Ildar Dadin: “Im Fernsehen hat man uns von Faschisten erzählt, aber in Kyiw habe ich mutige und stolze Menschen gesehen”

Typische Einzelkundgebung von Ildar Dadin: "Russland, lass die Ukraine in Ruhe - NEIN DEM KRIEG!"

Typische Einzelkundgebung von Ildar Dadin: "Russland, lass die Ukraine in Ruhe - NEIN DEM KRIEG!" 

3. Februar 2016 • Aktionen, Empfehlung, Nachrichten, Politik, Russland

Artikel von: Walery Otstawnych, exklusiv für FAKTY (Moskau)
Quelle: fakty.ua

Ildar Dadin, der erste russische Aktivist, der für drei Jahre ins Gefängnis muss, wegen… “Verstoßes gegen die Regelungen zur Durchführung von Einzelkundgebungen” (mit denen er gegen die Politik des Kremls protestierte) hat “FAKTY” ein Interview gegeben. Am 7. Februar finden weltweit Aktionen zur Unterstützung des politischen Gefangenen statt.

Ildar Dadin wurde als erster russischer Oppositioneller auf Basis eines neuen Paragraphen im Strafgesetzbuch der Russischen Föderation verurteilt, der eine Strafe für den Verstoß gegen die Regeln für Kundgebungen vorsieht. Für wiederholte Einzelkundgebungen erhielt Ildar drei Jahre Straflager, obwohl der Staatsanwalt nur zwei gefordert hatte. Die Protestaktivitäten des Aktivisten haben auch mit der Ukraine zu tun. Darüber erzählte der politische Gefangene, der sich in einem Untersuchungsgefängnis in Moskau befindet, der Zeitung “Fakty”.

– Ildar, in der Ukraine bist du mehr als Straßenaktivist bekannt, den der Staat rechtswidrig festgesetzt hat – als Warnung an diejenigen, die zu Einzelkundgebungen (die keiner Genehmigung bedürfen) und anderen Protestaktionen auf die Straße gehen. Aber wenige wissen, dass du ein aktiver Teilnehmer des Maidans und der Revolution der Würde warst. Erzähle uns darüber mehr. Wann und warum bist du zum ersten Mal auf den Unabhängigkeits-Platz [in Kyiw] gefahren?

– Zum ersten Mal war ich am 7. Dezember 2013 auf dem Maidan. Warum ich hingefahren bin? Ich wollte sehen, was in Kyiw tatsächlich passiert. Im Fernsehen wurde uns von Faschisten und Bandera-Anhängern erzählt, aber ich wusste bereits, dass man den föderalen Fernsehsendern nicht glauben darf. Und tatsächlich sah ich in Kyiw nicht irgendwelche Schurken, sondern mutige und stolze Menschen, die sich ohne Angst und im Bewusstsein, dass sie im Recht sind, bis an die Zähne bewaffneten Sondereinheiten widersetzen. Ich war überrascht, dass wir, Russen auf einer “Exkursion”, äußerst herzlich empfangen wurden. Wir erhielten sogar einen Schlafplatz im Gewerkschaftshaus, obwohl das so überfüllt war, dass oft die Demonstranten selbst keinen Platz zum Schlafen fanden. Danach fuhr ich noch einige Male hin und blieb. Gemeinsam mit den anderen verteidigte ich den Maidan vom 25. Januar 2014, nachdem die ersten harten Auseinandersetzungen zwischen Miliz und Volk auf der Gruschewsky-Straße stattgefunden hatten, bis zum 26 Februar, nach der Flucht Janukowytschs aus der Ukraine und bis klar wurde, dass die Revolution gesiegt hatte. D.h. genau einen Monat und einen Tag.

– Die schwersten Tage auf dem Maidan waren vom 18. bis 20. Februar. Woran erinnerst du dich?

– Natürlich an die furchtbare Auseinandersetzung im Marijnskij-Park am 18. Februar. An eine riesige Anzahl an Sondereinheiten und Tituschki [Regierungstreue Schläger; die Üb.]. Die Sondereinheiten waren durch ihre Anzahl und Bewaffnung überlegen. Viele Hundertschaften wurden zerschlagen, darunter auch unsere, die 11. Hundertschaft. Ich habe mich auf Umwegen zum Maidan durchgeschlagen, die Institutskaja-Straße war schon von Miliz und Sondereinheiten blockiert worden. Ich sah die Reste unserer Hundertschaft und ging mit einem Schild auf die Barrikaden. Ich stand in der “Phalanx” an der Ecke des Gewerkschaftshauses, dann am Denkmal für die Gründer Kyiws. Zwei Mal ging ich mit einem mutigen Ukrainer vor die Barrikaden zu den Sondereinheiten; wir versuchen, Blend- oder Gasgranaten, den Strahl der Wasserwerfer auf uns zu lenken, damit die Genossen auf den Barrikaden und in den hinteren Reihen durchatmen konnten.

– Selbst hast du keine Granaten geworfen?

– Wir hatten nur Schilde. Während eines ganzen Monats auf dem Maidan habe ich nicht einmal einen Molotow-Cocktail in der Hand gehalten.

– Wann hast du verstanden, dass die Polizei mit scharfen Patronen auf die Menschen schießt? Am 20. Februar?

– Nein, bereits früher. In der Nacht vom 18. auf den 19. Februar, während des stärksten Sturms auf den Maidan. Die Berkut-Einheiten kamen damals fast bis zur Bühne. Von der Stromversorgung bis zur Frontlinie bleiben etwa 30 Meter. Da sah ich, wie ein junger Mann stürzte. Einen Schuss hörte ich nicht, wie am 20. Februar – da waren kurze Reihen von Kalaschnikovs und entfernte Geräusche von Scharfschützengewehren zu hören. Aber hier schrie der Mensch nur auf und fiel um. Stöhnte. Er wurde sofort verbunden, aber das Blut floss weiter, dunkelrotes Blut. Und da verstand ich, dass das nicht die elendige Submunition war, die die Berkut-Einheiten an den Blendgranaten befestigten. Es wurde aus scharfen Waffen geschossen, vielleicht mit Schalldämpfer.

– Wann hast du den ersten Toten auf dem Maidan gesehen?

– Am 20. Februar. Ich sah, dass unsere Hundertschaften hinter den Berkut-Einheiten herliefen, während die sich nach oben über die Institutskaja-Straße zurückzogen. Ich erwartete, dass jetzt Tränengas eingesetzt würde und rannte zum Punkt der medizinischen Versorgung, um einen Erste-Hilfe-Kasten zu besorgen, um den Opfern die Augen waschen zu können. Als ich auf die Institutskaja-Straße zurückkam, sah ich, dass ein Mensch getragen wurde. Ein Mann. Das Herz schlug nicht mehr, er hatte keinen Puls. Ich verstand fast sofort, dass er tot war. Er wurde künstlich beatmet, aber ohne Erfolg. Wir trugen ihn zur Hauptpost, wo die nächste Station für medizinische Hilfe war. Ich sah, dass eine große Menge Toter und Verwundeter getragen wurden. Die Leichen wurden getrennt abgelegt. Ich rannte los, um zu helfen, mit den anderen die Opfer wegzutragen. Alle hatten Schusswunden. Da wurde klar, dass die Sondereinheiten mit scharfer Munition auf die Menschen schossen. Was weiter geschah, wissen Sie.

– Danach bist du im April 2014 in die Ukraine gefahren?

– Ja, gemeinsam mit anderen Aktivisten der Zivilgesellschaft. Ich hatte den großen Wunsch nach Lwiw zu fahren, auf dem Maidan habe ich mich mit vielen aus Lwiw angefreundet, aber ich bat darum, in die problematischste Stadt reisen zu können, nach Charkiw. Es hieß, dass die Stimmung dort sehr pro-russisch, gegen den Maidan und die Ukraine gerichtet sei. Aber es stellte sich heraus, dass das ein Mythos war. Ich fuhr ohne Probleme in der Charkiwer Metro mit einem Band in den Farben der ukrainischen Fahne. Die Menschen reagierten auf mich entweder mit Interesse oder mit Wohlwollen.

– In Russland hast du wiederholt an Protestaktionen teilgenommen, darunter auch an solchen zur Unterstützung von Nadija Sawtschenko. Warum?

– Für einen Menschen gibt es im Leben wahrscheinlich nicht all zu viele moralische Autoritäten. Für mich ist Nadija Sawtschenko eine solche moralische Autorität. Ihr Mut, ihre Treue zu ihrem Eid und ihrem Volk, ihre Unbeugsamkeit brachten und bringen mich dazu, einen tiefen Respekt vor ihr zu haben. Wenn Nadija “FAKTY” lesen kann, dann möge sie wissen, dass ich ihr gegenüber meinen Respekt und meine Unterstützung zum Ausdruck bringe. Halten Sie aus, Nadija!

– Du bist jetzt im Gefängnis. Drei Jahre liegen vor dir. Wirst du die Behörden der Russischen Föderation um eine Begnadigung bitten?

– Nein. Es ist besser, weitere zehn Jahre abzusitzen, als vor Henkern auf die Knie zu fallen. Die Abgeordneten und der Präsident haben so viele verfassungswidrige Gesetze angenommen, dass man sie ohne Übertreibung als Verbrecher bezeichnen kann. Ich werde keine Almosen von Henkern erbitten.

– Heutzutage emigrieren viele Vertreter der Opposition aus Russland. Wie würdest du ihre Schritte bewerten – als schändliche Flucht?

– Natürlich nicht. Jeder Mensch hat seine eigene “Schmerzgrenze”. Zudem stimme ich zum Teil denen zu, die denken, dass die Emigration den besten und klügsten Menschen des Landes erlaubt, wenigstens jenseits der russischen Grenzen zu leben. Was mit der Intelligenzija hier geschieht, ist noch nicht absehbar.

– Was halten deine Zellengenossen von deinen Aktivitäten?

– Sie sind auch oppositionell eingestellt, aber nicht bereit zu Opfern für die Freiheit und die Menschenrechte. Der Ukraine gegenüber empfinden sie keinen Hass. In der Zelle trage ich ein T-Shirt mit dem Bild von Taras Bulba. Die Ermittler werteten es als Symbol der “ukrainischen Junta”; für mich aber ist er ein Symbol für einen freien Menschen mit Würde, konkret für einen Ukrainer mit Würde. Die Zellengenossen haben mir anfangs zu diesem T-Shirt Fragen gestellt und ich habe geantwortet, dass darauf ein Mensch ist, der für die Freiheit kämpft, weil er kein Sklave sein will.

– Wie ergeht es dir im Untersuchungsgefängnis?

– Früher war ich in einer Zelle, wo es für elf Insassen acht Schlafplätze gab. Wir schliefen der Reihe nach und es war furchtbar kalt. Es halfen weder Thermounterwäsche noch zwei Decken (die, die nicht schliefen, gaben uns vorübergehend ihre Decken). Jetzt wurde ich in eine Sonderabteilung verlegt. Dort ist es besser. Für sechs Insassen gibt es sechs Betten. Nur der Fernseher läuft die ganze Zeit, deswegen ist es schwierig an der Berufung für das Gericht zu arbeiten, es lenkt ab. Ich versuche mit meinen Leidensgenossen abzusprechen, dass der Fernseher auch mal ausgeschaltet wird.

– Was hältst du von den Ukrainern und was würdest du ihnen wünschen?

– Ich denke, das, was ich bereits erzählt habe, charakterisiert meine Haltung zum ukrainischen Volk. Wünschen möchte ich ihnen Freiheit und Erfolg beim Aufbau eines unabhängigen, demokratischen und europäischen Staates. Ruhm der Ukraine (Slawa Ukraini)!

Zu dem Thema siehe auch: Article20 – „Memorial“ stuft Dadin als politischen Gefangenen ein und Ionov und Galperin als rechtswidrig Verfolgte aus politischen Motiven

Am 7. Februar 2016 finden weltweit Aktionen zur Unterstützung von Ildar Dadin statt. Teilnehmen werden Bewohner unterschiedlicher Städte in Russland, den USA und Europa. In Kyiw versammeln sich Aktivisten vor der Russischen Botschaft um 14:00 Uhr. Man kann Ildar auch mit einer Nachricht über «FSIN-Pismo» [ein russisches Kommunikationssystem für Gefangenenpost] unterstützen, adressiert an Dadin, Ildar Ildusevitch, geboren 1982, Untersuchungsgefängnis Nr. 4, Moskau (Empfänger bitte auf Russisch angeben: Дадину Ильдару Ильдусовичу, 1982 года рождения, СИЗО-4, Москва)

Artikel von: Walery Otstawnych, exklusiv für FAKTY (Moskau)
Quelle: fakty.ua

Übersetzt von: Martina Steis

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