstaltungen, lasen die gleichen Nachrichtenberichte. Daher herrschte mit meinen Studenten immer völlige Harmonie und die Auditorien waren voll. Es hat Spaß gemacht und der Unterricht endete immer mit Jubel. Sie haben mir viel Vergnügen bereitet.

Hier sind die Studierenden zurückhaltender, auf eine Annäherung lassen sie sich nicht ein. Nicht, dass ich das selbst so vorgeschlagen hätte, aber russische Studenten kamen oft nach dem Unterricht auf mich zu und stellten verschiedene Fragen. Hier ist das nicht üblich: die Studenten saßen da, hörten zu, machten sich Notizen, und gingen.

Foto: vesti.lv

Foto: vesti.lv

Was die estnische Gesellschaft betrifft, ist die Situation sicherlich nicht einfach. Auf der einen Seite ist das Land bereits nach Europa gegangen. Dies ist – wirklich Europa. Zumal in wirtschaftlicher Hinsicht und auf den Gebieten von Bildung und Kultur die Situation dort um einiges besser ist als in vielen anderen EU-Ländern: Litauen, Lettland, Rumänien, Bulgarien, Ungarn, der Slowakei, der Tschechischen Republik. Estland ist in der Europäischen Union ein starker Musterschüler, und das ist ihre große Leistung. Sie sind einfach toll.

Das Hauptproblem, so scheint mir, liegt in der Tatsache, dass Estland die Beziehung zwischen den beiden wichtigsten ethnischen Gruppen nicht ordentlich gestalten kann – letzten Endes zwischen Esten und der russischen Diaspora. Zu letzterer gehören hier etwa 30% der Bevölkerung und die meisten von ihnen sind fremd in diesem Land, weit weg von dem, was hier vor sich geht.

Ein indirektes Indiz dafür ist, dass fast alle Esten kritisch gegen Putin eingestellt und mit der aktuellen, aggressiven russischen Politik nicht einverstanden sind. Während gleichzeitig die Mehrheit der Russen – wie auch Umfragen zeigen – Putin lieben und dem russischen Imperialismus ziemlich loyal gegenüber stehen. Das hat mit einigen historischen Umständen zu tun, und mit der Tatsache, dass die hier lebenden Russen russische TV-Kanäle empfangen.

Leider wird sich die Situation mit der russischen Minderheit in Estland nicht verbessern. Die Ereignisse in der Ukraine haben sie nur verschlimmert, als zu den üblichen Streitigkeiten noch Gespräche über die Krim, den Donbass usw. kamen, was für eine Annäherung auch nicht gerade förderlich ist. Wie Estland dieses Problem lösen wird, das weiß ich nicht. Im Moment, so scheint es mir, kann es nicht gelöst werden. Esten leben ihr Leben, und die Russen – auch. Die Esten ziehen es vor, diese Nachbarn zu ignorieren, und die Russen leben lieber in ihren Schlafsiedlungen und konsumieren russisches Fernsehen. Leben in einer Art inneres Exil.

So ein Status Quo in Estland verheißt nichts Gutes. Obwohl, mir scheint es, dass sowohl die Esten als auch die Russen mit der Situation ganz zufrieden sind.

Das Interview führte Oleg Baturin, Journalist und Filmkritiker

Artikel von: Oleg Baturin
Quelle: Culture.LB.ua, 2.12.2015

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