Kinostudio Ostankino: Wie die russischen Medien Nachrichten über Flüchtlinge in der EU konstruieren | The Insider

 

Analytik und Meinungen, Empfehlung, Menschenrechte, Nachrichten, Soziales

Artikel von: The Insider
Quelle: theins.ru, 26.1.2016

Dieser Artikel erschien im Original auf der russischen Plattform für investigativen Journalismus “The Insider”.

The Insider berichtete bereits über das Strafverfahren wegen Volksverhetzung, das gegen Ivan Blagoj, den Leiter des Berliner Büros des Ersten Kanals, eingeleitet werden könnte. Es geht dabei um seine Berichterstattung über ein Mädchen, das angeblich von Migranten entführt und vergewaltigt wurde (beides wird von der Polizei dementiert) und um die in diesem Sujet getätigte Aussage über die Notwendigkeit, „auf Gewalt mit Gewalt zu antworten“.

Tatsächlich war dies bei Weitem nicht die einzige derartige Reportage – das russische Fernsehen produziert Sujets über Migranten in Deutschland am Fließband; begleitet wird diese Nachrichten-Artillerie von Kundgebungen in ganz Deutschland, die sich gegen Migranten richten, und an denen die russische Diaspora teilnimmt.

The Insider hat recherchiert, wie und von wem diese Kundgebungen organisiert werden – und wer die Nachrichten für die russischen Medien konstruiert.

Hier ein typischer Bericht über die Apokalypse in der EU, der beim Sender „Zvezda“ am 14. Januar unter der Überschrift „Europa, Paradoxie der Toleranz“ erschien. Einer der Schlüsselkommentare stammt von einer gewissen „Viktorija Schmidt“, die mit zitternder Stimme über die Untaten von Migranten in Deutschland erzählt – wie sie gezwungen sei, ein Tränengas-Spray mit sich zu tragen und wie sie und ihr Mann planten, nach Russland zurückzukehren, da das Leben in Deutschland einfach gefährlich werde.


Reportage des Senders „Zvezda“ mit Schauspielern

Der echte Name dieser „Viktorija Schnidt“ ist Natalja, sie lebt in Wirklichkeit in Hannover und beschäftigt sich damit, russischen Fernsehsendern (darunter auch ganz großen föderalen Kanälen) dabei zu helfen, derartige Sujets für ein knappes Honorar (um die 500 Euro) zu konstruieren. Ein Korrespondent von The Insider, der sich als Produzent eines Fernsehsenders vorstellte, nahm Kontakt mit Natalja auf und erfuhr, wie dieses einträgliche Geschäft funktioniert:


The Insider: „Wie Sujets für russische Fernsehsender konstruiert werden“ (Russisch)

Natalja ist natürlich bei Weitem nicht die einzige, die in Deutschland mit dem Konstruieren von „Schauermärchen“ über Europa beschäftigt ist. Es gibt mehr als genug, die leichtes Geld mit Fakes verdienen wollen. The Insider hat auch einen anderen erfolgreichen derartigen Organisator gefunden, der mit staatlichen Sendern arbeitet: den Kameramann Oleg Tscherkasow. Als der Korrespondent von The Insider (mit der Legende, er sei der Produzent eines Fernsehsenders) darauf aufmerksam machte, dass die Geschichte über Belästigungen durch Migranten nicht der Wahrheit entsprechen könnten, stört ihn das nicht. Und der Preis ist bei Oleg Tscherkasow bescheidener, 200 Euro. Was auch logisch ist, denn Natalja bietet schließlich sowohl ihre eigenen Sujets und Helden und sich selbst an, während Oleg Tscherkasow nur Sujets filmt.


The Insider, „Gespräch mit Oleg Tscherkasow“

Wie sieht es mit den Kundgebungen gegen Migranten aus, die, wenn auch wenige, sich im ganzen Land ausbreiten? Russische Journalisten können doch keinen solchen Auflauf erzeugen? Das können sie aber tatsächlich. Und das lässt sich nach Recherchen von The Insider recht leicht bewerkstelligen. Zuerst wird ein Grund geschaffen – so einer, wie dieses Mal mit dem 13-jährigen russischen Mädchen: Russische Medien verbreiten massiv Falschinformationen über „Entführung und Vergewaltigung“, würzen das mit Kommentaren über die angebliche „vollständige Tatenlosigkeit“ der deutschen Strafverfolgungsbehörden und das Verschweigen der Situation in den deutschen Medien; und dann erklären die Helden ihrer Sujets, dass man „auf Gewalt mit Gewalt antworten“ müsse.

Die russische Diaspora in Deutschland (an die sieben Millionen Menschen) schaut russisches Fernsehen in Deutschland und wird zum Zielpublikum für deutsche Neonazis. The Insider schrieb bereits über Kundgebungen der neonazistischen Partei NPD, Kundgebungen, die mit russischen Informationskampagnen synchronisiert sind. Aber in Deutschland gibt es noch eine marginale neonazistische Bewegung: Pegida (Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes), die seit 2014 existiert und noch weiter geht, indem sie unter ihren Agitatoren auch Vertreter der russischen Diaspora einbaut.

Vor einem Jahr sah es danach aus, als stünde Pegida vor dem Verschwinden, nachdem Lutz Bachmann, Gründer der Bewegung, am 21.01.2015 seinen Rücktritt erklärt hatte wegen eines Skandals, den seine Fotografie als Hitler und ein Facebook-Post von Jemandem in der Kleidung des Ku-Klux-Klans zusammen mit dem Spruch „Drei Ks am Tag halten Minderheiten fern“ hervorgerufen hatten.

Lutz-Bachmann-styled-as-A-010

Lutz Bachmann, Gründer der Bewegung Pegida


Aber jetzt, 2016, hat diese Bewegung eine Wiedergeburt erfahren – unerwarteterweise dank der russischen Diaspora. Sofort wurden in vielen Städten Deutschlands Aktionen organisiert, unter Einbeziehung der russischen Diaspora. Anlass war das 13-jährige Mädchen und die Hauptredner waren die russischen Funktionäre von Pegida, die auf Russisch sprachen. So beschrieb es einer der Zeugen einer derartigen Kundgebung in Hannover (er bat, seinen Namen nicht anzugeben):

„Es begann damit, dass ein Aufruf zu einer Kundgebung über Facebook und SMS verschickt wurde. Ich erhielt sechs Mal derartige Mitteilungen:

„ACHTUNG! DAS IST DER KRIEG!

Vergewaltigt wurde ein 13-jähriges Mädchen in Berlin. Die käufliche Regierung und ihre treuen Polizeischergen versuchen, auf jede erdenkliche Art und Weise den Vorfall zu vertuschen. Die Presse schweigt schon eine Woche lang.

 
AM SONNTAG, 24.01.2016 VON 14:00-16:00 WIRD DIE GESAMTE RUSSISCHPRACHIGE BEVÖLKERUNG AUFGERUFEN; AUF DIE PLÄTZE ODER VOR DIE RATHÄUSER IN ALLEN ORTSCHAFTEN DEUTSCHLANDS ZU GEHEN. ALLE GEMEINSAM, OB GROSS ODER KLEIN, GLEICHZEITIG.

DIE, DIE DIES IGNORIEREN, HABEN DIESE VERGEWALTIGUNG AUF IHREM GEWISSEN: DAS IST DIE ERSTE FRIEDLICHE PROTESTWARNUNG FÜR DIE REGIERUNG.

 
Wir stehen an einem Abgrund, und wenn wir uns nicht zusammenschließen und Deutschland verteidigen, dann werden wir alle zerquetscht, wie Ratten, jeder in seinem.“
 

 

In Hannover kamen ungefähr 500 Personen. Sowohl irgendwelche Kosaken als auch Nationalisten, verbreiteten irgendeinen unglaublichen Unsinn. Eine Auftretende stellte sich als „Verwandte und enge Bekannte der Familie der Geschädigten“ vor; aber eine ihrer Bekannten verriet sie zufällig – tatsächlich ist sie eine Funktionärin von Pegida. Von sechs Rednern gehörten drei zu Pegida. Es trat noch ein jüdisches Männlein im Cowboyhut aus einer Deutsch-Russischen Gesellschaft auf; erst lief alles glatt, dann kam er ins Reden und erzählte von einem Freund in Israel, der Araber hasst; dann erklärte er, dass wir hier alle Deutsche seien, deutsche Ordnung, deutsche Kultur und deutsches Rechte bräuchten. Die Leute, die zur Kundgebung kamen, waren von den Nachrichten eingeschüchtert und hier wurden sie bearbeitet und von der Bühne direkt für den Eintritt in Pegida geworben.

The Insider besitzt ein Video von dieser Kundgebung, auf dem tatsächlich irgendeine russischsprachige Frau für die Unterstützung von Pegida wirbt. Dabei ist zu erkennen, dass sie sich mit der deutschen Sprache schwer tut:



Pegida-Kundgebung für die russische Diaspora in Hannover

Die Vertreter des deutschen Staates versuchen mit der russischen Diaspora in einen Dialog zu treten. Bei einer gleichen Demonstration in der Stadt Lahr (Einwohnerzahl um die 40.000) versucht der Bürgermeister mit den Versammelten zu sprechen und kann die Menge kaum übertönen: „Jetzt fragt Ihr, wie man in unser kleines Lahr 1000 Flüchtlinge schicken kann? Dann erinnere ich Euch daran, dass früher viele örtliche Einwohner fragten, wie wir es zulassen können, dass uns 9000 Aussiedler aus der ehemaligen Sowjetunion zugewiesen werden. Ja, es war schwierig, es hat Jahre an Arbeit gebraucht, damit die Menschen diese Situation akzeptierten. Aber wir haben es geschafft und ich halte es für richtig – letztlich haben wir alle gewonnen.“

Der Bürgermeister von Lahr spricht mit den Demonstranten

Viele russische Immigranten sind von den Ereignissen nicht weniger schockiert als die anderen Einwohner Deutschlands – wenn die Russen früher stolz darauf sein konnten, dass sie Deutschland von den Nazis befreit hatten, dann haben sie jetzt Angst, dass sie in den Augen der Deutschen bald selbst mit marginalen neonazistischen Parteien in Verbindung gebracht werden. Das ist ungerecht: Diese Kundgebungen von Pegida hatten sehr wenige Teilnehmer, sie versammeln ein paar hundert Leute (im Gegensatz dazu brachte in Berlin eine Kundgebung zur Unterstützung von Migranten einige Zehntausende zusammengebracht – es waren nicht wenige Russen dabei). Wie sich die Situation weiterentwickeln wird, hängt in vielen Punkten von den russischen Fernsehsendern ab.

„Das russische Fernsehen ist derzeit die Hauptquelle für chauvinistische und xenophobe Propaganda für einen recht großen Teil des russischsprachigen Publikums,“ erklärt Dmitry Vrubel, der jetzt in Berlin wohnt, gegenüber The Insider. Aber die Agenda der Fernsehnachrichten ändere sich abrupt: noch vor kurzem waren zwei von drei Nachrichtenblöcke der föderalen Fernsehsender den „Gräueltaten der Faschisten in Neurussland“ gewidmet, dann der „Vernichtung der Stäbe des IS in Syrien“, jetzt betreffen alle Nachrichten ausschließlich „die Einwohner der EU, die unter der Unterdrückung durch Migranten leiden“. Viele hoffen, dass auch dieses Thema früher oder später ausgeschöpft ist, und die Neonazis wieder an Unterstützung verlieren.

 

Artikel von: The Insider
Quelle: theins.ru, 26.1.2016

Übersetzt von: Martina Steis; Red. Euromaidan Press auf Deutsch

Schlagworte:, ,