Wir haben Euch verraten und sind in der Ukraine zerbrochen

Lilia Schewzowa vergleicht Russland mit einem Rumpf, dem man ein Bein – die Ukraine – herausgerissen hat. Sie erklärt, wohin dieser geschundene Körper rennt.

Lilia Schewzowa vergleicht Russland mit einem Rumpf, dem man ein Bein – die Ukraine – herausgerissen hat. Sie erklärt, wohin dieser geschundene Körper rennt.  

Empfehlung, Meinung & Analyse, Politik, Russland

Artikel von: Elena Tribuschnaja
Quelle: Nowoje Wremja

Der folgende Text basiert auf einer Rede der russischen Politikwissenschaftlerin Lilia Schewzowa, die sie im vergangenen November in Kyiw gehalten hat 

Die Ukraine ist eine Herausforderung für Russland und eine Herausforderung für den Westen. Ich glaube, dass der Euromaidan nicht nur in unserer postsowjetischen Geschichte – nicht nur in der russischen, der ukrainischen – sondern in der europäischen Geschichte eine größere Rolle spielt als die Ereignisse des Jahres 1991. Ich sage das nicht, um den Ukrainern zu schmeicheln und ihnen zu sagen, dass sie wichtiger sind als der Rest der Welt. Nein, ich sage schon ein halbes Jahr lang, dass der Euromaidan wichtiger ist als der Zusammenbruch der Sowjetunion.

Der Zusammenbruch der Sowjetunion führte zur Aufspaltung des sowjetischen Monsters in mehr oder weniger kleine Staaten – mit Ausnahme des Baltikums. Dieses nämlich sprang rechtzeitig vom sinkenden Schiff ab. Aber alle anderen Staaten wie Russland oder die Ukraine haben den genetischen Code der Sowjetzeit bewahrt, der in jedem beliebigen Moment zu einer Wiederbelebung der Autokratie führen kann – und bereits dazu geführt hat, wie die Beispiele Belarus, Kasachstan, Aserbaidschan und Janukowitsch zeigen.

Der Euromaidan war etwas anderes. Im postsowjetischen Raum hat es so etwas noch nicht gegeben. Es war der Versuch, aus den Grenzen des alten Paradigmas auszubrechen, der Versuch eines zivilisierten Aufschreis. Die Ukraine hat sich von der russischen Kultur abgewandt, auf eine gänzlich andere Ebene gestellt und versucht eine neue Nation, einen neuen Staat aufzubauen. Natürlich konnte Russland dies nicht verzeihen. Und das Land konnte den Versuch nicht unterlassen, euch aufzuhalten.

Ein Vortrag von Lilia Schewzowa im Mysteskyi Arsenal auf Einladung der Schule für politische Studien in der Ukraine, die am 27.11.2015 ihr 10jähriges Bestehen feierte. Foto: Alexander Kovale

Ein Vortrag von Lilia Schewzowa im Mysteskyi Arsenal auf Einladung der Schule für politische Studien in der Ukraine, die am 27.11.2015 ihr 10jähriges Bestehen feierte. Foto: Alexander Kovale

Das, was in den Jahren 2014 und 2015 passiert ist, war die Zerstörung der alten Weltordnung. Es gibt sie nicht mehr. Es gibt nicht mehr das Europa der alten Ordnung, ebenso wenig wie den Postkommunismus. Ob ihr es wollt oder nicht, der Maidan hat nicht nur in der ukrainischen Geschichte bewusst oder unbewusst ein ganzes Kapitel geschlossen. Streicht den Begriff „Postkommunismus“ mit seinen Illusionen, Stereotypen und dummen Hoffnungen aus eurem Gedächtnis, es gibt ihn nicht mehr. Es beginnt eine neue Zeit. Aber welche? Das wissen wir nicht. Aber ihr steht in der ersten Reihe und werdet sie selbst gestalten.

Es ist traurig und dramatisch, was euch bevorsteht, und wesentlich schwieriger als in Polen oder im Baltikum im Jahre 1991, oder in Osteuropa. Die Welt ist heute nämlich eine andere. Es wird auch sehr schwierig sein, euch zu helfen. Und im Gegensatz zur „Samtenen Revolution“ im Jahre 1989 wird es weniger Hilfe geben.

Der zweite Aspekt. Warum hat Russland so konsequent auf die Trennung reagiert? Warum seid ihr Russland so wichtig? Weil es nicht um Putin geht. Vergesst Putin, vergesst den Kreml. In Russland besteht nach wie vor ein brutales und tödliches System, welches ohne die Ukraine nicht existieren kann. Die Ukraine mag für dieses System vielleicht nicht die rechte Hand sein, mit Sicherheit jedoch stellt sie einen Teil des Körpers dar, sagen wir ein Bein. Können Sie sich vorstellen, was passiert, wenn sich plötzlich der rechte Arm oder ein Bein vom Körper abtrennen und fortan getrennte Wege gehen möchten? Wie kann der restliche Körper weiter leben?

Es gibt sehr beängstigende Signale. Die Ukraine hat auf der einen Seite ihre alte Führung vertrieben, aber auf der anderen Seite das Signal ausgelöst, das verkündet, dass im postsowjetischen Raum eine Ära zu Ende gegangen ist.

In gewisser Weise haben jene in Russland recht, die behaupten, dass die Abwendung der Ukraine, die Flucht der Ukraine, ja der Ukrainer, den russischen Staat delegitimieren. Ja, was wir heute erleben, das ist die Zersetzung des russischen Staates in seiner heutigen Form. Und wir wissen nicht, was wir ohne euch machen werden, wenn bei euch alles erfolgreich verläuft. Gott bewahre.

Man muss zugeben, dass wir Liberalen (auch ich gehöre zum liberalen Milieu in Russland) euch nicht verstanden haben. Wir haben euch verraten. Im Grunde genommen haben wir euren Aufbruch nicht wahrgenommen. Und selbst diejenigen unter uns, die im Gefängnis sitzen, für das Recht kämpfen, auf Demonstrationen gehen und für Freiheit und Würde eintreten, sogar bei denen gibt es einige, die sagen: „Die Ukrainer machen es nicht richtig. Sie gehen ohne uns nach Europa. Sie sollten mit uns zusammen gehen.“

Wir sind in der Ukraine zerbrochen. Das ist eine schwierige Geschichte. Mag sein, dass wir irgendwann darüber sprechen können.

Der dritte Aspekt. Und was ist mit dem Westen? Die ganze Zeit falle ich über Europa und den Westen her, das ist schon eine Art Hobby. Aber was ist Europa und was ist der Westen? Es stellte sich heraus, dass in dem Moment, in dem es am nötigsten war, im Moment der Annexion der Krim, als Russland bereits eure Grenze überschritten hatte, in diesem Moment also der Westen und Europa dachten: Was ist denn das? Vielleicht beruhigt es sich bald wieder oder geht vorüber? Die Europäische Gemeinschaft, die liberale Demokratie, die modernsten Gesellschaften auf dem Planeten, haben intellektuell und politisch nicht verstanden, haben nicht realisiert, was in Russland und in der Ukraine passiert. Darüber hinaus hat Russland schon 2004, nach eurer Orangenen Revolution, eine eindeutige Richtung eingeschlagen. Ebenjenen Weg, den es heute nach wie vor beschreitet. Nur wurde dieser Richtungswechsel in Europa nicht bemerkt.

Lilia Schewzowa in Kiew: "Ich möchte ihnen Geduld, Mut, Selbstironie und Hoffnung wünschen. Wenn euch das gelungen ist, dann werden wir in Russland vielleicht auch damit beginnen, uns von den Knien zu erheben." Foto: Alexander Kovalenko

Lilia Schewzowa in Kyiw: “Ich möchte Ihnen Geduld, Mut, Selbstironie und Hoffnung wünschen. Wenn euch das gelungen ist, dann werden wir in Russland vielleicht auch damit beginnen, uns von den Knien zu erheben.” Foto: Alexander Kovalenko

In einer Zeit, als in Russland der Revisionismus, der Revanchismus vorbereitet wurde, verfolgte Europa eine Politik, die sich Modernisierungspartnerschaft nannte – in einer Zeit, in der es in Russland nichts zu modernisieren gab. Und zu einem gewissen Grad sind der Westen und Europa für das verantwortlich, was euch, der Krim und dem Donbas widerfahren ist.

Ohne das stillschweigende Einverständnis des Westens beziehungsweise der westeuropäischen Hauptstädte, und wäre die Europäische Union kein zahnloser Tiger, dann wäre Putin niemals dorthin gekommen, wo er heute ist. Aber es ist offensichtlich, dass seine Gesellschaft ihn in all den Jahren – Chirac, Sarkozy, Berlusconi, Schröder, Cameron, Obama (Merkel streiche ich einstweilen aus der Aufzählung) – in der Auffassung bestärkte, dass es keine rote Linie gibt, die nicht überschritten werden könne. Und der Westen, insbesondere Europa, brachte den Kreml in Versuchung, diese rote Linie zu finden.

Der nächste Aspekt: die Krim. Die Krim ist eine Falle. Ja, die Krim hat die Popularität Putins von 60 auf 80 Prozent wachsen lassen. Welcher Staatsmann genießt heute eine solche Popularität? Der Kreml hat die Krim dazu benutzt, um Russland innerhalb einer sehr kurzen Zeit von einem Modell in ein anderes zu überführen: Vom Modell der simulierten Demokratie und der Partnerschaft mit dem Westen und Europa hin zum Paradigma des Krieges. Die Falle besteht darin, dass es ziemlich einfach ist, in das Kriegsparadigma zu wechseln – aber sehr schwer, aus dieser Logik wieder herauszukommen. Deshalb benötigt Russland und vielleicht auch der Kreml immer wieder neue Injektionen. Wenn man drogenabhängig ist, benötigt man auch ständig neue Injektionen, um in Form zu bleiben. Deshalb wird man nach der Ukraine neue Injektionen benötigen. Derzeit ist Syrien der Stoff.

Der Schachzug in Syrien bedeutet das Eingeständnis der Niederlage Putins und des Kremls in der Ukraine. Das ist ein Versuch, der ukrainischen Falle zu entkommen. Es ist ein Versuch, die Welt den Krieg in der Ukraine vergessen zu lassen. Es ist auch ein verzweifelter und zynischer Versuch, den Westen zu bewegen, seine Blockade gegenüber Russland aufzugeben und sich mit Putin wieder an den Tisch der Großmächte zu setzen. Daher kann Russland – nicht nur das Russland unter Putin, sondern Russland überhaupt – nicht Nordkorea sein. Russland kann nur ein bedeutender Staat sein, wenn es mit dem Westen an einem Tisch sitzt.

Und noch zwei Punkte: Syrien ist auch der Versuch, den Westen auf einen Männlichkeitswahn zu testen – zumindest, ob es nicht wenigstens Spuren davon gibt. Gibt es dort Mut, Antrieb oder einfach nur rückgratloses Fleisch? Es ist auch der Versuch, den Westen dazu zu bringen, die eigenen Spielregeln zu akzeptieren, zuerst in Syrien und später anderswo.

Und die dritte Aufgabe ist es, in Russland eine militärisch-patriotische Legitimität herzustellen. Wir können schon nicht mehr ohne diese Droge existieren. Wir brauchen Nahrung. Man muss beständig das Gift der Bedrohung in die Venen injizieren, sonst denkt die Gesellschaft darüber nach, wie man das Fenster öffnen kann.

Und zum Schluss ein paar Worte über Signale. Es gibt sehr beängstigende Signale. Die Ukraine hat auf der einen Seite ihre alte Führung vertrieben, aber auf der anderen Seite das Signal ausgelöst, das verkündet, dass im postsowjetischen Raum eine Ära zu Ende gegangen ist. Die Ukraine ging zuerst. Denn sämtliche Modelle, die nach 1991 entstanden, waren nicht überlebensfähig. Weißrussland, Moldawien, Kirgisien, Tadschikistan, Aserbaidschan, Armenien, Georgien, Russland – alle warten auf die Krise, Stagnation, die Agonie. Russland ist bereits in der Agonie.

Eine andere Sache ist es, dass selbst die Phase der Agonie ein gewisses Potential entwickeln kann, etwa wenn der Ölpreis wieder steigt. Das kann 5, 6, 7, 10, 20 Jahre andauern, stellt aber keine nachhaltige Entwicklung dar. Dieses Universum wird auseinanderbrechen. Das ist eine große Herausforderung für Europa und für die ganze Welt, welche in jedem beliebigen Moment sehr turbulent werden kann, und die sich nicht vorhersagen lässt. Alle Explosionen oder Stürme äußern sich letzten Endes in sozialen oder politischen Phänomenen.

Irgendjemand hat gesagt, dass Russen und Ukrainer jetzt durch vergossenes Blut getrennt sind. Ja, durch Blut. Wir und ihr müssen uns dessen noch bewusst werden.

Und zuallerletzt. Was denken Sie, lässt sich in Europa vom politischen Standpunkt aus derzeit eher eine Morgen- oder eine Abenddämmerung beobachten? Morgengrauen wohl kaum. Es gibt in Europa, im Westen, in den USA sehr viele Probleme. Das, was in der westlichen Welt passiert, ist eine Krise. Es ist nicht die erste. Schon im 20. Jahrhundert hatte man zwei Krisen, in den 30er und in den 70er Jahren. Der Westen hat sie überstanden, weil er eine einzige überlebensfähige Zivilisation ist. Und er wird auch die heutigen Probleme überstehen, auf die eine oder andere Art und Weise. Natürlich nicht mit dieser politischen Führung. Die Sachwalter des Status Quo sind an das Leben im Postkommunismus gewöhnt, mit einer gewissen Stagnation und Relativismus, ohne konkrete Ideologie. Nein, das sind keine wahren Staatsmänner. Es bedeutet, dass man auf andere warten muss. Vielleicht werden die USA den Anfang machen, nach Obama? Wer wird der Erste sein? Höchstwahrscheinlich wird von dort die Initiative ausgehen.

Aber es ist wichtig, dass die Ukrainer sich und auch Europa rechtzeitig das Adrenalin injiziert haben und sich etwas bewegt – auch wenn es nicht rechtzeitig geschah, sondern im Moment der Abenddämmerung. Auch wenn Putin euch dabei geholfen hat. Aber es ist auf jeden Fall wichtig, dass ihr, trotz eurer Probleme, das Zepter selber in die Hand genommen habt, aus unserer Tasche gesprungen seid und niemals zurückkehren werdet.

Irgendjemand hat gesagt, dass Russen und Ukrainer jetzt durch vergossenes Blut getrennt sind. Ja, durch Blut. Wir und ihr müssen uns dessen noch bewusst werden. Aber jetzt hängt alles von euch ab. Ihr müsst das machen, was einst die Polen gemacht haben.

Ihr könnt die Pufferzone niemals verlassen, wenn Europa euch nicht hilft. Und für Europa ist das kein Akt der Nächstenliebe. Es muss nicht sagen: „Danke, dass ihr euer Blut und Leben gegeben habt.“ Auch Europa benötigt einen gewissen Pragmatismus. Wenn diese faule Pufferzone an der östlichen EU-Außengrenze bestehen bleibt, dann droht eine Finnlandisierung (viele meiner Kollegen in Europa und Amerika sagen: „Lasst die Ukraine im Bereich der Finnlandisierung!“), in der Russland immer versuchen wird, die Schwachstellen Europas und der Ukraine zu finden.

Ich möchte Ihnen Geduld, Mut, Selbstironie und Hoffnung wünschen. Wenn euch das gelungen ist, dann werden wir in Russland vielleicht auch damit beginnen, uns von den Knien zu erheben. Goethe sagte einmal: „Wenn man sich von den Knien erhebt und den Rücken streckt, hilft die Vorsehung immer“. Ich wünsche euch viel Erfolg.

Diese Rede hat Lilia Schewzowa, promovierte Historikerin, Senior Research Fellow der Brookings Institution, am 27. November in Kyiw auf der Konferenz der Ukrainischen Schule für Politische Studien auf Einladung des Medienpartners Nowoje Wremja gehalten.

Artikel von: Elena Tribuschnaja
Quelle: Nowoje Wremja

Bild: Nowoje Wremja

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