Andrij Portnow: Wie wir die „Ostukraine“ verloren

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Analytik und Meinungen, Empfehlung, Krieg im Donbas, Meinung & Analyse

Artikel von: Andrij Portnow
Quelle: OpenDemocracy English, 14.1.2016
Quelle: OpenDemocracy Russian, 20.1.2016

Andrij-Portnov-HistorikerKnapp zwei Jahre nach dem Ausbruch der Kämpfe haben fast 9000 Menschen in der Ostukraine ihr Leben verloren. Um zu verstehen, wie dieser Krieg endet, müssen wir verstehen, wie er begonnen hat.

Dr. Andrij Portnow ist Historiker und Essayist aus Dnipropetrowsk und Kyiw, derzeit Gastprofessor an der Humboldt-Universität in Berlin.

Zwischen Frühjahr und Sommer 2014 hörte das imaginierte Gebilde „Ostukraine“ auf zu existieren. Die Städte Donezk und Luhansk wurden Hauptstädte der selbsternannten „Volksrepubliken“ und mussten das Grauen des bewaffneten Konfliktes direkt erleiden.

Charkiw hingegen entkam diesem Schicksal, und Dnipropetrowsk entpuppte sich als Symbol der Loyalität gegenüber dem ukrainischen Staat, als „Herz der Ukraine“. Logischerweise ergab sich daraus folgende Frage: Warum entwickelten sich die Städte der Ostukraine so unterschiedlich? Warum wurden Charkiw und Dnipropetrowsk nicht zu Donezk und Luhansk?

Für mich ist diese Frage der Schlüssel zum Verständnis dessen, was in den letzten Jahren in der Ukraine passiert ist. Lange bevor Teile der Ostukraine zu einem regelrechten Kriegsgebiet wurden, wurde die Vorstellung von den „zwei Ukrainen“ in ukrainischen und internationalen Medien äußerst populär. Sie teilte das Land in Ost und West, in „ethnische Gebiete“ gemäß der Sprache, die im Alltag gesprochen wird.

Laut diesem vereinfachten Modell hat der „Osten“ vier regionale Hauptstädte – die großen Industriestädte Donezk, Dnipropetrowsk, Charkiw und Luhansk. In der Sowjetunion der Nachkriegszeit wurden die ersten drei Heimat von Millionen und Luhansk von 500.000 Menschen. Hier sprechen die Menschen vorwiegend Russisch. Sowohl 2004 als auch 2010 wählte die Mehrheit der Wähler in diesen Regionen (wiewohl mit gewichtigen Abstufungen) den im Donbas geborenen Viktor Janukowytsch zu ihrem Präsidenten.

Die meisten Antworten auf die Frage, warum Charkiw und Dnipropetrowsk nicht zu Donezk und Luhansk wurden, führen die „besondere Identität“ (meist als „sowjetisch“ bezeichnet) als eine Ursache an. Und abhängig von den ideologischen Vorlieben des Autors wird diese Identität mit entweder geringschätziger oder schmeichelhafter Färbung bewertet.

Warum entwickelten sich die Städte der Ostukraine so unterschiedlich? Warum wurden Charkiw und Dnipropetrowsk nicht zu Donezk und Luhansk?

In beiden Fällen jedoch werden die „Volksrepublik Donezk“ (DNR) und die „Volksrepublik Luhansk“ (LNR) häufig als Chiffre für die gesamte Bevölkerung genommen und die physische Gewalt als notwendige Konsequenz der Unzufriedenheit der Bewohner des Donbas mit der Sprachen- oder Wirtschaftspolitik Kyiws dargestellt.

In der Literatur über den Maidan, die Annexion der Krim und den Krieg im Donbas mangelt es noch immer an einer sachlich richtigen Beschreibung dessen, was im Zentrum und in den Regionen geschah. Stattdessen erlegen Wissenschaftler der Versuchung der Ideologisierung und Idealisierung, wenn sie die Motive und Gründe für die Geschehnisse des Jahres 2014 erklären.

In diesem Artikel möchte ich einige Fragen aufwerfen, von denen ich hoffe, dass sie zukünftige seriöse Forschung beeinflussen können: Ist der Weg von politischer Meinung zu physischer Gewalt wirklich so direkt? Kann „Identität“ den Krieg im Donbas erklären, und wie können wir die gesellschaftliche Stimmungslage in einer Situation, in der der Staat dabei ist, das Gewaltmonopol zu verlieren, genau beschreiben? Und schließlich, was für eine Rolle spielten die Eliten vor Ort und im Zentrum beim Versinken der Region im Krieg?

Erinnern Sie sich daran, wie alles begann?

In der Chronik, wie die Ukraine die Kontrolle über Donezk und Luhansk verlor, war der 6. April 2014 das wichtigste Datum. An diesem Tag besetzten mehrere Tausend Demonstranten die Regionalverwaltung von Donezk und hissten dort die russische Fahne. Die lokale Polizei, die das Gebäude bewachte, blieb offensichtlich untätig.

Das war das zweite Mal, dass das Verwaltungsgebäude der Bezirksregierung von Donezk besetzt wurde. Anfang März 2014 musste die Polizei Unterstützer einer außerordentlichen Sitzung des Regierungspräsidiums entfernen, nachdem diese es mehrere Tage besetzt gehalten hatten (angeblich hatte sie eine Bombe im Versammlungsraum gefunden).

Dabei war nicht die wiederholte Besetzung entscheidend. Vielmehr war es die Weigerung Kyiws, das Gebäude mit Gewalt wiederzuerobern, die Konsequenzen hatte. Die Speznas-Einheit – angeführt von Polizei-General Witalij Jarema, zu der Zeit stellvertretender Premierminister –, die geschickt wurde, um das Gebäude zu räumen, erfüllte ihre Aufgabe daher nicht.

Am gleichen Tag stürmte eine Menschenmenge (Quellen auf beiden Seiten nennen eine Zahl von  bis zu 5.000) die Luhansker Abteilung des Ukrainischen Sicherheitsdienstes (SBU). Frauen und Jugendliche führten den Angriff, und die Polizei wich aus, während SBU-Offiziere das Gebäude sechseinhalb Stunden hielten.

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April 2014: Die Regionalverwaltung Donezk bei ihrer Stürmung. Foto: Andrew Butko, WikimediaCommons

Nachdem sie keinerlei Unterstützung erhalten hatten, kapitulierten die SBU-Männer am Abend des 6. April, und die Demonstranten machten die Waffenkammer des SBU (in der Tausend Kalaschnikows lagerten) zu ihrer ersten Anlaufstelle. Eine Einheit bewaffneter Polizisten wurde geschickt, um das Gebäude gemeinsam mit dem Leiter des SBU, Walentyn Nalywaitschenko, zu befreien. Aber genau wie in Donezk blieb der Einsatz aus.

Im April 2014 verlor der ukrainische Staat endgültig sein Gewaltmonopol in den zwei größten Städten des Donbas.

Im April 2014 verlor der ukrainische Staat endgültig sein Gewaltmonopol in den zwei größten Städten des Donbas. Später wurde diese Weigerung, Gewalt anzuwenden, mit der allgemeinen Orientierungslosigkeit nach dem Verlust der Krim und Bedenken, dass Blut vergossen werden könnte, erklärt. Der frühere Leiter des Luhansker SBU, Oleksandr Petrulewitsch, versicherte, dass die Menschen, die sein früheres Büro besetzen, sogar darauf gebaut hätten, dass der SBU das Feuer auf die Demonstranten eröffnen würde. Dies hätte russischen „Friedenstruppen“ als Grund gedient, in das Gebiet einzumarschieren, behauptet Petrulewitsch.

Möglich wurde die Operation, die wichtigsten Verwaltungsgebäude in Donezk und Luhansk zu erobern – mit ihren Elementen von Improvisation und Spontaneität – aus folgenden Gründen:

  1. die „neutrale“ Haltung der herrschenden Klasse der Region (d.h. die örtlichen Oligarchen Rinat Achmetow und Oleksandr Jefremow)
  2. das passive Verhalten der Ordnungskräfte (erinnern Sie sich an die Diskreditierung der Polizei während des Maidan und ihre Orientierungslosigkeit nach dem Regierungswechsel)
  3. den fortschreitenden Verlust staatlicher Kontrolle über die Grenze zu Russland
  4. die Unentschiedenheit der neuen Kyiwer Regierung, die nicht nur von Furcht vor weiterer Gewalt herrührte, sondern auch vom mangelnden politischen oder wirtschaftlichen Interesse der Post-Maidan-Eliten am Donbas (dessen Wählerschaft hauptsächlich gegen den Maidan eingestellt war und wo dem Janukowytsch-Regime nahestehende örtliche Oligarchen die Wirtschaft kontrollierten)

Lassen Sie uns aber nicht vergessen, dass Donezk und Luhansk ihren eigenen „EuroMaidan“ hatten. Im März und April 2014 fanden sich in beiden Städten Tausende zu Demonstrationen für die Einheit der Ukraine zusammen. Jedoch konnten diese Ausdrucksformen von zivilgesellschaftlichem Engagement die Machtverhältnisse in der Region nicht verändern.

Der Donezker Maidan war aus mehreren Gründen schwach: wegen seinem überwiegend jugendlichen Untergrund-Charakter, einer fühlbaren Abwesenheit von Berichterstattung (sowohl in lokalen als auch in überregionalen Medien) sowie der Unfähigkeit der Aktivisten, eine überzeugende sozioökonomische Botschaft zu formulieren. Allerdings schrieben Teilnehmer des Luhansker Maidan (darunter auch der Philosoph Oleksandr Jeremenko in seinem Buch „Betrachtungen der Luhansker Vendée“) über ihr Gefühl, von Kyiw im Stich gelassen worden zu sein.

Ende 2015 waren die entschlossensten Anhänger der „De-Oligarchisierung“ aus dem Donbas tot.

Nichtsdestoweniger waren die Anti-Maidan-Demonstrationen in Donezk Kyiw nicht ebenbürtig, weder was die Zahl, noch was die Entschlossenheit angeht. Diese Demonstrationen, die größtenteils im März 2014 stattfanden, verbanden die Ablehnung der neuen Regierung in Kyiw und ihres Weges der „europäischen Integration“ mit pro-russischen Stimmungen verschiedener Schattierungen und – äußerst wichtig für den Donbas – starker anti-oligarchischer Rhetorik.

Bis Ende 2015 blieb das Vermögen der Oligarchen der Region unangetastet und konnte dem Schicksal der „Verstaatlichung“ durch die neue Verwaltung des Donbas entgehen – auch waren die entschlossensten Anhänger der „De-Oligarchisierung“ im Donbas tot. Diese Liste enthält den Kommandeur der Prisrak-Brigade Aleksej Mosgowoj und den Anführer der Staсhanower Kosaken Pawel Drjomow. Beide Männer waren Kritiker der Politik der DNR und LNR, und in beiden Fällen gibt es keine verlässlichen Beweise, dass die ukrainische Seite an den Anschlägen beteiligt war.

Wo kein Krieg war

Das Gebiet von Dnipropetrowsk weiter westlich hat keine gemeinsame Grenze mit Russland. Wichtiger noch, die Partei der Regionen, dieses mit Präsident Janukowytsch verbundene politische Sammelbecken, und der „Donezker Clan“ erfreuten sich hier niemals eines politischen oder wirtschaftlichen Monopols wie im benachbarten Donezk oder Luhansk. Und als sich im Frühling 2014 weiter im Osten Menschenmengen unter prorussischen Slogans versammelten, entwickelte sich die Situation in Dnipropetrowsk auf eine völlig gegensätzliche Art und Weise.

Wie Donezk hatte Dnipropetrowsk seinen eigenen kleinen Maidan, doch die überwiegende Mehrheit der Einwohner nahm nicht an Massenprotesten teil. Am 26. Januar 2014 schlug eine Gruppe von Tituschki – junge Männer, die von Janukowytsch nahestehenden Funktionären bezahlt wurden, Demonstrationen zu bedrohen und zu stören – Pro-Maidan-Demonstranten vor den Mauern des Gebäudes der Regionalverwaltung zusammen. Um das Ganze noch schlimmer zu machen, wurden mehrere dieser Maidan-Demonstranten dann auch noch von der Polizei verhaftet.

Fünf Wochen später, am 3. März, übernahm der Oligarch Ihor Kolomoijsky den Posten des Gouverneurs von Dnipropetrowsk. Schließlich entstand Kolomoijsky Geschäftsimperium, welches sich über das ganze Land erstreckt – dazu gehören die größte Bank der Ukraine, Industrieanlagen im Öl- und Gassektor, Massenmedien (der Fernsehkanal 1+1), eine Fluglinie – in Dnipropetrowsk.

2. März 2014: Fast 3000 Menschen demonstrieren vor der Regionaladministration in Dnipropetropsk ihre Unterstützung für die territoriale Unversehrtheit der Ukraine. (c) ukrafoto / Demotix.

2. März 2014: Fast 3000 Menschen demonstrieren vor der Regionalverwaltung in Dnipropetropsk ihre Unterstützung für die territoriale Unversehrtheit der Ukraine. (c) ukrafoto / Demotix.

 

Zusammen mit seinen engsten Beratern Gennady Korban und Boris Filatow hat Kolomoijsky nicht nur politisches Kapital daraus geschlagen, dass er die Stadt vor dem Krieg bewahrt hat, sondern auch das Auftreten Dnipropetrovsks als einer „pro-ukrainischen“ Stadt zum Schutz seiner wirtschaftlichen Interessen genutzt. In Dnipropetrowsk wurden keine Regierungsgebäude gestürmt. In ihren vielen Interviews hat das Team um Kolomoijsky jedoch provozierend eingeräumt, dass sie jede mögliche Maßnahme verwenden – darunter auch solche, die man kaum als legal bezeichnen kann – um den Separatismus in ihrer Region niederzuhalten.

Zur gleichen Zeit wurde Serhij Taruta zum Gouverneur der Region Donezk ernannt. Ein anderes Schwergewicht: Taruta leitete seit 1995 die Industrieunion Donbas, eines der größten metallverarbeitenden Unternehmen. Tatsächlich musste sich Dnipropetrowsk laut Taruta nicht der gleichen Gefahr wie der Donbas stellen. Nur Donezk und Luhansk mussten das „Zersetzungs-Szenario“ durchmachen, in dem frisch von der Annexion der Krim gekommene Aktivisten die Ereignisse vor Ort in der Ostukraine koordinierten. Selbst Kolomoijsky gestand in einem Interview ein: „Selbstverständlich war Dnipropetrowsk kein Pulverfass wie Donezk oder Luhansk.“

Wie auch immer, im März 2014 entschieden sich Rinat Achmetow und Oleksandr Jefremow – anders als Kolomoijsky – dafür, als Vermittler zwischen der neuen Regierung in Kyiw und den Regionen, in denen sich ihre wirtschaftlichen Interessen hauptsächlich bündelten, zu fungieren. Höchstwahrscheinlich unterschätzten Achmetow und Jefremow den russischen Einfluss und das Risiko, dass ein bewaffneter Konflikt ausbrechen könnte.

Höchstwahrscheinlich unterschätzten Achmetow und Jefremow den russischen Einfluss und das Risiko, dass ein bewaffneter Konflikt ausbrechen könnte.

Achmetow – von dem weithin angenommen wird, dass er der reichste Mann der Ukraine ist – lehnte anfangs den Posten als Gouverneur ab. Er kritisierte den Plan, die besetzten Verwaltungsgebäude zu stürmen und versuchte, mit den bewaffneten Gruppen zu verhandeln. Am 20. Mai 2014 startete er die Protestaktion „Für einen friedlichen Donbas“, in der sowohl die Fabriken als auch die Autos als Zeichen der Ablehnung der von der selbsternannten „Volksrepublik Donezk“ ausgeübten Gewalt laut ihre Hörner erklingen ließen.

Letztlich entpuppte sich Achmetows Aktion eher als verspätete Verzweiflungstat denn als Versuch, die Region vor dem Versinken in den Krieg zu bewahren. Die Stadt Slowjansk war schon mehr als einen Monat unter der Kontrolle von Igor Girkin, einem russischen Staatsbürger, nachdem bewaffnete Männer am 12. April die Verwaltungsgebäude unter ihre Kontrolle gebracht hatten. Und am 6. Juli 2014 zog sich Girkins Fahrzeugkolonne ungehindert nach Donezk zurück, welches sie schließlich zur Hauptstadt der DNR machten.

Die Regionen Donezk und Luhansk sind nicht die einzigen, die eine gemeinsame Grenze mit Russland haben. Die am nächsten zur Grenze gelegene Stadt ist tatsächlich Charkiw – deswegen war es auch von 1919 bis 1934 die Hauptstadt der Sowjetukraine. Und es war kein Zufall, dass in Charkiw am 22. Februar 2014 eine große Konferenz der Partei der Regionen veranstaltet wurde – der „Kongress der Abgeordneten der südöstlichen Ukraine“ (Janukowytsch, der gerade aus Kyiw geflohen war, sollte eigentlich eine Rede halten, was er dann aber nicht tat). Am ersten März kam es zum ersten Versuch, das Gebäude der Regionalverwaltung zu erobern; die russische Fahne hing für 45 Minuten über ihm, bevor sie abgenommen wurde.

Einen Monat später, am 6. April – gleichzeitig mit den Ereignissen in Donezk und Luhansk – besetzten Demonstranten das Gebäude der Regionalverwaltung in Charkiw. Am Morgen wurde jedoch deutlich: eine Speznas-Einheit aus Winnyza räumte das Gebäude innerhalb von 15 Minuten, ohne einen einzigen Schuss abgeben zu müssen; dabei verhafteten sie 65 Personen.

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Erster März 2014: Protestierende stürmen das Gebäude der Regionalverwaltung Charkiw. Bild: Ruslan Stepanow /Demotix

 

Wir können nicht wissen, was passiert wäre, wenn die Verantwortlichen das Gebäude nicht gestürmt hätten, wie es in Donezk und Luhansk der Fall war. In der Tat spielten wahrscheinlich die starken persönlichen Verbindungen der für den Einsatz Verantwortlichen eine Rolle – Arsen Awakow, der Innenminister und Stepan Poltorak, der Leiter der Nationalgarde. Poltorak ist der ehemalige Dekan der Militärakademie in Charkiw, und Awakow stammt aus Charkiw und wirkte unter Wiktor Juschtschenko als Gouverneur der Region.

In Anbetracht der ständigen (und gewalttätigen) Konfrontation zwischen den örtlichen Maidan- und Anti-Maidan-Demonstrationen sticht Charkiw hervor. Diese Machtprobe machte das „Szenario Volksaufstand“ unmöglich. Hinzu kam die immer wichtiger werdende Rolle der Fußball-Fans auf dem Charkiwer Maidan (wie auch in Dnipropetrowsk und Odessa, aber nicht in Donezk und Luhansk). Diese Fans waren nicht nur gut organisiert, sondern auch willens, jeglichen Aufstand mit Gewalt niederzuschlagen.

Zusätzlich spielten noch andere Einflüsse eine Rolle. Charkiw musste sich mit nicht Aktivisten von der Krim, illegal beschafften Waffen und Sabotage-Gruppen herumschlagen. Dank der Bemühungen Awakows und Poltoraks blockierte die ukrainische Armee den Militärflughafen von Charkiw; auch blieben die Speznas aus anderen Regionen für eine kurze Zeit loyal zur neuen Regierung.

Schließlich nahm der Bürgermeister, der sich, wie es Peter Pomeranzew formuliert, ändern kann, ohne sich jemals zu ändern, eine zum ukrainischen Staat loyale Position ein. Gennady Kernes, ein ehemaliger Geschäftsmann, der 2010 auf der Liste der Partei der Regionen zum Bürgermeister gewählt wurde, mag früher auf „separatistischen“ Veranstaltungen gesichtet worden sein, aber das Kräfteverhältnis stimmte ihn im Frühjahr 2014 schließlich um.

Donbas weltweit

Ohne Zweifel spielten die Stimmungen der Einwohner dieser Städte sowie ihre besondere Geschichte eine Rolle in dem bisher Genannten. Die sich schnell entwickelnde Kohleindustrie bestimmte die Demographie des Donbas während des gesamten 20. Jahrhunderts. Diese sozioökonomische Dynamik wiederum führte zu einer kulturellen Identität: Einer Mischung aus Freiheit und Zwang, einem charakteristischen Respekt für Arbeiter (insbesondere Bergleute) und körperliche Kraft, einer Ablehnung von ethnischer Exklusivität, einer toleranten Einstellung zum Gefängnis (was zum Beispiel erklärt, warum Janukowytsch mitnichten als Paria angesehen wurde, obwohl er zweimal im Gefängnis gesessen hat), einem hohen Prozentsatz an Rentnern und einer schwachen „kreativen Klasse“.

Die Region bildete ihr eigenes Gefühl für Lokalstolz und Loyalität aus, unterstützt von populären Redewendungen wie zum Beispiel „Der Donbas wählt die Seinigen“ (Donbas vybiraet svoikh), „Der Donbas steht zu seinem Wort“ (Donbass porozhyank ne gonit), „Den Donbas kann niemand auf die Knie zwingen“ (Donbass ne postavit’ na koleni).

 

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Sommer 2015: Der Artilleriebeschuss in den Vororten von Donezk hält weiter an. Foto: Celestino Arce / Demotix.

 

Dennoch sollten wir den Donbas – so wie jede andere Region der Ukraine – weder idealisieren noch dämonisieren. Stattdessen sollte die Verschiedenartigkeit des Donbas berücksichtigt werden – mit seinen industriellen Ballungsgebieten, ukrainischsprachigen bäuerlichen Gebieten im Norden und den besonderen Küstenregionen. Wir sollten außerdem die typische feindselige und vorsichtige Haltung des Donbas gegenüber Kyiw (und jeder anderen überregionalen Macht) genauso beachten wie seine Empfindlichkeit gegenüber der diskriminierenden Rhetorik, die ukrainische Politiker und Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens anwenden, wenn sie über „die Einwohner des Donbas“ sprechen.

Das bedeutet nicht, dass die „Einwohner des Donbas“ eine kollektive Verantwortung für die Verwandlung ihrer Region in eine Konfliktzone tragen. Die Tatsache, dass der Maidan in Donezk die Bewegung einer Minderheit war, bedeutet nicht, dass die Mehrheit der Menschen etwa den Beitritt zu Russland befürwortete. Mangelndes Verständnis und Enttäuschung im Hinblick auf Kyiw bedeutete noch lange nicht, dass die Menschen zu Waffen greifen würden.

Wie jede andere Region der Ukraine sollten wir den Donbas weder idealisieren noch dämonisieren.

Emotionen – politische eingeschlossen – und physische Gewalt sind ganz einfach zwei ganz verschiedene Dinge. Es sind spezifische Situationen wie etwa eine Besatzung durch eine fremde Macht oder Machtvakuen, die zu Gewaltanwendung führen. Das ist genau das, was in Donezk und Luhansk passiert ist. Die große Mehrheit der Einwohner entschied sich für eine Haltung des passiven Überlebens oder der Gleichgültigkeit gegenüber der politischen Situation, die sich mit dem Satz „Hauptsache, es wird nicht geschossen“ zusammenfassen lässt.

Vorläufiges Fazit

Die Ereignisse des Frühjahrs 2014 entwickelten sich so schnell, dass auf den ersten Blick geringfügige Nuancen eine bestimmende Rolle spielten, zusammen mit der charakterlichen Beschaffenheit der Schlüsselfiguren, ihren Entscheidungen vor Ort sowie unvorhergesehenen Verquickungen der Umstände. Weder der Maidan noch der Anti-Maidan waren politisch einheitliche oder statische Erscheinungen. Ihre Dynamik harrt noch eingehender anthropologischer und soziologischer Analyse, ebenso wie das Verhalten der lokalen wirtschaftlichen und politischen Eliten in den verschiedenen Regionen der Ukraine.

Am 22. Januar 2014 wurden Serhij Nigojan und Mychailo Schysnewski auf der Hruschewski-Straße im Zentrum Kyiws erschossen. Zum ersten Mal in der Geschichte der unabhängigen Ukraine wurden Menschen während eines Massenprotests getötet. Zwischen dem 18. und dem 20. Februar wurden mehr als 80 Demonstranten und 17 Polizisten auf dem Maidan und in den ihn umgebenden Straßen erschossen und getötet.

Bald brach physische Gewalt auch in den Regionen aus. Am 13. März starb Dmytro Tschernjawski, ein Aktivist eines örtlichen Zweiges der ultrarechten Organisation Swoboda, an Stichwunden, die ihm von Anti-Maidan-Anhängern beigebracht wurden. Zwei Tage später wurden zwei Anti-Maidan-Demonstranten während einer Schießerei nahe des Charkiwer Büros der ultrarechten Organisation „Patrioten der Ukraine“ getötet. Am 2. Mai starben 48 Personen im Anschluss an die Zusammenstöße in Odessa: die Mehrheit von ihnen war gegen den Maidan.

Kyiw, Februar 2015: Gedenkstätte, gewidmet den Protestierenden, die bei Zusammenstößen ums Leben gekommen sind. Foto: Andreas Brunglinghaus / Demotix.

Kyiw, Februar 2015: Gedenkstätte, gewidmet den Protestierenden, die bei Zusammenstößen ums Leben gekommen sind. Foto: Andreas Brunglinghaus / Demotix.

Der Krieg im Gebiet von Donezk und Luhansk entstand aufgrund einer Reihe von Umständen. Der wichtigste: Das Verhalten der lokalen Eliten und die Lähmung der Polizei, die russische (militärische) Intervention sowie Unentschiedenheit, Fehler und Fehlkalkulationen aufseiten Kyiws. Im Fall von Dnipropetrowsk und Charkiw waren sowohl die entschiedenen und unmissverständlich proukrainischen Handlungen der lokalen wirtschaftlichen und politischen Eliten als auch die fühlbar geringere Aktivität prorussischer Kräfte Schlüsselfaktoren dafür, dass diese Regionen in der Ukraine verblieben.

Die Tatsache, dass die Donezker Eliten es vermieden, in der Anfangsphase des Konfliktes im März und April 2014 direkt zu handeln, spielte eine entscheidende Rolle, die sowohl die Orientierungslosigkeit der örtlichen Bevölkerung verstärkte als auch die Situation in eine militärische Richtung brachte.

Dem Verlust des Gewaltmonopols des ukrainischen Staates im Donbas ging seine Orientierungslosigkeit infolge der Krim voraus, wo die Post-Maidan-Regierung der Annexion der Halbinsel durch Russland keinen echten Widerstand entgegensetzte. Die Anti-Maidan-Proteste erhoben ihre Forderung nach Abspaltung von der Ukraine erst nach den Ereignissen auf der Krim. Doch weder befolgte auch nur ein gewähltes politisches Organ in Donezk oder Luhansk die Forderungen, eine außerordentliche Sitzung einzuberufen, noch erließen sie Beschlüsse über die Illegitimität der Kyiwer Regierung (dem Beispiel der Krim folgend war dies die erste Forderung, die von den Anführern des Anti-Maidan erhoben wurde).

Der UN zufolge starben beinahe 9000 Menschen in diesem Krieg, wurden mehr als 20.000 Menschen verwundet und mussten mehr als 2,5 Millionen Menschen aus ihrer Heimat fliehen

Das Scheitern, „Volksrepubliken“ in Charkiw, Dnipropetrowsk und Odessa zu gründen, machte es sehr viel schwieriger, das „Noworossija“-Projekt zu verwirklichen, dessen Grenzen Wladimir Putin in seiner „Direct Line“-Sendung bekanntgegeben hatte. Zugleich war die Eskalation der Situation in der DNR und LNR die direkte Folge ihrer offenen Grenzen zu Russland. Wie Aleksandr Chodakowski, der Anführer des „Sicherheitsrates“ der DNR es ausdrückte, war dies „eine Frage unseres Überlebens“.

Ab Mitte Mai 2014 begannen Freiwillige aus der Russischen Föderation über diese Grenzen zu strömen, und ab Anfang Juni begann die Versorgung mit Waffen. In der zweiten Augusthälfte erklärte die internationale Menschenrechtsorganisation Memorial: „Der bewaffnete Konflikt in den Regionen Donezk und Luhansk hat sich zu einem internationalen bewaffneten Konflikt zwischen der Ukraine und Russland entwickelt.“ Am 28. August sagte Präsident Petro Poroschenko seinen Besuch in der Türkei ab und führte die „Invasion von ukrainischem Territorium durch russische Truppen“ als Grund an. Nichtsdestotrotz erklärte die Ukraine Russland nicht den Krieg und brach auch die diplomatischen Beziehungen nicht ab.

So wurden weite Teile des Donbas in eine neue Konfliktzone verwandelt, aber auch in eine Zeitbombe für die Ukraine. Der Krieg wurde Teil des täglichen Lebens, genauso wie die Informations- und die finanzielle Blockade, die Schwierigkeiten, das Gebiet zu betreten und zu verlassen und der Beschuss von bewohnten Gebieten durch beide Seiten. Der UN zufolge starben beinahe 9000 Menschen in diesem Krieg, wurden mehr als 20.000 Menschen verwundet und mussten mehr als 2,5 Millionen Menschen aus ihrer Heimat fliehen.

Wir können (und müssen) über die korrekte Definition dieses Konfliktes streiten. Aber wir können unsere Augen nicht vor der Tatsache verschließen, dass viele Menschen im Verlauf eines Jahres  anfingen, ihn als einen Bürgerkrieg zu bezeichnen.

Oleksandr Jeremenko, der obengenannte Philosoph aus Luhansk, äußerte die folgenden Bedenken über die Möglichkeit, dass „der Bürgerkrieg im Donbas eine neue soziale und ethnische Gemeinschaft hervorbringen“ könnte. „Falls diese Gemeinschaft entstehen sollte, wird sie nicht ukrainisch sondern offen anti-ukrainisch sein…“ In anderen Worten: Ein Ergebnis (nicht jedoch der Grund für!) der Ereignisse von 2014 und des daraus folgenden Krieges könnte eine spezifische „Donbas-Identität“ werden, besonders wenn der Status quo aufrechterhalten wird und das „Transnistrien-Szenario“ sich weiter entwickelt.

Die Frage, wo die geographischen Grenzen dieser Gemeinschaft liegen werden, ist von entscheidender Bedeutung. Gewiss geriet ein Teil des Gebietes der Regionen von Donezk und Luhansk, die als „unkontrolliert“ erachtet wurden, im Sommer 2014 unter die Kontrolle Kyiws – die zwei großen Städte in der Region von Donezk, Kramatorsk und Mariupol.

In beiden Fällen war die Änderung der Lage nicht das Ergebnis einer spezifischen „Identität“ oder eines Partisanenkampfes, sondern der Situation an der Front. Ebenso signalisierte die Entscheidung, sich einem ukrainischen Freiwilligen-Bataillon oder einer „Noworossija-Miliz“ anzuschließen, nicht zwangsläufig eine persönliche Anhängerschaft zu dieser oder jener Ideologie, sondern könnte ein Versuch sein, in einer Konfliktsituation zu überleben oder einen sozialen Aufstieg zu erreichen.

Schlussendlich ist eine sorgfältige situationsbezogene Analyse des Konfliktes mit seiner kulturellen, wirtschaftlichen und medialen Dynamik der vielversprechendste Weg, diesen Krieg zu verstehen, der vor nur zwei Jahren unmöglich erschien.


Von und über Andrij Portnow bei Euromaidan Press:

Artikel von: Andrij Portnow
Quelle: OpenDemocracy English, 14.1.2016
Quelle: OpenDemocracy Russian, 20.1.2016

Bild: Demotix

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