Leiden Sie an Russophobie? Durchaus möglich – sagt der Kreml.

Putin hört seinem belarussischen Amtskollegen Alexander Lukaschenko zu. Minsk, 25.2.2016.

Putin hört seinem belarussischen Amtskollegen Alexander Lukaschenko zu. Minsk, 25.2.2016. 

Analytik und Meinungen, Meinung & Analyse, Politik, Russland

Artikel von: Lucian Kim
Quelle: Reuters Blogs, 7.3.2016

Wenn man russischen Politikern glauben kann, dann hat die Sorge vieler Menschen über Russlands nächste Handlungen damit zu tun, dass sie an Russophobie leiden – einer irrationalen Angst vor allem, was „Russisch” ist.

Im Februar beklagte der russische Außenminister Sergej Lawrow während einer Reise nach Deutschland die „Modeerscheinung Russophobie in einigen Hauptstädten”. Später bezichtigte das Russische Verteidigungsministerium den NATO-General Philip Breedlove der Russophobie. Der Kommandeur der US-Truppen in Europa hatte im Zuge der Kremlabenteuer in der Ukraine und Syrien erklärt, dass die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten „Russland abschrecken, sich auf Kämpfe vorbereiten, und wenn es nötig wäre, auch gewinnen werden”.

„Russophob” wurde zu einem bequemen Etikett für jeden, der mit dem aggressiven Verhalten des russischen Präsidenten zuhause und in anderen Ländern nicht einverstanden ist. Du kritisierst dann nicht einfach einen autoritären Führer und seine erratische Politik; du greifst stattdessen die ganze Russische Nation an.

Putin und Lawrow im Kreml am 2.3.2016

Die russischen Staatsmedien produzieren am Fließband Meldungen über angebliche Feinde, die rastlos versuchen, das Land zu isolieren — obwohl es in Wirklichkeit Putins eigene Handlungen sind, die Russland von der Welt abschotten.

Als ich vor 25 Jahren als Student das erste Mal Moskau besuchte, befand sich die Sowjetunion im letzten Jahr ihrer Existenz. Der Kremlreformer Michail Gorbatschow öffnete das Land nach mehr als sieben Jahrzehnten Kommunismus, und die Russen waren hungrig darauf, wieder zum Rest der Welt zu gehören. Wohlwollen, Neugier und Hoffnung waren die dominierenden Gefühle, sowohl bei Russen, als auch bei Amerikanern. Meine Gasteltern in Moskau stellten sogar ein Bild des damaligen Präsidenten George H.W. Bush in ihrem Wohnzimmer auf.

Gorbatschow 1987

Der Kalte Krieg war endlich vorbei. Ich war fasziniert von der Welt, die auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs existierte, und den Entbehrungen, welche die Menschen erleiden mussten. Später traf ich als Journalist in Moskau hunderte Russen, die mich nach Hause – und in ihre Herzen – einluden. Es half natürlich, dass ich mich auf-Teufel-komm-raus anstrengte, Russisch zu sprechen. Aber es war nie von Nachteil, ein Amerikaner zu sein. Oft war es ein Vorteil.

Mein ursprüngliches Interesse an Russland brachte mich dazu, auch die anderen Länder zu erkunden, die zum Sowjetimperium gehört hatten: die Ukraine, Polen, die baltischen Staaten, die Republiken Zentralasiens. Obwohl anti-russische Rhetorik das Niveau des politischen Diskurses in diesen Ländern gesenkt hat, wurde die russische Sprache weiterhin weitläufig verstanden, oder sogar aktiv verwendet. Angesichts ihrer schwierigen Vergangenheit mit Russland, sahen die Länder Osteuropas eine Mitgliedschaft in der Organisation des Nordatlantikpakts, der NATO, als eine umsichtige Vorsichtsmaßnahme. Putins Überraschungsangriff auf die Ukraine hat gezeigt, dass sie Recht hatten.

Mir persönlich ist die Absurdität des Russophobie-Vorwurfs in der Ukraine am deutlichsten geworden. Die meisten meiner ukrainischen Freunde sprechen Russisch als erste Sprache, und viele haben Eltern oder Großeltern in Russland. Sie haben nicht Angst vor „Russland”, sondern vor Russlands revanchistischer, autokratischer Regierung.

Aber aus der Perspektive der Russen sah es so aus, als ob die Nachbarn sie im Stich ließen. Die Russen mussten sich selbst nie von der Sowjetunion befreien: Sie wachten einfach eines Tages in ihren ideologischen Trümmern auf. Deswegen ist es kein Wunder, dass es sich beim heutigen russischen Nationalismus um ein Mischmasch aus monarchistischen, orthodox-christlichen und kommunistischen Ideologiesplittern handelt.

Die Attraktivität der Russophobie speist sich aber nicht nur aus Ressentiments über den Zusammenbruch eines Imperiums. Sie wurzelt auch in der Frustration, dass sich das westliche Regierungsmodel als attraktivere Regierungsform erwiesen hat.

Putin, der jetzt seit 17 Jahren Russland regiert, ist vor allem mit dem Überleben seines Regimes beschäftigt. Das ist der entscheidende Grund, warum der Kreml so hart daran arbeitet, die liberale Demokratie als Regierungsform zu diskreditieren. Den Russen zu erzählen, dass der Westen Russland hasst, ist ein Weg, die Bevölkerung von den Nachteilen der Ein-Mann-Herrschaft abzulenken.

Seit meinem ersten Besuch in Russland 1991 haben mich Russen gefragt, warum ich mich dafür entschied, ihre Sprache zu lernen, und ihr Land zu bereisen. Die Menschen konnten kaum glauben, dass ein Amerikaner ohne irgendwelche russische Wurzeln so an ihrem Land interessiert sein könnte.

Meine Antwort war einfach: die Zartheit der russischen Sprache, der Reichtum der russischen Literatur, die geographische Weite des Landes und die Vielfalt seiner Völker. Meine Begeisterung rührte von all dem her, was die Russen selbst die „Russische Seele” nennen – die Großherzigkeit und eine Gabe für Improvisation in widrigen Umständen.

Mit ihrem Getöse über die schöne neue Russky Mir („Russische Welt”), welche die gefühlten Demütigungen der Vergangenheit wettmachen soll, haben die derzeitigen Herrscher Russlands ihre Unsicherheiten offen zur Schau gestellt. Dabei haben sie die größte Ressource ihres Landes vergeudet, die nicht aus Öl oder Gas besteht, sondern aus Russlands enormer „Soft Power”.

Ironischerweise besetzen die größten Russophoben in Russland die höchsten politischen Ämter. Das sind diejenigen Leute, die an das essentialistische Argument glauben, dass Russland „noch nicht reif” sei für echte Demokratie, und nur von einem „starken Führer” beherrscht werden könne.

Russophobie ist kein internationales Problem — sondern ein innenpolitisches.

Artikel von: Lucian Kim
Quelle: Reuters Blogs, 7.3.2016

Bild: REUTERS/Vasily Fedosenko, (oben) Maxim Shemetov (Mitte), Wikimedia/Commons (Unten)

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