Der Vor-Jahresrückblick: 2014 in den Augen russischer Intellektueller | Colta.ru

 

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Quelle: Colta.ru, 26.12.2014

Alle ziehen den Schlussstrich hinter 2015 – dabei haben wir das Jahr 2014 noch gar nicht überstanden. 2014: das Jahr der noch andauernden “Revolution der Würde”, aber auch das Jahr, in dem Putin einen grausamen Hybridkrieg gegen die Ukraine entfachte, der bis heute kein Ende nehmen will. Einen Krieg, dessen Ursachen Experten zufolge nicht zuletzt in einer tiefen Krise der russischen Gesellschaft zu suchen sind.

Wir wagen deshalb den Zeitsprung und präsentieren hier die Übersetzung eines Jahresrückblicks russischer Wissenschaftler, Philosophen und Intellektueller auf das Jahr 2014. Gelten diese Betrachtungen auch für das abgelaufene Jahr? Was hat sich verändert, und in welche Richtung? Diese Frage wollen wir fürs erste dem geneigten Leser überlassen.

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Oleg Aronson
Philosoph

Über die Veränderungen des Jahres 2014 zu sprechen ist schwierig, weil das, was in diesem Jahr passiert ist, von vielen erwartet wurde. Die Veränderungen sind meiner Ansicht nach nicht nur mit den politischen und ökonomischen Umständen verbunden, sondern vor allem mit den moralischen Empfindungen jener, die in Russland leben. Man kann nicht sagen, dass sich diese Empfindungen stark von früheren Empfindungen unterscheiden. Das Jahr 2014 war einfach intensiver, was die Angriffe auf die emotionale Sphäre der Menschen anging, weil es das Jahr des Krieges war.

Der Krieg in der Ukraine ist mehr als einfach nur ein Krieg. Er besitzt eine sehr große symbolische Bedeutung. Wenn wir über eine neue Weltsicht sprechen, dann ist der Krieg in der Ukraine einer der ersten Kriege in der globalisierten Welt.

Ob bewusst oder unbewusst, die Wahrnehmung dieser Globalität beeinflusst uns. Er ist überhaupt kein lokaler Konflikt. Er ist nicht einfach nur eine politische Rivalität oder eine Aggression. Die globalisierte Welt, in der wir leben, hat bereits die Epoche der Eroberungskriege und der geopolitischen Phantasien hinter sich gelassen.

Welche Kriege in einer solchen Welt möglich sind, können wir uns nur schwer vorstellen. Wir wissen das eine oder andere über die militärischen Aktivitäten der USA im Irak oder in Afghanistan, aber das war was anderes. Bei diesen haben wir noch eine traditionelle Vorstellung vom Feind.

Der Krieg in der Ukraine ist etwas völlig anderes, er ähnelt eher einem Bürgerkrieg, der sich nicht innerhalb der ehemaligen Sowjetunion abspielt, sondern auf dem Gebiet der gesamten globalisierten Welt.

Es gibt auch das Gefühl, dass dieser Krieg die völlige Unzurechnungsfähigkeit der modernen russischen Politik offenbart – und im Ergebnis dominiert ihr moralischer Aspekt, ihr ungeschminkter Zynismus.

Mir scheint, dass in einer ökonomisch globalisierten Welt alle Kriege, um es vorsichtig zu formulieren, zu solchen werden, in denen es weder Freund noch Feind gibt, wo sie nur noch nominell sind, und der politische Raum – fiktiv.

Vielleicht ist das die Hauptnachricht des Jahres 2014: Wir befinden uns im Bürgerkrieg, wahrscheinlich für eine lange Zeit. Je mehr Politiker über über Frieden sprechen, desto mehr macht sich das Gefühl breit, dass ein Frieden nicht möglich ist.

Frieden oder Waffenstillstand in diesem Krieg – das sind unsere Illusionen, die auf den Erfahrungen vergangener Kriege beruhen, als Staaten und reguläre Armee gegeneinander kämpften. Der Krieg in der Ukraine – das ist kein Krieg von Staaten oder Armeen, das ist ein Krieg der Ambitionen schwacher und feiger Politiker.

Die Aggressivität dieser Politiker ist darauf zurückzuführen, dass es für sie immer weniger Platz in der globalisierten Welt gibt, dass ihre Politik nicht mehr zeitgemäß ist, und der Krieg die einzige Möglichkeit ist, die eigene Bedeutung zu untermauern.

Im Ergebnis sterben Menschen, die keine politischen, keine nationalen Interessen haben, friedliche Mitmenschen und jene, die in diesem Krieg der Propaganda und dem Geld verfallen sind.

Sie kommen aus den verschiedensten Ländern und stehen auf allen Seiten. Deshalb ist dieser Krieg ein Welt-Bürger-Krieg und kein Bürgerkrieg in der Ukraine.

Dieser Krieg wird in den Massenmedien ausgetragen. Die Kampfhandlungen sind nur ein Bestandteil von vielen – zugegeben, ein sehr dramatischer Bestandteil.

Wir wissen alle, dass es dort Opfer gibt. Aber der eigentliche Krieg wird mit den Mitteln der Massenmedien geführt. Die eigentlichen Mörder sind jene, welche diese als Waffen benutzen. Man kann den Krieg nur beenden, wenn man die Massenmedien radikal “entpolitisiert”. In Russland kann ich die Voraussetzungen dafür bisher nicht erkennen.

In der globalisierten Welt gibt es keine militärischen Gegner mehr. Der Krieg selber ist aber wichtiger als der Gegner. Die Ukraine ist zufällig zum Gegner geworden. Im Großen und Ganzen hat die Unterscheidung in politische Freunde und Feinde keine Bedeutung mehr. In diesem Bürgerkrieg kann der Feind ein beliebiger sein. Für die Politiker ist nur wichtig, dass der Krieg andauert.

Ich haben in meinem ganzen langen Leben noch nie so viel Hässlichkeit gehört, wie heute an jeder Ecke.

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Mihail Gelfand
Professor an der Fakultät für Bio-Ingenieurwesen und Bio-Informatik an der Moskauer Staatlichen Universität (MGU)

Der Krieg in der Ukraine, den Russland entfacht hat, hat absolut alles verändert. Der Rest sind seine Folgen.

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Ljudmila Petranowskaja
Psychologin

Wenn wir über Russland sprechen, dann ist die wichtigste Veränderung die Aufkündigung des Vertrages zwischen den Machthabern und der Gesellschaft, der darin bestand, dass die Staatsmacht für Wohlstand und Stabilität sorgt und im Gegenzug nicht kontrolliert wird.

Im abgelaufenen Jahr wurde der Bevölkerung empfohlen, diese Stabilität gegen die Größe des Staates einzutauschen. Für viele war das verlockend. Bis zum Jahresende stellte sich heraus, dass die Stabilität schwankte, der Wohlstand schrumpfte und aus der Größe wurde auch nichts.

Russland hat sich mit der gesamten Welt zerstritten, es verlor sogar alte Freunde, aber seine Ziele hat es nicht erreicht, mit Ausnahme der unglücklichen Krim, mit welcher man nicht weiß, wie es weitergehen soll.

Das eine hat man genommen, das andere versprochen, aber “sie haben’s nicht gepackt”. Das heißt, dass es zur Zeit keine klare Absprache zwischen der Bevölkerung und den Machthabern gibt. Und das ist eine wesentliche Veränderung, weil es diesen Vertrag in den vergangenen 15 Jahren immer gegeben hat. Wie sich diese Situation entwickeln wird, werden wir schon im kommenden Jahr erleben.

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Olga Sedakowa
Dichterin

Meiner Meinung nach war das abgelaufene Jahr ein katastrophales Jahr. Wir (ich meine, das Land) haben eine Reihe von Grenzen überschritten, über die wir einfach nicht mehr zurückkehren können. Aber kann man es vielleicht nicht einfach? Das hängt von vielen Dingen ab. Boris Dubin hat in seinem letzten Interview – im Zusammenhang mit dem Krim-Abenteuer- sehr gut beschrieben, was das für eine Grenzlinie ist.

Das Universum, aus dem wir ausgeschieden sind, hat vor nicht allzulanger Zeit Ljudmila Ulizkaja beschrieben. In der Sprache der Ära Gorbatschows nannte man es die “Universellen menschlichen Werte”: Humanismus, Rechtmäßigkeit, Verständigkeit und historische Verantwortung.

Der schmutzige, leere und grausame Taumel, den man uns als Ersatz für unsere eigenständige nationale Identität anbietet, ist einem Fieberwahn ähnlich.

Eine Mixtur aus Proto-Nazismus und Neo-Stalinismus (obwohl das Neue an diesem Stalinismus letztlich nur seine Schamlosigkeit ist: die Grausamkeit und Gemeinheit dieses Regimes wurde gewöhnlich entweder verschwiegen, oder als “Kampf um die Allgemeine Glückseligkeit” getarnt – jetzt rühmt man sich geradezu der Niedertracht und Grausigkeit). Hass und unerhörte Frechheit ist der allgemeine Ton dieser Musik.

In meinem langen Leben habe ich noch nie so viel Hässlichkeit gehört, wie heute überall (nicht nur in den Medien, die natürlich den Ton vorgeben, dem unsere Landsleute bereitwillig folgen!). Alle diese Hässlichkeiten kannst Du von einem Nachbarn hören, der vor einem Jahr noch recht gutmütig war.

Der kalte Krieg begann mit der Außenwelt. Es beginnt jetzt auch ein (bis jetzt) kalter Bürgerkrieg. Die Zusammensetzung der “Vertrauten” und Freunde hat sich drastisch verändert. Der Spalt zieht sich durch Familien, durch die Fachwelt, überall. Selbst in Kirchengemeinden und auch im Ausland (wie ich es kürzlich in einer italienischen orthodoxen Gemeinde gesehen habe).

Es ist ein Spalt, kein Streit. Die Menschen wurden in soweit entfernte Regionen versetzt, dass eine Verständigung schon nicht mehr möglich ist. Dann bleibt nur noch, andere zu stigmatisieren und ihnen beleidigende Spitznamen zu geben. Hier hat die russische Sprache nicht ihre Vielfältigkeit verloren. Ich befürchte, das man manche Dinge nicht mehr direkt ansprechen kann.

Das ist natürlich nicht alles vom Himmel gefallen. Es kam von verschiedenen Seiten. Vor einem Monat hatte ich die Gelegenheit auf einer Konferenz in Fribourg Konstantin Eggert zuzuhören, der die Entwicklung ausgezeichnet analysierte.

Man kann sagen, das alle Spaltungen und Selbstbestimmungen ein Moment der Wahrheit sind.

Es wurde letztendlich klar, wer wer ist. Das macht es nicht leichter. Es ist für uns schwer zu verstehen, dass eine neue Zeit angebrochen ist.

Im Oktober wurde ein neuer Virus entdeckt, der ATCV-1 genannt wird, und in der Kehle lebt. Er verschlechtert die Reaktionsfähigkeit und den Orientierungssinn. Und macht, allgemein gesagt, dumm.

 

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Aleksej Zwetkow
Schriftsteller

Es ist ein Neujahrsbrauch, das vergangene Jahr zu verfluchen und zu hoffen, dass das neue Jahr besser wird. Dabei ist es nicht wichtig, was im vergangenen Jahr alles passiert ist, weil wir das Bessere noch mehr lieben.

Nur dieses Mal ist es um das Ansehen des vergangenen Jahres schlecht bestellt und das neue wird kaum besser werden.

Wer hätte gedacht, das während des uralten Jahrestages des Krieges, welcher drei Imperien und die ganze Friedensordnung überdauert hat, wir den Versuch der Galvanisierung des vierten Imperiums erleben, mit tragischen Folgen für seine Nachbarn. Dieses Unglück betrifft, allen voran, natürlich nicht nur die Ukraine, von der ich hoffe, dass sie noch fliehen kann. Das Unglück betrifft auch Russland, das vor sich selbst nirgendwo hin fliehen kann.

Und die Hoffnung auf das die Generation, welche nach dem Zerfall der Sowjetunion aufwächst, glücklicher und freier wird als unsere, ist verloren. Vielleicht kann man es nach dem Schiffsbruch noch retten.

Das Traurigste ist der Verlust von Freunden, vor allem jene, von denen man glaubte, das es wahre Freunde sind. Missverständnisse passieren und immer gibt es eine Möglichkeit sie zu lösen. Es kommt aber auch vor, das die Differenzen unübersehbar sind. Tote soll man zumindest in guter Erinnerung behalten. Es ist aber schlimm, wenn du versuchst, die Lebenden aus deiner Erinnerung zu entfernen.

Aber zu dem Schönsten, was im Gedächtnis bleibt, gehört die Kehrseite der Medaille. Wenn ein Freund in einer solchen Situation erhalten bleibt, ist es, als ob man einen neuen Freund gewonnen hat. Und dann kommen dazu noch die neu gefundenen Freundschaften, zusammen mit der Ukraine, dem Land, in dem sie leben, in dem ich meine meine Wurzeln habe, und mit dem ich plötzlich wieder vergessene Verbindungen gespürt habe.

Alles andere ist höchst persönlich, und hat selbst für mich kaum eine Bedeutung vor diesem Hintergrund.

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Tatjana Tschernigowskaja
Professor der Philolologischen Fakultät an der Staatlichen Universität St. Petersburg

Was hat sich verändert? Die Zivilisation hat sich verändert, sage ich. Im Jahr 2014 hat sich die Zivilisation verändert. Die Menschheit hat den Verstand verloren, so kann man es schreiben.

Vermutlich wurde sie von einem Virus befallen. Im Oktober hat man einen solchen Virus entdeckt, mit der Bezeichnung ATCV-1, der im Kehlkopf lebt. Er verschlechtert die Reaktionsfähigkeit und den Orientierungssinn. Er verdummt die Menschen. Ich meine nicht im wörtlichen Sinn, dass die Menschheit von dem Virus befallen ist – das muss noch bewiesen werden, verstehen Sie. Nur alle haben den Verstand verloren und rennen auf den Abgrund zu. Das ist meine Meinung.

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Michail Jampolski
Philosoph

Das Jahr 2014 hat Russland aus der Zone der Berechenbarkeit und vorhersagbaren Ursache-Wirkung Beziehung herausgeführt. Alle Normen wurden verletzt und das Land geriet in eine Krise -politisch und ökonomisch.

Das soziale Gefüge ist aus seinen stabilen Zustand geraten und befindet sich nun in einer  Turbulenz-Zone.

In der Systemtheorie spricht man von einem äußerst instabilen Metasystem, in welchem die kleinste Veränderung um ein Vielfaches verstärkt werden kann und zu nicht vorhersehbaren Ergebnissen führt. Jegliche strategische Planung hat dem kurzfristigen Überleben Platz gemacht. In Russland gibt es heute keinen Menschen mehr, der in der Lage ist, langfristig Geld oder gar eigene Kraft zu investieren.

Die Institutionen, die in der Gesellschaft immer eine stabilisierende Rolle gespielt haben, entdeckten ihr Versagen oder ihre völlige Abwesenheit. Es verstärkte sich der Eindruck, dass sich das gesamte politische System auf eine Person konzentriert – den Präsidenten. Aus diesem Empfinden heraus entstand der Führer-Kult – und gleichzeitig demonstrierte es die absolute Vergänglichkeit der gesellschaftlichen Basis der russischen Gesellschaft – ohne Gerichte, ohne politische Parteien, ohne Institutionen der Macht und Rechtssystem, ohne funktionierende wirtschaftliche Basis, u.s.w.

Das alles verändert die Mentalität radikal und definiert einen neuen Maßstab der Zeit. In einer solchen Welt ist die zehnjährige Haftstrafe von Nawalny fast gleichbedeutend mit einer lebenslangen Freiheitsstrafe – oder auch vielleicht nur einer dreimonatigen. Das weiß niemand. Die zeitliche Perspektive ist verschwunden. Es gibt eine Vorahnung, die sich bis zum Zusammenbruch des gesamten Systems erstreckt. Diese Transformation der Zeitperspektive und der Erwartungen wird selbst zum wichtigsten  sozialen Destabilisierungs-Faktor.

Kurz gesagt, das Jahr 2014 bedeutet das Ende einer ganze Ära.

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Aleksandr Jetkind
Philologe und Historiker

Das Jahr 2014 war für Europa und die ganze Welt das Jahr des “tatsächlichen Russlands”. Bei vielen Menschen hat dieses Jahr die gewohnten Vorstellungen über das Wesen des russischen Staates, seine Legitimität, sein Überlebensfähigkeit, seine Existenzberechtigung in der gegenwärtigen Form und seine Fähigkeit, diese zu Verlängern stark verändert.

Ich denke, dass diese Gewissensprüfung in Russland selbst etwas später erfolgen wird, vielleicht 2015.

Quelle: Colta.ru, 26.12.2014

Bild: Michail Potschuev / ТАSS

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