Ein „neuer Kalter Krieg“ – wollen wir uns auf dieses Spiel einlassen? | Anton Shekhovtsov

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16. Februar 2016 • Analytik und Meinungen, Meinung & Analyse

Artikel von: Anton Shekhovtsov
Quelle: Anton Shekhovtsovs Facebook

Auf der Münchner Sicherheitskonferenz vor ein paar Tagen erklärte der russische Premierminister Dmitri Medwedew, dass das belastete Verhältnis zwischen Russland und dem Westen als ein „neuer Kalter Krieg“ beschrieben werden könnte.

Einige Experten im Westen würden die internationale Lage ebenfalls als einen „neuen Kalten Krieg“ bezeichnen. Ich kann dabei die russische Gefühle sehr gut nachvollziehen: die in Russland herrschenden Eliten fühlen sich durch die Beschreibung von Russland als „Regionalmacht“ – statt als „Weltmacht“ – beleidigt. Durch die Idee eines „neuen Kalten Krieges“ erhält Russland die westliche Bestätigung seiner globalen Machtposition, da das Konzept zwangsweise auf die historische Auseinandersetzung zwischen dem Westen und dem sozialistischen Block verweist, der von der Sowjetunion angeführt wurde, und bei der es sich tatsächlich um eine Weltmacht handelte.

Wenn der Westen Medwedews Aussage zustimmt, dass das, was gerade passiert, ein „neuer Kalter Krieg“ ist, dann weist der Westen Russland freiwillig die Charakteristiken zu, welche die Sowjetunion ausgezeichnet haben: also nicht nur den Status als Weltmacht, sondern auch das Recht, eine Einflusssphäre zu besitzen und die Existenz einer Art von Ideologie hinter Russlands Handeln.

Aber es scheint noch mehr dahinter zu stecken: wenn Medwedew das Konzept eines „neuen Kalten Krieges“ in die westliche Mediensphäre einschleust, dann könnte dies Teil einer Strategie sein, die man als „Reflexive Kontrolle“ bezeichnet. In der Militärwissenschaft definiert man „reflexive Kontrolle” als „Mittel, dem Gegner speziell vorbereitete Informationen zu übermitteln, mit dem Ziel, ihn oder sie dazu zu motivieren, eine vom Initiator dieser Aktion erwünschte Entscheidung zu treffen“.

Wenn man dies berücksichtigt, dann ist das Narrativ eines „neuen Kalten Kriegs“ eine Win-Win-Situation für die Russen: Wenn der Westen zustimmt, dass es sich um einen neuen Kalten Krieg handelt, dann erkennt er automatisch Russlands Rolle als Weltmacht an. Wenn nicht – wozu dann Sanktionen? – Können wir sie nicht jetzt aufheben? Können wir wieder zum „Business as usual“ übergehen?

Deshalb würde ich davor warnen, sich auf das Spiel mit der „Reflexiven Kontrolle“ einzulassen. Man kann der Meinung sein, dass es einen neuen Kalten Krieg gibt – oder auch, dass es keinen gibt. Auf jeden Fall aber ist es wichtig, dass man – unabhängig von der eigenen Antwort – nicht die russische Frage über einen „neuen Kalten Krieg“ beantwortet. Wenn man das tut, hat man bereits verloren.

Artikel von: Anton Shekhovtsov
Quelle: Anton Shekhovtsovs Facebook

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