Des Kaisers prächtige Kleider? Warum Zustimmungsraten in repressiven Systemen so trügerisch sind

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2. Januar 2016 • Analytik und Meinungen, Empfehlung, Russland, Soziales

Artikel von: Denis Wolkow
Quelle: IMRussia.org

Das Phänomen der hohen Zustimmungsraten für Wladimir Putin (über 80 Prozent) wird von Sozialwissenschaftlern heiß diskutiert. Eines der Argumente lautet, dass diese Angaben falsch seien und das Problem bei den Meinungsforschern liege. Der Soziologe Denis Wolkow vom russischen Lewada-Zentrum sprach mit Timur Kuran, einem prominenten sozialen Vordenker und Professor für Volkswirtschaftslehre und Politikwissenschaften an der Duke University, über das Konzept der Präferenzverfälschung, das die hohe Zustimmung für Führer von autoritären Systemen erklärt.

Timur Kuran von der Duke University über die Präferenzverfälschung der Eliten und die echte, aber oberflächliche Führerliebe beim einfachen Bürger. Photo: Duke University

Denis Wolkow: Es gab eine Menge Kritik an den Meinungsumfragen, welche die Zustimmung für Putin und dessen System zeigen sollen. Glauben Sie, dass sich die Meinungsforscher irren?

Timur Kuran: Den Meinungsforschern ist nicht immer klar, welche Befindlichkeiten Menschen davon abhalten, sogar unschuldig aussehenden (oder unschuldig klingenden) Meinungsforschern die Wahrheit zu sagen. Man denke nur an Moskau 2013, Schottland 2014 oder in Griechenland im Jahr 2015. Ein weiteres Beispiel sind die Wahlen in der Türkei im Juni 2015: Die Partei Erdoğans verlor beträchtlich an Unterstützung. Die meisten Umfragen haben den Absturz der AKP vor der Wahl deutlich unterschätzt, aber die Umfrage von KONDA lag in den sechs Wochen vor dem Wahltermin immer wieder richtig.

Wie kam es zu dem Erfolg von KONDA? Erdoğan hat viele Wahlen hintereinander gewonnen und verlangte diktatorische Vollmachten. Viele Türken hatten den Eindruck, dass er nicht mehr aufzuhalten sei, dass Erdoğan letztlich wie Putin alle Kräfte auf sich vereinigen würde. Infolgedessen hatten viele Türken Angst, zuzugeben, dass sie für eine andere Partei als die AKP stimmen würden – auch den Meinungsforschern gegenüber.

Die Meinungsforscher von KONDA haben den Befragten absichtlich erklärt, dass sie unabhängig von der Regierung agieren. Sie verdeutlichten, dass sie nicht zur AKP gehören würden und keine Verbindungen zum Staat besäßen. Das gab ihnen die Möglichkeit, die wachsende Opposition gegen die AKP zu registrieren, da die Gegner der AKP ehrlicher zu den Meinungsforschern von KONDA waren, als zu anderen.

Wenn eine dominante Partei Angst in der Bevölkerung sät, müssen Umfragen die Angst überwinden, die Präferenzverfälschungen verursacht, um Abstimmungsneigungen richtig zu messen. Den Menschen muss zugesichert werden, dass die Präferenzen, die sie zum Ausdruck bringen, nicht gegen sie verwendet werden.

DW: Sie erwähnen das Konzept der “Präferenzverfälschung” im Zusammenhang mit der Genauigkeit verschiedener Umfrageinstitute. Was verstehen Sie darunter?

TK: In autoritären Systemen, wie in Russland, ist es riskant Ansichten offen zum Ausdruck zu bringen, die der amtierenden Regierung widersprechen. Demzufolge tragen viele Menschen bei politisch sensiblen Themen zur Präferenzverfälschung bei. Insbesondere Regierungskritiker halten sich mit konkreten Äußerungen zurück. Das geht sogar soweit, dass sie ihre Ansichten verleugnen, in der Hoffnung ihre Karriere voranbringen zu können und in Ruhe gelassen zu werden. Aber was die Leute in der Öffentlichkeit sagen, ist nicht das, was sie wirklich glauben, denken und fühlen.

In jedem repressiven System akzeptieren viele Menschen die offizielle Interpretation der Ereignisse. Aber ihre Meinungen sind oberflächlich, da sie nicht auf eigenen Erfahrungen, Untersuchungen oder Analysen beruhen. Und gerade weil ihre Meinungen oberflächlich sind, können sie sich leicht ändern.

DW: Wie funktioniert das genau?

TK: Konzentrieren wir uns zuerst auf die Wahl der Medien und der Intellektuellen. Eine Atmosphäre der Unterdrückung führt zu Präferenzverfälschung unter Meinungsführern, einschließlich Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, Medienbossen und öffentlichen Intellektuellen. Deren öffentlich geäußerte Meinungen sind weit positiver gegenüber der amtierenden Regierung als ihre private Meinung, die sie nur gegenüber engen Freunden äußern. Selbstzensur, Zensur uns eine bewusste Anbiederung stellen sicher, dass die Massenmedien Fakten und Argumente verwenden, die für die amtierende Regierung positiv sind.

Kritische Ansichten und Daten, die ungünstig für die Regierung sind, werden auf Veröffentlichungen und Fernsehprogramme beschränkt, die nur die Intellektuellen selbst ansprechen. Im Kontext des modernen Russlands haben diejenigen Menschen Zugang zu kritischen Sichtweisen, die Fremdsprachen sprechen, die soziale Medien in verschiedenen Sprachen verfolgen, und die Zugriff auf ausländische Nachrichtenquellen und intellektuelle Ideen besitzen. Diese Gruppen haben Zugang zu Quellen, die nicht unter dem sozialen Druck eines bestimmten Landes stehen.

In jedem Land (z.B. in Russland, der Türkei, oder den USA) führt lokaler Druck zwangsweise zur Belastung der lokalen Bewohner. Die jeweils spezifische Art lokalen Drucks und die Befindlichkeiten, welche diesen motivieren, muss in anderen Gesellschaften nicht unbedingt präsent sein. Ich verwende den Begriff “Eliten” daher für Personengruppen mit Zugang zu ungefilterten Informationen.

Aber wie sehr diese Eliten auch informiert sind, viele ihrer Mitglieder haben viel zu verlieren, wenn sie den Anführer oder die dominierende politische Gruppe im Land herausfordern. Daher verfälschen viele von ihnen die eigenen Ansichten, wenn es um sensible Fragen geht. Sie kennen die Wahrheit. Sie wissen, dass zur Rhetorik des Regimes Lügen, Verzerrungen und Auslassungen gehören. Dennoch ist es in ihrem Interesse, Unkenntnis über die Unzulänglichkeiten, Fehler oder die Korruption des amtierenden Systems vorzutäuschen.

DW: Wie steht es mit der breiten Öffentlichkeit – muss diese ihre Präferenzen verfälschen?

TK: Die öffentlichen Ansichten der einfachen Bürger beruhen zum Teil auf ihren privaten Ansichten. Die privaten Ansichten der meisten Menschen wiederum beruhen bei den meisten Themen auf leicht zugänglichen Informationen.

Im Gegensatz zu Akademikern beschäftigt sich der Durchschnittsbürger selten tiefer mit einem Thema, und wendet seine Zeit nicht für die Recherche wissenschaftlicher Informationen auf. Wenn die Medien vollgestopft sind mit Fakten und Meinungen über Wirtschaftspolitik, welche die Regierung in einem positiven Licht darstellen (z.B. zu den Themen Krim und die Ukraine, die globale Erderwärmung, diverse Ereignisse der Weltpolitik usw.), dann akzeptieren die meisten Menschen diese mehr oder weniger unkritisch.

Die Verfügbarkeit der Informationen bestimmt, wie sich die Vorlieben formen. Damit sind die Faktoren, die die Präferenzen eines Durchschnittsbürgers prägen nicht die Einstellungen, die Meinungen und Fakten, die die Intellektuellen in ihren Köpfen haben. Es sind vielmehr die häufig geäußerten Präferenzen, Meinungen und Tatsachen. Wenn die Medien im Allgemeinen Putin unterstützen, die Ereignisse aus seiner Perspektive interpretieren und Informationen unter dem Gesichtspunkt filtern, ob sie Putin nützen oder schaden, dann wird der typische Russe Putins Politik und Abschneiden positiv bewerten.

Zweitens basieren die öffentlichen Präferenzen der Menschen auf Belohnungen oder Kosten, die mit dieser Wahl verbunden werden. Wenn Menschen, die öffentlich gegen die amtierende Regierung auftreten, ihren Arbeitsplatz verlieren können oder es wahrscheinlich ist, dass sie anderen Schikanen ausgesetzt sein werden, werden sie ihre Unzufriedenheit verbergen und so tun, als ob sie die Regierung unterstützen. So ist es möglich, das die öffentliche Popularität einer Regierung die private Popularität übersteigt.

DW: Wie agiert die breite Öffentlichkeit unter einem Regime, das die wichtigsten Informationsquellen kontrolliert?

TK: Menschen, die keinen Zugang zu unabhängigen Informationsquellen besitzen und ihre Informationen über das Regime nur von Sprachrohren des Regimes erhalten, können die Ereignisse durch die Perspektive des Regimes wahrnehmen. Solche Menschen müssen ihre Meinungen nicht verfälschen, ihre Unterstützung kann durchaus echt sein. In jedem repressiven System akzeptieren viele Menschen die offizielle Interpretation der Ereignisse. Aber ihre Meinungen sind oberflächlich, da sie nicht auf eigenen Erfahrungen, Untersuchungen oder Analysen beruhen. Und gerade weil ihre Meinungen oberflächlich sind, können sie sich leicht ändern. Wenn jemand die Mängel des Regimes aufzeigt, oder eine neue Perspektive für das Verständnis der Situation entwickelt, kann sich ihre Meinung sehr schnell und grundlegend ändern.

Es ist wichtig zu verstehen, das dieser Mechanismus hier sich wesentlich von jenem unterscheidet, der die Präferenzen der Eliten prägt. Normale Menschen (Nicht-Eliten) akzeptieren die verbreiteten Interpretationen, weil es jeder in der Umgebung es so macht. Sie akzeptieren die weit verfügbaren Interpretationen des Regimes, weil ihnen der Zugang zu anderen Informationsquellen fehlt. Sie machen für die Probleme, mit denen sie im täglichen Leben konfrontiert werden, in- und ausländische Verschwörungen verantwortlich. Sie glauben, dass die Feinde des Regimes für dessen Mängel verantwortlich sind.

Aber wenn jemand die Situation anders bewertet, und die Menschen um ihn herum beginnen, diese neue Perspektive einzunehmen, dann können sich ihre Meinungen schnell verändern. Das liegt daran, dass ihre regimekonformen Ansichten sich nur selten auf empirisch gesicherte oder persönlich geprüfte Informationen stützen, sondern vor allem auf sehr oberflächlichen Gedankengängen beruhen.

Eine echte Unterstützung bedeutet nicht unbedingt eine fest verankerte Unterstützung. Einem Großteil der 80% würde es schwer fallen, die wirtschaftliche Leistung des Regimes so zu verteidigen, dass dies für einen informierten Beobachter nachvollziehbar ist. Wenn die Medien kritischer werden würden, würde ein Teil der echten Unterstützung für Putin schnell verschwinden.

DW: Mit anderen Worten, es sind zwei verschiedene Mechanismen denkbar, wie es zu einer Änderung der öffentlichen Meinung kommen könnte: Die Veränderung könnte von einer Spaltung der Eliten ausgehen, die eine Meinung über die Situation besitzen, öffentlich aber eine andere äußern, oder die Veränderungen können aus der breiten Gesellschaft kommen, die dafür aber erst anderen Ansichten ausgesetzt sein müsste.

TK: Das ist grundsätzlich richtig. Die öffentliche Meinung verändert sich, wenn die Kosten der Wahrheit für die Eliten sinken. Wenn es zu einer Spaltung unter den Eliten kommt und einige von ihnen über ihre Erkenntnisse und Meinungen offen sprechen, wird die breite Öffentlichkeit anfangen, sich damit zu beschäftigen. Die Massen werden dann konkurrierenden Interpretationen ausgesetzt sein. Wenn sich einige von ihnen der bisher versteckten Opposition anschließen und zu protestieren beginnen, dann kann sich die Welle des Widerstandes von sich selbst ernähren. Mit anderen Worten, die Anzahl der Oppositionellen kann durch einen Kaskadeneffekt anschwellen.

DW: Durch was könnte ein solches Szenario ausgelöst werden?

TK: Ein möglicher Auslöser ist ein wirtschaftlicher Schock, durch den die Menschen zu der Erkenntnis gelangen, dass sich ihr Leben in absehbarer Zeit nicht verbessern wird. Betrachten wir die Auswirkungen des Ölpreisverfalls auf Russland. Solange der Preisverfall als temporär wahrgenommen wird, wird er keine große Resonanz bei den Eliten hervorrufen. Aber wenn die Eliten verstehen, dass der Ölpreis das ursprüngliche Niveau sobald nicht wieder erreichen wird, werden manche daraus ableiten, dass der aktuelle politische Status quo nicht mehr tragbar ist.

Ein Teil von ihnen könnte auch anfangen, seine Gedanken auszusprechen, möglicherweise, um sich an die Spitze einer Opposition zu stellen, die wahrscheinlich das Ruder übernimmt, wenn das gegenwärtige Regime fällt. Jemandem, der glaubt, dass ein Regimewechsel unausweichbar ist, wird es als Vorteil erscheinen, frühzeitig mit der Opposition identifiziert zu werden.

Der Zusammenbruch des DDR-Regimes im November 1989 bietet ein lehrreiches Beispiel. Im Sommer des Jahres 1989 hatte das gesamte ostdeutsche Politbüro verstanden, dass das Regime bedroht war. Es dauert nicht lange, dass sich das Politbüro aufspaltete. Einige Mitglieder beschlossen, sich vom sinkenden Schiff abzusetzen und nicht gegen die Demonstranten vorzugehen. Es dauerte nicht lange, bis sie sich als Sozialdemokraten bezeichneten. Das Beispiel der DDR legt wie viele andere nahe, dass eine politische Transformation in Russland zu einer Spaltung des Umfelds von Wladimir Putin und seiner Verbündeten in der Wirtschaft führen würde.

DW: In Ihrem Buch, “Private Wahrheiten, öffentliche Lügen: die sozialen Folgen der Präferenzverfälschung” schreiben Sie, dass politische Transformationen eine Veränderung der Präferenzen beinhaltet. Wie kommt das?

TK: Es sind wieder zwei verschiedene Mechanismen beteiligt. Denken Sie daran, dass es Menschen gibt, welche von Anfang an ihre Präferenzen verfälschten. Diese “versteckten Dissidenten” sind bereit, ihre Meinung auszusprechen, wenn das Risiko dafür ausreichend fällt. Nehmen wir an, dass ein externer Schock ein paar versteckte Dissidenten dazu ermuntert, aufrichtig zu sprechen. Ihre Entscheidung, mit den Lügen aufzuhören, verringert die Kosten für andere versteckte Oppositionelle. Die Sicherheit liegt hier in Anzahl: Je mehr Menschen es gibt, die öffentlich gegen das Regime auftreten, desto geringer ist das Risiko für einzelne Personen, identifiziert und bestraft zu werden. Das Oppositionswachstum kann sich so aus sich selbst heraus ernähren.

Je mehr die Größe des öffentlichen Widerstands wächst, desto mehr Mitglieder in der Gesellschaft werden mit Bekannten, mit Kollegen oder vor dem TV-Publikum über die Missstände sprechen. Die Massen, die bisher nichts über die Fehltritte und Unzulänglichkeiten des Regimes gewusst haben, besitzen nun einen leichteren Zugang zu einer Vielzahl von Ansichten. Je mehr Oppositionelle gegen die Regierung wie Pilze aus dem Boden schießen, desto rapider steigt die Anzahl der Menschen, die abweichenden Ansichten ausgesetzt ist. Immer mehr Menschen verstehen, dass die amtierenden Regierung für ihre Probleme verantwortlich ist. Die politische Mobilisierung und das politische Bewusstsein entwickeln sich zu einem Tandem und unterstützen sich in ihrer Dynamik.

DW:  Muss der Wechsel mit den Eliten beginnen? Mit anderen Worten, ist es die Spaltung unter den Eliten, die zu einer Abwärtsspirale von Regimen führt?

TK: Dies ist ein mögliches Szenario, und es ist relativ häufig. Die politische Mobilisierung gegen ein Regime beginnt mit einer Spaltung der Eliten. Aber es gibt auch ein anderes, etwas selteneres Muster, das wir 2011 in Tunesien beobachten konnten.

Unter Präsident Ben Ali verstanden die tunesischen Eliten, dass sein Regime sehr repressiv war, dass die Korruption grassierte, und die Wirtschaftspolitik verbessert werden sollte.

Aber sie fürchteten sich auch, den Präsidenten zu kritisieren, geschweige ihm offen zu widersprechen. Der Katalysator für die Bewegung gegen das Regime Ben Ali kam von der alleruntersten Ebene: Das Volk stand auf, als Mohamed Bouazizi, ein Straßenverkäufer, der wiederholt von der Polizei schikaniert wurde, eines Tages sagte: “Genug ist genug” und sich selbst anzündete.

Seine tödliche Selbstverbrennung hatte den Nerv zahlreicher Tunesier getroffen, die selbst tägliche Unannehmlichkeiten und Demütigungen durch Beamte erlitten. Spontane Demonstrationen begannen, weil sich so viele Menschen mit den Demütigungen, die Bouazizi erlitten hatte, identifizieren konnten.

Dies zeigte, dass die Gesellschaft eine Sollbruchstelle erreicht hatte. An diesem Punkt spalteten sich die Eliten. Und wieder verstärkten sich die Spaltung zwischen den Eliten, die Massenmobilisierung gegen das Regime und die Verbreitung von Informationen über die Schuld des Regimes gegenseitig.

DW: Führt eine Transformation auch immer zu einem Umdenken?

TK: Die tunesische Revolution veranschaulicht, wie der Zusammenbruch der DDR, dass eine politische Transformation komplett unvorhergesehenen kommen  kann. Bouazizi war weder der erste Araber, der sich selbst in Brand setzte, noch der letzte. Aber nur seine Selbstverbrennung hatte massive Auswirkungen.

Viele Tunesier waren frustriert, aber ihnen war nicht klar, wie weit verbreitet die Frustration war. Nun, ganz plötzlich, erkannte man, dass die Repression einen Punkt erreicht hatte, an dem viele Menschen in Tunesien erkannten, dass ihr Land nicht mehr lebenswert ist. Dies war der Lernprozess, der stattfand. Er höhlte die Legitimität und die Überlebenschancen des etablierten Regimes aus.

DW: Nach unseren Umfragen liegt die öffentliche Unterstützung für Putin bei mehr als 80 Prozent. Glauben Sie, dass sich diese Zahl in kurzer Zeit ändern wird?

TK: Während einer wirtschaftlichen Rezession kann ein repressiver Führer aus zwei miteinander verbundenen Gründen mit einer hohen öffentlichen Unterstützung rechnen: (1) private Unterstützung und (2) Präferenzverfälschung durch jene, die ihn privat für die Probleme verantwortlich machen.

Wir müssen deshalb zwischen der echten Unterstützung und einer oberflächlichen, eingebildeten Unterstützung unterscheiden. Eine hohe echte Unterstützung könnte die Kontrolle des Führers über die Massenmedien reflektieren. Der Durchschnittsbürger besitzt nur die Informationen, die von den Anhängern des Regimes kontrolliert werden. Die hohe eingebildete Unterstützung wird durch die Angst vor der scheinbaren Übermacht des Anführers erzeugt. Sein Bild der Unbesiegbarkeit stammt zum Teil aus der weit verbreiteten echten Unterstützung, die er genießt.

Die genaue Zusammensetzung der Unterstützung aus diesen beiden Arten ist eine empirische Frage. Man kann sie durch den Vergleich von Umfrageergebnissen schätzen, die durch zwei verschiedene Methoden gewonnen worden.

Im ersten Verfahren zieht man Umfragen zu Rate, die von Meinungsforschern durchgeführt wurden , die den Anschein besitzen, mit dem Regime verbunden zu sein.

Im Rahmen des zweiten Verfahrens geben Meinungsforscher, die in der öffentlichen Wahrnehmung nicht mit dem Regime verbunden sind, den Befragten glaubwürdige Anonymität.

Echte Unterstützer würden ihre Unterstützung für den Führer bei beiden Methoden zum Ausdruck bringen. Allerdings würden Menschen mit einer privat abweichenden Meinung nur bei Methode 1 angeben, dass sie den Anführer unterstützen. Bei Methode 2 hingegen würden sie  sagen, dass sie ihn ablehnen.

Wenn die beiden Verfahren zu ähnlichen Ergebnissen führen, müsste man daraus schließen, dass ein Großteil der zu beobachtenden Unterstützung echt ist.

Ich wiederhole: echte Unterstützung bedeutet nicht unbedingt eine fest verankerte Unterstützung. Einem Großteil der 80% würde es schwer fallen, die wirtschaftliche Leistung des Regimes so zu verteidigen, dass dies für einen informierten Beobachter nachvollziehbar ist. Wenn die Medien kritischer werden würden, würde ein Teil der echten Unterstützung für Putin schnell verschwinden.

Artikel von: Denis Wolkow
Quelle: IMRussia.org

Bild: Sergej Jolkin (Karikatur) Duke University (Foto)

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